07.01.2008

VERHALTENSFORSCHUNG

Herr der Pointe

Von Bethge, Philip

Ein britischer Forscher behauptet: Männer haben mehr Humor als Frauen. Wahr ist: Frauen finden nur selten lustig, worüber Männer lachen - und umgekehrt.

Kennen Sie den? Ein ostfriesisches Ehepaar geht in ein Restaurant. Sie, schusselig wie sie ist, verschüttet die ganze Suppe über ihr Kleid. "Guck mal, Hein, ich seh ja aus wie ein Schwein", sagt sie. "Ja", sagt er, "und außerdem hast du auch noch die ganze Suppe verschüttet."

Haben Sie gelacht? Dann sind Sie sehr wahrscheinlich ein Mann. Männer, sagt Sam Shuster von der britischen University of East Anglia in Norwich, mögen aggressive und diskriminierende Witze, die andere lächerlich machen oder herabsetzen. Im "British Medical Journal" hat der Gelehrte die These aufgestellt, dass Humor eng mit Aggression zusammenhängt.

Testosteron mache witzig, sagt Shuster. Viel Testosteron mache sogar unwiderstehlich witzig. "Frauen fliegen auf humorvolle Männer", behauptet der Forscher. Der größte Witzbold habe bei den Frauen den größten Schlag. Kein Wunder also, dass die Evolution ein Heer von Komikern hervorbrachte. Shuster: "Männer sind definitiv witziger als Frauen."

Sind Mario Barth und Dieter Hallervorden also die Speerspitzen der Männlichkeit? Das muss Widerspruch hervorrufen. "Ich wäre mit rein biologischen Erklärungen vorsichtig", warnt die Sprachwissenschaftlerin Helga Kotthoff von der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Zwar sei der Mann immer noch der "Herr der Pointe". In jüngerer Zeit jedoch hätten immer häufiger die Frauen die Lacher auf ihrer Seite.

"Frauen sind mit Sicherheit lustiger als Männer", sagt gar die US-Humorforscherin Gina Barreca von der University of Connecticut. "Stecken Sie drei Frauen drei Minuten in ein Zimmer, und Sie haben schallendes Gelächter - bei Männern habe ich das noch nie erlebt."

Wie also kommt Shuster zu seiner Testosteron-Theorie? Der emeritierte Dermatologe frönt dem Hobby des Einradfahrens. Ein Jahr lang radelte er durch Newcastle upon Tyne und protokollierte die Reaktionen der Bürger. 95 Prozent der kommentierenden Frauen ermunterten den Ruheständler oder zeigten sich besorgt um seine Gesundheit. Drei Viertel der Männer hingegen hätten versucht, "mit höhnischen oder abfälligen Kommentaren komisch zu sein", berichtet Shuster. Weil Kinder und Ältere weniger Schmäh verbreiteten, Jugendliche und junge Männer jedoch besonders bösartig waren, glaubt Shuster an ein hormongesteuertes Phänomen.

Ist ein rüstiger Einradfahrer witzig? Dass der Mediziner Hohn und Spott ertragen musste, liegt möglicherweise an der Versuchsanordnung. Unbestritten jedoch scheint, dass der derbe Kalauer eine vor allem männliche Eigenart ist. "Männer mögen offenbar ordinäres Zeugs", sagt die US-Autorin Fran Lebowitz. Wie wahr: Gott gab den Menschen Intelligenz. Ausnahmen bekamen die Regel.

Männer - sofern sie unter sich sind - lachen Tränen über solche Witze. Der Scherz wird zur Demütigung. Und Feministinnen wie Barreca glauben, dass dadurch Vorurteile verstärkt und damit gesellschaftliche Normen und der Status quo zementiert würden.

Ausgelacht, so sagen viele Lachforscher, werde grundsätzlich von oben nach unten. "Humor und Macht haben definitiv etwas miteinander zu tun", erklärt Kotthoff. Je mächtiger der Witzbold, desto garantierter sei der Lacherfolg, egal wie schlecht der Witz auch sein mag. "Humor ist wie eine hingehaltene Hand, die genommen werden muss." Andernfalls werde es schnell peinlich.

Schon im Sandkasten legten Jungs auf diese Weise ihre Rangfolge durch Witze fest. Mädchenhumor dagegen sei hintergründiger und nicht so oft darauf angelegt, andere zu erniedrigen.

"Frauen erzählen eher Geschichten", sagt Barreca. "Ihr Humor schafft Gemeinschaft." Häufig ironisierten Frauen beispielsweise Alltagssituationen, um sie besser zu verkraften. Sprachwitz, Nuancen und Pointen schätzten sie weit mehr als lahme Kalauer.

Etwa so: Die Eltern haben ihren Sohn zum Psychoanalytiker geschickt. Wochen nach der Behandlung rückt er mit der Diagnose heraus: "Mama, ich habe einen Ödipuskomplex." "Ach was", sagt die Mutter

und drückt ihn tröstend an sich, "Ödipus, Schnödipus! Hauptsache, du hast deine Mutter lieb."

Zusammengefasst: Er haut drauf - sie lacht über sich selbst. Beide scheint allerdings der Wille zu einen, mit Humor die Widernisse des Lebens besser zu meistern. Prostataleiden, Hängebrüste, sexuelle Versagensängste, Einparkprobleme, nervige Chefs oder Ehepartner werden erträglicher, sobald sie als Witz daherkommen: Sagt eine Frau zu ihrem Mann: "Früher warst du glücklich, wenn du mich bloß ein paar Stunden am Tag sehen konntest." Antwortet er: "Daran hat sich nichts geändert."

Erklärungsbedürftig bleibt, warum Frauen trotz unzweifelhafter Abneigung gegen derlei flache Witze eben doch mitlachen, wenn Männer die Humorkanone auspacken.

Der Brite Shuster hält an der darwinistischen Erklärung fest. Fast alle Komiker seien männlich, gibt er zu bedenken - und die Frauen seien hingerissen. "Humor ist Teil der sexuellen Evolution und könnte nach ähnlichen Mechanismen entstanden sein wie Hirschgeweih oder Pfauenrad", sagt der Wissenschaftler.

Humorforscherin Kotthoff dagegen sagt, dass letztlich Erziehung und Gesellschaft definierten, wer welche Witze machen darf. Im Fall der Frauen wirke ein überkommenes "Damenhaftigkeitsideal" bis heute nach. "Die Dame halte sich bei Tisch mit der Darbietung von Scherzen zurück", hieß es noch in den sechziger Jahren in den Etikettefibeln. "Humor als selbstbewusster Akt wurde damals der Frau nicht zugebilligt", sagt Kotthoff. Gefälligkeit statt Komik wird bis heute von Frauen erwartet. Witzige Frauen, sagt Barreca, machten Männern sogar Angst. Sie verletzten deren exklusive Humordomäne.

Die Forscherin bringt den streng reglementierten Partytalk humoristisch auf den Punkt: "Wenn wir Frauen nicht lachen, denkt er, dass wir den Witz nicht verstanden hätten - und erzählt ihn noch mal!" Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Doch es gibt Veränderungen. Frauen lachen nicht mehr über jede dumme Zote. Und sie gewinnen zunehmend an Macht. Als Folge scheint sogar eine Art feministischer Kalauer in Mode zu kommen.

"Frauen machen zunehmend Witze auf Kosten der Männer", sagt Kotthoff. "Ihr Repertoire wird immer größer."

Früher hätten Humoristinnen entweder den harmlosen Mutterwitz verkörpert oder, wie Helga Feddersen, das Trutschige gepflegt. Heute jedoch reüssierten Komikerinnen wie Anke Engelke und Cordula Stratmann. Und mit der neuen Rolle werden natürlich auch die Witze schärfer.

Kennen Sie den?

Was macht eine Frau, deren Mann zickzack durch den Garten rennt?

Weiterschießen. PHILIP BETHGE


DER SPIEGEL 2/2008
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