11.02.2008

MOBILFUNK

Siebenfache Sieben

Von Müller, Martin U.

Besonders einprägsame Telefonnummern sind rar - und wertvoll. Im Internet floriert mittlerweile der Handel mit beliebten Zahlenreihen.

Bevor Franz Beckenbauer Fußball-Kaiser wurde, arbeitete er sich als Versicherungskaufmann bei der Allianz durch Policen mit der Endziffer Sechs. 1966 heiratete er zum ersten Mal. Jahrzehnte später raubte ihm die Zahl Sechs den Schlaf: Vor allem in der Nacht klingelte sein Mobiltelefon; am anderen Ende waren einsame Männer auf der Suche nach erotischen Gesprächen mit willigen Damen. Gewählt hatten sie die Mobiltelefonnummer der Fußballlegende: 0176-6666666.

Die leicht einzuprägende Telefonnummer war ein Bonbon des Netzbetreibers O2 für seine Werbediva Beckenbauer. Doch als sich Anrufer häuften, die hinter der siebenfachen Sechs einen Sex-Discounter vermuteten, bat Beckenbauer den damaligen O2-Chef Rudolf Gröger um Auswechslung seiner Durchwahl.

Stattdessen hätte der sonst so geschäftstüchtige Beckenbauer sie auch verkaufen können. Marktwert: 10 000 Euro.

Besondere Rufnummern sind nämlich ein rares Gut. Der Handel im Internet floriert. Rund 90 Millionen Handynummern wurden bisher von der Bundesnetzagentur an die Mobilfunkbetreiber ausgegeben; nur etwa 3000 Nummern pro Netzvorwahl gelten als wertvoll. Sie bestehen aus sich wiederholenden Zahlenblöcken, Zahlenreihen oder wie Beckenbauers Problemnummer aus der Folge von nur einer Ziffer.

Generell werden Rufnummern nach dem Zufallsprinzip vergeben. Einige Mobilfunkanbieter lassen auch Wunschnummern zu - oft gegen Aufpreis. Doch die begehrtesten Kombinationen sind seit Jahren vergeben. "Die haben sich damals die Händler selbst gekrallt und unter dem Ladentisch verhökert", sagt ein Insider.

Heute sind die idiotensicheren Telefonnummern fast ausschließlich über private Versteigerungen zu bekommen. Neben dem Auktionshaus Ebay gibt es mehrere Plattformen, die sich auf die Vermittlung der Wunschnummern spezialisiert haben. Etwa 800 Telefonnummern sind im Moment beim Portal anumero.de gelistet. "Das ist wie mit dem Handel von Internet-Domains. Einige versuchen damit viel Geld zu machen", sagt Anumero-Mitgründer Daniel Hoffmann. Besteht eine Nummer aus zwei ähnlichen Blöcken, wird sie für mehrere hundert Euro gehandelt. Sind alle Ziffern gleich, ist das den meisten Bietern oft Tausende Euro wert.

Die Mobilfunkanbieter unterbinden die Versteigerungen nicht, wollen sie aber auch nicht fördern. Grundsätzlich ist jede vergebene Rufnummer einer bestimmten Person zugeordnet. Eine Überschreibung der Nummer ist nur durch Vertragsübernahme möglich.

Andreas Gravius, 29, kennt das Übernahmeformular gut. Er sammelt Telefonnummern wie andere Menschen Briefmarken. Mehr als hundert Nummern hat Gravius angehäuft, darunter auch so einmalige Kombinationen wie die sieben Millionen oder siebenmal die Sieben. Er war einst Vertriebspartner von E-Plus und hatte direkten Zugriff auf das Computersystem des Netzes. Seine Rufnummern sind deshalb vor allem eines: begehrt.

Und manchmal auch nervig. "Die Nummern sind praktisch nicht nutzbar", sagt Gravius, der heute in einem Essener Hotel arbeitet. Mindestens vier Leute würden jeden Tag bei ihm anrufen. Einfach so, um "mal zu sehen, wer da rangeht". Hinzu kommen Anrufe von Taxiunternehmern, Pizza-Bringdiensten, Sex-Hotlines. Sie alle wollen nur das eine - seine Telefonnummern abkaufen. Doch Gravius bleibt hart. "Ich habe nicht vor zu verkaufen. Die Nummern sind doch meine Arbeitslosenversicherung." Seine besten Nummern benutzt er selbst oder verteilt sie an Freunde: "Ich habe eine der zehn schönsten Nummern Deutschlands. Wenn ich die nicht benutzen könnte, würde mich das nicht glücklich machen."

Auch Karl-Leo Stettmann hortet Rufnummern. Sein Steckenpferd sind sogenannte Vanity-Kombinationen. Durch Eingeben eines bestimmten Wortes oder Namens über die auch mit Buchstaben belegten Tasten eines Telefons kann man so Anschluss bekommen. Stettmann ersteigerte für einen Freund die Kombination 37325728 - als normale Nummer alles andere als wertvoll. Doch in Buchstaben ausgedrückt stehen die Ziffern für das Wort "Drecksau". "Die wollte mir sofort wieder jemand abkaufen", sagt der Zahlenfetischist. MARTIN U. MÜLLER


DER SPIEGEL 7/2008
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