02.02.2008

BIATHLON

Lenas heile Welt

Von Hacke, Detlef

Ihr Hobby ist Stricken, ihr Vater arbeitet bei der örtlichen Raiffeisenbank: Magdalena Neuner, Deutschlands Sportlerin des Jahres, kommt aus dem beschaulichen Oberbayern. Nächste Woche verteidigt sie ihre WM-Titel. Aber wie alle Biathleten muss sie sich gegen den Doping-Generalverdacht wehren.

Die anderen Biathletinnen sind noch irgendwo im Wald unterwegs, als Startnummer vier bereits das Stadion erreicht. Steil ragen die Stehränge den Hang hinauf, die Menschenmenge hier in Oberhof überragt Magdalena Neuner, als liefe sie an einer wabernden Bergwand entlang. Die Leute hüpfen und schreien, ihr Gejohle eskortiert sie zum Schießstand.

Neuner bremst, zupft mit den Zähnen den Handschuh vom Abzugfinger, legt die Skistöcke ab, nimmt ihr Gewehr vom Rücken, öffnet dabei Visier und Lauf, entsichert, steckt das Magazin rein, alles sieht eilig aus, aber nicht hektisch. Einmal muss sie jetzt noch schießen, Stehendanschlag, fünf Schuss in schneller Folge, nicht zu zögerlich, sonst beginnen die Muskeln zu zittern und der Puls zu hämmern.

Sie steht. Die Leute schreien. Neuner stößt ein paar Atemwölkchen in die Luft, um ihren Puls zu zähmen. Langsam senkt sie ihre Waffe auf Schusshöhe.

Dann ist es still. 22 000 Menschen und kein Laut.

Ein Knall, ein metallisches Klacken, eine weiße Klappe fällt vor das schwarze Loch, "hey!", rufen die Leute, viermal geht das so, nur auf den vorletzten Schuss folgt ein hartes Pling, das Loch bleibt schwarz - "ooh!"

Das reicht für den Sieg. Auf der Videowand sieht man sie auf der Schlussrunde durch den Wald gleiten, allein und mit raumgreifenden Schritten, und als sie ins Ziel kommt, umtost vom Jubel, lächelt sie und winkt mit einem schwarz-rot-goldenen Fähnchen, während die ersten Verfolgerinnen eine Minute später keuchend in den Schnee sinken.

Neuner ist das neue Gesicht des Biathlon. Erst vor einem Jahr gewann sie, auch das in Oberhof, das erste Weltcuprennen ihrer Karriere. Einen Monat danach war sie dreifache Weltmeisterin, und wenn am kommenden Samstag im schwedischen Östersund die Titelkämpfe dieses Winters beginnen, wird sie erst 21 Jahre alt.

Sie betreibt eine Sportart, in der es in Deutschland vor Olympiasiegern, Weltmeistern und Weltcupgewinnern wimmelt - und die Einschaltquoten erreicht, dass die ARD nicht nur echte Wettkämpfe überträgt, sondern auch samstagabends das "Star-Biathlon", eine Unterhaltungsshow mit Jörg Pilawa. So groß ist der Unterhaltungswert des Biathlon geworden, dass Leute wie Schauspielerin Caroline Beil oder Fernsehkoch Johann Lafer, die man eher im Dschungelcamp vermutet hätte, zur besten Sendezeit in der Loipe herumrutschen und drauflosballern.

Magdalena Neuner sitzt in einem Flachbau der Oberhofer Biathlon-Arena, "Technikraum" steht an der Tür, um sie herum verschrammte Metallkisten, Kartons, Rechner summen leise im Schrank. Sie legt ihre Jacke zur Seite und nimmt die Strickmütze ab, das brünett gefärbte Blondhaar ist plattgedrückt, es ist ihre erste Pause nach Rennen, Fernsehinterview, Siegerehrung und Pressekonferenz. Einen Moment lang wirkt sie etwas erschöpft, dann drückt sie ihren Rücken durch, schlägt die Beine übereinander und schaut neugierig.

Sie laufen Ihre Rennen immer mit Ohrenstöpseln, warum? "Das ist eine wahnsinnige Geräuschkulisse da draußen. So fühlt es sich an, als hätte ich eine Schutzhülle um mich herum, das gibt einem schon so ein bisschen nervlichen Halt." Sie brauchen eine Schutzhülle? "Ich habe gern meine Familie um mich herum, Leute, die etwas auf mich schauen." Kurz blickt sie hinüber zum Pressesprecher des Biathlon-Teams, der in einer Ecke lehnt.

Man braucht sie nur anzutippen, und sie redet. Sie mag es, etwas preiszugeben, und seien es ein paar Auskünfte über Leben und Laufbahn, beides fest verbunden mit ihrem oberbayerischen Heimatort Wallgau.

Mit vier stellten die Eltern sie erstmals auf Bretter, mit sechs kam sie in die Langlaufgruppe des Wallgauer Skiclubs. Mit neun sagte ihr ein Freund, er gehe mal beim Biathlon-Training vorbei, "ich wusste gar nicht, was das ist", erzählt sie. "Ich fand das sehr aufregend und hatte einen Riesenspaß, das macht es mir nach wie vor, nur Langlaufen wäre mir zu langweilig."

Es kommt der Zeitpunkt, an dem sie sich zwischen Schule und Leistungssport entscheiden muss. Nach dem Realschulabschluss geht sie von der Schule ab, zum Zoll, um sich ganz aufs Biathlon zu konzentrieren. Zu der Zeit gewinnt sie die ersten ihrer sieben Junioren-Weltmeistertitel, 2004 war das.

Sie scheint aus einer heilen Welt zu kommen, in der Brüche nicht vorgesehen sind. Vater Paul arbeitet bei der Raiffeisenbank von Wallgau und leitet in seiner Freizeit die örtliche Musikkapelle. Magdalena Neuner hat drei Geschwister, alle in der Familie musizieren, sie selbst spielt Harfe und strickt, am liebsten Mützen. Sie besitzt den Motorradführerschein und schnappt sich gelegentlich Papas alte Geländemaschine. Sie wohnt nicht mehr bei den Eltern, dafür aber im Haus der Großmutter, wo sie eine Etage für sich hat. Für die Oma ist nahezu alles im Leben Gottes Wille, die Enkelin sieht das ähnlich: "Ich mach mir keinen Stress", sagt sie und lässt die Beine von der Metallkiste baumeln. "Mit der Einstellung kann ich locker bleiben."

Im Dezember erkoren die deutschen Sportjournalisten sie zur Sportlerin des Jahres, als dritte Biathletin in Folge. Was vor allem dafür spricht, dass Neuner eine eigene Note ins Spiel bringt: der Darling zu sein. Uschi Disl, 2005 gewählt, hatte nach ihrem WM-Sieg gesagt, "now can come what want", und mehr lohnt es sich über sie kaum zu erwähnen. Und Kati Wilhelm, Jahrgangsbeste 2006, ist klug und schlagfertig, aber zu kantig für einen Liebling.

Kati Wilhelm führt derzeit im Weltcup, nicht Neuner. Wilhelm trägt knallrot gefärbte Haare und Augenbrauen, und dass sich der Ton mit dem Rot ihrer Mütze beißt, ist ihr offensichtlich egal. 31 Jahre ist sie alt, und als sie einmal mit Magdalena Neuner und deren Freund ins Kino ging, "ist mir aufgefallen, dass ich von uns die Oma war", sagt sie. 2001 wurde sie erstmals Weltmeisterin, im Jahr darauf Olympiasiegerin, lange ist das nicht her. "Mittlerweile wird man mit einem Sieg ganz anders wahrgenommen. Wir Alten sind schon lange dabei, und wenn dann so 'n junges Mädel kommt, stürzen sich alle drauf. Magdalena hat mehr auszuhalten als ich damals."

Als die Weltmeisterin Neuner zurückkam ins beschauliche Wallgau, war ein Stück dieser Beschaulichkeit verschwunden. Fremde schauten bei der Familie durchs Fenster. Die Tochter hatte einen

Termin nach dem anderen, Auftritte und Interviews, bis der Vater ihr eine Pause verordnete. "Für mich war es das Wichtigste: zu lernen, nein zu sagen", sagt sie. Wenn jetzt jemand nach Wallgau reise und dort die Einwohner nach ihrer Adresse frage, "dann halten alle dicht". Nachdem sie sich von ihrem Freund, einem ehemaligen Biathleten aus Österreich, getrennt hatte, verkündete "Bild" das mit der Schlagzeile: "Gold-Lena - Liebes-Aus". Illustriert mit vier Fotos, auf dem größten läuft sie am Strand von Fuerteventura fröhlich durch die Meeresbrandung. Ihre Gemütsverfassung dürfte eine andere gewesen sein.

Dabei war das für die junge Athletin womöglich gar nicht einmal die unangenehmste Nachricht der letzten Zeit. Vergangene Woche meldeten Doping-Kontrolleure der Internationalen Biathlon Union, dass sie eine finnische Athletin positiv getestet hatten. Kaisa Varis war von den Fahndern durch eine Probe nach dem Massenstart-Wettbewerb von Oberhof erwischt worden - nach jenem Rennen, das Magdalena Neuner klar gewonnen hatte. Tage zuvor wurde in den Medien spekuliert, dass auch deutsche Biathleten Kunden eines Wiener Blutlabors gewesen sein sollen.

Sie selbst kann vieles in ihrem Dasein beeinflussen, sie kann sich von ihrem Freund trennen oder nicht, sie kann viel trainieren oder wenig, im Verborgenen leben oder öffentlich - aber sie kann kaum etwas dagegen tun, wenn andere Athletinnen dopen und einen betrugsanfälligen Ausdauersport wie Biathlon in Generalverdacht ziehen. Sie kann sich nur immer wieder testen lassen.

Vor kurzem klagte Magdalena Neuner darüber, dass sie im Sommer kein einziges Mal kontrolliert worden sei. Sie weiß, dass Doping gerade außerhalb der Wettkampfzeit nützt, weil dann im Training die Grundlagen für die Rennen geschaffen werden. Also sind unangekündigte Tests sinnvoll. Doch erst im Oktober seien endlich wieder Kontrolleure bei ihr aufgetaucht, erzählt Neuner.

"Bei den Radsportlern war im Sommer viel los, und dann hört man oft: Im Winter sind es dann die Skilangläufer und Biathleten", sagt Neuner. "Wie sollen wir denn zeigen, dass bei uns nichts läuft, wenn niemand kommt?"

Tests sind vor allem eine Frage des Geldes, im Vorjahr reichte der Etat der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) gerade für 200 Kontrollen bei 380 Skisportlern aus. Dieses Jahr kann die Nada häufiger testen, und sie wird sich auf Spitzensportler konzentrieren. Für die Athleten des Deutschen Skiverbands (DSV) sind mehr als 500 Kontrollen eingeplant. Außerdem hat der DSV eine Blutdatenbank angelegt, in der medizinische Werte gespeichert werden, die Sportler müssen einen Athletenpass führen, in dem sie alles Relevante abheften, von den Durchschlägen der Doping-Kontrollen bis hin zu Notizen über eingenommene Nahrungsergänzungsmittel.

Die Athleten wissen nun, dass ihr Blutbild detailliert analysiert werden kann. Aber es ist nur ein Schritt. Denn die Daten liegen beim DSV statt bei einer unabhängigen Instanz, die gar nicht erst in Versuchung käme, etwas zu vertuschen, wenn der Sportler vielleicht doch zu prominent gerät, um angeprangert zu werden.

Stephan Peplies betritt die Lobby eines Frankfurter Flughafenhotels, ein etwas untersetzter Mann mittleren Alters, er trägt einen dunkelgrauen Anzug und zwei Taschen in den Händen. Er setzt sich in einen der Ledersessel, zieht eine Klarsichthülle heraus und legt ein Papier auf den Tisch. "Pressemitteilung" steht da. Und, fett gedruckt: "Vermarktung der dreifachen Biathlon-Weltmeisterin Magdalena Neuner".

Er ist ihr Manager, und er ist sichtbar stolz auf das Papier, auf dem zehn Namen aufgelistet sind. Zehn Sponsoren, das ist viel für eine junge Biathletin.

"Nach ihren WM-Siegen", sagt Peplies, "hatten wir rund 80 ernstzunehmende Anfragen aus der Wirtschaft, ich betone: ernstzunehmende Anfragen. Von Unternehmen mit Marktbedeutung in ihrer Branche, mit Reputation, mit bedeutenden Marketingbudgets." Er faltet seine Hände und lehnt sich zurück.

Peplies betreut mit seiner Beratungsfirma insgesamt neun deutsche Biathletinnen, Magdalena Neuner ist sein Juwel, aber er gehört nicht zu den Managern, die ihre Klienten mit Haut und Haar an die Sponsoren verkaufen. Neuner beansprucht für sich, ihren Namen nur für Produkte herzugeben, die sie mag. Also hat sie darauf verzichtet, für viel Geld beim Energydrink-Hersteller Red Bull zu unterschreiben, weil ihr das Getränk nicht schmeckt. Stattdessen wirbt sie für Strickgarne, ein Bankhaus, einen Schuhversandhandel, ein Pflanzentonikum, Heizgeräte, solche soliden Sachen. Wenn alles gut läuft und sie wirklich zu einem Liebling der Deutschen wird, so wie Steffi Graf das geschafft hat, kann Neuner ihr Leben lang werben.

Reklame braucht Vertrauen, Reklame braucht Authentizität und Glaubwürdigkeit. Doping zerstört all das. Ein Doper ist werbetechnisch tot.

Das ist das Spannungsfeld, in dem Magdalena Neuner lebt. Kein deutscher Sportler verströmt derzeit so viel heile Welt wie Magdalena Neuner, eine unbeschwert und unverfälscht wirkende junge Frau. Andererseits dopen Biathleten, zumindest einige, das beweisen die Kontrollen, und Neuner ist nicht deshalb so erfolgreich, weil sie eine zielsichere Schützin ist, sondern weil sie schneller läuft als alle anderen. Ein reines Image zu bewahren ist schwer in Zeiten der Betrugsskandale.

Magdalena Neuner hat das neulich zu spüren bekommen, als sie im Gästebuch ihrer Fanseite einen Eintrag las: Er sei ja nur Realist, schrieb dort jemand, normal sei ihre Leistung ja nicht. "So was tut richtig weh", sagt sie trotzig. "Da denke ich mir: Für was trainiere ich das ganze Jahr, wenn mir eh keiner glaubt, dass ich sauber bin?" DETLEF HACKE


DER SPIEGEL 6/2008
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