03.12.2007

Die chinesische Acht

Global Village: Ein Vietnam-Flüchtling wird zum Star der Wiener Society.
Auf langen Beinen kommen sie daher, inmitten zuckender Lichtblitze und bei hämmernden Techno-Beats: Models in Kleidern, auf denen Wiener Impressionen eingefangen sind. Das weltberühmte Riesenrad vom Prater stöckelt am Publikum vorbei, dann der Stephansdom im Dämmerlicht.
Es ist Donnerstagabend. Im Wiener Uniqua Tower wird der Golden Pixel Award verliehen, eine Auszeichnung für exzellente Druckkonzepte, für Plakate, Kalender, Magazine. Doch die Preise geraten heute zur Nebensache, der Clou sind diese Kleider, diese verspielten, luftigen Kunstwerke. Ihr Schöpfer ist der Star des Abends: ein Mann, der gerade mal 1,52 Meter misst. Zwischen seinen Models wirkt er wie ein Zwerg.
Der kleine Mann heißt Nhut La Hong, 39 Jahre ist er alt. Er trägt einen kurzen Fransenhaarschnitt und im Gesicht ein strahlendes Kinderlachen, als freue er sich gerade über eine gelungene Geburtstagsüberraschung. La Hong ist der neue Darling der Wiener Bussi-Bussi-Gesellschaft. Er sei, sagt die Laudatorin, ein "internationales Aushängeschild für Österreich". Das will etwas heißen für einen Mann, der als Flüchtling in die Alpenrepublik kam.
La Hong stammt aus Vietnam. In Saigon hatte sein Vater eine Zahnarztpraxis, sein Großvater besaß ausgedehnte Ländereien südlich der Stadt: "Aus Sicht der Kommunisten waren wir Kapitalisten." Kaum war der Vietnam-Krieg vorbei und die KP überall an der Macht, wurden die La Hongs wie Hunderttausende andere enteignet. Der Vater erhielt Berufsverbot, er musste sich fortan als Tagelöhner durchschlagen.
Aber Phong, der älteste Sohn der Familie, hatte einen Plan. Im Holzboot, mit einigen Cousins und Cousinen an Bord, verließ er das Land, das ihnen keine Perspektive mehr bot. Über zwei Millionen Menschen taten es ihnen gleich, als Boat-People wurden sie weltbekannt. Phong kam bis Malaysia und wurde im Frühjahr 1979 vom fernen Österreich aufgenommen.
Die Vereinten Nationen halfen, die zerrissenen Flüchtlingsfamilien wieder zusammenzubringen, Phong durfte seine Eltern nachholen und seine sieben Geschwister. Auch seinen kleinen Bruder Nhut.
Der sitzt jetzt in seinem Atelier in der feinen Kärntner Straße Nummer 8. Es ist eine mit Bedacht gewählte Adresse: Die Acht ist La Hongs Glückszahl. Sein Vater hatte chinesische Vorfahren, er war das achte von elf Kindern, die Acht bedeutet in China Reichtum und Erfolg. La Hong hält sich daran, am liebsten schickt er acht Models auf den Laufsteg, bei Bedarf auch mal die doppelte Zahl, nur ja nichts Ungerades! Auch sein Firmen-Logo gleicht einer Acht, es ist eine stilisierte Endlosschleife: Glück, das bitte niemals enden soll.
"Österreich hat sehr viel für uns getan", sagt er und erzählt, wie er mit seiner Familie in einem Flüchtlingslager in Oberösterreich strandete und mit 14 die ersten Worte Deutsch büffelte, wie er schließlich nach Wien kam und dort die älteste Modeschule besuchte. Um Geld zu verdienen, verkaufte er im Fußballstadion Cola und Bier, trug Zeitungen aus, bei McDonald's wickelte er Burger ein.
Während des Zivildienstes in einem Spital hat er den Krankenschwestern Kleider genäht, "für unglaublich wenig Geld". Schließlich machte er das Hobby zum Beruf, er nähte für exklusive Wiener Boutiquen, bis er als Änderungsschneider zu Prada kam. "Irgendwie war ich schon immer ein Streber", sagt La Hong und wirft, wie zur Entschuldigung, theatralisch die Hände in die Luft.
Vor kurzem hat er seinen eigenen Show-Room eröffnet. Hier sind, sorgfältig drapiert, seine besten Stücke zu sehen, Abendroben zumeist - sie sind La Hongs Passion. Ein Hauch von Weiß, versetzt mit schlichter Spitzenborte, Preis: 3500 Euro, daneben ein schwarzes Kleid mit rosa Pelzbesatz und neckischem Gürtel, immerhin 2500 Euro teuer. In wenigen Wochen beginnt an der Donau die Ballsaison.
"Für diesen Beruf musst du geboren sein", sagt La Hong. Tänzelnden Schrittes geht er durch sein Atelier, zehn Schneider sind hier am Werk, doch der Maestro legt überall auch selbst Hand an, befestigt Perlen, vollendet Stickereien. Seine Stoffe kommen aus aller Welt. Er fliegt regelmäßig nach Asien, studiert Menschen, Mode, Material, auch in seiner früheren Heimat Vietnam.
Österreich mag La Hong, und es mag seine Kleider, es hat ihn mit Ehrungen überhäuft, den Wiener Couture-Preis inklusive. Wichtig sei der "Respekt vor den Kunden", sagt er. Nicht jeder könne ein Supermodel sein, man müsse die Damen anziehen, "damit sie sich wohl fühlen".
Eine Kundin mit bodenlangem Pelz und unüberhörbar osteuropäischem Akzent stellt sich vor La Hongs Schaustücken in Positur. Als sie den Meister sieht, beugt sie sich herab, haucht ihm ein Küsschen auf jede Wange und raunt ihm etwas zu. Ein neuer Auftrag? La Hong lächelt verlegen - eine Sonderanfertigung, nur ein Halsband für die Katze. Weiter hinten hängt, was für ihn wirklich zählt: die Bestellung für die Olympischen Spiele in China. Er soll die Nationalmannschaft einkleiden. Die Entwürfe sind fertig: schlichte weiße Anzüge und Kostüme, versehen mit roten Paspeln, in Anlehnung an Österreichs Nationalfarben.
Für La Hong ist das ein Superauftrag. Eine neue Drehung in seiner Glücksschleife. MARION KRASKE
Von Marion Kraske

DER SPIEGEL 49/2007
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