DER SPIEGEL



EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE

Die beste Party der Welt

Von Kneip, Ansbert

Sturmfreie Bude: Erst kommen 500 Gäste, dann kommt die Polizei.

Am 15. Tag seines Ruhms bekam Corey Delaney ordentlich eins aufs Maul. Eine kurze, trockene Schlägerei vor dem Einkaufszentrum, unblutig und im Grunde unspektakulär. Doch am Abend lief die Prügelei im nationalen Fernsehen, jemand hatte per Handy gefilmt und die Szene an "A Current Affair" verkauft.

Vor zwei Wochen noch hätte Coreys Abreibung niemanden interessiert, aber jetzt schien er auf einmal genauso wichtig wie Pete Doherty oder Paris Hilton. Er wird erkannt auf der Straße, angeschmachtet von den Mädchen, eifersüchtig angeraunzt von den Jungs. Er hat Neider, er ist ein Star.

Die Frage ist nur: warum eigentlich?

Zwei Erklärungen kommen in Betracht: Entweder ist Corey Delaney mit seiner Strubbelfrisur, mit der gepiercten Brustwarze und seiner riesigen Sonnenbrille wirklich der coolste Typ von ganz Australien, ein echter Teenagerheld. Oder aber er ist einfach nur ein unreifes Früchtchen, reichlich naiv und schlecht erzogen.

Wahrscheinlich stimmt sogar beides: Corey ist total cool und klotzbescheuert. Er ist 16, also in einem Alter, in dem so etwas kein Problem darstellt.

Ziemlich lässig jedenfalls war, wie er Anfang des Jahres auf seiner Web-Seite bei MySpace zur Party in das Haus seiner Eltern einlud: "Sturmfreie Bude, weitersagen, bringt was zum Trinken mit, das wollt ihr nicht verpassen." Die Eltern waren in Urlaub nach Queensland gefahren, 2000 Kilometer weit weg. Sie dachten, sie könnten einen 16-Jährigen durchaus mal allein lassen.

Den Nachbarn sagte Corey, es dürfte wohl ein bisschen lauter werden, um Mitternacht oder so wäre Schluss. Die Vorstellung, er könnte das beeinflussen, war wahrscheinlich etwas naiv.

Corey lebt in Narre Warren South, einem Vorort von Melbourne. Im Sommer sollte Corey die Schule beenden, einen Ausbildungsplatz als Zimmermann hatte er in Aussicht.

Die Jugendlichen hier sind untereinander gut vernetzt. Sie kennen sich über die Schule oder übers Internet. Jeder hat jeden entweder in der Online-Freundesliste oder hat einen Kumpel, der jemanden kennt. Man alarmiert sich per SMS, ein Schwarm, der sich selbst organisiert.

Coreys Party begann eher mau. Gegen acht Uhr feierten etwa 80 Gäste im und ums Haus am Galloway Drive. Ein paar Häuser weiter lief eine Konkurrenzfete, und im Nachbarstadtteil hatten fünf andere Teenager zu einer gemeinsamen Geburtstagsparty geladen.

"Gatecrashing" nennt man das, wenn ein Haufen Leute unangemeldet zur Party erscheint, manche Eltern engagieren sogar einen Sicherheitsdienst, der die Feiern ihrer Kinder vor zu viel Besuch schützt. Oder sie rufen die Polizei. Bei dem Geburtstag im Nachbarstadtteil musste an jenem Abend eine Streife anrücken und 300 Jugendliche wegschicken. Das war abends gegen elf Uhr, nach Hause wollte natürlich niemand.

Schnell sprach sich herum, wo man weiterfeiern konnte. Die Meute zog zu Corey in den Galloway Drive, etwa 500 Jugendliche sollen es gewesen sein, sagte die Polizei später. Es gab Bier und Wodka, in Coreys Haus legten ein paar Mädchen die Oberteile ab und posierten für eine Videokamera - mit anderen Worten: Er sah das Fest als Erfolg.

Die zwei Feiern in Coreys Viertel verschmolzen zu einer, es wurde laut, Nachbarn beklagten sich.

Als die erste Polizeistreife auftauchte, warfen die Jugendlichen mit Flaschen und Steinen, die Polizisten riefen Verstärkung. Eine Hundestaffel rückte an, die Polizei setzte Pfefferspray ein, über dem Galloway Drive kreiste ein Hubschrauber und beleuchtete die Prügelei mit seinem Suchscheinwerfer. Die Party war vorbei.

Am nächsten Morgen suchten TV-Teams den Jungen, dessen Party laut Polizei einen Schaden von umgerechnet 12 000 Euro verursacht haben sollte. Corey gab bereitwillig Auskunft, aber er schien kein bisschen zerknirscht. Auf die Frage, was er sich bei der offenen Einladung wohl gedacht habe, sagte er: "Oh, eigentlich nichts."

Und was denn die Eltern sagen würden? "Keine Ahnung", antwortete Corey, "ich geh nicht ans Telefon." Corey ließ sich beim Aufräumen filmen, dann verzog er sich mit Freunden an den Strand.

Am Ende des Live-Interviews versuchte die Reporterin aus ihm so etwas wie eine Einsicht herauszukitzeln: Welchen Rat, fragte sie, würde er jemandem geben, der zur Party lädt, wenn die Eltern aus dem Haus sind?

Corey überlegte keine Sekunde: "Lass mich das organisieren."

Ein Mitschnitt der Sendung ist seitdem hunderttausendfach auf YouTube gelaufen. Corey, der coole Bursche, den die Erwachsenen nicht kleinkriegen, wurde berühmt. Auf seiner MySpace-Seite haben sich mehr als 17 000 Teenager als Freunde registrieren lassen, überwiegend Mädchen.

Coreys Eltern sahen ihren Sohn und ihr Haus in den Nachrichten, brachen den Urlaub ab, um mal ernsthaft mit ihm zu reden. Doch bis dahin hatte Corey selbständig bereits ein paar Dinge erledigt: Er verpflichtete einen Manager, denselben, der auch schon Auftritte von Al Gore organisiert hatte. Corey verkauft T-Shirts und geht demnächst als Partyveranstalter auf Tournee. Sein Manager schätzt, dass der Ruhm mindestens ein Jahr hält. ANSBERT KNEIP


DER SPIEGEL 7/2008
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