11.02.2008

JUGENDGEWALT

Wo die wilden Kerle wohnen

Von Ehlers, Fiona

Deutschland sorgt sich um seine prügelnde, brutale Jugend. In Baden-Württemberg wird gehandelt: Seit zehn Jahren nehmen dort Gasteltern fremde Kinder auf - schwererziehbare, labile, kriminelle - und beweisen, wie hilfreich Familie sein kann. Von Fiona Ehlers

Sebastian kommt spät heute, aber er kommt. Er hetzt die Stiege hinauf, trägt Blaumann und Kapuzenpulli, fläzt sich in die Essecke im Wohnzimmer der Familie Lechner. Schwätzt, ohne Luft zu holen, über seinen Tag in der Fabrik, über sein Jahr im Knast. Sagt mindestens einmal pro Satz: "Mama". Lacht viel.

Mama lacht auch.

Sebastian ist 22 Jahre alt, blond, muskulös, Ziegenbart, kein Kind mehr. "Gestatten, Sebastiano", sagt Sebastian. "Mein Vater ist Sizilianer." Dass er ihn nie kennengelernt habe, dass seine leibliche Mutter ihn rausgeschmissen habe, da war er sechs, dass er im Knast immer an Mama gedacht habe, an Hermi, seine Gastmutter, nicht verwandt, nicht verschwägert.

Weil er wusste, dass sie ihn nicht im Stich lassen würde, dass sie auf ihn wartet.

Hermine Lechner und ihr Mann sitzen neben Sebastian in ihrem Einfamilienhaus in einem Dorf bei Überlingen am Bodensee. Die Frage ist, was Sebastian mitgenommen hat aus seiner neuen Familie, bevor er in den Knast kam. "Moment", sagt Werner Lechner, Ende 50, Bierbauch, schweres Oberschwäbisch, "da müsse mir erscht gucke, was alles fehlt." Hermine Lechner, Pantoffeln, grauer Pagenkopf, sagt: "Na, Liebe hasch mitgnomme und Gefühle. Mir sind wie Wahlverwandte für den Kerle."

Sie sind beide hart im Nehmen, körperlich fit und zuständig für schwere Fälle, für die härteren der harten Jungs, die man in heile Familien steckt, damit sie wieder klar- kommen im Leben. Sebastian frisierte Mofas, fuhr Auto ohne Führerschein, sammelte Delikte an über die Jahre, wurde schließlich mit Rauschgift erwischt, das hat ihn in den Knast gebracht, seit zwei Monaten ist er wieder frei. Jetzt jobbt er als Gabelstaplerfahrer und schlägt sich so durch. Aber er kommt fast jeden Tag zu Besuch oder ruft an. Drei Jahre lebte er bei den Lechners, die ihn nicht aufgeben wollten, die hartnäckig blieben, trotz aller Eskapaden, und eigentlich weiß er jetzt erst, seit der langen Trennung und dem Knast, wie sehr er seine Gastfamilie braucht.

In diesem gediegenen Wohnzimmer erzählt er von der Wut, die ihn packt, wenn ihm jemand dumm kommt, etwas sagt gegen Italiener, gegen Ausländer. Da sieht er rot, da schlägt er zu, "willsch 'n Problem, kriegsch 'n Problem, halt dei Gosch oder 's scheppert!" Legt sich an mit jedem, sogar mit dem Wärter im Knast. Aber das passiere jetzt nicht mehr so oft, sagt Sebastian, er habe sich jetzt viel besser im Griff.

Er knöpft sich Kevin* vor, das derzeitige Gastkind der Lechners, der sitzt auch

mit am Tisch, 15-jährig und sichtlich beeindruckt von dem wilden Bruder. Sebastian nennt Namen von Jugendgerichtshelfern, die okay seien, von Anwälten, wenn doch mal was passiere. Er sagt: "Wenn ich wiederkomm, hasch dir 'n Praktikum besorgt. Du musch dei Leben auf d' Reihe kriege, net ein Scheiß nach 'm andere mache wie ich. Und wehe, du tusch der Hermi was an, des überlebsch net!"

Gerettet, so einigermaßen jedenfalls, haben Sebastian die Geduld und die Zuwendung seiner Gastmutter, seiner Mama. Auch wenn es ein wenig gedauert hat, bis er das begriff. Gerettet hat ihn die Familie.

Die Lechners sind keine Missionare; ihre Ansagen sind autoritär, aber sie kommen locker rüber, sie lachen gern. Wenn die Jungs nachts zu spät nach Hause kommen, ist die Tür verschlossen, sie müssen klingeln und kriegen Ärger. Wenn sie ein Mädchen mitbringen, müssen sie es wenigstens vorstellen. Lechners erziehen diese Kuckuckskinder, wie sie ihre drei eigenen erzogen haben, die längst aus dem Haus und auch keine Engel sind. Sie muten ihnen einiges zu, "oberklare Leitplanken", wie sie das nennen, also strenge Regeln, Bett- und Essenszeiten, Umgangsformen. Und die Vergangenheit scheint vergangen, sogar, wie es aussieht, für Sebastian.

Der Junge war ein Jumega-Kind. "Junge Menschen in Gastfamilien" ist ein Jugendhilfe-Projekt von Arkade, einem gemeinnützigen Verein im oberschwäbischen Ravensburg, der die Familie als letztes Rezept verschreibt für schwererziehbare, gewalttätige, kriminelle Jugendliche. Für hoffnungslose Fälle, die schon überall waren, in Heimen, in der Psychiatrie, im Jugendknast. Es klingt simpel und hausgemacht, dieses Rezept, und das ist es auch.

Seit zehn Jahren haben Jumega-Leiterin Barbara Roth und 18 Mitarbeiter eine Vision: Sie glauben, dass Kinder trotz Armut, Gewalt oder Verwahrlosung zu lebenstüchtigen, zufriedenen Menschen heranwachsen können. Dann nämlich, wenn es in ihrem Leben mindestens einen gebe, der an sie glaubt. Es muss kein Verwandter sein, auch nicht ständig anwesend, ein Lehrer vielleicht, ein Pfarrer, ein Trainer, einer, der das Kind stark macht für Lebenskrisen. Resilienz nennt das die Wissenschaft, Gedeihen unter widrigen Umständen. Vor zwei Jahren hat Jumega bereits die zweite Zweigstelle eröffnet, jetzt hofft das Team, sein Gastfamilienkonzept auch in anderen Bundesländern auf den Weg zu bringen.

Aber warum soll ausgerechnet Familie die Lösung sein, wo Familie doch so oft der Grund dafür ist, dass Kinder krank und gewalttätig werden? "Weil Familien Gefüge aus Rollen und Regeln sind, sie werden gegründet, um Leben gelingen zu lassen", sagt Barbara Roth. "In Millionen deutschen Familien geht das gut, wir wären schön blöd, wenn wir diese Ressource nicht nutzen würden."

Hier in Ravensburg kamen sie auf die Idee, im Süden Deutschlands, nahe dem Bodensee. Ravensburg, das sind knapp 50 000 Einwohner, mittelalterliche Stadtmauern, kopfsteingepflasterte Plätze, weltberühmt durch "Ravensburger", den Spiele-Verlag, wo man sich seit 120 Jahren Gedanken macht, was der Jugend gefallen könnte, "Malefiz" wurde hier erfunden, "Memory", Tausende Puzzles, "Sagaland".

Familie, was heißt das heute? "Eine Menge, da sind wir flexibel", sagen die Sozialarbeiter, sie sitzen in einem Büro in der Altstadt von Ravensburg, unter bunten Ölbildern, in der Ecke ein Tischkicker, auch hier wird viel gelacht. "Die unperfekten Familien sind eigentlich die perfekten", sagen sie. Familien, die erfahren haben, was Scheitern ist, die Trennungen überwunden haben, Verluste, Schicksalsschläge. Zu ihren Stammfamilien zählen eine russische Aussiedlerfamilie, ein schwuler Mann mit Freund und Reiterhof, eine Zirkusfamilie im Wohnwagen, jede Menge alleinerziehende Mütter, ein mehrfach Vorbestrafter, ein Disco-Besitzer. Und viele Bauernfamilien natürlich, die ganz normalen, die bodenständigen, die wissen, wo es langgeht im Leben.

Das Jugendamt schickt die Kinder. Meist sind es die klassischen Drehtürpatienten, die scheinbar austherapierten Fälle. Kinder mit Drogenerfahrungen, die Hyperaktiven, die Misshandelten. Die mit der stillen, selbstzerstörerischen Wut. Die, die heute schwererziehbar sind, später kriminell. Sie sind zwischen 10 und 16 Jahre alt, bleiben sechs Monate bis zwei, ausnahmsweise auch mal drei Jahre. Betreut werden sie von Sozialarbeitern und Pädagogen der Jumega,

die wählen die Gastfamilien aus, besuchen sie einmal pro Woche, erreichbar sind sie rund um die Uhr.

Inseriert wird in Zeitungen oder landwirtschaftlichen Fachblättern. "Die anspruchsvolle Aufgabe", steht da, "wird entsprechend honoriert." 1400 Euro im Monat bekommen Gasteltern pro Kind, für Kost und Logis und ein Einzelzimmer. Das ist viel Geld für die Familien, ein Anreiz, aber keine Entschädigung für den Zeitaufwand, für die Verantwortung und die Sorgen. Dieser Satz ist unschlagbar günstig, billiger als ein Platz im Kinderheim, in der Psychiatrie oder im Knast.

Das ist auch der Grund, warum Jumega wächst. In den vergangenen zwei Jahren wurden fast so viele Kinder vermittelt wie in den gesamten acht Jahren davor, 305 Kinder insgesamt. Das Jugendamt scheint zufrieden, und neulich rief Christian Pfeiffer, Deutschlands bekanntester Kriminologe, an und wollte Details wissen. Weil der Mieter seines Hauses auf der Schwäbischen Alb darum bat, ein Zimmer ausbauen zu dürfen, für Gastkinder von Jumega. Ein paar Wochen später saß Pfeiffer bei Anne Will in der Talkshow, lobte das Projekt, und die anderen Gäste lobten Erziehungscamps und Warnschussarrest. Es war Wahlkampf in Hessen, es ging darum, wie man reagieren sollte auf Verwahrlosung und Gewalt.

Jumega-Sozialpädagoge Werner Nuber, 40, arbeitete mit Drogenabhängigen in Stammheim, dann mit Skinheads und Hooligans, er kennt sich aus mit jungen, gewaltbereiten Männern. Zum ersten Mal hat er das Gefühl, dass seine Arbeit etwas bewirkt. An einem Mittwoch im Januar fährt er raus aufs Land, Besuch bei Familie Poppenmaier, er will vom neuen Gastkind berichten, das hier bald einziehen soll.

Inge Poppenmaier hat Nusscremetorte gebacken. Anton Poppenmaier steht in Gummistiefeln im Stall mit einem ehemaligen Gastkind und erklärt, wie Schweine sich fortpflanzen. Wie Eber in die Rausche kommen, wie sie ihre Rute ausfahren, gar nicht peinlich wirkt das. Dann zeigt er auf ein Ferkel, gelblich ist es und mickrig, die anderen Ferkel beißen es weg. Er nimmt es auf den Arm, "dich werden wir aufpäppeln, wirst schon sehen, aus dir wird mal 'ne prächtige Sau".

Ein starker Vater, der das Sagen hat, der nicht dadurch auffällt, abwesend zu sein oder ständig besoffen oder brutal; eine Mutter mit Bauchgefühl, "Dinge so zu regeln, wie sie halt kommen"; so ist das bei Poppenmaiers, ähnlich wie bei Lechners auch. Bulimische Mädchen, missbrauchte Jungs - früher kannten sie solche Kinder nur aus der Zeitung. Sie haben sie trotzdem gern, weil sie das Kind sehen, nicht die Diagnose. Wenn es Probleme gibt, sagt Anton Poppenmaier: "Du kannst nicht immer im Bett rumhängen, musst mit naus, wir schaffen ordentlich im Stall, dann geht's heim, pünktlich zum Mittagessen, und die Frau daheim freut sich."

Das klingt wie Rustikalpädagogik, aber es funktioniert, wenn Profis wie Werner Nuber die Familie begleiten. Nuber vermittelt bei Streit, spricht Machtworte, setzt Ziele wie etwa einen Schulabschluss und hilft bei der Suche nach einem Arbeitsplatz. Das erste Gastkind der Poppenmaiers, Carsten, 25, lebt noch immer im Dorf und arbeitet auf dem Hof. Den Neuen, glaubt Nuber, einen Lehrersohn aus gutem Hause, verzogen und aggressiv, kriegen die auch wieder hin. Heimisch werden bei Fremden, sich etwas sagen lassen von Spießern, Kleinbürgern, Bauersleuten? Hier, auf dem Aussiedlerhof, abgeschieden von der Welt, funktioniert das, aber wie geht so etwas in der Stadt?

Jeden Mittwoch probt die "Spontan Nichts"-Band in Ravensburg, die Jumega-Kids nennen sie so, weil ihnen spontan kein Name eingefallen war. Ben steht am Bass, schwarze Klamotten, seine Haare stehen ab wie Stacheln. Es ist ein lautes, rockiges Lied, das Ben singt, er hat es selbst geschrieben, es geht so: "Sag mir, warum gibt es Gewalt, was in aller Welt gibt mir Halt? Wir haben viel Scheiße erlebt und gebaut, wir machen unser Ding, wir kriegen das hin!"

Ben ist 16, ein schmaler Provinz-Punk, vorn auf seinem T-Shirt steht "Ja, ich liebe Killerspiele". Hinten: "Nein, ich plane keinen Amoklauf". Durch sein früheres

Leben schoss Ben wie eine Flipperkugel, haltlos zwischen Heim und Psychiatrie, mal fand er Unterschlupf in der rechten Szene, dann bei den Punks, momentan will er Bundeswehrsoldat werden. Ben ist oft aufbrausend, auch er hat eine hässliche Vorgeschichte, und er leidet am Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Dass andere es mit ihm aushalten, dass er es selbst mit sich aushält, ist jetzt die Aufgabe.

Ben lebt bei Familie Kobe, in einer Doppelhaushälfte, ein paar Kilometer vom Elite-Internat Salem entfernt. Die Kobes haben eine behinderte Tochter und eine andere, die hatte eine schwierige Pubertät. Sie sind Kummer gewohnt. Aber sie haben Lösungen, selbstgemachte: Ben, sagen seine Gasteltern, soll nicht immer weglaufen bei Stress, er soll sich die Gegenargumente anhören, dann nachdenken, dann diskutieren. Er soll eine Liste mit "falschen Freunden" anfertigen und eine mit Sprüchen, die er sagen kann, wenn man ihn provoziert. Neulich stand Ben vor seiner 8. Realschulklasse und sagte: "Das Leben ist eine Krankheit, die durch Geschlechtsverkehr übertragen wird." Die Kobes fanden den Spruch gut. "Ommm", sagt sein Gastvater, wenn Ben mal wieder ausrastet, komm runter, entspann dich. Ben holt dann tief Luft, geht in sein Zimmer, hört Böhse Onkelz und drischt auf seinen Bass, ein Geschenk vom Gastvater.

Warum machen sie das, diese Gasteltern, warum holen sie sich Störenfriede ins Eigenheim? Gutmenschentum als Motivation reicht da nicht aus, auch Dankbarkeit von den Kindern oder der Gesellschaft können sie nicht erwarten. Ben sagt: "Die machen es, weil die sich sonst alt fühlen." Anton Poppenmaier sagt: "Da machst du schon 'ne Menge mit, aber ohne diese Kinder würde uns die Intensität fehlen und die Freude am Leben."

Die Gasteltern nehmen diese Störenfriede bei sich auf, weil sie glauben, den Kindern einen Schubs geben zu können. Ob sie später alleine laufen, wird sich zeigen. Sie wollen den Kindern einen Platz bieten, um den sie nicht kämpfen müssen. Sie müssen nicht ihr Gesicht wahren vor Nachbarn oder Lehrern, diese Kinder sind keine Ersatzkinder. Sie müssen sich gar nicht erst schämen, kein perfektes Familienidyll zu sein.

Und je jünger die kaputten Kinder sind, wenn sie kommen, desto größer ist ihre Chance.

Murat wuchs auf als kleiner Macho, überfordert mit seiner Rolle als Familienoberhaupt, täglich mischte er seine Klasse auf, prügelte, spuckte, galt bald als unbeschulbar. Murat lebt bei Familie Hönig, einer der wenigen professionellen Familien bei Jumega. Wolfgang Hönig, 52, betreut schwererziehbare Kinder im Heim, seine Frau Sabine, 37, betreut Kinder in Sorgerechtsverfahren am Familiengericht.

Und so sitzen nun drei blonde Kinder und ein dunkelhaariges in einem Wohnzimmer in Dürmentingen, einem Nest nicht weit vom Bodensee, und spielen "Vier gewinnt". Murat, der Dunkle, ein türkischer Junge mit traurigen Kulleraugen, ist auch so einer, der leicht auf die schiefe Bahn geraten könnte. Sein Vater prügelte seine Mutter, als sie mit Murat schwanger war, dann ließ er sie sitzen.

Murat lebt jetzt mit diesen Geschwistern, die meisten älter als er, keiner lässt sich mehr "schlägern" oder herumkommandieren. Die Kinder der Hönigs erziehen sich gegenseitig, sie müssen mithelfen, Katzen füttern, die Spülmaschine einräumen, Fernsehen dürfen sie nur am Wochenende, vor dem Schlafengehen legen sie ihre Handys in ein Regal in der Küche. Und Murat sprengt nicht mehr jedes Essen, jede Unterhaltung, freut sich wieder auf die Schule und weiß jetzt, dass Schimpfwörter Schrankwörter heißen, dort schließt man sie ein.

"Die Kinder fangen mit einem Null-Konto bei uns an, wir kennen ihre Vorgeschichte, klar, aber wir blenden sie aus", sagt Sabine Hönig. "Wir geben ihnen die Sicherheit: Jetzt gehörst du zu uns, wir lassen dich nicht im Stich. Ich glaube fest daran, dass die das speichern."

Wolfgang Hönig sagt: "Wir alle sind dafür verantwortlich, dass unsere Jugend immer gewalttätiger wird. Warum? Weil erst hingeschaut wird, wenn Kinder völlig aus dem Ruder gelaufen sind. Erst wenn etwas passiert ist, wird gehandelt. Deshalb die Rückbesinnung auf das Rezept Familie. Eltern müssen in die Pflicht genommen werden, nicht nur die leiblichen. Wir hatten schon 50 Gastkinder, nur mit 2 von ihnen kamen wir nicht klar."

Manchmal ist es sehr schwer für den leiblichen Vater, für die Mutter, zu sehen: Jemand anderes kommt besser klar mit meinem Kind als ich.

Selma, auch sie türkischer Abstammung, ist so ein Kind, dessen Mutter hilflos zusah, wie das Leben der Tochter aus dem Ruder lief. Einer Tochter, der schließlich keiner mehr eine Chance gab, weil sie gewalttätig war und wild.

Selma ist gerade 15 geworden, sie sieht aus wie 18, ein hübsches Mädchen, immer wild entschlossen - nur vergisst sie meist, wozu.

Eine Begegnung mit ihr ist wie ein Pokerspiel: Wie nah lässt sie einen heran, wann blufft sie, wann plant sie die nächste Attacke?

Zur Begrüßung reicht sie artig die Hand, Minuten später rotzt sie auf den Boden und fragt: "Ey, haste mal 'ne Kippe?" Sie trägt bauchfrei und Push-up-BH, auf der strassbesetzten Gürtelschnalle steht ihr Name. Sie flirtet mit jedem Schaufenster, in dem sich ihre zierliche Gestalt spiegelt, mit jedem Jungen, der des Weges kommt. Ihr Körper sagt: Hier bin ich, nimm mich. Ihr Mundwerk spricht eine andere Sprache: "Hau ab, Kanak!" Selma sagt, sie finde sich "voll gestört" und kurz darauf, "bin schon 'ne Süße, nä?"

Sie sagt, sie wolle mal Friseurin werden oder ein Buch schreiben über ihr "verkacktes Leben".

Als Selma acht war, begann sie zu rauchen, mit neun den ersten Joint, nahm

Koks, trank Alkohol, hatte früh Sex. War selten zu Hause, zog mit ihrer Mädchen-Gang durch Augsburg. Hatte nur drei Dinge im Kopf: Straße, Stress, Schlägereien. Deutsche kannte sie kaum, nur die Polizei. Ärger wegen Schwarzfahren, Betrug, Anzeigen wegen Körperverletzung.

Ihre Betreuerin von Jumega findet sie "voll nervig, weil die so verständnisvoll tut und eh nix checkt". Selma sei zerrissen im inneren Chaos, sagt ihre Betreuerin, das verdränge sie mit Coolness und Aggression. Sie brauche einen "Schutzraum, in dem sie nachreifen kann".

Heute kommt ihre Mutter zu Besuch, zum ersten Mal. Selma holt sie vom Bahnhof ab, eine blasse Frau mit strähnigem Haar, 37 Jahre alt. Sie haben sich zwei Monate nicht gesehen, seit Selmas Umzug nach Ravensburg nicht mehr, sie wollen wieder warm werden miteinander bei Tee und Nudelsuppe im China-Imbiss. Selma fragt: "Wie warst du denn so früher, als es mich noch nicht gab, als ich noch ein geiler Gedanke war?" Die Mutter sagt, eigentlich wollte sie Erzieherin werden, aber sie begriff, dass sie keine Ahnung hatte, wie das geht: Kinder großziehen. Sie bekam drei Töchter, die erste, als sie so alt war wie Selma heute.

Selma sagt, sie war ein Papakind. Wenn wieder Drogenfahnder vor der Tür standen, versteckte sie das Heroin ihres Vaters im Schulranzen, sagte nichts, wenn er ihre Spardose aufbrach. Saß mal im Bus mit einer Freundin, ihr Vater stieg dazu, lallend, pöbelnd. Ihre Freundin fragte: "Kennst du den?" "Nö", sagte Selma, "nie gesehen."

Eines Morgens, da war sie zehn, hockte sie neben ihrem Vater, stupste ihn an, er rührte sich nicht, war schon kalt, gestorben an einer Überdosis.

Mit elf rastete Selma aus. Es ging um Kontaktlinsen. Sie wollte grüne, die Mutter sagte, kommt nicht in Frage. Selma griff zum Küchenmesser und ging auf sie los. Sie kam in die Psychiatrie, dort blieb sie vier Monate. Als die Ärzte nicht mehr wussten, was sie mit ihr anstellen sollten, vermittelte das Jugendamt sie an Jumega. Selma schlägt jetzt die Hände vors Gesicht, weint. Minuten später hebt sie den Kopf, sagt "Scheiße, egal, keine Ahnung" und korrigiert ihr verheultes Make-up im Taschenspiegel.

Sie nimmt ihre Mutter mit zu ihrer neuen Familie, zu Petra Ludwig und ihrem Mann Ali, Bar-Besitzer, unangepasst. Er Kosovo-Albaner, ehemaliger Fußballtrainer. Sie stammt aus Chemnitz, hat zwei erwachsene Söhne und lebt seit der Wende im Westen, "als Entwicklungshelferin".

Selma sagt, sie findet Petra und Ali cool, "die passen voll gut zu mir, nä?" Davor lebte sie bei strenggläubigen Türken, auch eine Jumega-Gastfamilie, ihre Mutter hatte sich das so sehr gewünscht. Selma sollte lernen, wie man betet und was im Koran steht. "War nicht so mein Ding", sagt Selma über diese Zeit, "ich glaub, ich bin eher weltlich." Zu ihren neuen Gasteltern sagt sie oft: "Ich will nicht so werden wie ihr, ich bin kültüriell anders." Die Ludwigs lassen ihr viele Freiheiten, sie wollen, dass sie bleibt, sie kämpfen jeden Tag um sie, auch wenn das manchmal weh tut.

Selma zeigt ihrer Mutter ihr Zimmer, "schön aufgeräumt, nä?", und öffnet dann grinsend den Schrank, in den sie am Morgen Klamotten und Schulkram gestopft hat. Sie setzen sich aufs Sofa im Wohnzimmer. Alle paar Minuten klingelt eins von Selmas drei Handys, sie raucht die peinliche Stille weg und feilt an ihren Nägeln. Es geht darum, dass Selma die Schule schwänzt, 8. Klasse Hauptschule. Es geht um ihre Zukunft und um geklaute Turnschuhe.

"Hallo?", sagt Petra Ludwig. "Das wird Konsequenzen haben, mein Fräulein!"

"Echt?", fragt Selma, und man gewinnt den Eindruck, als fände sie das gar nicht so übel.

Sie pustet die Haare aus der Stirn, sagt: "Ich klau ja nur, weil ihr mir nie genug Geld gebt, alle anderen kriegen mehr!"

"Halleluja, Baby", ruft Petra Ludwig, "merkst du nicht, dass du auch uns damit in die Scheiße reitest? Wenn du wenigstens dumm wärst, dann würd ich ja sagen, in Ordnung. Aber du bist nun mal schlau, was soll also dieses blöde, blonde Getue?"

Selma schweigt. Sie muss lernen, mit Worten zu streiten, nicht mit Fäusten. Ihre leibliche Mutter sitzt dabei, auch sie schweigt, aber erleichtert wirkt sie doch.

Später an diesem Abend steht Selmas Gastvater hinter dem Tresen in der "Sport-Bar". Er ist als Kriegswaise in einem Heim in Pristina aufgewachsen. Er sagt: "Wir müssen Selma vermitteln, dass es andere Werte gibt als Handys und schicke Turnschuhe." Manchmal denke er, in Deutschland gebe es von allem zu viel, zu viel Freiheit, zu viel Verlockung, zu viele Sozialarbeiter. "Es geht auch ohne, auch aus mir ist was geworden."

Sebastian, der Junge mit der Knasterfahrung, steht ein paar Tage später an der Uferpromenade von Überlingen, dort wohnt er jetzt, und blickt über den Bodensee. Zeigt in Richtung Schweiz, zeigt Konstanz, zieht sein Handy aus der Jeans und sagt: "Boa ey, Wahnsinn! Was Schöneres gibt's net. Ich ruf die Mama an."

Ben, der Punk in der Doppelhaushälfte, diskutiert leicht erregt mit seinem Gastvater. "Ommm", sagt der, "entspann dich." Ben sagt, "du hast mir gar nichts zu sagen, ich bin ja jetzt Klassensprecher." "Wer hätte das gedacht", sagt der Vater, "sogar in diesem Kerl steckt ein guter Kern."

Murat, in Dürmentingen, setzt sich an den Esstisch der Hönigs, steckt ein Bild, das der Schulfotograf von ihm gemacht hat, in einen Umschlag und schreibt ein paar Zeilen an seine Mutter: "Mama zieh dich warm an weil ich will nicht mehr hören das du wieder Krank bist. Und hock nicht so viel vor der Glotze mit Papa. Gut besserung. Euer Murat."

* Die Namen der Jugendlichen sind von der Redaktion geändert.

DER SPIEGEL 7/2008
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