31.12.2007

ALTERTUM„Eine irrwitzige Phantasterei“

Der Basler Altphilologe und Homer-Forscher Joachim Latacz, 73, über den Schriftsteller Raoul Schrott und dessen Thesen zu Homers Heimat
SPIEGEL: Herr Professor Latacz, was halten Sie von Raoul Schrotts Behauptung, der wahre Homer sei ein assyrischer Hofdichter aus Kilikien gewesen?
Latacz: Nichts. Wenn man freundlich sein will, kann man seine Ausführungen als eine charmante Plauderei bezeichnen, eine nette Geschichte, die man sich als Dichter, der im fernen Irland sitzt und Bücher sammelt, ausdenken kann. Ansonsten: eine irrwitzige Phantasterei. Schrott hat ja selbst geschrieben, dass ihm seine These so dubios wie eine esoterische Atlantis-Theorie vorkam. Ich kann ihm da nur zustimmen.
SPIEGEL: Macht er denn Fehler?
Latacz: Da könnte man eine ganze Liste aufstellen. Schrott behauptet zum Beispiel, in irgendwelchen hethitischen Keilschriften tauche der Name "Ucha-lu" auf, das klinge doch wie "Achi-lleus". Oder eine kilikische "Kaazi" soll in "Kassandra" stecken, obwohl Letzteres ein griechischer Name ist. Das sind völlig aus der Luft gegriffene Wortspiele, keine Wissenschaft. Schrott hält Karatepe für das historische Troja. Aber was hätten die Griechen davon gehabt, einen Ort wie Karatepe im Binnenland Kilikiens anzugreifen? Das am Eingang zum Schwarzen Meer liegende Troja aber war ein wichtiges strategisches Ziel für ein seefahrendes Volk wie die Griechen.
SPIEGEL: Wie beurteilen Sie die Leistung des Übersetzers Raoul Schrott?
Latacz: Er hat nie Altertumswissenschaft studiert und spricht die Sprache nicht ausreichend. Als Altertumsexperte ist er ein Dilettant. Ich kenne seine sogenannte Übersetzung der ersten zwei Ilias-Gesänge, weil ich sie für den Hessischen Rundfunk wissenschaftlich betreut habe. Ich habe damals gut ein Jahr mit Herrn Schrott fast um jedes Wort, jeden Vers gerungen, um ihn vor gravierenden Fehlern zu bewahren. Bis mir klar wurde: Das kann keine Ilias-"Übersetzung" werden, sondern allenfalls eine "Fassung".
SPIEGEL: Hat Schrott nicht recht, wenn er sagt, dass ein Dichter wie Homer nun mal in erster Linie den Dichtern gehöre - und nicht den Philologen?
Latacz: Wer Homers großartiges Werk in so einem abstrusen Kontext darstellt, wird ihm und seiner Zeit einfach nicht gerecht. Homer gehört weder den Dichtern noch den Philologen. Er gehört der ganzen Menschheit.

DER SPIEGEL 1/2008
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