21.01.2008

FILME„Vielleicht eine Hollywood-Religion“

Frank Schirrmacher, 48, Mitherausgeber der „FAZ“, über Vorwürfe, er habe sich von Tom Cruise instrumentalisieren lassen
SPIEGEL: Wenn es um Tom Cruise geht, sind Sie sehr euphorisch. Hat das Ihren kritischen Blick auf Cruise' Scientology-Mitgliedschaft getrübt?
Schirrmacher: Euphorisch sind Millionen von Menschen: Cruise wurde so zu einem der erfolgreichsten Schauspieler der Filmgeschichte. Wenn er Stauffenberg spielt, ist das ein Ereignis. Doch er macht in Verbindung mit dem Film "Walküre" keine Sektenpropaganda. Daher ist es unangemessen, seine schauspielerische Leistung nach religiösen Vorlieben zu beurteilen.
SPIEGEL: Haben Sie sich mit Scientology jemals beschäftigt?
Schirrmacher: Man muss kein Insider sein, um die Vorwürfe gegen diese Organisation zu kennen: dass da Menschen abhängig gemacht und ausgenutzt werden, dass ihnen das Geld aus der Tasche gezogen wird. Scientology ist erkennbar purer Obskurantismus. Vielleicht ist es eine Hollywood-Religion, jedenfalls mag ich diese Organisation nicht.
SPIEGEL: Im "Stern" sagt Cruise-Biograf Andrew Morton, der Film sei ein "trojanisches Pferd", mit dem Cruise ein paar "gutgläubige Intellektuelle" hierzulande für sich einspanne. Der "Stern" nennt auch Sie.
Schirrmacher: Ich wundere mich allerdings, dass der "Stern" einen Morton überhaupt ernst nimmt. Die Vorstellung, dass dieser Film das Auftragswerk einer Sekte sein soll, ist abenteuerlich. Es gibt dafür keinen einzigen Beleg. Genau wie die Behauptung, dass die Cruise-Ehefrau Katie Holmes ein Kind hat, das mit dem eingefrorenen Sperma Ron Hubbards gezeugt wurde. Die eigentliche Leistung des Buchs hätte darin bestanden, solche Vorwürfe zu belegen. Es ist schade, dass dies nicht geschehen ist. Wir warten doch alle auf Beweise in dieser Sache.
SPIEGEL: Es bleibt der Vorwurf, dass Sie sich haben einwickeln lassen für ein bisschen Nähe zum großen Star.
Schirrmacher: So aufregend ist es für einen Kulturjournalisten ja nun nicht, einen großen Hollywood-Star zu interviewen. Das Drehbuch stammt von einem Katholiken und "Oscar"-Preisträger. Der Regisseur ist Jude, ein Co-Produzent ist Jude, der Marketingmann ist Katholik. Das sind die Fakten, an die ich mich halte, nicht an Verschwörungstheorien.
SPIEGEL: Ihre Laudatio auf Cruise bei der "Bambi"-Verleihung fiel jedenfalls unglaublich hymnisch aus.
Schirrmacher: Eine Laudatio ist eine Hymne. "Bambi" ist kein Nobelpreis, und ich bin kein Politiker. Mir geht es um Stauffenberg, darum, wie deutsche Geschichte heute dargestellt wird, um den ersten amerikanischen Film, der den Widerstand gegen Hitler zeigen wird.

DER SPIEGEL 4/2008
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