17.12.2007

MEDIZINNachwuchs am Leib

Entwickelte sich Karl Marx unter dem Einfluss quälender Geschwüre zum Wüterich? Laut einer posthumen Diagnose litt er unter einer persönlichkeitsverändernden Akne.
Die Arbeit am großen Opus geriet zur Qual. "Gestern lag ich wieder brach, da ein bösartiger Hund von Karbunkel an linker Lende ausgebrochen", berichtete Karl Marx seinem Vertrauten Friedrich Engels am 13. Februar 1866 aus dem Londoner Exil.
Ein Jahr vor Erscheinen seines Hauptwerks "Das Kapital" war dem deutschen Denker ob der schmerzenden Beule zum Sterben zumute: "Wäre mein Buch fertig, so wäre es mir völlig gleichgültig, ob ich heute oder morgen auf den Schindanger geworfen würde, alias verreckte", notierte der Moribunde im Alter von 47 Jahren.
Eitrige Fisteln in der Aftergegend zermürbten den mit seiner Familie in ärmlichen Verhältnissen hausenden Gelegenheitsjournalisten. Akribisch protokollierte Marx sein Gebrechen für seinen wohlhabenderen Freund "Fred". Erbärmlich etwa seien "das Jucken und Kratzen zwischen dem Hoden und dem Podex seit zweieinhalb Jahren und Abschälen der Haut".
Vergebens versuchten die Ärzte, dem Geplagten mit Arsenkuren Linderung zu verschaffen. Nach jahrelanger ergebnisloser Pfuscherei reklamierte der Patient schließlich die Deutungshoheit über das eigene Leiden: "Im Übrigen ist es klar, dass ich alles in allem von Karbunkelkrankheit mehr weiß als die meisten Ärzte."
Hier irrte der unter der Last des Lebens früh Ergraute. Der britische Dermatologe Sam Shuster ist nach Durchsicht von Marx' umfänglicher Korrespondenz zu dem Schluss gelangt, dass der Schöpfer des wissenschaftlichen Kommunismus keineswegs unter vergleichsweise harmlosen "Karbunkeln" litt.
"Der verzeichnete klinische Befund mit dem sich wiederholenden Verlauf, den mit Vorliebe betroffenen Stellen und dem zerstörten Gewebe weist nicht auf simple Furunkel hin", konstatiert der Mediziner. Vielmehr seien die Symptome "typisch für Hidradenitis suppurativa" - eine Hautkrankheit, die auch unter dem Namen "Acne inversa" firmiert.
Die an pickelige Schuljungs erinnernde Bezeichnung führt allerdings in die Irre: Der chronisch entzündliche Morbus kann dem von ihm Befallenen das Leben zur Hölle machen. Zunächst bilden sich tastbare Knoten und Mitessern ähnliche Riesenkomedonen auf der Haut der Betroffenen.
Später dann mutiert das Leiden zu einer weit drastischeren Erscheinungsform "mit abgekapselten Eiteransammlungen, derben, in die Tiefe reichenden Fistelgängen und großen, zu Strängen zusammenfließenden Knoten", wie es Wolfram Sterry von der Berliner Charité formuliert. Die Kranken fühlten sich "in schweren Fällen wegen Geruchsbelästigung nicht gesellschaftsfähig", haben die Hautspezialisten Helmut Breuninger und Volker Wienert beobachtet.
Noch gravierender sind die psychischen Folgen des Beulenbefalls. Die Hautstörung führe zu "Abscheu, Selbstekel und einer Senkung des Selbstbildes", meint Shuster. Auch dem im Ton häufig poltrigen Marx ging "der kleine Nachwuchs am Leib" offenkundig ans Gemüt: "Von ,Sitzen' war natürlich keine Rede", jammerte er angesichts seines geschundenen Hinterteils, "es geniert mich noch in diesem Augenblick."
Kumpan Engels dämmerte augenscheinlich rasch die Eintrübung der Marxschen Traktate unter dem Einfluss der Krankheit: "Bogen zwei trägt ein etwas gedrücktes Karbunkelgepräge, aber das ist nun nicht mehr zu ändern", zauderte der Unternehmersohn im Juni 1867, nachdem er Korrekturfahnen des "Kapitals" in Augenschein genommen hatte.
"Kann es sein, dass die Beeinträchtigung seines Selbstbildes und die Entfremdung, provoziert durch die Hautkrankheit, stilistische Spuren hinterlassen haben?", rätselt Shuster angesichts der quälenden Dauerentzündungen am Leib der Legende.
Zur Umdeutung von Marx' Schaffen mag sich der posthume Diagnostiker dann aber doch nicht durchringen. Schon eher stehe der Marke Marx eine zweite Karriere als berühmtem Aushängeschild eines bislang unterschätzten Gebrechens bevor. Möglicherweise wird der Ideologe aus Trier künftig für von Experten dringlich eingeforderte Aufklärungskampagnen über die Acne inversa herangezogen. "Es ist doch faszinierend herauszufinden, dass eine so einflussreiche Gestalt an dieser verheerenden Krankheit gelitten hat", berauscht sich beispielsweise die Vorsitzende des britischen Dermatologenverbands an dem prominenten Patienten.
"Auch heute noch können aus Unkenntnis bis zu einer suffizienten Behandlung viele Jahre vergehen", warnen Breuninger und Wienert. Noch weithin ungeklärt ist bislang die Ursache der eitrigen Pein, gegen die überhaupt nur ein Mittel hilft: "Methode der Wahl ist die komplette Exzision", empfehlen die Experten.
Der Unausweichlichkeit dieser Prozedur war sich offenbar bereits Marx bewusst: Am 20. Februar 1866 vermeldete er Engels: "Heute nahm ich ein scharfes Rasiermesser ... und schnitt den Hund in eigener Person. Ich kann Ärzte nicht zwischen den Geschlechtsteilen oder in ihrer Nähe dulden." FRANK THADEUSZ
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 51/2007
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