10.12.2007

„Befreiungstruppen basteln“

Der Historiker Frank Golczewski über Versuche der Deutschen, die Ukraine im Kampf gegen den russischen Zaren zu unterstützen
Golczewski, 59, lehrt an der Universität Hamburg. Sein Forschungsschwerpunkt ist die neuere Geschichte Osteuropas.
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SPIEGEL: Herr Professor, im Ersten Weltkrieg gab es von verschiedenen Staaten Initiativen, Aufständische im jeweiligen Feindesland zu unterstützen. Die Deutschen versuchten unter anderem, Ukrainer, Finnen oder Georgier gegen Russland in Stellung zu bringen. Wer hatte die Deutschen auf diese Idee gebracht?
Golczewski: Von selbst sind sie nicht darauf gekommen. In der Regel standen zunächst Exilanten dahinter, was sich am Beispiel der Ukraine gut belegen lässt. Im September 1914 waren Repräsentanten der ukrainischen Volksgruppe in Österreich und ukrainische Flüchtlinge aus Russland nach Berlin gefahren und hatten den Diplomaten im Auswärtigen Amt erklärt, was denn die Ukraine ist und dass es so etwas gibt. Sie hatten natürlich eigene Interessen und suchten einen Bündnispartner in ihrem Streben nach Unabhängigkeit vom Zarenreich.
SPIEGEL: Wie reagierten die Diplomaten?
Golczewski: Sie haben gleich investiert. Dem Anführer versprachen sie eine Million Kronen. Die Ukrainer konnten mit dem Geld eine große Propagandakampagne starten - das bedeutete, dass es eine entsprechende Presse gab und Broschüren auf den Markt geworfen wurden. Den Deutschen dämmerte, dass die Ukrainer ihnen im Kampf gegen Russland nützen könnten. Aber so ganz genau wussten sie noch nicht, wie dies geschehen sollte. Also gaben sie bei tatsächlichen und vermeintlichen Ukraine-Kennern Denkschriften in Auftrag. Es gibt aus dem Herbst 1914 eine schöne Stellungnahme aus dem Auswärtigen Amt: Wir ertrinken hier in Denkschriften.
SPIEGEL: Was fingen die Deutschen mit den gewonnenen Erkenntnissen an?
Golczewski: Sie erfuhren, wie sich die Ukrainer schon in Österreich als eine Bewegung gegen die zaristische Herrschaft organisiert hatten. Das kam den Deutschen sehr gelegen, weil sie etwa Polen nur schwer gegen Russland mobilisieren konnten. In Preußen waren die Polen ja nicht gut behandelt worden, und wenn man für sie Propaganda gemacht hätte, hätte das auch nach hinten losgehen können. Also kamen die Ukrainer wie gerufen. Die Deutschen schickten sie in Kriegsgefangenenlager, in denen Ukrainer aus der Armee des Zaren saßen.
SPIEGEL: Wie gingen sie dabei vor?
Golczewski: Deutsche Soldaten fuhren mit ukrainischen Repräsentanten aus Österreich los und warben für separate ukrainische Lager. Wer von den Gefangenen wollte, konnte mitgehen. Ihnen wurde eine bessere Behandlung versprochen.
SPIEGEL: Und was geschah dort?
Golczewski: Die Gefangenen sollten gleichsam zu Ukrainern ausgebildet werden, ihnen sollte also zu Bewusstsein kommen, dass sie Ukrainer und nicht Untertanen des Zaren seien. Wobei man anfangs noch gar nicht wusste, was man mit denen eigentlich anfangen wollte, ob man daraus etwa irgendwelche Befreiungstruppen basteln könnte, die einen nationalen Stoßtrupp gegen den Kriegsgegner bilden würden. Lager gab es in Rastatt, in Salzwedel, in Wetzlar und Hannoversch-Münden.
SPIEGEL: Wie viele ukrainische Gefangene gab es da?
Golczewski: Es waren anfangs ungefähr 50 000. Allerdings gab es ein Problem, weil auch Unteroffiziere mitgekommen waren,
und die galten viel stärker russisch-staatlich motiviert als normale Mannschaften. Das heißt, die einfachen Soldaten trauten sich oft nicht, sich ukrainisch zu engagieren. Und auch sonst kooperierten die Ukrainer nicht besonders. Sie erhielten Geschichtsunterricht über ihr Land, aber das interessierte die meisten gar nicht. Erfolg hatte man insgesamt bei etwa 10 000 Mann.
SPIEGEL: Wurden die Gefangenen in diesen Lagern denn besser verpflegt?
Golczewski: Zum einen das, und zum anderen musste, wer zum Unterricht ging, nicht arbeiten. Die prorussischen Unteroffiziere wurden aus den Lagern abgezogen, weil sie einen demotivierenden Einfluss auf die Soldaten hatten. Schließlich wurden die Lektionen über den ukrainischen Nationalismus zurückgestellt und durch Unterricht in Realien wie Landbau, Fruchtfolgen und so weiter ersetzt.
SPIEGEL: Das hat doch nichts mit der Nationalität zu tun?
Golczewski: Aber das interessierte die Leute wirklich, nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Russland, wo die Landfrage gestellt worden war, auch im Krieg. Die Landfrage, also die Übernahme des Großgrundbesitzes durch Kleinbauern, war im Grunde genommen in der Ukraine und auch sonst einer der Ausgangspunkte für die Februarrevolution 1917 gewesen.
SPIEGEL: Man hat also den ukrainischen Gefangenen gesagt: Wenn du später nach Hause gehst, dann kannst du dein Schicksal als Bauer selbst in die Hand nehmen?
Golczewski: So war es. Gleichzeitig wurden die Leute noch ein bisschen indoktriniert. Ihnen wurde erzählt, zu Hause hätten sie nur deshalb so schlechte Lebensbedingungen, weil die Russen ihnen nie beigebracht hätten, selbst für sich zu sorgen. Außerdem gab man - auch das ist sehr spannend - den Gefangenen Revolutionsunterricht.
SPIEGEL: Wie man eine Bombe baut oder Brücken sprengt?
Golczewski: Nein, es wurden eher sozialistische Ideen vermittelt. Politisch Interessierte wurden darauf vorbereitet, sich später in ihrer Heimat im Sinne des Sozialismus zu engagieren. Um das zu verstehen, muss man sich vor Augen halten: Die Nationalisierung der Ukrainer, der Balten, der Finnen und anderer Völker war kein Kriegsziel Berlins, sondern ein Kriegsmittel. Man wollte den Gegner schwächen und hielt soziale Unruhen und den politischen Sozialismus neben der nationalen Unruhestiftung für gute Instrumente dazu.
SPIEGEL: Dazu passt der von Berlin organisierte Transport Lenins aus der Schweiz durch Deutschland nach Russland.
Golczewski: Ja, es ging darum, den Gegner aus dem Inneren heraus zu schädigen.
SPIEGEL: Im Januar 1918 erklärte sich die Ukraine dann für unabhängig. Welche Rolle spielten die Deutschen dabei?
Golczewski: Bei den vorausgegangenen Friedensverhandlungen mit Deutschland hatten sich die Ukrainer in Brest-Litowsk nicht von den Bolschewiki vertreten lassen wollen, mit denen sie seit Dezember 1917 in einem blutigen Konflikt standen. Also führten sie separate Gespräche mit Berliner Abgesandten. Um völkerrechtlich wirksam einen eigenen Friedensvertrag abschließen zu können, mussten sie sich zunächst für unabhängig erklären. Das geschah im Januar 1918, während die Bolschewiki im Grunde genommen schon draußen vor der Rada, dem Parlament in Kiew, standen und schossen. Kurz darauf musste diese unabhängige Regierung aus Kiew fliehen.
SPIEGEL: Dann ist die Unabhängigkeit der Ukraine nicht das Ergebnis einer zielgerichteten deutschen Politik, sondern eher ein Zufallsergebnis, weil man anders keinen Sonderfrieden in Brest-Litowsk hätte schließen können?
Golczewski: Richtig. Die ukrainischen Nationalisten in der Ukraine strebten eigentlich eine Autonomie in einer demokratischen Russländischen Föderation an, nicht die Unabhängigkeit, in die sie gedrängt wurden. Anfang Februar gab es den Sonderfrieden, während der Friedensschluss mit den Bolschewiki erst einen Monat später, im März, erfolgte.
SPIEGEL: Danach marschierten deutsche Soldaten gemeinsam mit den ukrainischen Einheiten aus den Gefangenenlagern ein und besetzten das Land.
Golczewski: Sie vertrieben die Bolschewiki, die sich inzwischen festgesetzt hatten. Und einige Wochen später auch die ukrainische Regierung, die mit ihnen Frieden geschlossen hatte. Man setzte einen russischen, ukrainischstämmigen General als "Hetman der Ukraine" von Gnaden der Großgrundbesitzer und der Deutschen ein. Die Deutschen herrschten dann für ein halbes Jahr ziemlich uneingeschränkt in der Ukraine.
SPIEGEL: Allerdings hatten sie ja auch diese revolutionären ukrainischen Truppen aus Deutschland mitgebracht. Die wollten doch etwas ganz anderes.
Golczewski: Also hat man sie kurzerhand aufgelöst und nach Hause geschickt. Die Deutschen konnten mit diesen revolutionierten Truppen nichts anfangen, sondern waren eigentlich nur daran interessiert, dass die möglichst bald verschwanden, damit sie nicht das, was sie gelernt hatten, gegen ihre Lehrer anwenden könnten.
SPIEGEL: Wäre die Ukraine ohne deutsche Hilfe nicht entstanden?
Golczewski: So ist es sicher nicht, obwohl es genau das ist, was die Feinde der Deutschen und der Ukraine danach immer behaupteten. Die polnischen Nationaldemokraten sagten, Ukrainer gebe es eigentlich gar nicht, sie seien eine deutsche Erfindung. Und die Entente war auch geneigt, dem zu glauben. Der Schriftsteller und Journalist Joseph Roth hat noch 1939 geschrieben, die Ukrainer seien ein deutsches Patent. Die Deutschen hätten die Ukraine nur erfunden, um den russischen Staat zu zerschlagen. Die Ukrainer galten so für lange Zeit - zunächst sicher zu Unrecht, aber das änderte sich in der Zwischenkriegszeit - als eine Fünfte Kolonne der Deutschen.
SPIEGEL: Das würde bedeuten, dass sie einen sehr hohen Preis für die Zusammenarbeit mit den Deutschen gezahlt haben.
Golczewski: Ja. Sie haben es nur nicht gemerkt, weil viele unter den Nationalisten der Meinung waren, sie hätten eigentlich bis zuletzt, wenn man so will bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, von ihrer Verbindung mit den Deutschen profitiert.
INTERVIEW: HANS-ULRICH STOLDT,
KLAUS WIEGREFE
Von Hans-Ulrich Stoldt und Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 50/2007
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