31.12.2007

UMWELT

Zurück zum Urwald

Von Bredow, Rafaela von

Im Kampf gegen das Artensterben will die Bundesregierung einzigartige Rotbuchenwälder in Wildnis zurückverwandeln. Doch dagegen formiert sich Widerstand: Fränkischen Bürgern ist es fürs Erste sogar gelungen, einen Nationalpark zu verhindern.

Lametta flittert am Plastikbaum. Vor den nikotingelben Fensterrahmen und den historischen Mannschaftsfotos im Vereinsheim des SV Westheim hocken viele bärtige Männer, einige Frauen, insgesamt an die hundert Menschen an langen plastikfurnierten Tischen. Sie raunen und rufen; manchmal klatschen sie, wenn der Oskar es so will.

Viele hier duzen ihn, manche nennen Oskar Ebert auch "Herr Bürgermeister". Er ist Chef der Gemeinde Rauhenebrach tief im fränkischen Steigerwald. Seitengescheitelt und schnauzbärtig steht der Mann am Rednerpult und schürt mit knallenden Konsonanten, den Mund sehr dicht am Mikro, abwechselnd Zorn, Kampfesmut und Siegestaumel bei seinen Bürgern.

Es geht um den Steigerwald. "Unseren Steigerwald!", sagt Ebert. Der soll Nationalpark werden - und das will niemand in diesem Raum. Das weiß der Herr Bürgermeister, es ist auch kaum zu übersehen, denn manche seiner Zuhörer tragen schwarze Hemden, auf denen steht: "Was Generationen mit Fleiß geschaffen, wird der Nationalpark uns schnell wegraffen". Ein Heimspiel für Ebert.

Seit Mai ist der Bürgermeister auf Tour in den Dörfern, um gegen den Nationalpark zu wettern. Jetzt haben er und die Schwarzhemden fürs Erste gewonnen. "Ein Siech der Empörung!", ruft er in weichrollendem Fränkisch ins Mikro.

Der Kampf um den Steigerwald ist mehr als nur eine bayerische Provinzposse. Er ist eine bittere Niederlage für all jene, die glaubten, Deutschland könne weltweit eine Vorreiterrolle spielen beim Artenschutz.

Der Fall Steigerwald liefert den Planern im Bundesumweltministerium einen deprimierenden Vorgeschmack auf das, was sie erwartet, wenn sie in den kommenden Jahren ihr wohl ehrgeizigstes Projekt (neben dem Eindämmen des Klimawandels) verwirklichen wollen: die Bewahrung der biologischen Vielfalt.

Auf der ganzen Welt nimmt der Artenreichtum dramatisch ab - das unendlich fein geknüpfte Netz des Lebens ist voller Löcher und Risse. Dabei hält das Knüpfwerk auch den Menschen selbst; es ist seine Lebensgrundlage: Sämtliche Stoffkreisläufe stützen sich auf Pflanzen, Tiere, Pilze und Mikroorganismen. Die Kreaturen reinigen das Wasser und stellen die Luft zum Atmen bereit, sie bereiten fruchtbare Böden, ernähren den Menschen und halten ihn gesund. Jede Tier- oder Pflanzenart, die für immer verschwindet, reißt ein Loch ins Netz.

Anfang November hat die Bundesregierung eine drastische Gegenmaßnahme beschlossen: Der deutsche Wald soll wieder wuchern und faulen dürfen, Refugium werden für beinahe schon verlorene Fauna und Flora. Aus ökologischer Sicht ist prinzipiell fast jedes Waldstück geeignet, aus der Nutzung genommen zu werden. Bis 2020 soll die Wildnis Wirklichkeit werden in zehn Prozent der Staats- und Kommunalforste - 600 000 Hektar Urwald, fast ein Drittel Sachsens.

Dazu hat die Bundesregierung sich international verpflichtet. Deutschland ist Teilnehmerstaat der Uno-Konvention zur Biologischen Vielfalt, die 1992 beim Umweltgipfel in Rio beschlossen und von 190 Staaten ratifiziert wurde.

Im Westheimer Vereinsheim taucht Oskar Ebert mit einer alarmroten Folie seiner Powerpoint-Präsentation den Saal und die Bürger in warmes Licht. "Risiken" steht drauf. "Man könnte meinen, es gibt Holz genug", sagt Ebert. Pause. "Eben nicht!", ruft er dann. "Es reicht nicht aus!"

Lokale Sägewerksbetreiber fürchteten um ihre Existenz, berichtet er den aufgebrachten Bürgern. Schließlich soll die Hälfte der bis zu 11 000 Hektar Staatswald, die für den Nationalpark geplant sind, komplett aus der Nutzung genommen werden: totales Kettensägenverbot. Das Brennholz, mit dem die meisten Steigerwälder heizen, sei jetzt schon knapp. "Womit sollen wir denn dann unsere Häuser warm kriegen?", fragt Ebert.

Der Bund kann die Länder nicht zwingen, Flächen beizusteuern zu den angestrebten zehn Prozent Wildnis. Aber der nördliche Steigerwald böte sich ideal an als bayerischer Beitrag: Er ist einer der letzten großen Buchenwälder.

Diesen einzigartigen Lebensraum zu erhalten, dafür fühlt Deutschland sich in der Weltgemeinschaft verantwortlich. Denn allein in Mitteleuropa kommt die Rotbuche vor - und Deutschland liegt im Zentrum ihres Verbreitungsgebiets. Zwei Drittel des Landes bedeckte sie einst. Doch der

Mensch hat sie in den vergangenen Jahrhunderten zurückgedrängt auf nicht einmal mehr fünf Prozent der Landesfläche.

Dort wachsen die Bäume meist als ökologisch karge, aber forstlich erwünschte gleichaltrige Hallenwälder. Mit jener Wildnis, die der römische Historiker Tacitus einst beschrieb als die "undurchdringlichen Wälder Germaniens", haben sie nicht mehr viel gemein. Ihre Situation ist, verglichen mit den tropischen Regenwäldern, deutlich dramatischer - die Rotbuchen-Urwälder sind nicht einmal mehr auf einem Tausendstel ihrer ursprünglichen Flächen vorhanden.

Stücke des Nordsteigerwalds gehören zu den letzten Reservaten. Damit qualifizierte sich die fränkische Ökokostbarkeit sogar als potentielles Weltnaturerbe bei der Unesco. Doch sie kam dann doch nicht auf die Anmeldeliste - nur streng geschützt, als Nationalpark etwa, hätte sie den strikten Unesco-Vorgaben genügt.

So kam der Stein im Steigerwald ins Rollen: Zwei CSU-Landräte, Günther Denzler und Rudolf Handwerker, hörten vom Unesco-Potential der Laubbaumwildnis und sahen schon Touristenströme fließen: Nationalpark, Weltnaturerbe! All das auf Autobahnschildern zwischen Würzburg, Nürnberg und Bamberg - ein Magnet!

Doch als sie im Mai so weit waren, die Sache offiziell mit den Betroffenen vor Ort zu besprechen, war es bereits zu spät. Ein Konvoi von Traktoren tuckerte zum Verhandlungsort Ebrach im Süden des geplanten Großschutzgebiets. Kettensägen knatterten, Bürger in schwarzen, mit Slogans wie "Steigerwaldrebell'n" bedruckten T-Shirts wüteten gegen den Nationalpark. Sogar Kinder mit nervtötend heulenden Spielmotorsägen hockten vor den Transparenten: "Unser Wald ist gepflegt! Wir wollen keinen Urwald! NEIN."

Georg Sperber will aber. Der 74-jährige Forstdirektor a. D. kraxelt über rottende Stämme und faule Äste in seinem persönlichen Paradies: einem Stückchen Buchen-Urwald im nördlichen Steigerwald, jetzt dezemberkalt und still, sonst ein Festspiel des Lebens. Die Miniaturausgabe eines Nationalparks. Sperber schwärmt, von der seltenen Bechsteinfledermaus, die sich hier so wohl fühlt wie sonst nirgends, vom raren Halsbandschnäpper, "einem der elegantesten Vögel des Waldes". Besonders ergötzt ihn der Eremit: Relikt der Urwälder, ein Käfer, der als ausgestorben galt in der Region, vergangenes Jahr aber wiederentdeckt wurde, exakt hier, "eine Sensation!"

Dass der Steigerwald sich heute als Weltnaturerbe qualifiziert, dass er Nationalpark werden soll - das alles ist zu einem großen Teil Sperbers Verdienst. Deswegen tuckerte die Trecker-Demonstration der schwarzbehemdeten Gegner auch bei ihm zu Hause vorbei. "Dich räuchern wir noch aus!", habe ihm einer gedroht, erzählt Sperber. "Inszenierter Psychoterror".

Als Sperber 1972 das Forstamt Ebrach im nördlichen Steigerwald übernahm, widersetzte er sich allen Direktiven zum Abholzen der damals als unnütz betrachteten alten Buchen. Schnellwüchsige Fichten und Kiefern sollte er pflanzen, basta. "Ich habe gesagt, da mache ich nicht mit." Sein Lieblingsspruch: "Willst du deinen Wald vernichten, pflanze Fichten, Fichten, Fichten."

Sperber setzte sich durch und beherrschte die Geschicke des Ebracher Waldes 26 Jahre lang. Sein Forst, inklusive mehr als 300 Jahre alter Buchengiganten, geriet zum Vorzeigeexemplar für naturgemäßen Waldbau.

"So muss man die Bäume sterben lassen", sagt Sperber und zeigt auf einen halbtoten Riesen, durchlöchert von Millionen Käferlarven, zerklüftet in Spalten und Rinnen, durchsetzt von fauligen Mulmhöhlen und vom Specht gehackten Kavernen. "So etwas lässt ein Wirtschaftswald nicht zu."

Erst wenn die Buchengreise rotten, fallen, bersten, explodiert die Artenvielfalt im Wald. Engerlinge zermalmen das tote

Holz wie Kinder ihre Crunchies zum Frühstück. Allein 1400 Käferarten in Deutschland leben von Holz - genug Auswahl an Lieblingsmaden also für rare Insektenfresser wie den Feuersalamander.

Von den etwa hundert Waldvogelarten gründen mindestens zwei Drittel ihre Existenz auf sterbende oder tote Bäume. So trommeln nahezu alle Spechte, um ihr Revier abzugrenzen und den Macker zu markieren - hohle Totäste in der Krone eignen sich perfekt als Klangkörper. Der Mittelspecht kann überhaupt nur existieren, wo Bäume verrotten. "Der hat eine so zarte Nackenmuskulatur", erklärt Sperber, "dass er mit seinem Schnabel bloß in ganz weiches Holz eindringen kann."

Auch bunte Singvogelmännchen können sich besser auf Aststümpfen einer abgestorbenen Krone präsentieren als im dichten Laub. Weiden- und Haubenmeise brauchen von Pilzen aufgeweichtes Totholz, um ihre Höhlen zu bauen. Schnäpper wiederum nisten gern in kleinen Faulhöhlen, und Baumläufer verstecken ihre Nester in abgestorbenen Stämmen mit loser Rinde. Dort verbirgt sich auch die Mopsfledermaus. Von den 22 in Deutschland vorkommenden Fledertierspezies fühlen sich ganze 15 im nördlichen Steigerwald zu Hause.

Sperber beugt sich über einen gefallenen Giganten und pult hingegeben im Totholz: "Da, das sind die Gänge der Eremitenlarven." Der hagere Mann richtet sich auf und schaut hoch zu den alten Riesen. Er weiß, dass es ein Vermittlungsproblem gibt. Wie soll man den Steigerwäldern sagen, dass sie ihre Häuser lieber mal ordentlich dämmen, ihren Bedarf an Brennholz zügeln sollen? All das nur wegen eines seltenen Käfers?

Zu stark wiegen dagegen die Worte und Bilder von Bürgermeister Ebert. "So sieht's im Nationalpark Bayerischer Wald aus", sagt er und schockt das Publikum mit dem Foto einer Hügelkuppe, wie ein Nadelkissen besteckt mit Hunderten zackiger Stümpfe. "Wie Hiroshima", entsetzt sich nachher einer aus dem Publikum.

Die Horrorvorstellung: Im Nationalpark lockt all das liegengebliebene Totholz den Borkenkäfer an, der von dort aus Invasionen in die umliegenden Privatwälder startet. Bloß: Der Schädling frisst Fichtenwälder kahl wie die im Bayerischen Wald. Laubbäume wie die im geplanten Nationalparkgebiet interessieren ihn nicht.

Aber Oskar Ebert hat noch mehr zu bieten. Ungejagt im Schutzgebiet, würden Rotten wilder Sauen die Felder der Bauern verwüsten. Und ob die alten Wege durch den Wald wohl erhalten bleiben? "Wir wandern durch den Steigerwald, wie wir wollen!" Aber lockt ein Nationalpark nicht auch Übernachtungsgäste? "Durch ein bisschen Totholz wird kein Tourist zu uns kommen." Und selbst wenn: "Wir wollen keinen internationalen Massentourismus!"

Was der Bürgermeister verschweigt: In Nationalparks dürfen Wildschweinplagen durchaus mit der Waffe bekämpft werden. Demokratische Gremien bestimmen über die Wege. Brennholz gibt es genug - auf 80 Prozent der gesamten Fläche bleibt der Steigerwald unberührt vom Nationalpark.

Herr Zipfel sei der Mann im Saal, der wirtschaftlich am meisten leiden würde, wenn der Nationalpark kommt, sagt Ebert. Dietmar Zipfel hat ein Sägewerk, zehn Mitarbeiter. Allerdings verarbeitet er nur Nadelholz - wird er es überhaupt spüren, wenn im Laubwald nicht mehr geerntet wird? "Ob ich's merke, das weiß ich nicht", sagt er nachdenklich. Und dann schnell hinterher: "Na ja, ein, zwei Arbeitsplätze verlier ich mit Sicherheit."

Rhetorisch versierter ist Andreas Knorr, Forstchef des Bamberger Amts für Landwirtschaft und Forsten. Die Befürworter des Nationalparks kennen ihn als den hauptamtlichen Strippenzieher hinter dem Bürgeraufstand im Steigerwald. Knorr ist ein Freund der klaren Worte: "Der Staatswald ist keine Spielwiese für den Naturschutz." Solche Offenheit scheint dem Ministerium nicht zu passen. Man hat dem Beamten einen Maulkorb verpasst.

Sein Ziel hat er aber ohnehin erreicht. Jetzt sind fast alle Steigerwälder dagegen - und stolz darauf. "Weil ihr den Aufstand geprobt und Zähne gezeigt habt, ist es jetzt vom Tisch", ruft ein Bürgermeisterkollege Eberts am Ende in den Westheimer Saal.

Der Nationalpark ist vor allem deswegen gestorben, weil ein Landrat eingeknickt ist: Rudolf Handwerker. Die unnachgiebigen Proteste seiner Bürger bewegten den CSU-Mann zur Aufgabe - im März sind schließlich Kommunalwahlen. Oskar Ebert, Freie Wählerschaft, muss sich indes wohl nicht vor Stimmverlust fürchten. "Kann man ein nationales Projekt solchen Leuten überlassen?", fragt Georg Sperber.

Vielleicht eher dem Landrat Günther Denzler. Der kämpft weiter: "Wenn's mit dem Degen nicht mehr geht, nehmen wir eben das Florett." RAFAELA VON BREDOW


DER SPIEGEL 1/2008
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