17.12.2007

IRAK

Ruhig bleiben, weitermachen

Von Zand, Bernhard

Weniger Tote, weniger Anschläge: Seitdem mehr US-Soldaten in Bagdad stationiert sind, gibt es mehr Sicherheit. Allerdings stehen sich Sunniten und Schiiten nach wie vor unversöhnt gegenüber.

Es kommt nur alle 33 Jahre vor, dass die höchsten christlichen und islamischen Feiertage so eng zusammenfallen wie diesmal. An diesem Mittwoch beginnt das Opferfest der Sunniten, am Freitag das der Schiiten, kurz darauf ist Weihnachten. Auch am Tigris kommt das Christkind.

Für die Sunniten und Schiiten dürfte es, aller Voraussicht nach, das friedlichste Fest seit Jahren werden: Bis nachts um zehn laufen auf den Märkten in Bagdad die Generatoren, Tausende sind zum Einkaufen unterwegs. Es ist Geld im Umlauf, Pickups voll mit Opferlämmern, Trauben und Mandarinen kommen aus dem Umland, Männer mit ihren Frauen und Kindern sind auf der Straße - das war vor einem Jahr völlig undenkbar.

Trostlos dagegen fällt der Advent der Christen aus: In Basra, wo noch ein paar Dutzend der einst gut tausend christlichen Familien übrig sind, fand man in der vorigen Woche ein Geschwisterpaar, den Elektriker Osama und die Apothekerin Maisun Farid, am Straßenrand einer Autobahn, hingerichtet nach irakischer Bandenart. "Wir werden auch diesmal nicht feiern, sondern für die Seelen unserer Toten beten", sagt der Kaplan der Mariengemeinde. Immerhin, es sind viele Muslime zur Beerdigung der Geschwister gekommen, auch das hätte sich vor einem Jahr kaum einer von ihnen getraut.

Fünf Pendler starben am vergangenen Mittwoch in Bagdad, als neben ihrem Minibus eine Bombe hochging, 40 Passanten wurden im südirakischen Amara getötet, als drei Autobomben explodierten. Ein Anschlag auf einen ehemaligen Ministerpräsidenten, ein Mord am Polizeichef einer Großstadt, 50 tote Zivilisten in der Woche zuvor, mehr als 700 im November: Wo im Fall anderer Länder längst die Uno über eine Krisenintervention beraten würde, schaffen es die Meldungen aus Bagdad nicht einmal mehr in die Hauptnachrichten. Was sind schon 50 Tote, wenn es vor einem Jahr noch 500 jede Woche waren? Was schon sind drei unidentifizierte Leichen täglich, wenn es vor kurzem noch zehn oder zwölf waren?

Fast alle Indikatoren belegen derzeit, dass es aufwärtsgeht. Die Zahl der Anschläge geht zurück. Die Zahl der Toten und Verwundeten nimmt ab. Erste Flüchtlingskonvois kehren aus Syrien und Jordanien zurück. Der Ölexport legt zu. Es fahren Mülllaster durch die Stadt, es gibt elf Stunden Strom pro Tag - statt nur zwei wie noch im Frühjahr. Ist das Schlimmste im Irak vorüber?

Dass es weniger Tote gibt und weniger Blut fließt, hängt mit der Aufstockung der US-Truppen zusammen. Davon sind die Initiatoren selbst überrascht. "Phänomenal", "dramatisch", "unerhört" sei der Rückgang der Gewalt, sagt der US-General a. D. John Keane, der Präsident George W. Bush vor einem Jahr davon überzeugte, noch mehr Soldaten zu schicken. "Ich glaube, die positiven Trends sind inzwischen dauerhaft", wagt General Walter Gaskin vorauszusagen.

Tatsächlich ist die Zahl der Anschläge pro Woche in Gaskins Zone, der Sunnitenprovinz Anbar, binnen eines Jahres von 460 auf 40 zurückgegangen. Trotzdem sind das große Worte, die sich rächen könnten.

Viel vorsichtiger ist David Petraeus, der US-Oberkommandierende im Irak. "Niemand spricht davon, dass wir die Kurve gekriegt haben, dass wir Licht am Ende

des Tunnels sehen - oder was es sonst noch an Phrasen gibt." Nichts aus seinem Munde, was auch nur entfernt nach "Mission accomplished" - Auftrag erfüllt - klänge. Stattdessen ein trockener Durchhaltebefehl: "Ruhig bleiben, weitermachen."

Noch weiß kein General, was genau den Umschwung ausgelöst hat. Gewiss, mit etwa 160 000 Mann stehen heute mehr US-Truppen im Irak als seit dem Fall von Bagdad. In den Städten des Sunnitendreiecks und manchen Vierteln der Hauptstadt herrscht jetzt jenes Zahlenverhältnis, auf das amerikanische Militärs vor der Invasion vergebens gedrängt hatten: ein Soldat auf 20 Zivilisten. Anders als vor dem "Surge" patrouillieren sie tagaus, tagein, sie suchen den Kontakt zur Bevölkerung, anstatt auf Terroristenjagd zu gehen. Petraeus' Vorwärtsstrategie hat gewirkt.

Die beiden Hauptfaktoren aber sind irakischer Natur: Zum einen zeichnete sich schon vor Beginn der Petraeus-Offensive ab, dass die Sunnitenstämme in Anbar die Exzesse der Qaida nicht länger dulden wollten. Inzwischen fehlt dem Terrornetzwerk seine Basis.

Zum andern hält, aus bislang nicht wirklich aufgeklärten Gründen, der Schiitenführer Muktada al-Sadr seit Monaten seine Miliz, die Mahdi-Armee, an der kurzen Leine. Beides zusammen ist ein Segen: Die blutigen Provokationen der Qaida gehen zurück, damit sinkt das Schutzbedürfnis der Schiiten.

"Eine Kombination aus Glück, aus Fehlern des Gegners und der neuen US-Strategie haben zu einer weitgehend unerwarteten Situation geführt", meint der Militäranalyst Stephen Biddle, der lange in Petraeus' Planungsstab saß. Fragt sich, auf welchen dieser Faktoren langfristig gebaut werden kann. Die Bush-Regierung, auch wenn der Druck in Washington inzwischen nachlässt, muss Truppen abziehen, so viel steht fest.

Solide scheint die Front, welche die Sunnitenstämme gegen al-Qaida aufgebaut haben. Weite Teile des "nationalen Widerstands", der jahrelang gegen die Koalitionstruppen kämpfte, sind inzwischen in die sogenannten Sahwa-Verbände eingetreten, die von den Amerikanern und, auf deren Druck hin, von der irakischen Regierung finanziert werden. Die Taktik funktioniert so ähnlich wie seinerzeit unter Saddam Hussein: teile und herrsche unter den Stämmen.

Mit über 60 000 Mann ist damit binnen Monaten eine sunnitische Miliz entstanden, die al-Qaida eindämmt, sunnitische Viertel in Bagdad sichert und inzwischen sogar in die Politik drängt. Scheich Hamid al-Hajis, einer ihrer Führer, rechnet damit, demnächst mit seinen Mitstreitern fünf vakante Posten in der Regierung zu übernehmen. Wem aber wird diese rasant anwachsende Miliz loyal dienen, wenn Amerika Soldaten abzieht und eine schiitisch dominierte Regierung ihr das Wohlwollen entzieht?

Das erklärte Ziel der US-Offensive nämlich, Sicherheit zu schaffen, um einen Ausgleich zwischen Sunniten, Schiiten und Kurden zu erringen, ist nicht einmal ansatzweise erreicht. "Politisch wird das hier nichts", sagt resigniert ein Berater von Petraeus.

Keines der Probleme, die dem irakischen Konflikt zugrunde liegen, sind in den vergangenen zehn Monaten gelöst worden: nicht die Verteilung der Staatsressourcen, nicht die Integration Hunderttausender Mitglieder der ehemaligen Baath-Partei, nicht der Disput um die Vielvölkerstadt Kirkuk - wo die Sicherheitslage sich, entgegen dem nationalen Trend, eher zuspitzt als entspannt.

Dass die Kurden das noch für dieses Jahr geplante Referendum um Kirkuk verschoben haben, kann noch als gutes Zeichen gewertet werden: Es zeigt, dass ihre Führer nicht ernsthaft an eine Abspaltung denken. Selbst wenn die Öleinkünfte der Northern Oil Company für einen autarken Staat Kurdistan reichen sollten - die politischen Kosten der Unabhängigkeit sind bis auf weiteres nicht zu bezahlen. Der gemäßigte Dschalal Talabani, gleichzeitig Staatspräsident des Irak, hat sich gegen seinen radikalen An-tipoden Massud Barsani durchgesetzt.

Unberechenbar bleibt unterdessen der mächtigste Politiker des Irak, der Schiitenführer Muktada al-Sadr, 33. Am vorigen Donnerstag wurde bekannt, womit der seit Mai nicht mehr in der Öffentlichkeit aufgetretene Volkstribun sich derzeit beschäftigt: Er besucht theologische Seminare in der Pilgerstadt Nadschaf. Sein Ziel, so berichten übereinstimmend drei enge Vertraute: Er möchte Ajatollah werden.

Bislang schmückt sich der Spross aus einer der bedeutendsten irakischen Gelehrtenfamilien nur mit dem Titel eines Hodschat al-Islam. Seine Anhänger - Hunderttausende, die bei Aufmärschen der Mahdi-Armee auf die Straße gehen - folgen ihm politisch; für religiöse Anweisungen aber müssen sie bislang höhere Autoritäten um Rat bitten. "Wenn es Muktada gelingt, zum Ajatollah aufzusteigen, wird seine ganze Bewegung stärker", sagt einer seiner Vertrauten.

Der Gegenstand, dem er sich gerade widmet, ist höchst kontrovers: Sadr studiert das Konzept der "Wilajat al-Fakih", der "Herrschaft des Rechtsgelehrten". Das ist der Kernbegriff in der politischen Philosophie des iranischen Revolutionsführers Ajatollah Ruhollah Chomeini.

2010 will Sadr Ajatollah sein. Er bereitet sich auf die Zeit nach den Amerikanern vor, und er ist nicht der Einzige.

BERNHARD ZAND


DER SPIEGEL 51/2007
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