02.02.2008

UNTERNEHMERDer Eierkrieg

Ein deutscher Gebrauchtwagenhändler zog als erster europäischer Privatinvestor in die frühere Sowjetrepublik Turkmenistan, um eine Hühnerfarm zu bauen. Seit er Erfolg hat, will die Regierung ihn zwingen, sie am Geschäft zu beteiligen - mit bizarren Methoden. Von Hauke Goos
Die Maschine, die zu Adem Dogans wichtigster Waffe geworden ist, steht in einem Flachbau, am Rand von Aschgabad, der Hauptstadt Turkmenistans. Es ist eine Eiersortiermaschine, eine deutsche "Mopack 55". "Nicht in die laufende Maschine greifen", warnt ein Aufkleber, "Quetschgefahr".
Dogan, schwarzes Haar, dichter schwarzer Schnurrbart, läuft über das Gelände seiner Farm, er will seinen Plan erläutern. Der 46-Jährige ist Hühnerzüchter, gemeinsam mit einem Partner gehört ihm die größte Geflügelfarm Turkmenistans. Sie liegt in einer Ebene, ein paar hundert Meter von der Straße entfernt, die Aschgabad mit dem Kaspischen Meer verbindet. Im Osten schimmern die marmorweißen Neubauten der Hauptstadt, im Süden beginnt, hinter kahlen Bergen, Iran.
1998 kam Dogan aus Deutschland nach Turkmenistan, er war damals der erste europäische Privatinvestor in dem zentralasiatischen Land. Es ist gut möglich, dass er auf lange Zeit der einzige bleibt.
Dogan hasst es zu scheitern. Irgendwann kam er deshalb auf die Idee mit der Eiersortiermaschine. Normalerweise ist es ihr Job, Eier so in Eierpappen abzusetzen, dass keines zu Bruch geht. Jetzt soll ihm die Maschine helfen, die Regierung Turkmenistans in die Krise zu stürzen.
Er ist nun vor der Halle angekommen, in der die Eiersortiermaschine arbeitet. Dogan öffnet die Tür, schlüpft hinein und sieht zu, wie die Eier auf einem Förderband aus den angrenzenden Hallen heranruckeln: ein dichter, nie abreißender weißer Strom.
Im Innern der Maschine werden die Eier von kleinen Greifern gepackt, auf die andere Seite getragen und dort behutsam in graue Eierpappen abgelegt: sechs Stück in jede Reihe, fünf Reihen pro Pappe, 20 000 Eier pro Stunde.
Normalerweise werden die gefüllten Pappen gesammelt, auf Lastwagen geladen und so schnell wie möglich im ganzen Land verkauft, an Kleinhändler, Supermärkte oder Hotels. Seit ein paar Tagen, sagt Dogan, lasse er die Pappen nicht mehr ausliefern, sondern in diesem Lagerraum stapeln. 30 Eier pro Pappe, 20 Pappen pro Stapel, 15 Stapel pro Reihe, 20 Reihen auf jeder Seite des schmalen Gangs.
Dogan lächelt. Vier, fünf, vielleicht sechs Tage lang werde er keine Eier mehr verkaufen. Nicht in Aschgabad, nicht in den umliegenden Städten und Dörfern. Nicht ein einziges Ei.
Der Präsident Turkmenistans, so hatte Hühnerzüchter Dogan erfahren, würde nach Brüssel reisen. Es sollte um irgendwelche Projekte gehen, offenbar hatte sich der Präsident mit beinahe jedem verabredet, der in der EU etwas zu sagen hat. Dogan beschloss, etwas Druck zu machen.
Der Präsident reist nach Brüssel, und sein Volk hat keine Eier.
Etwa 350 000 Eier stapeln sich bereits in diesem Raum, weitere 300 000 in einem zweiten. Und jeden Tag, sagt Dogan, kämen 150 000 dazu. Es ist ein Versuch. "Damit die Idioten begreifen, wie wichtig unser Unternehmen für Turkmenistan ist."
Es kann sein, dass es Dogans letzter Versuch ist. Die Regierung will seine Existenz vernichten, so sieht es jedenfalls aus. Wenn er scheitere, sagt Dogan, dann sei das auch ein europäisches Scheitern.
Wenn die Regierung Turkmenistans auch durch einen Eierboykott nicht zu beeindrucken ist, dann war alles umsonst: die Millionen, die Dogan in den vergangenen zehn Jahren in die Farm investiert hat, die endlosen Wochen fern von der Familie, die ganze Arbeit. Und der persönliche Einsatz all derer, die Dogan im Lauf der Jahre in seinen Kampf hineingezogen hat: Bundestagsabgeordnete, Diplomaten, Staatssekretäre, Minister.
Dann wäre endgültig bewiesen, dass die Idee, ausgerechnet in Turkmenistan den westlichen Kapitalismus einzuführen, ein Fehler war.
Es gibt Menschen, die halten Adem Dogan für einen Träumer. Wie konnte er glauben, ausgerechnet in Zentralasien eine private Hühnerfarm errichten zu können - in einer ehemaligen Sowjetrepublik, abgestumpft durch mehr als 70 Jahre Kommunismus, zermürbt durch Klüngelei, Misswirtschaft und Korruption?
Dogan ruft seinen Fahrer herbei, mit dem Mercedes geht es zu seinem Büro im Zentrum Aschgabads. Er schiebt eine CD in den Player und lässt sich aufs Sofa fallen. 1998, als er nach Aschgabad kam, hat Dogan einen Film drehen lassen. Er will jetzt zeigen, was in einem Land wie Turkmenistan möglich ist.
Die Idee mit den Eiern sei ihm bei einer Hochzeit gekommen, sagt Dogan. Ein Geschäftsfreund hatte ihn nach Aschgabad eingeladen, drei Tage lang feierten sie bei Schaschlik, Wodka und Musik.
"Bruder, wir müssen was machen", rief ihm der turkmenische Freund irgendwann zu. Dogan, deutscher Staatsbürger mit türkischem Geburtsort, besitzt in Leverkusen ein Autohaus, die Geschäfte liefen gut. "Was kann man hier machen?", fragte er.
Hör zu, sagte der Geschäftsfreund. Es geht um Eier. Turkmenistan braucht Eier. Viele Eier. Die Leute hier essen Eier zum Frühstück, zu Mittag, am Abend. Bisher wurden die Eier für Turkmenistan aus Iran importiert. Was hältst du davon, wenn wir in den Eierhandel einsteigen?
Am folgenden Tag zogen Dogan und sein Freund über die Märkte von Aschgabad. Sie erfragten Angebot und Bedarf, prüften Frische und Qualität, verglichen Preise.
Dogan hatte keine Ahnung von Eiern, er hatte noch nie zuvor etwas mit Hühnern zu tun gehabt. Er wusste auch nicht viel über Turkmenistan. Das Land wurde damals von Saparmurad Nijasow regiert, Dogan hatte sein Porträt überall in der Stadt gesehen. Nijasow war lange Chef der kommunistischen Partei gewesen, 1991 hatte er Turkmenistan in die Unabhängigkeit geführt.
Nijasow hatte viele Einfälle, die ihn weit über Turkmenistan hinaus bekannt machten. Er ließ sich von seinen Untertanen "Turkmenbaschi" nennen, "Vater aller Turkmenen", und benannte unter anderem einen Meteoriten, eine Meeresbucht
und eine Melonensorte nach sich. Er verbot Oper, Ballett und Zirkus, dazu Bärte, lange Haare, ausländische Zeitungen und das Rauchen in der Öffentlichkeit.
Andererseits brachte Dogan in Erfahrung, dass Turkmenistan und Deutschland kurz zuvor einen Vertrag unterzeichnet hatten, der Investitionen in der ehemaligen Sowjetrepublik schützen sollte.
"Einverstanden", sagte er. "Wir machen's." Dogan und sein Partner handelten mit dem Landwirtschaftsministerium einen Pachtvertrag für eine ehemalige Eierkolchose aus Sowjetzeiten aus, halb zerfallen, insgesamt neun Baracken auf 20 Hektar. Sie beseitigten das Unkraut, renovierten die Ställe, legten Wasserleitungen und bauten Straßen, sie pflanzten Bäume und, ganz zum Schluss, Blumen. Es war, jedenfalls aus Dogans Sicht, eine Art Paradies.
Dogan nahm Kredite auf und kaufte die notwendigen Geräte und Maschinen, für insgesamt rund 4,8 Millionen Dollar.
"Hochtechnologie, alles nach deutscher Norm", sagt er stolz.
Adem Dogan war 15, als ihn sein Vater nach Deutschland holte, aus einem Dorf in der Zentraltürkei. Er arbeitete in einer Bananenreiferei und später in einer Dosenfabrik, er schleppte Zementsäcke und träumte von einer Zukunft in Deutschland. Für ein paar Mark mehr am Tag wechselte er zu einem Automobilzulieferer nach Leverkusen, und irgendwann fing er an, mit gebrauchten Autos zu handeln. Eines Tages besaß er sein eigenes Autohaus.
Dogan war deutsch geworden, eine Art Musterdeutscher, fleißig, sparsam, der sein eigenes kleines Wirtschaftswunder erlebte.
In Turkmenistan wollte Dogan vor allem ein guter Investor sein, ein zuverlässiger und korrekter Botschafter seiner neuen Heimat. Lange Zeit glaubte er, dass es reiche, dabei keine Fehler zu machen. Es kann sein, dass das in einem Land wie Turkmenistan der falsche Ansatz war.
Vielleicht, sagte man ihm später, hätten sie gleich am Anfang mit ihren Plänen zum Präsidenten gehen sollen. Ihn um Rat bitten, wenigstens seine Meinung einholen. Nijasow trug den Ehrentitel "Diamantenkranz des Volkes". In Aschgabad steht noch immer seine vergoldete, zwölf Meter hohe Statue auf einer riesigen Säule; die Statue dreht sich mit der Sonne, damit nie ein Schatten auf das Gesicht fällt. Vielleicht hätte es Nijasow gefallen, in Dogans Pläne eingeweiht zu werden.
Aber Dogan ging nicht zu Nijasow. Mit dem Präsidenten über eine Hühnerfarm zu sprechen, die es noch gar nicht gab, sagt er heute, wäre ihm peinlich gewesen. Dogan wollte durch Leistung überzeugen. Möglich, dass dies sein erster Fehler war.
Im Frühjahr 2000 begannen sie auf der Farm mit der Produktion, zunächst mit 100 000 Hühnern. Sie kauften die Hennen in Iran, transportierten sie über die Grenze und setzten sie in die Legebatterien. Ein Käfighuhn legt im Jahr rund 300 Eier, mit jedem Ei machten sie etwa vier Cent Gewinn. Bald besaßen sie 200 000 Hühner. Der Eierhandel schien ein verdammt lukratives Geschäft zu sein.
Dogan begann zu träumen. Brauchten nicht auch die Kasachen Eier? Und die Usbeken? Und die Tadschiken? Adem Dogan, Eierkönig von Zentralasien. Alles sah plötzlich ganz einfach aus.
Mitte 2002 wurden die Nutzungsrechte für das Gelände, auf dem Dogans Farm steht, an das Militär übertragen. Kurz darauf meldete sich der damalige Parlamentspräsident bei Dogans Partner: Er wolle einen Vorschlag machen. Wie wäre es, wenn die beiden das Verteidigungsministerium an ihrer Hühnerfarm beteiligten? Zunächst zur Hälfte; nach zwei Jahren solle die Farm dann zu 100 Prozent dem Militär gehören.
Dogan war gerade in Deutschland, er flog sofort nach Aschgabad. "Ich gebe nicht einmal ein Prozent unserer Firma weg", sagte er seinem Partner. "Warum sollen wir andere Leute beteiligen?"
Wenn sie seinem Vorschlag bis zum 21. Dezember 2002 nicht Folge leisteten, ließ der Parlamentspräsident ausrichten, werde er die Farm von Soldaten umstellen und ihre Besitzer enteignen lassen.
Dogan begann, nach Verbündeten Ausschau zu halten. Er kannte einen Bundestagsabgeordneten aus Leverkusen, der jemanden im Berliner Wirtschaftsministerium kannte, jemanden an wichtiger Stelle. Neun Tage vor Ablauf des Ultimatums wandte sich der damalige Wirtschaftsminister Wolfgang Clement mit einem Brief an den Präsidenten.
Der turkmenische Vorschlag laufe "auf eine Enteignung des deutschen Investors hinaus", schrieb der deutsche Minister. Gleichzeitig warnte er vor den Folgen: Eine Enteignung würde "in der deutschen und der internationalen Wirtschaftsöffentlichkeit erhebliche Beunruhigung auslösen" und potentielle Investoren von einem Engagement in Turkmenistan abhalten.
Am 21. Dezember 2002 fuhr Dogan morgens zu seiner Farm hinaus. Er wartete ein paar Stunden. Nichts passierte. Adem Dogan hatte einen Kampf gegen die Regierung gewonnen. Aber er ahnte, dass er sich mächtige Feinde gemacht hatte.
Zwei Jahre arbeiteten sie nahezu ungestört. Dann kündigte das Verteidigungsministerium an, den Pachtvertrag aufzuheben. Außerdem wolle man sich erneut an der Farm beteiligen. Wieder lehnte Dogan ab: "Was haben Ihre Hände in meinen Taschen zu suchen?"
Noch einmal schaltete sich das deutsche Wirtschaftsministerium ein. Die Bundesregierung drohte damit, die Wirtschaftsbeziehungen zu Turkmenistan einzufrieren, die EU-Kommission erwog Sanktionen.
Ein Gebrauchtwagenhändler aus Leverkusen-Opladen, dessen Hühnerfarm eine diplomatische Krise zu verursachen drohte, der das halbe Kabinett Turkmenistans beschäftigte, um den sich der deutsche Außenminister persönlich kümmerte und nun auch die EU - der Westen hielt zu Dogan. Es ging ums Prinzip.
Ein zweites Mal gab die turkmenische Regierung nach, aber es war nur ein Aufschub, keine Lösung.
"Eine Hühnerfarm, die expandieren will, muss ihr eigenes Futter produzieren", sagt Dogan. Auf dem Bildschirm erscheint ein Feld, eine weite Brache, bestanden von mannshohem Unkraut, überall liegen Steine.
Das turkmenische Landwirtschaftsministerium hatte Dogan und seinem Partner 2004 Ackerland angeboten, insgesamt 550 Hektar. Der Boden war schlecht: viel zu viel Salz, viel zu wenige Mineralien. Dogan und sein Partner kauften gebrauchte Bagger und Traktoren, stellten 50 Leute ein, dann ließen sie Gräben ziehen, um die Erde zu entsalzen, insgesamt 48 Kilometer.
Sie waren so erfolgreich, dass ihnen der Gouverneur ein zweites Stück Land anbot, das sie urbar machen sollten, weitere 560 Hektar. Vier Unterschriften waren für einen Pachtvertrag erforderlich, drei hatten sie schnell zusammen: Kreis, Distrikt und Provinz stimmten zu.
Die vierte Unterschrift fehlte. Es handelte sich um die Zustimmung des Ministerkabinetts, aber da die Erntezeit nahte, drängte man sie zur Eile: Sie sollten schon mal anfangen, die Unterschrift sei reine Formsache.
Dogan und sein Partner machten sich an die Arbeit. Auf dem Film ist jetzt ein Mähdrescher zu sehen, der sich durch ein dichtes Weizenfeld frisst, an seinem Führerhaus flattert die turkmenische Flagge. Sie erkannten nicht, dass das Ackerland ein Köder war, dass die Regierung mit diesem Angebot eine Falle aufstellte.
Im Sommer 2006 wurde Dogans Partner verhaftet. Die Anklage lautete auf "illegalen Landerwerb", vermutlich die Rache für die Demütigung, die die Regierung zweimal hatte hinnehmen müssen.
Dogan blieb verschont; wahrscheinlich schützte ihn sein deutscher Pass. Sein Partner aber, dessen Bruder und der Vater der beiden wurden zu jeweils vier Jahren Gefängnis verurteilt, weit über den Strafrahmen hinaus. Sie sollten umgerechnet 110 000 Dollar Strafe zahlen, die gesamte Ernte, etwa 1800 Tonnen Weizen, wurde beschlagnahmt. Außerdem sollten sie alle landwirtschaftlichen Geräte der Hühnerfutterfarm abgeben, geschätzter Wert: 700 000 Dollar.
Die Falle war zugeschnappt.
Und dieses Mal machte die turkmenische Regierung offenbar Ernst. Im Jahr 2004 hatte sie bereits ein Importverbot für Lebendgeflügel erlassen. Weil Dogan keine Hühner mehr in Iran kaufen konnte, verlegte er sich darauf, Eier nach Turkmenistan einzuführen, die er dann ausbrüten ließ. Dafür allerdings brauchte er Platz; bevor die jungen Hühner selber Eier legen, müssen sie dreieinhalb Monate lang gefüttert werden.
2005 hatte Dogan deshalb mit dem Verteidigungsministerium einen weiteren Pachtvertrag abgeschlossen, über elf zusätzliche Gebäude auf einem Gelände, das unmittelbar an seine Eierfarm grenzte. Er erneuerte die Gebäude und ließ Heizungen und Wasserspender für die Küken einbauen. Irgendwann, hoffte er, würde er nicht nur Eier, sondern auch Hühnerfleisch verkaufen können.
Jetzt, nach dem Urteil gegen seinen Partner, kündigte das Ministerium den Vertrag wieder. Das Militär brauche die Gebäude selbst, hieß es. Dogan bat noch einmal die Bundesregierung um Hilfe.
Anfang November 2006 reiste Außenminister Frank-Walter Steinmeier nach Aschgabad, es ging um eine neue Zentralasien-Strategie für die Europäische Union, aber es ging auch um Adem Dogan. Weil der für Handelsfragen bis dahin zuständige Vizepremier mittlerweile in Untersuchungshaft saß, sprach Steinmeier den Fall Dogan direkt beim Präsidenten an.
Auch Clements Nachfolger im Wirtschaftsministerium, Michael Glos, schrieb noch einmal einen Brief an den Präsidenten. Er bat ihn, seinen Einfluss geltend zu machen, er warnte und warb zugleich für eine "tragfähige Lösung".
Drei Tage vor Heiligabend 2006 starb Präsident Nijasow. Dogan war gerade bei Gericht; gegen Mitternacht rief ihn ein Freund aus Deutschland an: "Herzlichen Glückwunsch", sagte er. "Der Präsident ist tot."
Zum Nachfolger wurde Nijasows langjähriger Leibarzt bestimmt. Dogan schöpfte
wieder Hoffnung. Vielleicht, dachte er, sei das Rachebedürfnis der Regierung durch das harte Urteil gegen seinen Partner gestillt. Vielleicht zeigten die wiederholten Proteste der deutschen Regierung endlich Wirkung. Vielleicht kam der neue Präsident auch zu der Einsicht, dass es Wichtigeres gebe, als ihn und seine Hühnerfarm zu schikanieren.
Im Juni kaufte Dogan in Deutschland eine gebrauchte Brutanlage, die neuen Stallgebäude für die Nachzucht waren fertig. Im August begannen Soldaten, die Mauer, die Dogan zur benachbarten Kaserne hin hatte errichten lassen, wieder einzureißen.
Dogan will zeigen, wie weit die Soldaten inzwischen mit der Zerstörung vorangeschritten sind. Er fährt zur Hühnerfarm hinaus.
Er geht hinüber zu den elf Gebäuden, die er für die Erweiterung gepachtet hatte. Vier Ställe, jeder 98 Meter lang, sind inzwischen fast vollständig abgerissen, beim fünften haben Soldaten gerade damit begonnen, das Dach abzudecken.
Er steht im weichen Spätnachmittagslicht, die Hände vor dem Bauch verschränkt, hinter ihm, etwa 150 Meter entfernt, hocken die Soldaten auf dem Dachstuhl und machen Pause.
"Sie haben mit einem kleinen Stück angefangen. Dann haben sie gewartet. Welche Reaktion kommt jetzt? Wie reagiert die deutsche Bundesregierung? Als keine Reaktion kam, haben sie weitergemacht. Jetzt gehen sie an das erste Haus, in dem Geräte sind. Sie haben das Dach entfernt. Ich bin deutscher Staatsbürger, ich zahle meine Steuern in Deutschland. Es gibt einen Vertrag, der Investitionen schützen soll. Kann man mit Deutschland alles machen?"
Dogan klettert gerade über die Trümmer seiner Hühnerställe, als plötzlich zwei Soldaten auftauchen. Sie nähern sich bis auf 50 Meter, dann bleiben sie stehen. Dogan geht auf die beiden zu.
"Was habt ihr hier gemacht?", fragt er den einen, im Rang eines Majors, und zeigt auf das abgedeckte Dach seines Gebäudes.
"Wir haben nur unseren Befehl ausgeführt."
"Wessen Befehl?", will Dogan wissen. "Das muss ein Hurensohn sein, der solche Befehle gibt."
"Ich bin nur Soldat", antwortet der Major.
"Und warum werden die Ställe abgerissen?"
"Es gibt einen Präsidentenbeschluss", sagt der Major. "Als Soldat muss ich tun, was man mir sagt."
Dogans Zukunft in Turkmenistan war nach dem Amtsantritt des neuen Präsidenten ungewisser als je zuvor geworden; fast sah es so aus, als spiele die Regierung ein Spiel mit ihm.
Als Javier Solana, der Außenbeauftragte der EU, im Oktober 2007 nach Turkmenistan reiste, erklärte auch er sich bereit, Dogans Sache beim neuen Präsidenten vorzutragen.
"Everything is okay", sagte Solana hinterher zu Dogan. Am nächsten Tag wurde Dogans Partner aus dem Gefängnis freigelassen.
Als Solana abgereist war, machten die Soldaten mit dem Abriss weiter.
Das Ackerland, das seinem Partner zum Verhängnis wurde, liegt brach. Die Fahrt dorthin durch Aschgabad geht vorbei an riesigen Hotels und Wohnhäusern aus Marmor, an kleinen Parks und Springbrunnen und am Stadion, das aus irgendwelchen Gründen Olympiastadion heißt. Vor den Regierungsgebäuden knien Frauen auf der Straße und säubern die Rinnsteine mit nassen Tüchern.
Nach ungefähr einer Stunde Autofahrt lässt Dogan auf einem Feldweg anhalten, an einem sandigen Platz, der einmal das Depot seiner Arbeiter war. In der Mitte eine Baracke, sie ist umgeben von ein paar Schleppern und Traktoren, die einmal Dogan gehört haben. Überall liegen Teile herum, Schrauben, Federn, Zahnräder, Schläuche, auf einem Reifen lagert ein kompletter Motor. Es riecht nach Öl und trockenem Gummi.
Nachdem das Gericht sein Urteil gesprochen hatte, tauchten eines Tages Abgesandte der verschiedenen Ministerien hier draußen auf und verteilten untereinander, was sie gebrauchen konnten.
Auf der Fahrt zurück nach Aschgabad entdeckt Dogan plötzlich auf einer Nebenstraße einen gelben Traktor.
"Sehen Sie", ruft er, "eine unserer Maschinen!"
Dogan kämpft, aber es sind Rückzugsgefechte. Sein Plan, die Regierung mit seinem Lieferboykott unter Druck zu setzen, ist ins Leere gelaufen. Der turkmenische Präsident war in Brüssel und hat seinen EU-Gesprächspartnern versichert, das Problem Dogan sei gelöst. In Aschgabad ging unterdessen die Zerstörung der Stallgebäude zügig voran. Dogan hielt noch ein paar Tage seine Eier zurück, dann fing er wieder an zu liefern. Es machte keinen Unterschied.
Als kurz vor Weihnachten ein Staatssekretär vom Auswärtigen Amt Aschgabad besuchte und Dogans Probleme beim Präsidenten vortrug, bekam der einen Wutanfall. Er wolle von der Hühnerfarm nichts mehr hören, rief er, die Deutschen sollten ihn nie wieder darauf ansprechen.
Vor acht Wochen hat die Regierung Dogan das Gas abgedreht. Er ist auf Gas angewiesen, seine Hühner brauchen konstante Temperaturen von etwa 20 Grad Celsius. Der Strom immerhin fließt noch. Noch legen die Hühner.
Immer häufiger fliegt Dogan jetzt ins benachbarte Usbekistan, wie Turkmenistan eine frühere Sowjetrepublik. Vor ein paar Monaten hat er dort gemeinsam mit einem usbekischen Partner eine ehemalige sowjetische Eierfarm gekauft, sie ist noch größer als die in Aschgabad. Sie haben investiert, sie renovieren, alles läuft nach Plan.
Auch von diesem Besuch gibt es einen Film, Dogans Frau hat ihn gedreht. Man sieht darauf, wie Dogan die Kolchose besichtigt, er geht durch zerfallene Ställe, über leere Flure, über einen Hof, auf dem sich der Müll stapelt.
Ende März, sagt er, wollen sie mit der Produktion beginnen.
Von Hauke Goos

DER SPIEGEL 6/2008
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