22.12.2007

Jungfrauen oder Weintrauben

Wie deutsche Orientalisten den Anfängen des Koran auf die Spur kommen wollen
Wissenschaftlern aus dem Westen, die sich mit der Lehre des Propheten beschäftigen, schlägt in der islamischen Welt seit je Misstrauen entgegen. Orientalisten galten früher als verkappte Missionare oder Spione. Heute führen Europäer, die Arabisch lernen, die Sprache Mohammeds, ohne zum Islam überzutreten, in den Augen vieler Gläubiger noch Schlimmeres im Schilde: Mit ihrer Koranforschung wollten die Abendländer den göttlichen Ursprung der Offenbarung widerlegen, heißt es.
So war es eine kleine Sensation, als den Bonner Orientalisten Stefan Wild, 70, eine Einladung nach Saudi-Arabien erreichte. Der Professor für Semitische Philologie und Islamwissenschaft an der Universität Bonn gilt als Koryphäe für die Geschichte der Offenbarung. In das streng abgeschottete "Herzland des Islam" schaffte es Wild im vergangenen Jahr zum ersten Mal.
Als einzigen Nicht-Muslim und somit stillen Stargast der Fachtagung "Der edle Koran und die orientalistischen Studien" hatte das "König-Fahd-Zentrum für den Druck des edlen Koran" den Professor nach Medina gebeten, in die zweite heilige Stadt im Königreich. Nur weil der Tagungsort außerhalb des heiligen Bezirks rund um das Grab des Propheten Mohammed lag, der allein Muslimen vorbehalten ist, konnte er überhaupt teilnehmen.
Der Doyen der deutschen Orientalistik kann sich auf eine lange Tradition berufen. Neben dem Wissenschaftler Theodor Nöldeke war es vor allem Ignaz Goldziher, der im 19. Jahrhundert mit seinen "Muhammedanischen Studien" die Disziplin von den Sprachen und Kulturen des Orients etablierte. Weil das Deutsche Kaiserreich keine arabischen Kolonien besaß, war das Verhältnis zu den Muslimen vergleichsweise unbelastet. Die Arbeiten über den Koran führten dazu, dass Deutsch zeitweilig zur zweitwichtigsten Sprache der Orientalistik wurde, neben Arabisch.
Über kritische Vergleiche zwischen Bibel, Tora und Koran gingen jedoch die wenigsten Gelehrten hinaus. Erst recht traute sich niemand an die Dogmen islamischer Geschichtsschreibung heran: Auch für die Orientalisten war der Koran ein einheitliches Werk, aufgezeichnet nach den Offenbarungen des Erzengels Gabriel. Noch 1979 schrieb der Tübinger Rudi Paret, dessen Koranübersetzung bis heute als vorbildlich gilt: "Wir haben keinen Grund anzunehmen, dass auch nur ein einziger Vers im ganzen Koran nicht von Mohammed selber stammen würde."
An der Heiligkeit des Buchs rüttelten die deutschen Orientalisten erst spät - dafür aber umso heftiger und mit ziemlich steilen Thesen. Den spektakulärsten Tabubruch beging ein aus dem Libanon zugewanderter Lektor mit seinem Buch "Die syro-aramäische Lesart des Koran".
In dem 2000 veröffentlichten Werk geht der Wissenschaftler, selbst Christ, davon aus, dass der Koran in Teilen auf christlichen Liturgietexten beruht. Diese sollen in einer Mischform aus Aramäisch, der Sprache Jesu, und dem sich erst allmählich entwickelnden Arabisch verfasst worden sein. Bei der Übertragung dieser Fassungen seien den muslimischen Kopisten dann verheerende Fehler unterlaufen. Die Koranschreiber hätten damals nicht bedacht, dass es in beiden Sprachen zwar die gleichen Wortstämme gibt, die aber zum Teil höchst unterschiedliche Bedeutung haben.
Der These zufolge würden Terrororganisationen wie al-Qaida und Hamas ihre Selbstmordattentäter mit leeren Heilsversprechen in den Tod schicken. Denn dass die Märtyrer im Paradies von wunderschönen Mädchen empfangen werden, ist für den Sprachwissenschaftler die Folge eines Übersetzungsfehlers: Wenn der Koran von den "Huris" spricht, haben das arabische Kommentatoren schon bald als "großäugige Jungfrauen" verstanden - in der syro-aramäischen Lesart steht das Wort aber für "weiße Weintrauben". Das ergibt für den Autor auch deswegen mehr Sinn, weil im Koran das Paradies als blühender Garten beschrieben wird.
Wohl wissend, für welchen Wirbel seine Thesen sorgen würden, lebt der Wissenschaftler bis heute in der Anonymität. Für sein Werk wählte er das Pseudonym Christoph Luxenberg. Der Name soll an ein Prophetenwort erinnern, wonach Wissen Licht (Lux) ist.
Der Mann steht mit seinem Zweifel an der Entstehungsgeschichte des Koran nicht allein. Auch der Islamforscher Gerd-Rüdiger Puin möchte die Frühgeschichte des Islam gänzlich umschreiben. Der Orientalist hat sich um die Entzifferung der 1973 im Jemen entdeckten Koranfragmente verdient gemacht. In der Hauptstadt Sanaa ließ er die Schriften restaurieren, die zu den ältesten Koranbelegen zählen. Dabei stellte Puin fest, dass einige Textstellen erheblich vom späteren, offiziellen Buch abweichen: "Die Punkte und Striche unter der arabischen Schrift, die der Unterscheidung von Konsonanten und Vokalen dienen, waren zum Teil völlig unterschiedlich gesetzt. So ergaben die Worte plötzlich einen anderen Sinn."
Über jene "dunklen Anfänge" des Islam spekuliert auch der Religionswissenschaftler Karl-Heinz Ohlig. Der katholische Theologe entsetzte die Zunft der Orientalisten mit der Behauptung, Mohammed und Jesus seien dieselbe Person, und der Koran sei eigentlich nur eine Art "arabische Bibel" für christianisierte Araber gewesen.
Sehr viel behutsamer geht eine Gruppe Berliner Forscher um die Arabistikprofessorin Angelika Neuwirth vor, die selbst viele Jahre im Nahen Osten gelebt hat. Unter dem Namen "Corpus Coranicum" versucht Neuwirth, 64, mit ihren Mitarbeitern Nicolai Sinai und Michael Marx der Geschichte der Offenbarung auf die Spur zu kommen. "Wir nehmen die Muslime ernst", beteuert Neuwirth. Deshalb respektiere ihr Team auch den göttlichen Gründungsmythos des Koran: "Wir wollen niemanden zwangssäkularisieren."
Das Mammutprojekt, für das zwei Millionen Euro bereitstehen, gehen der Berliner
von zwei Seiten an: Eine Forschungsgruppe erstellt eine Datenbank zum Koran, die alle Überlieferungsvarianten und Quellennachweise, aber auch Vergleichsstellen in Bibel und Tora enthalten soll. In Kleinstarbeit wird dafür die Chronologie des Koran überprüft und jede Sure "mikrostrukturell", Wort für Wort, unter die Lupe genommen.
So hofft die Berliner Gruppe das "geschichtliche und religiöse Klima während der Koranentstehung" zu rekonstruieren. Die Erkenntnisse soll eine zweite Arbeitsgruppe in einem kritischen Korankommentar zusammenfassen. Bis alle Verse analysiert und ausgewertet sind, wird allerdings viel Zeit vergehen - das Projekt ist auf 18 Jahre angelegt.
Um ihre muslimischen Kollegen einzubinden, präsentierten die Berliner das "Corpus Coranicum"-Projekt auch in der islamischen Welt. Auf Vorträgen in Syrien und in Iran sei man "auf großes Interesse gestoßen", sagt Neuwirth. Selbst in Saudi-Arabien lehnen die Gelehrten neuerdings die Methodik aus dem Westen nicht mehr rundum ab.
Auf dem Korankongress in Medina konnte der Islamwissenschaftler Wild immerhin ein wenig Misstrauen abbauen. Nach "ganzen Kaskaden von aggressiven Beiträgen über die Orientalisten" durfte er ein Referat über die "Zusammenarbeit von Muslimen und Nicht-Muslimen bei der Koranforschung" halten. Die Religionsgelehrten übernahmen die Forderung wortwörtlich - als Punkt 29 in der Abschlusserklärung.
Für den Bonner Professor "ein erstes Schrittchen - auf einem noch sehr weiten Weg". DIETER BEDNARZ, DANIEL STEINVORTH
Von Dieter Bednarz und Daniel Steinvorth

DER SPIEGEL 52/2007
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