11.02.2008

AFFÄRENDokument des Grauens

Trotz Millionensubventionen ist Europas größtes DVD-Werk pleite. Ausgerechnet Mitarbeiter des Eigentümers, gegen den der Staatsanwalt ermittelt, wollen es retten.
Im ostdeutschen Dassow ist für viele die Welt eine Scheibe. Über 1200 Menschen arbeiteten hier bis vor kurzem in einem DVD-Werk, nirgendwo sonst in Europa wurden mehr Spielfilme auf Silberscheiben gepresst.
"Wehret den Heuschrecken", hieß es in Dassow vorvergangenen Mittwoch auf Transparenten. 500 Mitarbeiter des insolventen DVD-Werks protestierten gegen den Einfall vermeintlich skrupelloser Investoren.
Gemeint war das Übernahmeangebot eines niederländischen Bieters, finanziert durch den US-Hedgefonds Lone Star. "Das Unternehmen will nur unseren Vertrag mit Universal Pictures, der die Hälfte der Produktion ausmacht", schürte ein Betriebsrat die Stimmung. Sollten die Hollywood-Produktionen woanders gepresst werden, käme das Aus für den Standort.
Vorvergangene Woche zog sich Lone Star überraschend zurück. Doch ob die übrigen Bieter seriöser sind, ist umstritten.
Das gilt vor allem für die britische Spin Group. Dahinter stehen ausgerechnet zwei Geschäftsführer der Hamburger ODS-Gruppe, zu der das Pleitewerk bislang gehörte. Die beiden Manager wollen sich mit dem Werk selbständig machen. Währenddessen ermittelt nun die Schweriner Staatsanwaltschaft gegen die ODS-Spitze "wegen des Verdachts auf Betrug und Insolvenzverschleppung", wie ein Justizsprecher bestätigt.
Beschuldigter ist neben den Ex-Werkvorständen der schillernde ODS-Gründer Wilhelm Mittrich. Mit seiner mallorquinischen Klondyke Management, die den ODS-Konzern kontrolliert, führte Mittrich im schrumpfenden Markt der Silberlinge jahrelang einen ruinösen Preiskampf. Er setzte auf schnelles Wachstum, die Zahl der Arbeitskräfte stieg von 60 auf über 1200 Jobs innerhalb von neun Jahren.
Möglich machten diesen Aufstieg Millionenkredite der gesamten deutschen Bankenprominenz - und beste Beziehungen in die Landespolitik: Staatliche Hilfen von mindestens 70 Millionen Euro flossen in das Vorzeigewerk Dassow. Anfang Oktober 2007 kam bei vollen Auftragsbüchern die Pleite.
Zuvor hatte Mittrich mit dem Segen des Minderheitsgesellschafters, der durch die Kreditkrise angeschlagenen Deutschen Industrie Bank, den Konzern umgebaut. Das Werk in Dassow wurde ausgegliedert und hieß plötzlich VDD, es ging in Konkurs. Der Restkonzern mit Sitz in Hamburg bildete jetzt die neue ODS.
Insider vermuten nun, dass Mittrich hinter der Spin Group steht. War die Pleite gar von langer Hand vorbereitet, um am Ende auf Kosten der Allgemeinheit billig die Produktionskosten zu drücken und Personal abzubauen?
Die Ermittlungen wegen Insolvenzverschleppung sind Mittrich "nicht bekannt". Es habe nie die Absicht bestanden, "VDD in die Insolvenz zu schicken". Zwei Banken hätten ihre Kredite fällig gestellt. Mittrich bestreitet, dass die Spin Group "gesellschaftsrechtliche Verbindungen zur ODS-Gruppe oder zu mir persönlich" hat. "Herr Mittrich assistierte uns bei der Suche nach Firmen, die unsere Finanzierung unterstützen", bestätigt ein ODS-Manager, der sich mit Hilfe der Spin Group selbständig machen will. Mittrich spiele weder im Management noch im Aktionärskreis eine Rolle.
Derweil erheben Politiker schwere Vorwürfe gegen die Landesregierung. Denn trotz gegenteiliger Beteuerungen von Ministerpräsident Harald Ringstorff kam das Dassower Desaster mit Ansage. Den rasanten Niedergang der ODS hatten vor geraumer Zeit schon die Wirtschaftsprüfer von PriceWaterhouseCoopers festgestellt. Ihr Prüfbericht für das Jahr 2006 gleicht einem Dokument des Grauens.
Die Steuerfahndung hatte gegen Mittrich & Co. eine Ermittlung wegen des Verdachts auf Subventionsbetrug eingeleitet. ODS hatte für 35 Maschinenlieferungen Investitionszulagen kassiert, obwohl "fünf Maschinen nachweislich nicht neu waren". Das Geld sei inzwischen zurückbezahlt, wehrt sich Mittrich, die Lieferfirma habe "Schadensersatz geleistet".
Einen Gewinn konnten die trickreichen Buchhalter nur noch ausweisen, weil sie gruppenintern Firmen verkauften und daraus eine wundersame Wertvermehrung von über 23 Millionen Euro resultierte.
Für den Exklusivbelieferungsvertrag mit der Hollywood-Fabrik Universal Pictures "verpflichtete sich ODS zur Zahlung von 6,8 Millionen Euro", schrieben die staunenden Prüfer. Und die Lizenzstreitigkeiten mit einem Patentpool vor Gericht endeten mit "negativen Ergebnisauswirkungen in Höhe von 10,4 Millionen Euro".
Das bevorstehende Ende für Dassow las sich im Prüferdeutsch wie folgt: "Die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der Produktion von DVDs in Deutschland sieht die Geschäftsführung durch das Urteil hinsichtlich des Lizenzpools als eingeschränkt an." In Nachbarländern wie Polen und Skandinavien sei "nur ein Bruchteil der Lizenzgebühren" zu zahlen.
Wie es weitergeht, entscheidet der In-solvenzverwalter diese Woche. Die staatlich geförderten ODS-Profite sind jedenfalls längst abgeflossen - vielleicht in die Schweiz? In Hergiswil firmiert eine Klondyke Management AG, die "in Bezug auf die ODS keine Rolle spielt", behauptet Mittrich. BEAT BALZLI
Aus rechtlichen Gründen wurde dieser Artikel nachträglich bearbeitet .
Von Beat Balzli

DER SPIEGEL 7/2008
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