17.12.2007

KINODer letzte Lacher

Mit der Liebeskomödie „Keinohrhasen“ versucht der Schauspieler und Regisseur Til Schweiger ein Comeback.
Til Schweiger, das muss man ihm lassen, hat Mut. Er hat seinem neuen Film den Titel "Keinohrhasen" verpasst, was ein wenig gaga und sehr nach Ostern klingt und nicht unbedingt nach einem potentiellen Kinohit für die Weihnachtszeit.
Noch mehr Mut und geradezu kamikazehaften Ehrgeiz beweist Schweiger jedoch damit, dass er diesmal nicht nur als Hauptdarsteller vor der Kamera schuftet. Er hat auch am Drehbuch mitgeschrieben, den Film produziert, Regie geführt und die Journalisten ausgesucht, die "Keinohrhasen" vorab sehen durften. "Einige Filmkritiker", so Schweiger unlängst in einem Interview, gehen ihm eben "richtig auf den Sack".
Wenn trotzdem etwas schiefläuft mit "Keinohrhasen", ist also Schweiger ganz allein schuld. Es darf aber nichts schieflaufen, denn noch so einen Reinfall könne er sich nicht leisten, gestand er nach dem Flop seines Films "One Way".
Dieses Werk, in das er viel Geld investiert hatte, lief Ende Januar an, ein düsterer Thriller, den in Deutschland nur knapp 200 000 Zuschauer sehen wollten. Für Schweiger-Verhältnisse ein Riesenfehlschlag. Deshalb gehe er jetzt wieder "lieber auf Nummer sicher und produziere romantische Komödien", sagt Schweiger - Werke wie "Keinohrhasen".
Denn mit Liebeskomödien aller Art hatte Schweigers in Deutschland einmalige Kinokarriere einst begonnen: Mal bewies er ein inzestuöses Verhältnis zu Sportwagen ("Manta Manta", 1991; "Driven", 2001), mal versetzte er die Homo-Szene in Aufruhr ("Der bewegte Mann", 1994). Auch Schweigers Ego-Nummer "Barfuß" wurde zum Durchmarsch: Die ungelenke Lovestory, bei der er vor und hinter der Kamera so ziemlich alles selbst machte, erreichte 2005 stolze 1,5 Millionen Kinobesucher.
Dazwischen liegen auch zahlreiche Misserfolge; insbesondere Schweigers Ausflug nach Hollywood zahlte sich nicht recht aus. Umso besser ist er als Model im Geschäft: Schweiger ("Zu dem einen oder anderen Angebot sage ich auch mal nein") wirbt oder warb für eine Brauerei, eine Bank, eine Wäschefirma und einen Telefonkonzern.
Mit einer Mischung aus Selbstironie und Selbstgefälligkeit spielt Schweiger nun in "Keinohrhasen" einen aasigen Weiberhelden, den Berliner Boulevardreporter Ludo, der gemeinsam mit dem Fotografen Moritz (Matthias Schweighöfer) die Hauptstadtprominenz belästigt. Ludo platzt unangemeldet in die Verlobungsfeier von Boxer Wladimir Klitschko (recht überzeugend dargestellt von Klitschko persönlich) mit der Schauspielerin Yvonne Catterfeld und demoliert aus Versehen die festlich gedeckte Tafel.
Wenigstens im Film widerfährt der Promi-Welt Gerechtigkeit: Der Journalist landet für so viel Unbotmäßigkeit vor Gericht. Wegen "persönlicher Unreife" wird Ludo zu 300 Arbeitsstunden in einer sozialen Einrichtung verurteilt, einem Kinderhort, bevölkert von einem Rudel kleiner Statisten, darunter auch Schweigers eigene vier Kinder. Dort muss Ludo Klettergerüste aufbauen und bastelt scheußliche Stoffpuppen wie die titelgebenden "Keinohrhasen".
Auftritt Nora Tschirner, Berlins zweitschönste Kodderschnauze, als Hortleiterin Anna, laut Drehbuch ein von allen Männern verlassenes, leicht vertrotteltes Mauerblümchen. Der Rest ihrer Vita ist nicht viel glaubwürdiger: Angeblich kennen sich Anna und Ludo aus Kindertagen. Tatsächlich ist Tschirner 26, Schweiger wird am Mittwoch 44 Jahre alt. Solche Schnitzer lässt normalerweise kein Produzent einem Drehbuchautor durchgehen.
Natürlich können sich Anna und Ludo anfangs nicht ausstehen, und natürlich verlieben sie sich trotzdem ineinander. Das heißt: Anna verliebt sich, während Ludo zunächst weiter an seinem Ruf als allzeit begehrter Frauenschwarm arbeitet, zotige Dialoge und peinliche Bettszenen inklusive. "Das meiste", prahlt Schweiger im Presseheft zum Film, hätten er oder seine Co-Autorin Anika Decker, "in ähnlicher Form selbst erlebt".
Mag sein. Doch derart muffige Rollenmuster haben die meisten modernen Hollywood-Filme seit Jahren überwunden. Supermann küsst Aschenputtel, und zwar jeden Tag ein anderes - das war einmal. Kerle mit einem Sozialverhalten wie Ludo bekommen in aktuellen US-Komödien kaum eine Frau ab. Egal, die Damen haben ohnehin keine Zeit, sie machen Karriere. So wie im wirklichen Leben Dana Schweiger, mittlerweile getrennt von Ehemann Til, erfolgreich eine Firma für Umstandsmode betreibt.
In "Keinohrhasen" dagegen muss die schüchterne Anna vor dem Spiegel sogar eine Liebeserklärung üben. Kürzer, knapper müsse das Ganze rüberkommen, erkennt sie bald - ein Ratschlag, den der Filmemacher Schweiger leider missachtet hat. Stattdessen dehnt er selbst die gelungenen Gags derart schamlos, bis auch der letzte Lacher auf der Strecke bleibt.
Außerdem gönnt der Regisseur Schweiger dem Hauptdarsteller Schweiger auffällig viele Großaufnahmen, und nicht alle zeigen sein Gesicht: Besonders stolz ist Schweiger offenbar auf sein nacktes Gesäß.
"Niemand in Deutschland", sagt der Produzent Tom Zickler über seinen Geschäftspartner Schweiger, "liebt das Kino so wie er."
Ob diese Liebe von den Zuschauern erwidert wird, muss bei "Keinohrhasen" bezweifelt werden. MARTIN WOLF
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 51/2007
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