21.01.2008

LANDWIRTSCHAFTKreislauf der Angst

Kanzlerin Merkel hat vor den vielen Gegnern der grünen Gentechnik kapituliert. Forscher und Pflanzenzüchter fürchten, dass ausgerechnet Gentechnik-Großkonzerne profitieren.
Im Kloster ist die Hölle los. Gerade haben die Benediktinermönche von Plankstetten noch seelenruhig zu ihrem Herrgott gebetet, der "alles, was lebt, nach Gefallen" sättigt. Nun drängelt sich bei ihnen das Volk: Hunderte Bauern, Bürgermeister und andere Bayern sind hierhergepilgert. Sie alle eint das Anliegen, den Teufel von den Äckern zu vertreiben.
"Eigentlich streben wir gar keine politische Rolle an", sagt Pater Beda Sonnenberg und lächelt versonnen. Die Menschen hier sind gekommen, um einen 77 Jahre alten Mann aus Kanada zu hören. Percy Schmeiser ist einer der weltweit bekanntesten Aktivisten gegen die grüne Gentechnik, frisch geehrt mit dem "Right Livelihood Award", der als "alternativer Nobelpreis" vermarktet wird.
Eineinhalb Stunden lang erzählt Schmeiser von seinem Kampf gegen Monsanto, den Agrar-Großkonzern, und vom Gentech-Kraut, das den Boden verseuche und Zwietracht zwischen den Bauern säe: "Wenn man einmal mit der Gentechnik anfängt, kann man nie mehr Biolandbau betreiben, man kann nie mehr zurück."
Der Saal bebt vor Empörung - und vor Entzücken darüber, hautnah den leibhaftigen David zu erleben, der es mit dem Gentechnik-Goliath aufnimmt. Am Ende stimmen die Zuhörer die Bayernhymne an, umgedichtet zur Warnung vor der "genverseuchten Au".
Den Part des Goliath spielt in Deutschland aber eher das Volk. Eine breite Mehrheit lehnt gentechnisch veränderte Lebensmittel kategorisch ab. Ein Gen von einer Art auf die andere zu übertragen, das gilt vielen Menschen als widernatürlich.
Am selben Ort, an dem nun die Bauern den Widerständler aus Kanada bejubeln, erlebte auch Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer seine Bekehrung. Seit langem schon kommt er zu "Besinnungstagen" ins Kloster Plankstetten. Das Gespräch mit den Mönchen, erzählt er, habe ihn eines gelehrt: "Wir dürfen dem Herrgott nicht ins Handwerk pfuschen."
Manch einem Wissenschaftler fällt es schwer zu begreifen, welcher Pfusch gemeint ist. Mühen sich die Züchter nicht seit Jahrtausenden, Weizen, Mais und Bohnen genetisch zu verändern? Werden zur Zucht neuer Merkmale nicht Pflanzen bestrahlt und chemisch mutiert? Und schleusen in der freien Natur nicht Viren und Bakterien ihre Gene in Pflanzenzellen ein?
Ein Vierteljahrhundert ist es her, dass Jeff Schell vom Kölner Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung eine neue Ära der Landwirtschaft eröffnete: Als einer der Allerersten erzeugte er gentechnisch veränderte Pflanzen. Inzwischen stehen weltweit auf über 100 Millionen Hektar Ackerland Gentech-Pflanzen. Auf Deutschland allerdings entfielen davon im vergangenen Jahr gerade einmal 2700 Hektar.
Das, hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel versprochen, müsse sich ändern. Die Physikerin war entschlossen zur Abkehr von der Gentechnik-Phobie; sie wollte das Schwarzweißdenken durchbrechen und irrationale Ängste der Deutschen besänftigen. Vor allem aber wollte die Kanzlerin verhindern, dass einmal mehr Wissenschaftler an deutschen Instituten in der Grundlagenforschung führen, mit ihren Ergebnissen aber in Amerika Geld verdient wird.
Keiner dieser Vorsätze hatte Bestand. Wenn am kommenden Freitag der Bundestag nach langem Ringen neue Regeln für den Anbau genveränderter Pflanzen festlegt, wird nichts mehr übrig sein von ihren Versprechen. "Ich habe dieses Gesetzesprojekt um 180 Grad gedreht", darf sich ihr Landwirtschaftsminister nun brüsten.
"In einigen Punkten ist es jetzt sogar strenger als unter meiner Vorgängerin Renate Künast."
Für kleinere und mittlere Betriebe kommt das Gesetz einem Verbot der Gentechnik nahe. Zwar mögen Pflanzen aus dem Genlabor, die eigene bakterielle Abwehrgifte gegen Schädlinge herstellen oder im Gegensatz zu Wildkräutern einem speziellen Herbizid widerstehen, aus der Sicht manches Bauern Vorteile bieten. Doch schwerer wiegt die Angst, verklagt oder attackiert zu werden.
Weil Pollen, Samen und andere Pflanzenteile grundsätzlich mobil sind und beim Nachbarn landen könnten, muss der Landwirt jeden Anbau genveränderter Pflanzen bei den Behörden anmelden und im Internet seine Flächen auch radikalen Gentechnik-Gegnern offenlegen. Er muss einen "Sicherheitsabstand" von bis zu 300 Metern zu den Nachbarn einhalten und diese zudem entschädigen, wenn sie ihre Ernte nicht mehr als gentechnikfrei verkaufen können - und zwar selbst dann, wenn der Pollen gar nicht von seinem Feld stammt.
Die scharfen Vorschriften wirken umso bemerkenswerter, als die Bundesregierung handfeste Gefahren durch geprüfte Gentechnik nicht kennt. Mehrere ihrer Institute sind darauf spezialisiert, Risiken aufzuspüren. Trotz millionenschwerer Investitionen blieb die Suche jedoch weitgehend ergebnislos. Nicht um Sicherheit im Wortsinn geht es, sondern um "Wahlfreiheit". Zum Mehrwert von Produkten aus dem boomenden Biolandbau zählt, dass sie ohne Gentechnik hergestellt sind.
Auf diese Weise schließt sich der Kreislauf der Angst, in dem Gentechnik-Freiheit zum Selbstwert wird. Als "kontaminiert" gilt ein Feld schon dann, wenn die Ernte mehr als 0,9 Prozent gentechnisch verändertes Erbgut aufweist - was Ökobauern und Umweltgruppen immer noch nicht weit genug geht. Sie sähen am liebsten Grenzwerte nahe der Null.
Für viele Wissenschaftler, darunter Mark Stitt, Direktor am Max-Planck-Institut für Molekulare Pflanzenphysiologie in Potsdam, ist der restriktive Kurs fatal. Die 335 Mitarbeiter aus aller Welt, die hier arbeiten, wollen die komplexen Gennetzwerke von Pflanzen durchdringen und Kulturpflanzen auf die Umbrüche des 21. Jahrhunderts vorbereiten. "Mit dem neuen Gentechnik-Gesetz wird das Schwarzweißdenken auf die Spitze getrieben", sagt der Biochemiker mit dem wallenden blonden Haar. Stitt plädiert, gerade weil er wissenschaftlich Pflanzen-Gentechnik betreibt, für eine selbstkritische Haltung von Firmen und Forschern: Man dürfe der Öffentlichkeit keine Wunder durch Gentechnik versprechen und müsse Risiken ernst nehmen. Herbizidresistente Sorten zum Beispiel brächten den Landwirten zwar Vorteile, doch könnten sie auch, falsch eingesetzt, zur Verödung von Feldern mit großen Monokulturen führen.
Für einen großen Fehler aber hält er es, die grüne Gentechnik als Ganzes zu diskriminieren, wie es das neue Gesetz tue. Profitieren könnten ausgerechnet die Lieblingsgegner der Gentech-Feinde: "Erst durch den restriktiven Kurs können Genpatente und Know-how in den Händen weniger Großunternehmen landen, denn Universitäten und kleine Pflanzenzuchtfirmen werden die hohen gesetzlichen Hürden am schlechtesten nehmen", sagt Stitt. Die Welternährung mit Biolandbau allein zu leisten, hält er wegen deutlich geringerer Erträge für unmöglich: "Inmitten von Klimawandel, Verstädterung und Bevölkerungswachstum werden wir noch froh sein, wo nötig auch zu gentechnischer Pflanzenzucht greifen zu können."
Auch Philip von dem Bussche, Vorstandssprecher der KWS Saat, eines traditionsreichen niedersächsischen Pflanzenzuchtbetriebs, will die Gentechnik nicht mit der Brechstange durchsetzen. "Wir müssen uns das Vertrauen der Bevölkerung erarbeiten", sagt er. Dazu gehöre zum Beispiel, dass Landwirte nicht in Abhängigkeiten geraten dürften, sondern sich jedes Jahr neu für das beste Saatgut entscheiden könnten. Wie Stitt sieht auch der KWS-Manager die Gefahr, dass von dem neuen Gesetz vor allem die ganz Großen profitieren: "Wir müssen verhindern, dass die biologische Vielfalt in die Hände weniger gerät, denn das würde der ganzen Pflanzenzucht erheblich schaden."
Schon sehen sich die Potsdamer Max-Planck-Forscher gezwungen, alle Freilandexperimente mit genveränderten Pflanzen vorerst abzublasen. Die finanziellen Risiken sind ihnen zu unkalkulierbar. Die KWS dagegen will im Frühjahr trotzig ihren ersten Versuch in Deutschland seit sechs Jahren starten. "Wir werden das neue Gesetz austesten und herbizidresistente Zuckerrüben anbauen. Bei denen ist die Wahrscheinlichkeit einer Auskreuzung minimal", sagt von dem Bussche.
Mit Hilfe der Rüben könnten europäische Bauern künftig Bioethanol gewinnen, effizient genug, um sich auf dem Weltmarkt auch gegen das Zuckerrohr der Brasilianer zu behaupten. In anderen Labors arbeiten Gentechniker ebenfalls daran, Biospritquellen für die Treibhauszukunft zu entwickeln (siehe Seite 62).
Doch solche Argumente dringen nur selten bis in die Berliner Machtzentralen - und auch nicht zu den Gentechnik-Gegnern im Kloster Plankstetten. Einen Pflanzenzüchter, der die Gentechnik-Diskussion von seiner Warte aus erläutern würde, haben die 17 Benediktinermönche noch nicht zu sich eingeladen. "Das erschien uns nicht nötig", sagt Pater Beda.
CHRISTIAN SCHWÄGERL
Von Christian Schwägerl

DER SPIEGEL 4/2008
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