31.12.2007

PSYCHOLOGIEGeld als Therapie

Wie lassen sich gute Vorsätze wie Abnehmen oder der Verzicht aufs Rauchen verwirklichen? Neue Verhaltenstests zeigen: durch finanzielle Belohnungen.
In New York City werden viele Kinder und Jugendliche seit neuestem für etwas bezahlt, was sie ohnehin tun müssen: zur Schule gehen.
Die ersten Beträge wurden kurz vor Weihnachten überwiesen: Grundschüler, die im Vormonat mindestens 95 Prozent der Stunden absolvierten, bekamen 25 Dollar aufs Familienkonto; Schüler der Highschool erhielten gar 50 Dollar pro Monat.
Die Belohnungen sind Teil eines Modellversuchs, mit dem der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg Menschen aus der Unterschicht in Vorzeigebürger verwandeln will. 2550 Familien in East Harlem, Brownsville und vier anderen Problemvierteln New Yorks machen bereits mit. Sie sind zumeist hispanisch oder schwarz und arm. Eine vierköpfige Familie etwa hat nur 20 000 Dollar oder noch weniger im Jahr zur Verfügung.
Durch das Belohnungs-Experiment können die Familien ihr Einkommen um mehr als 5000 Dollar pro Jahr aufbessern - falls sie einer Vielzahl von Pflichten nachkommen, die sie bisher vernachlässigt haben. Sie müssen die Kinder zur Schule schicken, aber auch Elternabende besuchen (Belohnung: 25 Dollar), Vorsorgetermine beim Zahnarzt wahrnehmen (100 Dollar) oder etwa einer Vollzeitarbeit nachgehen (150 Dollar pro Monat).
Das Projekt "Opportunity NYC" ist das bisher spektakulärste Beispiel für ein wichtiger werdendes Feld der Psychologie: Welche Anreize wirken, damit Bürger ihr Verhalten ändern? Davon berührt sind auch die guten Vorsätze, die viele zum Jahreswechsel fassen: Wie kann man abnehmen, wie endlich mit dem Rauchen aufhören?
Neue Studien deuten nun auf einen wirksamen Anreiz: Geld als Therapie.
Forscher der Johns Hopkins University School of Medicine im US-amerikanischen Baltimore, Maryland, etwa haben drogensüchtigen Frauen und Männern Schecks ausgehändigt, wenn diese es schafften, fünf Tage lang kein Crack zu rauchen. Und siehe da: Zahlungen in Höhe von 50 oder auch 100 Dollar waren viel wirksamer (71 Prozent Abstinenz) als gutes Zureden (29 Prozent).
Der Arzt Kevin Volpp vom Philadelphia Veterans Affairs Medical Center wiederum hat den Geldeffekt in einer Studie mit knapp 180 Kettenrauchern gezeigt. Wer an einem Entwöhnungskurs mit fünf Terminen vollständig teilnahm, bekam pro Treffen 20 Dollar bar auf die Hand. Wer anschließend das Rauchen aufgab, erhielt noch mal 100 Dollar.
Das Ergebnis: Immerhin 16,3 Prozent der Raucher hatten nach 75 Tagen das Qualmen aufgegeben (überprüft durch Nikotintests im Urin). In der Kontrollgruppe, deren Mitglieder kein Geld bekamen, war dies nur 4,6 Prozent gelungen.
Die Fachleute waren über die Deutlichkeit der Ergebnisse überrascht. Denn die finanzielle Belohnung in Höhe von 200 Dollar ist gering im Vergleich zu den Summen, die ein Kettenraucher ohnehin sparen kann, wenn er sich nicht mehr jeden Tag Zigaretten kauft. Das aus ökonomischer Sicht irrationale Verhalten liegt den Forschern zufolge in der Psychologie der Menschen begründet. Diese ließen sich durch Anreize in der Zukunft (verbesserte Gesundheit, gespartes Zigarettengeld) viel schlechter motivieren als durch Belohnungen, die sie im Hier und Jetzt erhalten - lieber 10 Euro heute als 20 Euro in einem Jahr.
So wie Menschen für ihre Verhaltensänderung möglichst sofort belohnt werden wollen, so schieben sie die Opfer, die sie erbringen müssen, gern auf die lange Bank. Man denke an die guten Vorsätze zum Jahreswechsel: Klar, man gibt das Rauchen auf und fängt endlich mit Sport an - aber erst nächstes Jahr. "Personen sind zu Verhaltensänderungen bereit, die in der Zukunft liegen, weil die erst einmal nichts kosten", sagt Volpp.
Wenn dann die Stunde der Wahrheit heranrückt, werden viele Menschen sogleich schwach - genau in dieser Phase können Geldgeschenke das Bedürfnis nach sofortiger Belohnung offenbar befriedigen.
Dieser Effekt soll, nach den Tests an Rauchern und Drogensüchtigen, nun erstmals auch in einer Studie mit stark fettleibigen Menschen überprüft werden, die Volpp gegenwärtig mit 57 Testpersonen in Philadelphia durchführt. Einige der Schwergewichte können bis zu drei Dollar pro Tag in einen Topf einzahlen. Wer in der Woche mindestens ein (amerikanisches) Pfund abnimmt, erhält das Doppelte seines Einsatzes zurück. Wer das Ziel dagegen verfehlt, verliert sein Geld.
Kritiker sind gegen die Belohnungs-Experimente: Die Gesellschaft dürfe Kettenraucher, Fettleibige und Schulschwänzer doch nicht für ein Verhalten belohnen, das für die meisten anderen selbstverständlich ist. Um Proteste gegen den Modellversuch erst gar nicht aufkommen zu lassen, hat New Yorks Bürgermeister Bloomberg das 53 Millionen Dollar teure Programm ausschließlich mit Spendengeldern finanziert.
Doch wenn die Anreiz-Experimente mit Rauchern und Dicken erfolgreich verlaufen, könnte gutes Verhalten bald auch mit Steuergeldern belohnt werden - die gesundheitlichen Folgen der Süchte sind am Ende noch teurer. JÖRG BLECH
Von Blech, Jörg

DER SPIEGEL 1/2008
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