07.01.2008

Willkommen, oh Schattenreich

Handkes Tagebücher: Dichten als permanente Existenzkrise
Morgens, vor Sonnenaufgang - irgendwo in Paris. Was schreibt der Dichter, etwas krakelig, im Dunkeln? "Vorstellung von einer nur sexuellen ,Begegnung': wir wären beide nur darauf konzentriert + gespannt auf das Vögeln."
Doch ach, gleich melden sich Zweifel: "Aber vielleicht erwartete sie dabei, wenn auch von der Geilheit völlig befangen, doch immer noch den einen Blick von mir, der alles ändern würde!"
Dann dämmert der Morgen, und die Schrift wird regelmäßiger: "Ich habe fast im Dunkeln zu schreiben angefangen, und jetzt sehe ich schon meine Buchstaben." Diesen letzten Satz hat Peter Handke nie veröffentlicht.
Die Skizze der Pariser Morgenstimmung ist eines der zahlreichen tagebuchähnlichen Fragmente, wie sie Handke seit Jahrzehnten in kleinen Notizbüchern festhält. Die Entdeckung der eigenen Schrift, das Wunder des Schreibens, ist der eigentlich intime Moment, den der Dichter damals für sich behalten hat.
Publiziert wurde der Inhalt der handlichen Kladden bisher nur in einigen - vom Autor selbst besorgten - Auswahlbänden. Und so kursierten immer wieder Vermutungen, was der so produktive wie umstrittene Starautor wohl verändert oder ausgelassen haben könnte.
Während die Österreichische Nationalbibliothek etliche seiner literarischen Manuskripte für 500 000 Euro kaufen durfte, überließ der in Kärnten geborene Schriftsteller für eine ungenannte Summe 66 seiner Notizbücher dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach.
Die ungewöhnliche Erbteilung ist für das angesehene Marbacher Archiv ein echter Coup: Schätzungsweise zwei Drittel der über 10 000 Seiten, die der fleißige Autor zwischen 1975 und 1990 mit Einfällen und Beobachtungen füllte und als Steinbruch für sein umfangreiches Werk nutzte, sind nie veröffentlicht worden. Nun kann man sie in Marbach lesen und einen anderen Handke entdecken. Einige Beispiele:
Handke, empfindlich: "Schon das Rascheln der Zigarettenschachtel allein macht mich kribblig."
Handke, cholerisch: "A. hat Angst vor meiner Unbeherrschtheit, noch bevor ich die Beherrschung verliere (auch so ein kleiner Teufelskreis)."
Handke, einsam: "Krankheit und Schmerz erscheinen mir immer mehr als Auswirkung einer Unfähigkeit, für andre sich zu öffnen; als Folge des Eingeschlossenseins in sich selber."
Handke, zweifelnd: "Wenn ich etwas erzählen will, gerade das tatsächlich geschehene, ist mir, als lüge ich."
Handke, erleichtert: "Tränen des Glücks: ich habe die Erzählung; heute nacht, nach Alpträumen des fruchtlosen Schreibens, erschien sie mir, am Übergang zwischen Traum und Wachsein."
Handke, allein zu Haus: "Heute beherrsche ich alles: das Bettenmachen, die Hose vom Bügel nehmen, ohne überflüssige Bewegung."
Handke, bizarr: "Ich suchte in der dunklen Küche für den umgeschütteten Wein draußen den Schwamm; plötzlich die Vorstellung: ,Mein Freund, der Schwamm!'"
Die manchmal banalen, nicht selten genialen Fragmente sind Bruchstücke einer großen Konfession und bieten mehr als die gedruckten Notizen: die vielen Zeichnungen, hingeworfenen Satzfetzen, die Adressen, kleine ins Tagebuch eingelegte Aufhebsel wie Blätter, Kassenbons oder Ähnliches - lauter authentische, zum Teil sehr
persönliche Lebensspuren, nichts Gekünsteltes, keine affektierte Rollenprosa.
Es geht um die großen Themen: die Liebe, den Tod, die Kunst. Sogar die politische Selbstdemontage des proserbischen Polit-Rambos Peter Handke ("Gerechtigkeit für Serbien") meint man nach der Lektüre dieser Aufzeichnungen als Kollateralschaden einer radikalen Subjektivität verstehen zu können - ohne sie deshalb verzeihen zu müssen.
Handkes Notizbücher zeigen einen großen Einzelgänger und Kunstbesessenen bei der Arbeit, sie geben Einblick in die inneren und äußeren Widerstände, denen der Dichter sein Werk abringen muss.
Ende der siebziger Jahre - so viel war bekannt - befand sich Handke in einer monatelangen Existenz- und Schreibkrise. Seine Notizbücher zeigen, dass es sich tatsächlich um eine Dauerkrise handelt.
Oft macht ihm die "schreckliche Grenzenlosigkeit der Depression" zu schaffen, dann wieder der ganz profane Alltag, dem sich der Schriftsteller und alleinerziehende Vater einer Tochter ausgesetzt sieht. Handkes oft kalte, empfindliche, "immer trockene, eingetrocknete Hausarbeitshände" müssen schreiben und abwaschen: "Immer lecke ich mir am Abend über die Handflächen." Manchmal sind sie so klamm, dass sie selbst das kalte Leitungswasser als warm empfinden.
Im Kampf mit den Ansprüchen des Alltags und den eigenen Stimmungsschwankungen ist die Kunst für den Dichter Fluch und Rettung zugleich.
Mal ermahnt er sich: "Hör endlich auf mit deinem verderblichen, in die Unschuld der Dinge eingreifenden Schriftstellertum in der Zeit des Nichtschreibens." Mal ermannt er sich: "Vorstellung, daß ich meinem Mörder, um ihn von der Tat abzuhalten, sagen würde: ,Ich bin Schriftsteller.'"
Die existentielle Einsamkeit, die reizbare Nervosität, der verzweifelte Kampf mit sich selbst erinnern nicht von ungefähr an die Tagebücher Franz Kafkas, dieses anderen großen, an sich selbst leidenden Dichters. "Auf der Straße ging ich wie ausgesetzt"
- dieser Handke-Satz könnte auch von Kafka sein.
Doch Handke versinkt nicht in Melancholie und Ratlosigkeit - bei ihm ist es immer wieder das Schreiben, das die feindselige Wirklichkeit schließlich bannt und den Dichter rettet: "Schreibend wieder einmal das In-Sicherheit-Gefühl." Die Notizen schenken dem Autor die "Phantasie der Dauer".
Die Künstlerexistenz erscheint hier als permanente Krise, die immer neu bewältigt werden muss. Ein Schwebezustand zwischen Tag und Nacht, Glück und Verzweiflung, aus dem der "Meister der Dämmerung" seine Werke schöpft.
Handke wohnt in Chaville bei Paris, in einem von hohen Hecken geschützten alten Jagdhaus. In diesem Haus, an dem die Vorortzüge sehr nah vorbeirauschen, lebt er seit 17 Jahren, fern von Deutschland und Österreich, fern von seinem Publikum. "Ich mach schon lange keine öffentlichen Lesungen mehr."
Einer der Gründe, natürlich: die Frauen! Im Gespräch mit dem SPIEGEL, während auf dem Küchenherd eine Pilzsuppe vor sich hin blubbert, holt der Dichter aus: "Hüte dich vor den Leserinnen." Er fühlt sich verfolgt: "Ich hab einen richtigen Horror vor Frauen, also den Leserinnen." Auch davon wissen die Notizbücher zu berichten: Der Starautor Handke wurde schon von Verehrerinnen verfolgt, als der Begriff Stalkerin noch nicht im Lexikon stand.
Er kann sich noch gut an einen Vorfall 1985 erinnern, als eine offenbar gestörte junge Dame nächtelang seine Salzburger Behausung belagerte und sich auch dann nicht abschütteln ließ, als der Dichter sie in ein Flugzeug zurück in die Schweiz setzte. "Irgendwann war ich so weit, dass ich gedacht habe, jetzt bring ich dich um", sagt Handke im Rückblick. "Das war so ein Impuls in mir, sie zu packen und dann auf eine eiserne Zaunspitze zu spießen, und dann habe ich gedacht: um Gottes willen."
Auch die Lebensgefährtinnen des Dichters hatten es nicht leicht mit einem Mann, der, wie es in seiner neuen Erzählung "Die morawische Nacht" heißt, "dem Schreiben versprochen" ist. Schwer, einen Besessenen zu lieben wie den Autor in diesem Buch, für den es bei jedem neuen Werk "um Leben und Tod, um Sein oder Nichtsein" geht und der auf Störungen reizbar bis aggressiv reagiert.
Das musste auch Handkes erste Frau, die Schauspielerin Libgart Schwarz, erleben, und es gehört wenig Phantasie dazu, in Tagebucheinträgen wie "L.: Ich finde sie ekelhaft + lächerlich, diese Frau" das Ergebnis einer zerrütteten Ehe zu sehen, die später in Büchern wie "Die linkshändige Frau" ihre Spiegelung fand. Immerhin: So rasch Handke diesen Wutausbruch hingeschrieben hatte, so schnell strich er ihn wieder durch. Die Tagebücher sind voll von solchen Irritationen und Wutausbrüchen. Mitunter sieht man den Zeilen an, dass sie impulsiv niedergeschrieben wurden.
Das Notizbuch wird zur Waffe des Dichters gegen die Wirklichkeit, und Handke schießt immer aus der Hüfte. "Wie die Westernhelden den Revolver ziehen", sagt der Autor, "so habe ich meine Notizbücher gezückt und losgeschossen."
Doch mitunter geht diese Waffe nach hinten los, wie Ende der siebziger Jahre, als Handke Schwierigkeiten hatte, aus dem Fragmentarischen wieder in eine zusammenhängenden Prosa zu finden: "Das war eine gewaltige Krise", erinnert sich der Autor und nickt, "und im Grunde genommen bin ich immer noch drin."
Die Erzählung "Langsame Heimkehr" (1979) wurde zwar oft als Überwindung dieser Krise gelesen. Heute gesteht der Autor, er sei gescheitert an dem großen, epischen Projekt. Noch immer sei das konzentrierte kohärente Erzählen für den "lyrischen Epiker" nichts Vorgegebenes: "Es ist ein Steigen ins Bergwerk der Bilder und Sätze, fast eine Art Gnade."
Furchtbar, wenn diese Gnade ausbleibt. Immer wieder zeugen die Notizbücher von Angstgefühlen, Selbstzweifeln, "Traumrhythmusstörungen". Handke heute: "Ich hab mich verdammt gefühlt, als ich an ,Langsame Heimkehr' schrieb. Verurteilt, wie in dem Kafka-Brief an den Vater. Über Jahre sogar. Aber ich hab mich gewehrt gegen den großen Vater, indem ich weitergemacht habe, mit der ,Lehre der Sainte Victoire' und dem ,Chinesen des Schmerzes'. Ich habe mich verurteilt gefühlt. Das hat nichts mit Selbstmord zu tun, es ist viel geheimnisvoller."
Und doch findet sich im Notizbuch vom 8. Dezember 1976 eine Bemerkung von Handkes siebenjähriger Tochter: "Ich will nicht, daß Du Dich tötest." Diese erschütternde Bitte ist ein Beleg für die vielleicht wichtigste und sicher engste Bindung, die Peter Handke je einging; noch heute ist dem Vater die Betroffenheit über das, was seine Tochter damals gesagt hat, anzumerken: "Die hat das wahrscheinlich gespürt, so ein Kind spürt das." Nur wenn das Schreiben den Autor von der Realität befreien würde, wäre der Tod eine Erlösung: "Wenn die Erzählung anfängt, eine Art Parallelwelt zur Realität zu werden", sagt Handke im Gespräch, "dann würde auch ich wie Hölderlin sagen: Willkommen, oh Schattenreich."
Doch der Tod zur Unzeit wäre der reine Horror. Als Handke mitten in einer Schreibkrise im März 1976 aufgrund eines Verdachts auf Herzinfarkt im Krankenhaus liegt, kritzelt er im Bett wie besessen ins Notizbuch: "Überall in, neben, unter meinem Bett suche ich die Spuren früherer Toter ... rasiert habe ich mich, vage sichtbar in dem Blechtablett, wirklich wie zum letzten Mal mit eigener Hand."
Und wieder ist es das Schreiben, das ihn inmitten der Dunkelheit bei Bewusstsein hält: "Mein Filzstift", notiert er, "macht schreibend in der fast schon völligen Finsternis Geräusche, als flüstere er, tuschele er (wie ein Kind manchmal einem anderen was zutuschelt)." Wochen später dann der erleichterte Satz: "Wie oft ich daran denke, diesen und jene, die nun tot sind, jetzt wieder um einen Tag überlebt zu haben!"
Er habe sich damals an irgendwelchen Geräuschen festhalten müssen, erklärt Handke heute. Um ihn seien die Leute gestorben, "und da kann es kommen, dass so ein Bleistift- oder Filzstiftgeräusch einen an der Erdoberfläche hält oder weiterschubst".
So hielt es der Dichter auch im Dezember 1979, als er allein am Bett des todkranken Schriftstellerkollegen Nicolas Born saß. Dabei schrieb er nicht nur, er zeichnete den Sterbenden auch dreimal, zuletzt im Tod.
Bis heute führe er immer ein Notizbuch bei sich, sagt Handke: "Einfach nur, um mich zu erden oder um mich in den Tag zu befördern." Wenn er dabei irgendetwas so bemerke, wie er es noch nie zuvor bemerkt habe, dann werde es sogar am Abend Tag - allein durch das Aufschreiben.
"Mitten im Schreiben sind wir im Tod, sind wir mitten im Leben", hat Handke 1990 notiert. Wer diese Tagebücher gelesen hat, der weiß: Dies Dichterwort ist keine hohle Phrase. MALTE HERWIG
* Mit Skizzen, die den Kopf des sterbenden Nicolas Born zeigen.
Von Malte Herwig

DER SPIEGEL 2/2008
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