14.01.2008

Triumph des Wahns

Von Bönisch, Georg und Wiegrefe, Klaus

Vor 75 Jahren wurde ein ehemaliger Obdachloser aus Österreich Reichskanzler: Adolf Hitler. In gut einem Jahr schwang sich der glühende Antisemit und Nationalist zum Diktator der deutschen Großmacht auf. Wie konnte es dazu kommen? Das ist die Königsfrage der deutschen Geschichte.

Am Tag, als die Diktatur in Deutschland begann, war es durchgängig frostig - in der Hauptstadt des Reichs registrierten die Meteorologen als höchste Temperatur minus 3,4 Grad, und dass meist die Sonne schien, konnte an der Düsternis jener Stunden nichts ändern.

Gegen zehn Uhr verließ Adolf Hitler, der Vorsitzende der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), das Hotel Kaiserhof in Berlin-Mitte und machte sich auf den Weg zum Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Dieser residierte normalerweise im Reichspräsidentenpalais, doch dort wurde renoviert. Und so erwartete Hindenburg - der Verfassung nach mächtigster Mann im Staat - Hitler und sein Kabinett in der Reichskanzlei; für elf Uhr war die Vereidigung angesetzt.

Hindenburgs Ansprache dauerte nur wenige Minuten. Er sei zufrieden, dass sich zu guter Letzt alle zusammengerauft hätten, erklärte der 85-jährige Mann und nickte gefällig, als Hitler versprach, die Rechte des Staatsoberhaupts zu achten, zum Wohle der ganzen Nation ohne Rücksicht auf Parteiinteressen regieren zu wollen und dass er alles tun werde, um die Verfassung zu erhalten.

Dann schloss Hindenburg die Zeremonie mit dem Satz: "Und nun, meine Herren, vorwärts mit Gott!"

Es war Montag, der 30. Januar 1933, und Hitler war am Ziel.

Nur wenige Jahre zuvor hatte seine NSDAP bei Reichstagswahlen gerade einmal 2,6 Prozent der Stimmen erhalten; sie schien vielen als eine verrückte politische Randerscheinung. Was sollte man von einer Partei halten, die alle Deutschen jüdischen Glaubens ausbürgern wollte, eine "Brechung der Zinsknechtschaft" forderte, die "Turn- und Sportpflicht" für alle verlangte?

Jetzt stand der 44-jährige Adolf Hitler - ein gebürtiger Österreicher und erst seit 1932 deutscher Staatsbürger, ein Mann ohne Ausbildung und Regierungserfahrung - an der Spitze der bedeutendsten Großmacht im Zentrum Europas.

Es komme ihm "wie ein Märchen" vor, notierte Hitlers Propagandaexperte Joseph Goebbels. Und so empfanden es auch die braunen Parteigenossen. Am Abend marschierten Zehntausende mit Fackeln durch Berlin; ihr Zug glich einem Feuerband, das auf Gesichter und Häuserwände unruhige Schatten warf. Menetekel für das, was kam.

Denn der 30. Januar 1933 markierte für Deutschland den Anfang vom Untergang. Hitler, "maßlos unterschätzt von den politischen Führungskräften", wie der Augsburger Historiker Andreas Wirsching urteilt (siehe Seite 44), benötigte gerade einmal gut anderthalb Jahre, um uneingeschränkter Diktator in einem Land zu werden, auf das die Welt zuvor oft voller Bewunderung geblickt hatte. Auf die kulturellen und wissenschaftlichen Leistungen, auf die Nobelpreisträger, die Erfinder, die Dichter und Denker, auf die Rechtsstaatlichkeit und den leistungsfähigen Sozialstaat.

Stattdessen setzte nun jener Zivilisationsbruch ein, der schon bald Deutschland zum Reich des Bösen werden ließ. Die Bürgerrechte - im Februar 1933 außer Kraft gesetzt. Der Reichstag - im März entmachtet. Die einst einflussreichen Länder - im April gleichgeschaltet. Die größten Gewerkschaften der Welt - im Mai aufgelöst. Die jüdischen Deutschen - schikaniert, drangsaliert und schließlich ermordet. Die politische Opposition - verhaftet, vertrieben, umgebracht.

Wie ein Geschwür fraß sich die braune Bewegung in wenigen Monaten durch fast sämtliche Lebensbereiche. Begeistert begrüßt von einer verstörend großen Menge von Deutschen. Es sei nicht bemerkenswert, wie viel Hitler unternehmen musste, um die Ausweitung und Festigung seiner Macht zu erreichen - sondern wie wenig, schreibt der britische Hitler-Biograf Ian Kershaw.

Nach Hindenburgs Tod am 2. August 1934 taten auch die Streitkräfte nichts Eiligeres, als Hitler "unbedingten Gehorsam" zu geloben - bis dahin schworen Soldaten auf die Verfassung. Damit war aus Deutschland ein Führerstaat geworden.

Gewiss, es hat nach der sogenannten Machtergreifung manche Möglichkeit gegeben, Hitler zu stoppen. Doch die nun

errichtete Diktatur erschwerte ein solches Unterfangen ungemein. Jetzt mussten Oppositionelle dafür einen Staatsstreich oder das Ausland einen Krieg gegen Deutschland wagen. Wäre Hitler am 30. Januar 1933 nicht Reichskanzler geworden, das ist gewiss, sähe unsere Welt anders aus.

Und so lautet heute und wohl die nächsten Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte, die Königsfrage der deutschen Geschichte: Wie konnte es dazu kommen?

Ganze Bibliotheken lassen sich inzwischen mit Versuchen füllen, eine Antwort darauf zu geben. Und was ist nicht alles ermittelt worden: wie wichtig der Terror war (sehr wichtig, aber nicht alles erklärend) und die Propaganda (ebenfalls wichtig). Wo die Nazis die meisten Wähler fanden (etwa im protestantischen Mittelfranken) und welche Milieus sich besonders widersetzten (etwa die Katholiken), welche Offiziere für Hitlers Lebensraumphantasien schwärmten (die jüngeren) und warum die Sozialdemokraten keinen Aufstand wagten (weil sie eine blutige Niederlage fürchteten).

Weit zurück in die deutsche Geschichte haben Wissenschaftler geblickt und über die Grenzen, denn nicht nur in Deutschland erstarb in den dreißiger Jahren die Demokratie.

Eine letzte Antwort, eine Formel, die alles erklären könnte, steht freilich bis heute aus. Da bleibt, so der britisch-australische Historiker und Bestsellerautor Christopher Clark, "etwas Unbegreifliches".

Über eines, immerhin, herrscht weitgehend Konsens unter den Gelehrten, und das ist nicht wenig bei einem derart komplexen Problem: Hitlers Triumph war mit den Worten des Berliner Historikers Heinrich August Winkler weder zufällig noch zwangsläufig, wie oft behauptet worden ist.

Der Weg führte nicht geradlinig vom Beginn der Weimarer Republik 1919 in den Abgrund - trotz der schweren Hypotheken, mit denen die erste Demokratie auf deutschem Boden gestartet war.

Da war das Odium der Niederlage im Ersten Weltkrieg. Vertreter des neuen Deutschlands und nicht Repräsentanten des besiegten Kaiserreichs mussten 1919 den Friedensvertrag von Versailles unterzeichnen. Deutschland trat in der Folge ein Siebtel seines Gebietes ab, verpflichtete sich zu hohen Reparationen und erkannte eine Kriegsschuldklausel an, die die Zeitgenossen mehr als alles andere empörte.

Auch spalteten tiefe Gegensätze das Land. Bürgerkriegsartige Kämpfe zwischen links und rechts während der Revolution 1918/19 mit über tausend Toten vergifteten dauerhaft das politische Klima. In Verwaltung, Justiz und Militär blieben zudem die alten Eliten an der Macht, die am liebsten einen Kaiser wiederhaben wollten. Und natürlich wurden aus obrigkeitsstaatlich geprägten Untertanen nicht über Nacht freiheitsliebende Demokraten.

Die Wähler bestraften vielmehr Kompromissbereitschaft und honorierten die Extreme. Da es die

Weimarer Verfassung ermöglichte, eine Regierung abzuwählen ohne zugleich eine neue zu bilden, wie es heute das Grundgesetz mit seinem konstruktiven Misstrauensvotum vorsieht, wechselten sich in den 14 Jahren der Republik 20 Regierungen ab.

Und dennoch hatte Weimar eine Chance, wenn auch nur eine kleine. Das war Mitte der zwanziger Jahre. Die Industrie produzierte wieder so viel wie vor dem Ersten Weltkrieg, der Reichstag stand eine volle Legislaturperiode ohne Neuwahlen durch, und Außenminister Gustav Stresemann betrieb die Annäherung Deutschlands an die früheren Kriegsgegner, vor allem an Frankreich. Dafür bekam er als erster Deutscher 1926 den Friedensnobelpreis.

"Man konnte wieder arbeiten, sich innerlich sammeln, an geistige Dinge denken", schrieb der Schriftsteller Stefan Zweig. "Man konnte sogar wieder träumen und auf ein geeintes Europa hoffen. Einen Weltaugenblick schien es, als sollte unserer geprüften Generation wieder ein normales Leben beschieden sein." Und wenn es so weitergegangen wäre, hätten die Deutschen vermutlich schon damals die Demokratie schätzen gelernt und nicht erst nach 1945.

Aber während die Bundesrepublik in ihren Gründerjahren von einem Boom der Weltwirtschaft profitierte, wurde Weimar von der größten Katastrophe in der Geschichte des Kapitalismus heimgesucht: der Weltwirtschaftskrise.

Ende Oktober 1929 platzte in den USA eine gigantische Spekulationsblase; die Aktienkurse stürzten tiefer als jemals zuvor oder danach, und die Amerikaner zogen nun ihre kurzfristigen Auslandskredite ab, die den Aufschwung der Weimarer Jahre finanziert hatten. Ohne das Geld aus Übersee krachte die deutsche Wirtschaft zusammen.

Man kann sich diesen Vorgang nicht dramatisch genug vorstellen. Das Volkseinkommen sank so tief, dass es gerade einmal die Hälfte des Wertes von 1913 erreichte. Tausende Firmen gingen pleite. Anfang 1930 waren gut drei Millionen Menschen arbeitslos, also etwa 15 Prozent aller Arbeiter und Angestellten. Später schnellte die Zahl auf fast das Doppelte hoch.

Und damit ging der Weimarer Republik verloren, was sie mehr als alles andere gebraucht hätte: ausreichend Zeit, um in Ruhe Wurzeln zu schlagen.

Heute leben Erwerbslose oft unter kargen Umständen, doch niemand muss hungern. Ganz anders damals. Die Arbeitslosenversicherung zahlte in der Regel 26 Wochen lang maximal 80 Prozent der bescheidenen Löhne, später noch weniger und noch kürzer. Bald lebte mehr als ein Drittel der Deutschen von der Fürsorge; über eine Million Menschen bekamen gar keine Unterstützung vom Staat.

Hunger und Krankheiten breiteten sich aus. "Morgen für morgen", notierte ein Berlin-Besucher aus England, "wachen überall in der riesigen, taufeuchten, trübsinnigen Stadt junge Männer auf und beginnen einen neuen arbeitslosen, leeren Tag: Schnürsenkel verkaufen, betteln, im Foyer des Arbeitsamtes Dame spielen, sich in der Umgebung von Pissoirs herumdrücken, Klatsch austauschen, faulenzen, stehlen."

Viele wussten keinen Ausweg mehr und brachten sich um.

Das geschah freilich auch anderswo, denn nicht nur Deutschland darbte unter der Wirtschaftskrise, sondern die ganze industrialisierte Welt. Auch die alten Demokratien Großbritannien, die USA und Frankreich. Aber dort gab es einen reichen Schatz an Erfahrungen mit der parlamentarischen Demokratie, was den Umgang mit Krisensituationen deutlich erleichterte. Und es gab große Traditionen, die nun - in der Not - Bindekraft entwickelten, etwa im krisengeschüttelten Frankreich die Erinnerung an die Französische Revolution von 1789. Sie sorgte dafür, wie Historiker Wirsching schreibt, dass Rechts- und Linksradikale den letzten Respekt vor der Republik nicht verloren.

In Deutschland hingegen, der spät und nur oberflächlich geeinten Nation mit ihrem erst durch die Weimarer Republik demokratisierten Nationalstaat, waren die Gegensätze schärfer ausgeprägt als anderswo: zwischen den Parteien, den Klassen, den Konfessionen, zwischen Alt und Jung.

Dieses Erbe aus dem 19. Jahrhundert hat neben anderem die Historiker veranlasst,

von einem deutschen Sonderweg zu sprechen.

Ohne einigendes Band einer identitätsstiftenden Geschichte schlugen die Extreme besonders aus: Die deutschen Faschisten erwiesen sich als rechter, die deutschen Kommunisten als linker im Vergleich zu ihren französischen Genossen. Und diesem Angebot stand eine "politisch desorientierte, sozial desintegrierte und durch wirtschaftliche Not verunsicherte Bevölkerung" gegenüber, die nach "Schuldigen und Rettern" verlangte (Historiker Eberhard Kolb).

Da spielte es dann keine Rolle, dass Adolf Hitler wenig vorweisen konnte - außer einer großen demagogischen Begabung. Ein Schulabbrecher aus Braunau am Inn, der Künstler hatte werden wollen, aber bei der Aufnahmeprüfung zur Akademie für Bildende Künste in Wien durchgefallen war und zeitweilig in einem Obdachlosenasyl hauste. Ein Mann ohne Beruf, Familie, Freunde. Ein Politiker, der 1923 einen Staatsstreich versuchte und dafür 13 Monate in kommoder Festungshaft einsaß.

Doch Hitler und seine Propagandisten boten beides: Als Schuldigen präsentierten sie das Weimarer "System", angeblich getragen von Linken und "den Juden". Und der Retter sollte Hitler selbst sein, der "Führer", wie er sich von seinen Anhängern nennen ließ, mit seiner heils-geschichtlichen Vision eines großdeutschen "Dritten Reiches", also eines Deutschlands unter Einschluss Österreichs und möglichst aller anderen deutschsprachigen Gebiete, das die Welt beherrschen sollte.

In ihrem Nationalismus, Antimarxismus und Antisemitismus unterschied sich die NSDAP dabei nicht von anderen rechten Parteien. Aber sie wirkte jugendlicher und dynamischer, war besser organisiert und nutzte moderne Wahlkampfmethoden.

Und Hitlers Appell an Ressentiments jeder Art verband, was eigentlich nicht zusammenpasste: konservativ und zugleich reformerisch zu sein, für Veränderung und für Kontinuität, antikapitalistisch und gegen Verproletarisierung.

Für die deutsche Parteienlandschaft war das Ergebnis ein Novum. Die NSDAP wurde zur ersten deutschen Volkspartei, wie der Wahlforscher Jürgen Falter belegt. Zuvor wählten die Deutschen nämlich überwiegend nach Milieu: die Katholiken das Zentrum oder die Bayerische Volkspartei, die Arbeiterschaft Kommunisten oder Sozialdemokraten, andere Parteien hatten ausschließlich regionalen Bezug.

Die NSDAP hingegen bekam Stimmen aus allen Schichten der Gesellschaft, wenn auch deutlich mehr von Protestanten und aus dem Mittelstand, der geradezu panisch einen sozialen Abstieg fürchtete, als von Katholiken, Arbeitern und Arbeitslosen. Letztere votierten lieber für die KPD.

Hitler steigerte auf diese Weise die Zahl seiner Wähler von 800 000 (1928) auf 13,8 Millionen (1932). Im Gegensatz zu Lenin und anderen Diktatoren verdankte er seinen Aufstieg demokratischen Wahlen.

Zur absoluten Mehrheit reichte es freilich bei weitem nicht. Und wer weiß, wie die Geschichte ausgegangen wäre, hätten in diesen Zeiten unbeugsame Demokraten an der Spitze der Republik gestanden.

Doch Weimar fehlte es an Fortune. Fast alles, was schiefgehen konnte, ging schief.

Zahlreiche führende Repräsentanten der demokratischen Elite verstarben früh. Etwa Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD), der 1925 mit 54 Jahren einer verschleppten Blinddarmentzündung erlag. Außenminister Stresemann verschied 1929 mit 51 Jahren nach einem Schlaganfall. Andere Begabungen wurden von Rechtsextremisten ermordet.

Und so fehlte es im entscheidenden Augenblick an großen historischen Figuren. Niemandem in Berlin gelang es, jene informelle Koalition konservativer und reaktionärer Politiker und Wirtschaftsführer zu stoppen, die den seit langem angestrebten Untergang der Weimarer Republik vorantrieben. Auch das unterscheidet die Historie Deutschlands von der Geschichte

alter Demokratien wie Großbritannien oder USA - denn dort stützten die Eliten in der Krise das politische System.

Kurt von Schleicher zählte zum engsten Kreis der Totengräber von Weimar, ein Berufssoldat aus Brandenburg an der Havel und Intrigant erster Güte, seit 1929 Staatssekretär im Reichswehrministerium, das er später leitete. Schleichers Freund Franz von Papen vom katholischen Zentrum gehörte ebenfalls dazu. Der westfälische Adelige, verheiratet mit einer Tochter aus der Keramikdynastie Villeroy & Boch, hatte sich als Agrarlobbyist profiliert und war ebenso wenig wie Schleicher ein Politiker aus der ersten Reihe, doch beide hatten Zugang zu Hindenburg.

Sodann ist Staatssekretär Otto Meißner zu nennen, der das Büro von Hindenburg seit Jahren leitete und für ein "Führertum Hindenburgs" plädierte. Und natürlich der Reichspräsident selbst, Held des Ersten Weltkriegs, der sich wohl nie als Demokrat verstand.

Nicht Hitlers "Drittes Reich" war dabei das Ziel, sondern Hindenburg und seine Mitstreiter wollten das Parlament entmachten, die Sozialdemokraten ausschalten (die als einzige deutsche Partei von Anfang bis zum Ende Weimar verteidigte) und einen "von politischen Rechtskräften beherrschten autoritären Staat" (Kolb) errichten.

Mächtige Interessenverbände unterstützten sie darin. Vor allem ostelbische Junker und andere Großbauern, die von der Rückkehr der Monarchie träumten und natürlich von Subventionen für ihre maroden Höfe. Vertreter der Schwerindustrie, die den Sozialstaat von Weimar zerschlagen wollten, trommelten ebenfalls gegen die Republik.

Ihre Chance bekamen Papen & Co., als am 27. März 1930 die Große Koalition aus Sozialdemokraten, Zentrum und Liberalen an einer Marginalie scheiterte - der Beitragshöhe zur Arbeitslosenversicherung. An Stelle des zurückgetretenen SPD-Kanzlers Hermann Müller installierte Hindenburg den asketischen Junggesellen Heinrich Brüning vom Zentrum, einen glühenden Nationalisten, der insgeheim wohl Anhänger der Monarchie war. Spätestens jetzt ging es um das Überleben der Demokratie.

Der Einfluss der Republik-Feinde lässt sich bis weit in die bürgerlichen und liberalen Parteien nachweisen. Dass diese die Weimarer Republik nicht zu retten versuchten, sondern teilweise deren Untergang mitbetrieben, wird auf ewig ein Schandmal der Geschichte des deutschen Bürgertums bleiben.

Aber auch auf der anderen Seite des politischen Spektrums gab es Versagen - bei den Kommunisten. Sie untergruben die Autorität der Republik bei jeder Gelegenheit und schürten Angst im Bürgertum vor Revolution und Bürgerkrieg. Vor allem aber bekämpften sie die Sozialdemokraten als "Sozialfaschisten" und verhinderten auf diese Weise eine Volksfront gegen Hitler.

Statt mit Gesetzen, die vom Reichstag beschlossen wurden, regierte Brüning mit sogenannten Notverordnungen, die Hindenburg

abzeichnete. Als sich das Parlament dagegen wehrte, löste der Reichspräsident es auf und schrieb Neuwahlen aus, von denen er sich eine Stärkung seiner konservativen Verbündeten erhoffte - eine katastrophale Fehleinschätzung. Denn Hitlers NSDAP, bis dahin eine Splitterpartei, erhielt 18,3 Prozent auf einen Schlag. Der 14. September 1930 markiert den Durchbruch der braunen Bewegung.

Und da nun keine stabilen Koalitionen mehr im Reichstag zustande kamen, drehte sich das Regierungskarussell immer schneller, abhängig von den Einschätzungen des 1847 geborenen Hindenburg. Auf Brüning folgte im Sommer 1932 Papen, auf diesen wenige Monate später wiederum Schleicher. Und draußen stieg die Zahl der ganz oder teilweise Arbeitslosen auf über acht Millionen - fast die Hälfte aller Erwerbsfähigen.

Man mag es kaum glauben, aber es stimmt: Diese Not war teilweise gewollt. Statt die Konjunktur anzukurbeln, was schon damals ein renommierter britischer Ökonom namens John Maynard Keynes vorschlug, sparte Zentrumspolitiker Brüning die Wirtschaft mit seiner Deflationspolitik kaputt, um den Alliierten zu demonstrieren, dass Deutschland zu arm sei, um die Kriegsreparationen zu zahlen.

Beinahe wäre alles dann doch noch glimpflich ausgegangen, trotz der Brünings, Papens, Hindenburgs. Ende 1932 durchschritt die Weltwirtschaft endlich das Tal der Rezession. Auch erwies sich nun, dass die NSDAP ihr Wählerpotential ausgeschöpft hatte. Es lag zwar immerhin bei 37,4 Prozent - so viel erzielten die Braunen im Sommer 1932. Aber bei erneuten Wahlen im November verloren sie deutlich an Stimmen.

Und Hindenburg weigerte sich standhaft, den "österreichischen Gefreiten" (Hindenburg über Hitler) zum Reichskanzler zu ernennen. Das könne er "mit seinem Gewissen und seinen Pflichten gegenüber dem Vaterland nicht vereinbaren". Hitler sei nämlich gewillt, "die Regierungsgewalt einseitig anzuwenden", ahnte der greise Reichspräsident.

Für die NSDAP - mehr Bewegung als Partei - kam die Stagnation einer Katastrophe gleich. Auf die dauerhafte Gunst der Protestwähler konnten sich Hitler und seine Adlaten nicht verlassen. Und ohne Regierungsbeteiligung gab es keine Pfründe an die eigenen Aktivisten zu verteilen. "Wir sind alle sehr deprimiert, vor allem im Hinblick darauf, dass nun die Gefahr besteht, dass die ganze Partei auseinanderbricht und alle unsere Arbeit umsonst getan ist", notierte Goebbels. Es werde "höchste Zeit, dass wir an die Macht kommen". Leider bestehe dafür nur keine Aussicht.

Doch dann bekam Hitler Schützenhilfe von ganz unerwarteter Seite.

Der gekränkte Papen - enttäuscht, dass er als Kanzler seinem Freund Schleicher hatte weichen müssen - drängte auf eine zweite Chance. Er beschwor Hindenburg im Januar 1933, einem Bündnis zwischen Hitler, parteilosen Konservativen und der erzreaktionären DNVP um den Medienmogul Alfred Hugenberg seinen Segen zu geben; Staatssekretär Meißner und Hindenburgs Sohn Oskar trommelten ebenfalls für diese Lösung. "Wir rahmen Hitler ein", assistierte Hugenberg, es könne "nichts passieren".

Insgeheim hofften Papen und Mitstreiter, Hitler werde ihnen den Rückhalt im Volk verschaffen, den sie selbst nicht zu erlangen vermochten.

Dabei zeigten sich die konservativen Steigbügelhalter dem braunen Parteichef so wenig gewachsen, dass es systematischer Diktaturpläne, wie oft unterstellt wurde, gar nicht bedurfte. Hitler war kein Politiker im herkömmlichen Sinne, sondern ein Revolutionär. Charismatisch, an Skrupellosigkeit und Machtinstinkt den Papens dieser Welt unendlich überlegen.

Und doch ergriff er die Macht nicht, wie seine Propagandisten später behaupteten. Sie wurde ihm übertragen. Am Abend des 28. Januar 1933 stimmte Hindenburg dem Drängen seiner Entourage zu - offenbar ermattet von den monatelangen Regierungskrisen und voller Hoffnung, dass Hitler eine starke, geeinte Rechte zustande bringen werde.

Zwei Tage später ernannte er den braunen Parteichef zum Reichskanzler.

Die NSDAP stellte zwei von insgesamt elf Ministern - Wilhelm Frick (für Inneres) und Hermann Göring (ohne Geschäftsbereich), der weiterhin Reichstagspräsident blieb. Papen, inzwischen aus dem Zentrum ausgetreten, wurde Vizekanzler, DNVP-Chef Hugenberg Superminister für Wirtschaft und Ernährung.

Der neue Kanzler regierte ein zermürbtes Gemeinwesen. Das Ausmaß lässt sich daran erkennen, dass 1932 mehr als die Hälfte der Wähler für NSDAP und KPD gestimmt hatten - für Parteien also, die sich blutig bekämpften und deren Führungen politische Morde guthießen. Heute würde solchen Politikern Gefängnis drohen, damals kamen sie in den Reichstag.

Es war wie mit dem Antisemitismus oder Hitlers offen in seiner programmatischen Schrift "Mein Kampf" geäußerten Kriegsplänen: Die meisten wählten Hitler nicht wegen seiner Judenfeindschaft (oder seiner Bereitschaft zur Gewalt), aber es hielt sie auch nicht davon ab. Die Weimarer Republik war eben eine Demokratie ohne ausreichend Demokraten.

Bei allem Niedergang hatte der Staatsapparat unglücklicherweise seine Leistungsfähigkeit bewahrt. Den Nazis fiel eine immer noch gut geölte, der jeweiligen Obrigkeit ergebene Maschinerie in die Hände. In den Absprachen mit seinen Koalitionspartnern von der DNVP beharrte Hitler weitsichtig darauf, dass sein Adlatus Göring Reichskommissar für das preußische Innenministerium wurde. Damit sicherten sich die Nazis den Zugriff auf die preußische Polizei, die wichtigste bewaffnete Formation nach der Reichswehr.

Göring besetzte sofort die oberen Ränge mit Getreuen. Für eine derartige Umsetzung der braunen Revolution fand sich bald ein Begriff, der aus dem Fachwortschatz der Elektrotechnik stammte: Gleichschaltung.

Thema Nummer eins war nun für Hitler die Auflösung des Reichstags und Neuwahlen. Mit der Staatsmacht im Rücken glaubte er an eine absolute Mehrheit. Und dann wollte er im Parlament ein Ermächtigungsgesetz durchsetzen, mit dem die Abgeordneten sich selbst entmachteten: Gesetzgeber sollte künftig die Regierung sein.

Gleich in der ersten Kabinettssitzung wies Hitler die Marschrichtung an: "Die nun bevorstehende Wahl zum Reichstag solle die letzte Neuwahl sein. Die Rückkehr zum parlamentarischen System sei unbedingt zu vermeiden" - so steht es im Protokoll. Hindenburg löste den Reichstag auf. Neuwahltermin: 5. März.

Oberflächlich betrachtet wirkten die ersten Schritte Hitlers legal. Die Fassade des normalen Lebens blieb bestehen, berichtete später der Publizist und Zeitzeuge

Sebastian Haffner. Man ging ins Theater oder tanzen, die Kinos und Cafés waren gut besucht.

Zugleich - nicht zu übersehen und doch im Hintergrund - wirkte der Terror. Schon in den ersten Wochen wurden linke Regimegegner zusammengeschlagen, gefoltert und sogar ermordet.

Göring forderte die preußische Polizei zum "fleißigen Gebrauch der Schusswaffe" auf. Und damit das auch geschah, ernannte er 25 000 Mitglieder der SA (Sturmabteilung), einer paramilitärischen Eingreiftruppe der NSDAP, in einem wahnwitzigen, aber für die Zeit typischen Verwaltungsakt zu preußischen Hilfspolizisten. Noch einmal so viele Schläger in den Reihen der Freunde und Helfer kamen vom deutschnationalen Kampfverband "Stahlhelm" und aus den Reihen von Hitlers persönlichem Schutzkommando, der SS - alle trugen weiße Armbinden, eine Farbe, die diesmal jedoch mitnichten die Farbe der Kapitulation war. Für den Fall der Fälle standen 400 000 SA-Männer bereit.

Und dann kam am 27. Februar die Nachricht, dass in Berlin das Reichstagsgebäude brannte (SPIEGEL 15/2001). Ein holländischer Anarchokommunist, ein schmächtiger Mann mit wilden Locken, der Marinus van der Lubbe hieß, hatte gezündelt. Nach allem, was man heute weiß, handelte er allein. Van der Lubbe wurde dafür zum Tode verurteilt - ein barbarisches Urteil, das kürzlich aufgehoben worden ist. Der Brand sollte, so der Holländer, ein "Symbol für einen gemeinsamen Aufstand gegen die Ordnung des Staates" sein. Van der Lubbe starb 1934 unter dem Fallbeil.

Hitler und Göring wussten die Flammen sogleich für ihre Zwecke zu nutzen. "Das ist ein gottgegebenes Zeichen, Herr Vizekanzler!", behauptete Hitler Papen gegenüber. "Wenn dieser Brand, wie ich glaube, das Werk der Kommunisten ist, dann müssen wir diese Mörderpest mit eiserner Faust vernichten."

Noch in der Brandnacht verhafteten Polizei und SA Kommunisten, Sozialdemokraten und andere Linke. SA-Männer schlugen ihre Opfer zusammen, folterten manche zu Tode.

Am Tag nach dem Brand trat die "Verordnung zum Schutz von Volk und Staat" in Kraft - ein Freibrief für braune Schergen, der wesentliche Grundrechte der (formal weiterexistierenden) Weimarer Verfassung außer Kraft setzte. Fortan konnte jeder ohne Anklage und Beweise verhaftet werden, konnten Wohnungen durchsucht, Briefe geöffnet, Telefonate abgehört und Zeitungen zensiert werden. Fortan befand sich das Land in einem permanenten Ausnahmezustand.

Es wird gelegentlich gerätselt, warum in dieser frühen Phase niemand Hitler in den Arm fiel. Doch diese Frage verkennt die Wirkung des Terrors. Er schüchterte nämlich nicht nur ein, sondern stieß auch auf Zustimmung. Bewies Hitler damit nicht Handlungsfähigkeit? Zeigte er damit den Kommunisten nicht ihre Grenzen?

Bei der Reichswehr, dem Machtfaktor schlechthin in Deutschland, teilten viele Offiziere Hitlers Hass auf die Linke. Der neue Kanzler hatte bei einem geheimen Treffen mit hohen Reichswehroffizieren Anfang Februar 1933 die "Ausrottung des Marxismus mit Stumpf und Stiel" versprochen. Er lockte zugleich mit einem Ausbau der Streitkräfte und stellte die allgemeine Wehrpflicht in Aussicht, was gegen den Versailler Vertrag verstieß.

Da nahmen es die Militärs ohne Widerspruch hin oder begrüßten es sogar, dass der Regierungschef die "Eroberung neuen Lebensraumes im Osten und dessen rücksichtslose Germanisierung" ankündigte. Wer nur ein bisschen Vorstellungskraft besaß, wusste: "Lebensraum" im Osten konnte nur durch Krieg gewonnen werden.

Schwieriger fällt die Antwort auf die Frage, warum Millionen Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter nicht in einen Generalstreik traten?

Sicher ist, dass Hitler einen solchen Ausstand fürchtete.

Allerdings war fraglich, ob angesichts der Massenarbeitslosigkeit genügend Beschäftigte die Arbeit niederlegen und ihren Job riskieren würden.

Auch fiel es den Sozialdemokraten schwer, eine auf den ersten Blick legale Regierung zu stürzen. All die Jahre hatte man die Verfassung gegen die Radikalen von links und rechts verteidigt.

Vor allem aber schienen die Chancen auf einen Erfolg gering: Hitlers Privatarmeen und die ihm loyalen Teile der Polizei hätten mit großer Wahrscheinlichkeit unter den Streikenden ein Blutbad angerichtet.

Man muss sich die Proportionen vor Augen führen: Noch zählten die Opfer der Nazis nicht nach Millionen, sondern nach Hunderten. Da wirkte die Aussicht auf einen Generalstreik mit den dann vermutlich Zehntausenden Toten als das größere Übel. Und so unterblieb der große Aufstand.

Am 5. März 1933 eilten die Deutschen zur Urne, Wahlbeteiligung: 88,8 Prozent. Es waren die letzten halbwegs freien Wahlen für ein gesamtdeutsches Parlament bis 1990. Die NSDAP, im Wahlkampf inzwischen von der Großindustrie massiv gefördert, kam auf für sie enttäuschende 43,9 Prozent; SPD und KPD erzielten immerhin insgesamt mehr als 30 Prozent.

Später wurde mit Blick auf dieses Ergebnis oft kolportiert, nie habe eine Mehrheit der Deutschen Hitler gewählt. Aber Hitlers deutschnationale Koalitionspartner erhielten acht Prozent, und das reichte zusammen für mehr als die Hälfte der Mandate.

Nun riss der braune Kanzler handstreichartig die Regierungsgewalt in den Ländern des Reiches an sich. Nur auf Preußen hatte er bis dahin direkten Zugriff gehabt, weil es seit 1932 der Reichsregierung unterstand.

SA- und SS-Truppen marschierten auf, umlagerten Amtsgebäude; überall flatterten Hakenkreuzfahnen, Bürgermeister, Polizeipräsidenten, ganze Regierungen gaben nahezu widerstandslos auf; innerhalb von fünf Tagen wurden die Länder linientreu gemacht - wo es sein musste, mit brachialer Gewalt.

"Wir sagen nicht: Aug' um Auge, Zahn um Zahn", deklamierte der württembergische Gauleiter Wilhelm Murr. "Nein, wer uns ein Auge einschlägt, dem werden wir den Kopf abschlagen, wer uns einen Zahn ausschlägt, dem werden wir den Kiefer einschlagen."

Immer mehr Haft- und Folterstätten entstanden, mindestens 160 insgesamt, und schon bald gehörte ein böser Satz zum allgemeinen Sprachgebrauch: "Sei still, sonst kommst du nach Dachau!" Auf bis zu 100 000 Menschen schätzen Experten die Zahl der Verhafteten bis zum Sommer 1934, die Zahl der Toten lag zwischen 600 und 1000.

Nach den Märzwahlen schlug die Stunde des Joseph Goebbels, der aufgestiegen war zum Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda - einem Ressort

zur Kontrolle der öffentlichen Meinung und zur fast religiösen Überhöhung des NS-Regimes. Goebbels organisierte am 21. März in Potsdam einen Staatsakt, den "Tag von Potsdam".

In der Garnisonkirche, wo Friedrich der Große und sein Vater ruhten, ging die Hauptzeremonie vonstatten. Der Rundfunk übertrug live, die Kinder bekamen schulfrei. Hindenburg erschien in der Uniform des preußischen Generalfeldmarschalls. Hitler trug, ganz Staatsmann, einen dunklen Cutaway.

An den Gräbern der Könige wurden Kränze niedergelegt, Soldaten schossen Salut. "Dank Ihrem Verstehen, Herr Reichspräsident", predigte Hitler, sei die "Vermählung vollzogen" worden "zwischen den Symbolen der alten Größe und der jungen Kraft".

Der Propagandacoup von Potsdam sollte beweisen, dass die Hitler-Bewegung in der Tradition des Bismarck-Reiches stand. Das neue Deutschland, aufgebaut auf dem Ruhm der preußischen Vergangenheit.

Der "Tag von Potsdam" war darüber hinaus die emotionale Vorbereitung auf die Selbstentmachtung des deutschen Parlaments - durch die Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes zwei Tage später, dessen offizielle Bezeichnung "Gesetz zur

Behebung der Not von Volk und Reich" viel dramatischer klingt.

Die Reichstagssitzung am 23. März begann um 14.05 Uhr. Ein riesiges Hakenkreuz prangte einschüchternd an der Wand hinter der Rednertribüne in der Berliner Kroll-Oper, die nach dem Reichstagsbrand als Ausweichquartier diente. Männer der SA, der SS und des "Stahlhelm" bewachten die Eingänge, etliche brüllten: "Wir fordern das Ermächtigungsgesetz, sonst gibt's Zunder!"

107 Abgeordnete der SPD und der KPD fehlten - sie saßen in Haft oder hatten aus Angst um ihr Leben die Flucht ergriffen. Hitler brauchte eine Zweidrittelmehrheit, und deshalb tricksten Innenminister Frick und Reichstagspräsident Göring. Unentschuldigt fehlende Abgeordnete galten als "anwesend", ein Boykott der Sitzung hätte also nichts genützt; die KPD-Mandate wurden einfach nicht gezählt, so dass sich die "gesetzliche Mitgliederzahl" des Reichstags um 81 verminderte.

Dennoch blieb die Koalition aus NSDAP und Hugenbergs DNVP abhängig vom Verhalten des Zentrums und der Bayerischen Volkspartei, den innerlich zerrissenen Parteien des politischen Katholizismus. Als Hitler versicherte, die Rechte der christlichen Religionsgemeinschaften würden nicht angetastet, durfte er sich dieser Stimmen sicher sein.

Um 18.16 Uhr trat der SPD-Vorsitzende Otto Wels ans Mikrofon, es war das letzte öffentliche Bekenntnis zur Demokratie.

Wels sprach ruhig, bedacht, und er ließ sich nicht ablenken vom Gelächter der Nazis, das immer wieder im Sitzungsprotokoll vermerkt ist. Der Sozialdemokrat bekannte sich "in dieser geschichtlichen Stunde feierlich zu den Grundsätzen der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Sozialismus". Und er ging den Regierungschef an: "Kein Ermächtigungsgesetz gibt Ihnen die Macht, Ideen, die ewig und unzerstörbar sind, zu vernichten."

Hitler schäumte vor Wut, auf dem Weg zum Rednerpult stieß er seinen Vize Papen, der ihn zu besänftigen suchte, heftig beiseite. "Ich will auch gar nicht, dass Sie dafür stimmen", schrie er in Richtung Sozialdemokraten. "Deutschland soll frei werden, aber nicht durch Sie!"

Wels musste bald darauf fliehen und starb 1939 in Paris.

444 Abgeordnete stimmten schließlich für das Ermächtigungsgesetz, eine ganz breite Mehrheit, darunter der spätere Bundespräsident Theodor Heuss. Es gab nur

94 Gegenstimmen von den Sozialdemokraten.

Die Gleichschaltung erfasste nun schnell alle Bereiche der Politik und des sozialen Lebens, und mit Hitlers Machtantritt war der Antisemitismus, die rassistisch begründete Feindschaft den Juden gegenüber, Staatsdoktrin geworden. Am 1. April 1933 organisierte die NSDAP eine reichsweite Aktion gegen jüdische Kaufleute, Ärzte und Anwälte - "Deutsche! Wehrt Euch!" lautete die Parole des Boykotts, der allerdings schon bald wegen zu geringer Resonanz und außenpolitischen Drucks abgebrochen wurde.

Vom 7. April an galt das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums", das im Widerspruch zu seinem Wortlaut unliebsame Beamte aus dem Staatsdienst warf, vor allem Juden und politische Gegner. Sie wurden ersetzt durch NS-Parteigänger. Ein neuer Begriff machte die Runde: "Arierparagraph". Darin hieß es wörtlich: "Beamte, die nicht arischer Abstammung sind, sind in den Ruhestand zu versetzen."

Der Kult um Hitlers Person nahm nun Formen an, die selbst die Verehrung des Reichsgründers Bismarck bei weitem übertrafen. Hitler befriedigte die in der politischen Kultur der Deutschen damals tief verankerte Sehnsucht nach einem starken

Staat und stabilen Verhältnissen, was paradoxerweise zugleich blutige Veränderungen bedeutete, freilich nur für eine Minderheit.

Etliche Bürgermeister trugen dem Kanzler die Ehrenbürgerschaft an, Straßen und Plätze wurden nach ihm benannt, der historische Nürnberger Hauptmarkt hieß bald schon Adolf-Hitler-Platz, ein See bei Oppeln Hitlersee und ein ganzer Ort - nämlich Sutzken in Ostpreußen - Hitlershöhe. Die NSDAP verhängte eine Aufnahmesperre, weil der Andrang so groß war. Die Gleichschaltung in vielen Organisationen, Institutionen, Berufsverbänden, Körperschaften, Vereinen erfolgte "größtenteils freiwillig und bereitwillig" - so lautet das bittere Urteil des Historikers Kershaw. Triumph des Wahns.

Zeitzeuge Haffner sprach später von einem "Nervenzusammenbruch", der zumindest einen Teil der Deutschen im Frühjahr 1933 ereilte: "Man begann mitzumachen, zunächst aus Furcht. Nachdem man aber einmal mitmachte, wollte man es nicht mehr aus Furcht tun - das wäre ja gemein und verächtlich gewesen. So lieferte man die zugehörige Gesinnung nach. Dies ist die seelische Grundfigur des Sieges der nationalsozialistischen Revolution."

Es gab auch eine materielle Grundfigur. Die Säuberungen schufen überall Platz und Aufstiegschancen für eine neue Elite, die nicht vergaß, wem sie ihr Fortkommen verdankte.

Und dann fielen Hitler die Früchte fremder Arbeit in den Schoß: Seine Mitarbeiter griffen auf Arbeitsbeschaffungsprogramme zurück, für die sogar schon Haushaltsmittel bereitgestellt worden waren. Zugleich zog die Konjunktur an, unabhängig von den Nazis.

Das Ergebnis: Die Zahl der Arbeitslosen sank von 6 Millionen im Februar 1933 über 5,3 Millionen im Mai, 4,5 Millionen im August auf 3,7 Millionen im November. Noch Jahre später schwärmten Zeitzeugen von den sogenannten guten Jahren der NS-Diktatur.

Gängiges Zeichen der Anpassung wurde der zum Hitlergruß ausgestreckte rechte Arm (übernommen von Italiens Faschisten). Für alle Beamten wurde er Mitte Juli 1933 Pflicht. Wer wegen einer körperlichen Behinderung den rechten Arm nicht zum "Deutschen Gruß" heben konnte, der musste es mit dem linken tun. Zwei Worte und ein Ausrufungszeichen - "Heil Hitler!" - bildeten das äußerliche Signum dafür, dass aus Deutschland ein Führerstaat geworden war.

Ein Problem freilich galt es für den Diktator noch zu bewältigen, ein großes Problem. Da war die mächtige, 1934 auf vier Millionen Mann angewachsene Parteiarmee SA, deren Chef Ernst Röhm, einer der wenigen, mit denen sich Hitler duzte, immer massiver nach oben drängte. Röhm sah in der SA die eigentliche Armee des nationalsozialistischen Staates und fühlte sich als zweiter Mann.

Doch da war die wirkliche Armee, die Reichswehr, die alle militärischen Ambitionen der SA als Anmaßung empfand. Sie unterstand Reichspräsident Hindenburg, und in der Funktion als Oberbefehlshaber wollte Hitler den Präsidenten beerben - schließlich brauchte er die Reichswehr für seine expansionistischen Ziele.

Monatelang zögerte Hitler, es waren die kritischsten seines Regimes. Entschied er sich gegen die Reichswehr, riskierte er eine Diktatur der Militärs. Entschied er sich gegen die SA, schien eine Rebellion seiner Anhänger möglich.

Im Sommer 1934 schlug Hitler zu. Wie ein Ganove in einem Schurkenstück.

Für den 30. Juni ordnete er eine Besprechung im oberbayerischen Bad Wiessee an, wo sich Röhm und einige Gefährten im Hotel Hanslbauer aufhielten.

Frühmorgens tauchte Hitler im Hotel auf, hinter sich zwei Kripo-Beamte mit entsicherter Pistole. Röhm schlief noch. Hitler schrie, so schilderte es sein Fahrer Erich Kempka: "Röhm, du bist verhaftet!" Schlaftrunken stammelte der: "Heil, mein Führer!"

Röhm wurde in ein Gefängnis nach München geschafft und dort ermordet. Auch etliche Anhänger des obersten SA-Mannes ließ Hitler liquidieren, die Mörder verkündeten den Opfern: "Sie sind vom Führer zum Tod verurteilt worden. Heil Hitler!" Ohne Leitung war die SA handlungsunfähig.

In Berlin leitete Göring die Blutaktion gegen die SA (Deckname "Kolibri") - und erweiterte sie gegen "die Reaktionäre", wie Papens Gefolgsleute inzwischen im Nazi-Jargon hießen. Dessen Pressesprecher wurde ebenso getötet wie dessen Redenschreiber, ein Schriftsteller; Hitlers Vorgänger Schleicher: erschossen, ebenso wie dessen Frau und ein Vertrauter, der Generalmajor Ferdinand von Bredow.

Die Bilanz des ersten Massenmordes im "Dritten Reich": mindestens 85 Tote, möglicherweise sogar 200.

Das Ermächtigungsgesetz erlaubte Hitler, im Nachhinein das Blutbad zu legalisieren und auf diese Weise zu demonstrieren, dass in Deutschland die Willkür des Diktators nun ausschließlich galt. Die Regierung erließ ein Gesetz mit nur einem Paragrafen: "Die zur Niederschlagung hoch- und landesverräterischer Angriffe am 30. Juni, 1. und 2. Juli 1934 vollzogenen Maßnahmen sind als Staatsnotwehr rechtens."

Der Beifall der meisten Bürger war Hitler gewiss. Die oft arroganten, aufsässigen und gewalttätigen SAler störten und ängstigten sie. Deshalb nimmt es nicht wunder, dass niemand aufbegehrte gegen die Tyrannei, die Kirchen nicht und auch die Reichswehr nicht, obschon zwei ihrer Generäle zu den Opfern zählten. Die Armee unterstützte, ganz im Gegenteil, die Mordaktionen gegen die Konkurrenz und akzeptierte Hitlers Begründung, er sei des "deutschen Volkes oberster Gerichtsherr".

So wurde die Führung der Armee zum Komplizen eines Unrechtsstaates, und Reichswehrminister Werner von Blomberg verkündete die Absicht, "unmittelbar nach dem Ableben des Herrn Reichspräsidenten die Soldaten der Wehrmacht auf Hitler zu vereidigen". Hindenburg starb am 2. August 1934.

Tags zuvor hatte Hitler das Amt des Reichspräsidenten qua Gesetz abgeschafft und ein anderes für sich geformt - "Führer und Reichskanzler". Jetzt war er alles, höchster Soldat, höchster Richter, Chef der Regierung, Oberhaupt des Staates, totalitärer Diktator - mit Millionen begeisterten Deutschen hinter sich.

Das Fundament war gelegt.

61 Monate später verwirklichte Adolf Hitler seine Vision; im September 1939 eröffnete er den Zweiten Weltkrieg, bald darauf begann er den Holocaust. Das Ergebnis: über 60 Millionen Tote und ein zerstörter Kontinent.

GEORG BÖNISCH, KLAUS WIEGREFE

* Mit Formationen von Schutzpolizei und Reichswehr vor dem Preußischen Landtag am 18. Mai 1933.* SS-Gruppenführer Kurt Daluege und SS-Chef Heinrich Himmler, in Döberitz 1933.

DER SPIEGEL 3/2008
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