02.02.2008

„Schmutziger, übler, blutiger“

Der US-Schriftsteller Philip Roth über amerikanische Politiker, das Leben in New York und das Schreiben im Alter, über den Abschied von seiner langjährigen Hauptfigur Nathan Zuckerman und seinen neuen Roman „Exit Ghost“
SPIEGEL: Mr. Roth, wie oft haben Sie Nathan Zuckerman, den Helden oder Erzähler vieler Ihrer Romane, schon umzubringen versucht?
Roth: (lacht) Ich weiß nicht, wissen Sie's?
SPIEGEL: Dreimal. In dem Roman "Täuschung" ...
Roth: ... oh ja, das hatte ich vergessen ...
SPIEGEL: ... und in "Gegenleben" lassen Sie ihn im Alter von 44 Jahren sterben. Jetzt, in Ihrem neuen Roman "Exit Ghost", ist der Schriftsteller Zuckerman 71 Jahre alt, und am Ende bringen Sie ihn erneut um*.
Roth: Ich töte ihn ja nicht. Ich schicke ihn nur nach Hause.
SPIEGEL: "Gone for good" heißt es im Original, "auf Nimmerwiedersehen". Ist das ein Unterschied?
Roth: Ganz gewiss.
SPIEGEL: Nathan Zuckerman lebt auf dem Land, dann kehrt er nach New York zurück, ein wenig wie der Schriftsteller Philip Roth. Versucht er dem Alter zu entfliehen, sich wieder stark zu fühlen?
Roth: Vielleicht versucht er es. Aber ich glaube, dieses letzte Buch dreht sich darum, wie das Leben aus ihm entweicht. Er hat diesen Kampfgeist nicht mehr in sich. Nur für Augenblicke kehren Ehrgeiz und Männlichkeit zurück, aber dann rennt er fort.
SPIEGEL: Ist das nun Zuckermans Ende?
Roth: Ja.
SPIEGEL: Warum hatten Sie den Wunsch, mit Ihrer wichtigsten Figur abzuschließen?
Roth: Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Wunsch hatte. Es geschah einfach. Als ich mit dem Buch begann, habe ich nicht gedacht, dass es das letzte mit Zuckerman sein würde.
SPIEGEL: Sie schrieben ohne Plan?
Roth: Ja, die Geschichte hat sich zu diesem Ende hinentwickelt; so, wie sie sich entwirrte, hatte es dann etwas von Vollendung und Finale. Aber am Anfang stand nur die Idee seiner Rückkehr. Kennen Sie die Geschichte des Rip van Winkle?
SPIEGEL: Ein amerikanisches Märchen, das auch Max Frisch in seinem Roman "Stiller" verwendet hat.
Roth: Rip van Winkle fällt für 20 Jahre in den Schlaf, dann erwacht er. Das ist es, was Zuckerman zustößt, als er wieder in die Stadt kommt. Ich musste selbst entdecken, was Zuckerman dort entdecken würde - vor allem, wie die jungen Menschen heute sind.
SPIEGEL: Zuckerman kehrt nach elf Jahren erstmals nach New York zurück. Was ihm am meisten auffällt: die Mobiltelefone.
Roth: Er lebt ja noch im Zeitalter der Schreibmaschine. Und auf einmal erlebt er, wie Leute mit sich selbst reden.
SPIEGEL: Den aktuellen Hintergrund aber bildet der Herbst 2004, als George W. Bush für eine zweite Amtsperiode gewählt wird. Warum?
Roth: Weil die Enttäuschung über Bushs Wiederwahl damals bei jungen Menschen so groß war. Es schien mir ein historischer Moment zu sein, der starke Hintergrundfarben lieferte.
SPIEGEL: Reine Schriftstellertechnik also?
Roth: Ja, ich will immer, dass neben der Haupthandlung noch etwas im Buch passiert. In diesem Fall gab es mir die Chance, die jungen Leute emotional werden zu lassen und zu zeigen, worin sich Zuckerman von ihnen unterscheidet.
SPIEGEL: Er ist zynisch geworden.
Roth: Das stimmt, ja, aber noch eher als "zynisch" würde ich "am Ende" sagen. Er hat das alles hinter sich.
SPIEGEL: Kümmern Sie sich noch um Politik? Geht Ihnen der Wahlkampf 2008 nah?
Roth: Unglücklicherweise ja. Bis vor ein paar Wochen war das nicht so. Doch dann hörte ich die Debatten in New Hampshire, und die Republikaner waren so unfassbar unmöglich! Ich sah die Demokraten und begann mich für Obama zu interessieren. Ich glaube, ich werde ihn wählen.
SPIEGEL: Was interessiert Sie genau an Barack Obama?
Roth: Er interessiert mich, weil er schwarz ist. Rasse ist in diesem Land immer noch ein wichtigeres Thema als Feminismus. Er ist ein attraktiver Mann, er ist klug, und zufälligerweise drückt er sich brillant aus. Seine Position innerhalb der Demokratischen Partei ist mehr oder weniger okay für mich; und es wäre so wichtig für die amerikanischen Schwarzen, wenn er Präsident würde.
SPIEGEL: Könnte es nach Ihrer Meinung die Gesellschaft verändern?
Roth: Ja, das könnte es. Es würde etwas über dieses Land aussagen, es wäre fabelhaft. Aber ob es so weit kommt? Ich wähle selten jemanden, der am Ende gewinnt. Es könnte also der Todeskuss für Obama sein, wenn Sie im SPIEGEL veröffentlichen, dass ich für ihn stimme. Dann ist's vorbei mit ihm!
SPIEGEL: Erinnert Obama Sie an Coleman Silk, den Helden Ihres Romans "Der menschliche Makel"? Silk ist ja auch ein Schwarzer mit eher heller Haut; er erfindet sich eine jüdische Biografie, um Erfolg zu haben. Anders gefragt: Es geht in Amerika sehr oft um Zugehörigkeit, ist Barack Obama schwarz genug?
Roth: Diese Diskussion wird verschwinden, sobald er nominiert wird. Jeder, der halb schwarz und halb weiß ist, wird hier sowieso als schwarz einsortiert. Da genügt ein Tropfen Blut.
SPIEGEL: Die Weißen halten ihn natürlich für schwarz, aber tun das auch Schwarze?
Roth: Sie werden. Sobald er nominiert wird.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass ein Politiker wie Obama tatsächlich die Kraft hat, eine Stadt wie Washington, den Ton und die Art, wie Politik dort gestaltet wird, zu verändern?
Roth: Es geht um seine pure Präsenz. Wer er ist, woher er kommt, das genügt. Das würde ja auch bei Hillary Clinton genügen. Die Reden über Wandel und Wechsel, dieses "change, change, change", das alles ist pure Semantik, das besagt nichts.
SPIEGEL: Sind die Clintons für Sie literarische Figuren?
Roth: Das ist der Soap-Opera-Teil des Ganzen. Als Paar interessieren sie mich nicht. Bill Clinton war als Präsident interessant, aber ich weiß nicht, was er jetzt eigentlich darstellt. Ich vermute, die beiden könnten ihr Blatt mit ihrer Aggressivität überreizen.
SPIEGEL: Was wird von George W. Bush bleiben? Wird er nach wenigen Monaten vergessen sein?
Roth: Er war zu abscheulich, um vergessen zu werden. Es wird noch viel über den Krieg geschrieben werden, darüber, was Bush aus dem Reaganismus gemacht hat. Er ist ja viel weiter gegangen als Reagan. Es heißt, er sei der schlechteste Präsident, den wir je hatten, und ich glaube, das stimmt. Der größte Brocken war der Eintritt in diesen Krieg. Der absolute Zynismus all dieser Täuschungen. Die Kosten, sowohl Geld als auch Menschenleben betreffend. Es ist scheußlich. Ohne historisches Vorbild. Dann wäre da noch seine Einstellung zur globalen Erwärmung, die eine globale Krise ist, zu der diese Regierung gleichgültig, wenn nicht feindselig eingestellt ist. Und so fort und so fort und so fort. Er hat viel Leid gebracht.
SPIEGEL: Da Ihr neuer Roman genau zu diesem Zeitpunkt spielt: Können Sie uns erklären, warum die Amerikaner Präsident
Bush eigentlich ein zweites Mal gewählt haben?
Roth: Es hatte mit dem Krieg zu tun und mit politischer Dummheit. Warum wählt irgendwer irgendwen? Ich habe am Anfang viel von John Kerry gehalten, aber am Ende konnte er gegen Bush nicht standhalten. Die Demokraten sind keine Rohlinge, was sehr schade ist, denn die Republikaner sind roh und brachial. Rohlinge gewinnen.
SPIEGEL: Der Titel "Exit Ghost" geht auf eine Bühnenanweisung von Shakespeare zurück: "Geist ab."
Roth: Sie taucht in drei seiner Stücke auf, ich habe es aus "Macbeth" genommen.
SPIEGEL: Wir dachten an "Hamlet", wo der Geist des Vaters auftritt.
Roth: Kleines Quiz: wo noch?
SPIEGEL: Da müssen wir passen.
Roth: Im "Julius Cäsar", wo der tote Cäsar Brutus als Geist erscheint.
SPIEGEL: Eines Ihrer Themen in "Exit Ghost" ist Zuckermans Hass auf den jungen Autor Richard Kliman, der eine Biografie über einen Schriftsteller schreiben will, über das Vorbild Zuckermans. Haben Sie etwas gegen Biografen? Fürchten Sie, selbst Gegenstand einer Biografie zu werden?
Roth: Nein, ich habe schon einen Biografen. Er hat mich zehnmal befragt, mir bisher nichts gezeigt, und ich will auch nichts sehen. Ich will da lieber nicht hineingezogen werden.
SPIEGEL: Fürchten Sie Fehler?
Roth: Man fürchtet zwei Dinge. Man fürchtet das, was falsch sein wird, und man fürchtet das, was stimmen wird.
SPIEGEL: Fürchten Sie sich vor Peinlichkeit? Thomas Mann etwa hatte große Angst davor, wegen irgendeiner Verliebtheit seine Reputation aufs Spiel zu setzen. Zuckerman, impotent und inkontinent, ringt mit seiner Verlegenheit. Er verliebt sich in die junge Jamie Logan und erkennt, dass ihm sein Erfolg als Autor nichts nützt.
Roth: Die Regeln, die es zu Thomas Manns Zeiten gab, existieren nicht mehr. Man hat heute gar keine Möglichkeit, seinen Ruf zu zerstören. Man müsste schon Bestialisches im Schaufenster von Bloomingdale's anstellen, um seinem Ruf auch nur eine Delle zuzufügen. Das alles ändert aber nichts an der Scham. Die junge Jamie bleibt für Zuckerman unerreichbar wegen des Altersunterschieds und seiner Gebrechen.
SPIEGEL: Weiß sie, was mit ihm los ist?
Roth: Er weiß es. Deshalb weiß er auch, dass sein Begehren eine Unmöglichkeit ist. Das Mitleiderregende an Zuckerman liegt darin, dass er zwar gestoppt wird, aber die Begierde nicht unterdrücken kann.
SPIEGEL: Die er fast schon vergessen hatte?
Roth: Er konnte sie sogar für Jahre vergessen.
SPIEGEL: Aber dann traf er Jamie.
Roth: Und er kam nach New York. Wir lernen: Solange du nicht ins Auto steigst, solange du dich nicht rührst, bist du sicher!
SPIEGEL: Gelebt und geschrieben haben Sie viele Jahre lang in völliger Einsamkeit in Connecticut. Wie oft sind Sie in New York?
Roth: Öfter. Früher verbrachte ich zwei Drittel meiner Zeit auf dem Land, jetzt sind es zwei Drittel in der Stadt.
SPIEGEL: Wie kam es dazu?
Roth: Nun, ich war dort draußen seit 1972. Es ist sehr weltentrückt. Es ist wunderschön. Es ist totenstill. Niemand sonst zu sehen. Das Wetter ist sehr streng, besonders im Winter. Ich mochte es, wie ich dort schreiben konnte. Ohne jede Ablenkung. Nicht einmal Gesellschaft lenkte mich ab. Ich konnte den ganzen Tag lang arbeiten und am Abend etwas anderes tun, ohne das Haus verlassen zu müssen, ich konnte einfach ein Baseballspiel sehen oder lesen.
SPIEGEL: Was haben Sie gelesen?
Roth: Die alten Meister. Ich habe Joseph Conrad wieder gelesen, und Turgenjew und Hemingway und Faulkner - ein großer Spaß jetzt für mich. "Stiller" von Frisch ist wunderbar. Ich lese selten Romane der Gegenwart, dafür Sachbücher.
SPIEGEL: Und wie Zuckerman haben Sie da draußen auch kein Internet?
Roth: Kein Internet.
SPIEGEL: Auch hier in New York nicht?
Roth: Jetzt ja. Es gibt großartige Internet-Seiten für antiquarische Bücher. Ich kaufe tonnenweise Bücher. Aber sagen Sie es niemandem!
SPIEGEL: Sie haben also die Möglichkeit, E-Mails zu schreiben, und nutzen sie nicht?
Roth: Ich mache das mit einer Person, ausschließlich mit einer Person, weil ich nicht ... Ach, ich möchte einfach nicht gestört werden.
SPIEGEL: Dürfen wir fragen, wer diese Person ist?
Roth: Eine Person. Ich muss doch auch ein wenig Vergnügen haben.
SPIEGEL: Auf dem Land ...
Roth: ... wissen Sie, was das wirklich Wunderbare dort war? Das Buch, an dem ich arbeitete, verließ mich nie. Wenn ich nachts las, verlor ich es trotzdem nicht aus dem Sinn. Es war so anders, als wenn man ausgeht - was einfach die Verbindung unterbricht. Und wenn du jeden Tag so lebst und arbeitest, schaffst du ganz schön viele Seiten.
SPIEGEL: Haben Sie nicht das Leben vermisst? Vielleicht sogar verpasst?
Roth: Ja, das ist eine Tatsache, du opferst etwas, wenn du auf solche Weise lebst. Wollen Sie wissen, was passiert ist, vor drei
Jahren? Mein Studio ist ja ungefähr 50 Meter vom Haus entfernt, und als ich eines Morgens hinübergehen wollte, sah ich dort im Schnee eine fiese kleine Kreatur, hässlich, ein Opossum mit einem rattenähnlichen Schwanz. Als es mich sah, kroch es in ein Loch im Schnee, also kniete ich mich hin, und alles, was ich sah, waren sechs oder sieben Stöckchen. Ich dachte, so muss man es machen. Das ist alles, was wir brauchen! Sechs, sieben Stöckchen! Ich hatte immer noch zu viele Gegenstände, ich brauchte keinen Fernseher, keine Möbel, kein Geschirr.
SPIEGEL: Wollen Sie uns ein Gleichnis erzählen?
Roth: Natürlich. Im Ernst: Das Opossum sagte mir etwas über die Art, wie ich dort lebte, es erschreckte mich. Am Abend, als ich aus dem Studio herauskam, hockte es wieder da und aß Schnee, und ich rief: "Wie kommst du mit dem Schreiben voran?" Ich dachte damals, einer meiner Freunde habe mir das Opossum in den Schnee gesetzt, um mir zu zeigen, wie ich aussah: wie eine kleine ekelhafte Gestalt mit sieben Stöckchen. Das war der Moment, in dem ich beschloss, dass ich so nicht weiterleben wollte.
SPIEGEL: Darum also New York?
Roth: Ja, das war der Grund. Ich habe ein Apartment auf der Upper West Side gefunden und fahre nur noch hinaus, wenn das Wetter richtig gut wird.
SPIEGEL: Hat die Stadt Ihr Schreiben verändert? Sind Sie abgelenkt?
Roth: Nein. Ich habe meine ganzen Bücher in Connecticut gelassen, aber meinen Rhythmus beibehalten. Ich habe hier sogar die exakt gleichen Utensilien, den gleichen Tisch, den gleichen Stuhl, das gleiche Stehpult. Ich habe mir einfach ein zweites Set gekauft. Es ist sehr ruhig bei mir. Ich kann das Telefon ausschalten und am Ende des Tages die Nachrichten hören. Es gibt hier trotzdem mehr Ablenkung, aber das entspricht ja meiner Stimmung. Ich gehe jetzt ins Kino, sehe Menschen. Ich gehe spazieren, und auf den Straßen sind Menschen!
SPIEGEL: Mit Mobiltelefonen.
Roth: Mit Mobiltelefonen. Ich habe sogar selber eines.
SPIEGEL: Aber niemand hat die Nummer.
Roth: Niemand sollte das wissen mit dem Mobiltelefon, ich möchte meinen Mythos erhalten, den Rip-van-Winkle-Mythos.
SPIEGEL: Sagt uns all das, dass Sie sich heute mehr Freiheiten gestatten? Vielleicht sogar Gelassenheit?
Roth: Es ist ein wenig lockerer heute. Ich arbeite noch viel, aber ich gehe viermal die Woche schwimmen. Im New York Athletic Club. Es ist wunderbar.
SPIEGEL: Wird das Schreiben einfacher nach so vielen Romanen?
Roth: Es ist mehr oder weniger gleich geblieben. Ich bin nicht sicher, ob es vielleicht sogar schwieriger wird, aber ganz sicher nicht einfacher, es wird niemals einfacher. Es ist jedes Mal aufs Neue eine Herausforderung, und ich habe nach jedem Buch Angst, dass ich nicht in der Lage sein werde, ein neues zu schreiben. Was zur Hölle soll ich schreiben? Im Oktober kommt ja mein nächstes Buch heraus ...
SPIEGEL: ... schon wieder ein neues?
Roth: Ja, es ist fertig. Es handelt nicht vom Altern, sondern von Studenten zur Zeit des Korea-Kriegs, der Titel wird "Indignation" (Entrüstung) sein. Ich muss also jetzt ein neues anfangen. Und dann wieder eines. Das alles wird nur auf eine Art aufhören können ...
SPIEGEL: Aber etwas muss sich doch geändert haben nach so vielen Erfolgen.
Roth: Nein, es bleibt immer gleich. Ich war schon zu Beginn meiner Laufbahn selbstbewusst. Aber immer wenn du ein Projekt beginnst, bist du doch wieder Amateur und nicht der Profi, der 26 oder 27 Bücher hinter sich hat. Du bist dann jemand, der das Buch, das er jetzt schreiben will, noch niemals geschrieben hat. Du fühlst die Unsicherheit des Amateurs, und die sieben, acht Monate der ersten Fassung sind schmerzhaft hart.
SPIEGEL: Kein Buch schreibt sich von allein?
Roth: Hin und wieder passiert es dir, dass dir ein Buch geschenkt wird, unbegreiflicherweise. Mir ist das zwei-, dreimal geschehen.
SPIEGEL: Welche Bücher waren das?
Roth: Das, das ich gerade beendet habe, war so ein Geschenk. Ich hatte die Idee, fing an, und das ganze Buch rollte sich vor mir aus. "Sabbaths Theater" war auch so. Es kommt selten vor. Normalerweise ist das Schreiben schmutziger, übler, blutiger.
SPIEGEL: Können Sie es auch genießen?
Roth: Ja, immer gegen Ende. Die erste Fassung ist so schlimm, da bin ich genauso schlecht, wie mein schlechtester Kritiker es von mir denkt. Aber sobald mir klarwird, was ich da tue, sobald ich die zweite oder dritte Fassung habe, wird Schreiben zum Vergnügen. Dann hast du Grund unter den Füßen, weißt, was du tust, spürst auf einmal deine Fähigkeiten.
SPIEGEL: Setzen Sie sich ein Ziel: etwa eine Seite pro Tag?
Roth: Ja, ich möchte mindestens eine Seite pro Tag schaffen, du fühlst dich grässlich, wenn dir das nicht gelingt. Hin und wieder schaffe ich auch acht oder zehn Seiten,
aber es gibt Tage, da gelingt gerade ein Absatz. Eine Seite pro Tag fühlt sich gut an, 365 Seiten pro Jahr sind ein Buch.
SPIEGEL: Und am Ende steht Stolz? Befriedigung?
Roth: Meine Stimmungen sind launisch und flüchtig, wenn ich schreibe. Du kommst vom Keller zum Himmel und wieder zurück, weil dies gelungen und jenes verkorkst ist, aber natürlich gibt es Freude. Sonst könnte ich's nicht. Das wahre Vergnügen liegt im Beenden, denn so wie du am Anfang nichts richtig machen kannst, so kannst du in der letzten Fassung nichts falsch machen, das fühlt sich sehr kraftvoll an, stark, du verlierst deine Zweifel.
SPIEGEL: Sitzen Sie noch vor der Schreibmaschine?
Roth: Nein, am Computer. Sie entlarven mich komplett heute! Ich bin in Wahrheit ja ein einziger Schwindel! Ich bin in Wahrheit der größte Hightech-Typ, dem Sie je begegnet sind.
SPIEGEL: Sie sind der einzige lebende Autor mit eigener Edition in der Library of America ...
Roth: Ich bin sehr stolz darauf.
SPIEGEL: Was kann noch kommen?
Roth: Gesundheit vielleicht? Glück?
SPIEGEL: Der Nobelpreis?
Roth: (lächelt) Ach, der Nobelpreis, daran denke ich nicht.
SPIEGEL: Während all der Jahre mit Ihrem Alter Ego Zuckerman schienen Sie all diese doppelten Böden und Geschichten innerhalb der Geschichten zu genießen. Und dann kam das Thema Alter.
Roth: Ja, und ich wollte das nicht, habe nichts dafür getan. Man weiß ja nichts über das Alter, ehe man selbst dort ankommt. Und ehe die eigenen Freunde dort ankommen. Ehe man die Verwüstungen der Zeit und die Verluste und das Leid erlebt. So kam ich zu diesem Thema, im "Sterbenden Tier", in "Jedermann".
SPIEGEL: Und nun wieder in "Exit Ghost". Werden Sie Zuckerman vermissen?
Roth: Ich glaube nicht. Doch man weiß nie. Vielleicht werde ich verzweifelt sein. Aber jetzt ist er in "Zuckermans Himmel", was natürlich schon wieder nach einem Buch klingt. Oder "Zuckermans Hölle"?
SPIEGEL: Nathan Zuckerman war ja nie ein netter Kerl, eher egozentrisch, gar narzisstisch. Mochten Sie ihn eigentlich?
Roth: Sie werden es ungern hören, aber Freundschaft zwischen mir und den Figuren meiner Bücher gibt es nicht.
SPIEGEL: Heißt das, dass die Leser Ihre Schöpfungen lieben oder hassen mögen - aber für Sie sind die Beziehungen zu diesen Figuren kalt und rein technisch?
Roth: Es sind funktionale Beziehungen. Die Frage ist, ob ein Charakter interessant genug bleibt, um das Buch auf seinen Schultern zu tragen. Es geht doch nur um eins: Bringt er es oder nicht?
SPIEGEL: Mr. Roth, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Philip Roth
zog in den siebziger Jahren aufs Land, als ihm der Rummel um seinen 1969 in den USA publizierten Millionenseller "Portnoys Beschwerden" zu viel wurde. Dort schrieb er so großartige Romane wie "Der menschliche Makel", der 2003 mit Nicole Kidman und Anthony Hopkins verfilmt wurde. Heute lebt Roth, der im März 75 wird, die meiste Zeit des Jahres wieder in New York. Anders als sein getreues Alter Ego, der Schriftsteller Nathan Zuckerman, der in einem Dutzend Werken auftaucht, schätzt Roth die Stadt und ihre Menschen. Zuckerman flieht in dem neuen Roman "Exit Ghost" nach einer Visite in New York gleich wieder zurück aufs Land, als ein medizinischer Eingriff nicht die erhoffte Besserung bringt und die Verliebtheit in eine junge Autorin keine Gegenliebe findet. "Er löst sich auf", heißt es am Ende: Zuckerman verabschiedet sich nach mehr als einem Vierteljahrhundert als Romanfigur.
* Philip Roth: "Exit Ghost". Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren. Hanser Verlag, München; 304 Seiten; 19,90 Euro. Erscheint am 9. Februar.
Das Gespräch führten die Redakteure Klaus Brinkbäumer und Volker Hage.
Von Klaus Brinkbäumer und Volker Hage

DER SPIEGEL 6/2008
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