07.01.2008

MUSIKINDUSTRIE

Alter Rock schlägt jungen Pop

Von Schulz, Thomas

In Deutschland sind die Scorpions schon fast vergessen, im Rest der Welt dagegen gelten sie noch immer als Superstars: Selbst in Kasachstan, der Mongolei oder Indien spielt die Band in vollen Stadien und will nach rund 40 Jahren im Rockgeschäft nicht ans Aufhören denken. Warum bloß?

Militärgeländewagen bahnen mit Blaulicht den Weg für die Kolonne schwarzer Limousinen durch den dichten Verkehr zum Stadion. Auf der Ladefläche hockt ein halbes Dutzend mit Sturmgewehren bewaffneter Soldaten, ein Sondereinsatzkommando des indischen Militärs, eigens abgestellt für - die Scorpions.

Rudolf Schenker, Bandgründer, Gitarrist und bald 60 Jahre alt, starrt durch die abgedunkelten Scheiben hinaus in die vorbeiziehende indische Landschaft: windschiefe Wellblechhütten, Frauen, die ihre Wäsche auf den Steinen des Flussufers ausklopfen. "In der Ukraine", sagt Schenker, "werden wir immer von einer ganzen Horde Motorradrocker vom Flughafen ins Hotel begleitet."

Indien ist die letzte Station des Jahres auf der Welttournee der Scorpions. "Das Jahr war lang", sagt Klaus Meine. Zuvor war die Band in Portugal, die Reiserei geht allen in die Knochen. Der erste von drei Auftritten in Indien ist ausgerechnet in einer der hintersten Ecken des Landes, in Shillong, irgendwo im Dreieck zwischen Bhutan, Burma und Bangladesch. Die Anreise war lang und kompliziert, sechs Stunden Flug mit Zwischenlandung von Neu-Delhi in die nordöstliche Großstadt Guwahati, dann weiter mit dem gecharterten Hubschrauber über Hügelketten und dichten Urwald nach Shillong. Als der Helikopter zur Landung ansetzt, stimmt Meine den Guns-N'-Roses-Klassiker "Welcome to the Jungle" an.

Der Flugplatz der 250 000-Einwohner-Stadt ist zwar nicht viel mehr als eine Baracke mit einem unkrautbewachsenen Rollfeld, doch gleich am Ausgang wartet schon ein halbes Dutzend Kamerateams und dreimal so viele Fotografen. Die Band ist nicht überrascht. Was sie von ihrem Auftritt hier erwarten würden, fragt ein Reporter. "Wir haben gehört, dass Shillong richtig rocken soll", ruft Meine in die Runde.

In Deutschland mögen es viele nicht glauben, oder besser: nicht wahrhaben, dass die Scorpions aus Hannover, gegründet 1965 als Schülerband, im Rest der Welt noch immer eine große Nummer sind. Richtig groß sogar: Allein im vergangenen Jahr haben sie knapp 70 Konzerte in 27 Ländern gegeben, und zwar nicht vor je ein paar hundert hartgesottenen Fans, sondern vor insgesamt rund einer Million Zuschauern. Sie sind mit weit über 60 Millionen verkauften Alben und dank Hits wie "Still Loving You", "Rock You Like a Hurricane" und natürlich "Wind of Change" der erfolgreichste Rockexport Deutschlands aller Zeiten.

Ausgerechnet die deutschen Altrocker machen hierzulande nahezu unbemerkt seit Jahren vor, was im globalen Musikgeschäft der aktuelle Trend ist: Vergiss die Plattenverkäufe, und toure stattdessen um die Welt - denn das bringt das große Geld.

Im Gegensatz zu den konstant abstürzenden CD-Verkäufen lohnt sich das Live-Geschäft wie nie zuvor: The Police kassierten rund 133 Millionen Dollar an Konzerteinnahmen und waren damit der Spitzenverdiener im Musikgeschäft - weit vor jüngeren Popstars wie Justin Timberlake, der gerade mal die Hälfte einstrich. Alter Rock schlägt jungen Pop.

Die Scorpions erhalten im Schnitt eine viertel Million Euro pro Auftritt. Die Reise- und Hotelkosten trägt der lokale Veranstalter. "Früher haben wir gespielt, um unsere CDs zu promoten", sagt Meine. "Heute produzieren wir CDs, um die Live-Auftritte zu promoten." 2007 sei ein gutes Jahr gewesen.

In Deutschland treten die Scorpions nur noch selten auf. Sie haben schon lange ein gespanntes Verhältnis zu ihrem Heimatland, in dem sie zwar fast jeder kennt, sich aber kaum jemand zu ihnen bekennt. Schon früher machte Meine seinem Unverständnis darüber Luft, nachdem die Scorpions als erste westliche Rockband durch Russland tourten: "Wenn Udo Lindenberg in Ost-Berlin einen Furz lässt, horcht hier jeder auf. Wenn wir aber zehn Konzerte in Leningrad vor insgesamt 350 000 Zuschauern geben, ist das hier keine Meldung wert."

Meine sagt, die Scorpions würden stattdessen nun schon lange "dorthin gehen, wo man uns hören will". Überraschenderweise, zumindest aus deutscher Sicht, scheint das fast überall auf der Welt zu sein. Vergangenes Jahr hat die Band unter anderem in Kasachstan gespielt und auf den Färöer-Inseln, in Brasilien und in Südkorea, aber auch in London, Paris, New York und Tokio. Sogar in Ulan Bator kamen 2006 etwa 90 000 Menschen.

Meine ist seit 1969 der Sänger der Band. Dieses Jahr wird er sechzig. Meine ist das personifizierte Image der Band, das voller Klischees ist: der kleine Mann, immer mit der schwarzen Kappe auf dem Kopf. Der mit "Wind of Change" persönlich versucht hat, die Mauer niederzupfeifen und dafür von Michail Gorbatschow in den Kreml eingeladen wurde. Der mit Ex-Kanzler Gerhard Schröder Tennis spielt. Aber wenn man mit Meine zusammensitzt, egal, ob beim Abendessen, im Flugzeug oder in der Garderobe, dann spricht er stets leise und freundlich, über die Jahre auf Tour mit AC/DC etwa, er nennt Axl Rose einen netten Kerl und sagt zwischendrin Sätze wie: "Mit 'Wind of Change' ist es wie mit allen Superhits: Es ist Segen und Fluch zugleich." Nur die Kappe nimmt er anscheinend wirklich nie ab - weder in Hannover noch in Shillong.

Dort sind zum Konzert 35 000 Menschen gekommen. Das alte Sportstadion, einst koloniales Zentrum der Engländer für die Teeregion Assam, ist ausverkauft. An jeder Ecke stehen Militärpolizisten, vor wie hinter der Bühne. Shillong ist militärische Sonderzone, wegen der Nähe zu China, aber wohl auch wegen einheimischer Terroristen.

Der Scorpions-Auftritt ist hier ein Großereignis. Die Zeitungen berichten auf der Titelseite, vor dem Konzert begrüßt der Gouverneur die Besucher von der Bühne. Viele haben einen Tag frei bekommen, um das schon am Nachmittag beginnende Konzert zu sehen, für das sie zwischen 10 und 30 Dollar Eintritt bezahlt haben.

Aber die Zeiten waren nicht immer gut für die Scorpions, und eine Weile sah es sogar so aus, als würden sie es niemals wieder werden. Mitte der Neunziger war das, als "Grunge den Heavy Metal plattgemacht hatte", sagt Schenker. Weil da "plötzlich einer wie Cobain um die Ecke kam und davon erzählt, wie beschissen das Leben ist". Die Zeit schien abgelaufen für die Spaßrocker von den Scorpions mit ihren wenig existentialistischen Texten, die einst auf Riesenfestivals wie Monsters of Rock als Hauptgruppe spielten und Metallica und Bon Jovi noch als Vorgruppe buchten.

Ein musikalischer Überlebenskampf sei das in den Neunzigern gewesen, sagt Schenker, eine wirklich schlechte Zeit. Sogar

die zuvor freundlich gesinnte "Bild"-Zeitung fiel damals über die Scorpions her: Sie seien zur "Karikatur einer modernen Hardrockband" geworden, auch weil sie ihre Mähnen abschnitten und die Klamotten edler wurden.

Sicher, die Scorpions können ein leichtes Ziel für Spott hergeben, heute vielleicht noch mehr als damals: wenn der 59-jährige Schenker mit übergroßer Strass-Sonnenbrille von Cavalli, steinchenbesetzten Turnschuhen und roter Harley-Davidson-Lederjacke über die Bühne turnt. Oder wenn neben ihm der ebenso alte Meine in Schnallenstiefeln und mit Totenkopf-Krawatte Luftgitarre spielt.

Warum also haben sie nicht aufgehört, damals, als die Zeiten schlecht und die Häme groß war, oder jetzt, mit dem anstehenden 60. Geburtstag der beiden Band-Protagonisten? Geld müssen sie doch genug verdient haben.

"Daran haben wir nie gedacht, Musik ist unsere Lebensaufgabe", sagt Schenker. "Wir leben immer noch den Rock'n'Roll-Traum", sagt Meine. Nur im Rock sei das Alter seltsamerweise überhaupt ein Thema, sagt Gitarrist Matthias Jabs. "Einem Jazzmusiker würde man solche Fragen nie stellen."

Spätabends nach dem Konzert sitzt die Band noch in der Hotelbar zusammen, es gibt Scotch und Wein. Im Garten brennt ein Lagerfeuer, das James Kottak, der Schlagzeuger, in Gang zu halten versucht, indem er einen der Hotelstühle in die Flammen wirft.

Kottak ist erst seit 1996 bei den Scorpions dabei und lebt in Los Angeles. Seine Frau ist die Schwester des US-Rockers Tommy Lee. Kottak sieht aus, als könne er auch jederzeit bei einer jüngeren Rockband einsteigen. Seine Haare sind blond und stachelig, die Fingernägel schwarz lackiert, und zum Konzert schminkt er die Augen mit Kajal.

Meine sagt, die Scorpions hätten früher auch wilde Zeiten gehabt, in denen Fernseher aus Hotelzimmern geschmissen wurden. Nur habe man das nicht wie andere Bands ständig an die große Glocke gehängt. Kottak lacht. Er sagt: "Klaus, you are the man!" "No, you are the man", sagt Meine. Dann klatschen sie sich ab und umarmen sich. So was machen die Scorpions untereinander ziemlich oft: sich gegenseitig gut finden und das Gruppengefühl stärken.

Am nächsten Tag fliegt die Band weiter nach Mumbai. Am Flughafen wartet dieses Mal kein Sondereinsatzkommando, sondern ein Dutzend privater Sicherheitsleute und eine Kolonne schwarzer S-Klasse-Limousinen. Bei der Ankunft im Kempinski steht schon die ganze Hotelführung parat. Es gibt Blumenkränze, Champagner, den traditionellen hinduistischen roten Segenspunkt auf die Stirn, und in jedem Zimmer steht ein aus Schokolade geformtes Taj Mahal.

Beim Abendessen im indischen Spezialitätenrestaurant des Hotels ist die Stimmung gelöst. Kottak sagt, dass Gerhard Schröder wirklich ein netter Kerl sei, und dann erzählt er, wie Doris Schröder-Köpf und Heidi Klum nach einem Konzert unangemeldet in die Garderobe stürmten und die halbe Band nackt dastand. "Doris ist heiß", sagt Kottak.

Vor dem Konzert am nächsten Abend ist die Stimmung weniger gut. Scorpions-Manager Peter Amend ist sichtlich genervt. Die Ticketpreise seien zu hoch, bis zu 200 Dollar, so seien weit weniger Besucher als möglich gekommen. Vor der Bühne stehen 10 000 Menschen. Genug, um in Deutschland die meisten Hallen zu füllen.

Doch zu Hause scheinen die Scorpions sich das nicht mehr zuzutrauen. Oder wollen sie nicht mehr in ihrer Heimat spielen? "Natürlich wollen wir das", sagt Meine. Aber der Rahmen müsse stimmen. So wie beim mehrtägigen Heavy-Metal-Festival in Wacken vorletztes Jahr, als Headliner vor 60 000 zahlenden Besuchern. "Da hieß es auch vorher in der Presse: Diese Weichspülerband soll Wacken spielen?", sagt Meine. "Aber wir haben nur unser härteres Repertoire gespielt und Wacken in Grund und Boden gerockt." Ohne "Wind of Change"? Natürlich, sagt Meine. Dann grinst er.

In Mumbai spielen die Scorpions "Wind of Change". Wie auch alle anderen Hits. Die Fans wollen es so.

Die Scorpions bieten keine extravagante Bühnenshow. Sie verlassen sich darauf, dass alle Bandmitglieder ihre Instrumente beherrschen, vor allem die beiden Gitarristen Schenker und Jabs. Dem Publikum ist das genug, egal, ob in Shillong, Mumbai oder beim letzten Auftritt in Bangalore: Die Masse schreit und klatscht und singt fast jeden Refrain ekstatisch mit.

Allerdings geben sich die Scorpions offenbar auch ab und an mit einer weit weniger lautstarken Kulisse zufrieden. Wenige Tage vor Weihnachten flogen sie nach Moskau, um ein äußerst exklusives Privatkonzert zu geben - im Kreml. THOMAS SCHULZ


DER SPIEGEL 2/2008
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