11.02.2008

Der Menschenfänger

Von Brinkbäumer, Klaus und Hujer, Marc

Barack Obama, Präsidentschaftsbewerber für die Demokraten, wird von einer Begeisterung getragen, die sich aus den Sehnsüchten und Träumen einer neuen Wählergeneration speist: Amerika will wieder geliebt werden, ein neuer Kennedy soll das wunde Land heilen. Von Klaus Brinkbäumer und Marc Hujer

Tief sind die Schlaglöcher, die Häuser besprüht, und die Mädchen, die hier über die Straßen hasten, drehen sich um, ständig. Sie hören Sirenen, sie sehen Schatten. Michelle Obama ist hier aufgewachsen, sie sagt, damals habe es weniger Waffen gegeben, weniger Drogen auch. Das hier ist verwüstetes Land. Verliererland, an sechs Tagen in der Woche.

Die Trinity United Church of Christ liegt in der 95. Straße in Chicago, mitten in der South Side. Die Kirche beschäftigt private Wachleute, sie kontrollieren die Einfahrt zum Kirchenparkplatz wie einen Grenzübergang, vom Stahlzaun zielen Überwachungskameras auf die Straße herab; South Side ist einer dieser Orte der verlorenen Hoffnungen. Wie die South Bronx in New York, wie Slavic Village in Cleveland, wie South Central in Los Angeles.

Wie so viele amerikanische Ghettos, diese "verfallenden Viertel, in denen niemand eine Krankenversicherung hat und immer mehr Familien ihre Häuser verkaufen müssen", so sagt es Barack Obama. "Viel zu viele Orte im reichsten Land der Erde sind so geworden wie dieser."

Es gibt in der South Side von Chicago keinen Starbucks und natürlich keine Boutiquen und nicht mal McDonald's. Hier endet die Red Line, die U-Bahn, die nach Downtown führt, zurück in die Zivilisation.

Einmal in der Woche allerdings, Sonntag für Sonntag, kommen die Leute aus dem übrigen Chicago in die 95. Straße, die Armen und die Reichen, Namenlose und Prominente wie Oprah Winfrey; jene, die früher hier lebten und den Ausweg gefunden haben, sitzen neben denen, die hier zu Hause sind.

Einmal in der Woche liegt hier das Zentrum eines neuen, bislang nur geträumten, noch immer ziemlich verschwommenen, eines so fernen wie verlockenden Amerika.

An jedem Sonntagmorgen entsteht hier Obamaland.

Es ist elf Uhr, der dritte Gottesdienst an diesem Vormittag. 2500 Menschen sind gekommen, sie sitzen zu ebener Erde und auf der Empore; es ist wie im Theater, der Innenraum ausgeschlagen mit Plüsch, rot sind der Teppichboden, die Stühle, die Vorhänge, so rot wie Michelle Obamas Kostüme. Das Alltägliche ist Thema dieses Sonntags. Es soll um Vertrauen gehen, um Liebe, Enttäuschung. Aber als dort drüben,

hinter dem Altar, ungefähr 200 Sänger und Sängerinnen aufstehen, in schwarzgelben Gewändern aus Satin, und mit dem ersten Gospel beginnen, da klingt dieser Alltag wie Krieg.

"Ich stehe auf dem Schlachtfeld", singen sie, "auf dem Schlachtfeld für meinen Gott. Und ich verspreche, dass ich Ihm diene bis zu meinem Tod."

Jeremiah Wright Jr., der Pfarrer, tritt auf seine Bühne. Er trägt heute ein weißes Hemd, einen schwarzen Talar, um den Hals eine goldbestickte Stola, er hat kurze graue Haare, trägt eine randlose Brille und einen schmalen Oberlippenbart, an der Wand neben ihm steht das Motto seiner Kirche: "Unbeschämt schwarz, uneingeschränkt christlich". Pfarrer Wright schnippt die Finger zur Musik, wippt sich in Stimmung, dann beginnt er die Predigt, und er liest seiner Gemeinde die Leviten. Kräftig.

Wright spricht von "weißer Arroganz" und von den "Vereinigten Staaten von Weiß-Amerika". "Ich verstehe es nicht", ruft der Reverend, "dass unsere heutige Generation die Vorteile der weißen Vorherrschaft genießt. Sie scheint sich nicht zu erinnern! Sie scheint die Kunst der historischen Amnesie zu beherrschen! Es ist eine Täuschung! Es ist eine Ablenkung! Rassismus hat nicht nur früher existiert, Rassismus existiert weiterhin!"

Ist das so, immer noch?

Beweist Barack Obama, der schwarze Demokrat, der hier zu Hause ist, hier in Chicago, hier in dieser Kirche, nicht gerade das Gegenteil? Sieht in diesen Wochen nicht die ganze Welt dabei zu, wie ein anderes Amerika entsteht? Ein friedliches, gütiges, mitfühlendes? Die Völker in Europa, in Asien warten auf so ein Amerika, eines, das nicht immer sofort zu militärischen Interventionen greift, das wieder zuhören kann und seine Gäste willkommen heißt, ein Amerika, das die Vereinten Nationen ernst nehmen und vielleicht sogar stützen wird, das Multilateralismus schon aus Eigeninteresse anstrebt.

Und wird das nicht ein Amerika sein, in dem endlich wirklich ein jeder werden kann, was er werden will? In dem alle krankenversichert sind, Migranten willkommen, Lehrer gut bezahlt, in dem Rüstungsetats für Forschungsfinanzierung umgewidmet werden und die Schlaglöcher der South Side wieder zu Straßen?

Und haben all diese Erwartungen, mit denen er inzwischen bedacht wird, diese Überhöhungen, der Kitsch und das Pathos diesen Kampf um die amerikanische Präsidentschaft nicht längst zu einer Polit-Oper gemacht mit dem größten Publikum, das es jemals gab? Es kann schon sein, dass Obama abends, wenn er für ein paar Stunden Ruhe hat, über all das lacht, was da gerade geschieht, er gilt ja als klug genug, noch immer als einigermaßen erdverbunden und sogar als selbstironisch. Er darf es nur auf keinen Fall zugeben.

Er schürt all das ja, er baut es auf, er braucht den Kitsch und das Pathos, um zu gewinnen. Und so steht er jetzt hinter dem schwarzen Vorhang des Auditoriums im Izod Center in East Rutherford, New Jersey, draußen kreischen sie immer noch, die Begleiter drängen zur Weiterfahrt nach Hartford, er hat Zeit für exakt eine Frage. Und wenn man ihn nun fragt, ob dieser landesweite Anfall von Obamania nicht längst ins Absurde und Komische gewachsen ist, ob er nicht in Wahrheit ständig lachen muss über Hillary Clinton und sich selbst und die Medien und die gut hundert Millionen Dollar, die sein Wahlkampf bisher schon gekostet hat, dann sagt er doch nur ganz und gar ernst: "Es ist eine amerikanische Bewegung. Der Wandel kommt von unten, er wird sich fortsetzen bis ins Weiße Haus. All das wird schließlich getragen vom Wunsch der Menschen nach einer anderen Politik."

Barack Obama, 46, Sohn einer weißen Amerikanerin und eines schwarzen Kenianers, versteht sich als Schwarzer. Er ist in Hawaii und Indonesien aufgewachsen, hat in Los Angeles und New York studiert, war Sozialarbeiter in Chicago, "Organizer" nennen sie das, was er dort tat: Es ging darum, verfallende Gegenden wie Chicagos South Side wieder zu beleben, die Menschen dazu zu bringen, ihre Toiletten zu reparieren, Wände zu streichen, Vertreter zu wählen, den Müll nicht länger aus den Löchern zu werfen, die früher mal Fenster waren. Obama ist Jurist und verheiratet, er ist Vater zweier Töchter und Demokrat, er war Senator im Bundesstaat Illinois und ist seit drei Jahren Senator für Illinois in der Hauptstadt Washington.

Und nun will er demokratischer Kandidat im Präsidentschaftswahlkampf werden, später der erste schwarze Präsident der Vereinigten Staaten, und er hat gute Chancen: Hillary Clinton, monatelang einsame Favoritin, und Obama liegen nahezu gleichauf. Sie hat gerade die Vorwahlen in den großen Bundesstaaten Kalifornien, New York und New Jersey gewonnen und darum bislang mehr Delegierte gesammelt; am Ende wird die Zahl dieser Delegierten die entscheidende Größe sein, weil sie Ende August in Denver über Kandidat oder Kandidatin bestimmen. Barack Obama hat dagegen in mehr Bundesstaaten gewonnen und vor allem in jenen, die als traditionell republikanisch gelten; dass er deshalb eher als Hillary Clinton gegen den republikanischen Bewerber John McCain gewinnen könnte, das leiten beinahe alle Beobachter, selbst Clinton-Helfer, aus den bisherigen Vorwahlen ab.

Hillary Clintons Wählerschaft sind die hispanischen Einwanderer, Frauen, die älteren vor allem, und ältere Männer jeglicher Hautfarbe und auch einige jüngere weiße Männer. Demokraten mit niedrigem Einkommen vertrauen Hillary.

Barack Obama wird von Schwarzen jeden Alters und beider Geschlechter, von jüngeren Frauen und auch von weißen Männern gewählt - und von den Unabhängigen, den Wechselwählern, welche Präsidentschaftswahlen oft genug entscheiden. Demokraten mit höherem Einkommen lassen sich von Obama verzaubern.

Selten war US-Politik derart aufregend: Clinton oder Obama oder am Ende doch John McCain? Darüber debattieren in Amerika Studenten und Familien, das ist Gesprächsthema unter den Duschen der Sportclubs. Und die Welt staunt darüber, wie Amerika sich zu erneuern scheint nach sieben Jahren unter George W. Bush.

Es ist ein funkelnder, ein sehr glamouröser Wettstreit geworden, und er wogt hin und her: Der Republikaner John McCain war schon erledigt und wird nun zum neuen Präsidenten erklärt, beides mit der gleichen Wucht geschrieben und geschrien, vom Atlantik zum Pazifik. Hillary war 2007 noch unbesiegbar, Anfang Januar erledigt, Ende Januar wieder Präsidentin und nun Kopf an Kopf mit Obama, sie war zu hart, zu weich, zu stark und zu schwach.

Und Barack Obama?

"Ein ganz neuer Politiker, eine Jahrhundertbegabung, endlich einer, der wirklich ehrlich ist!" So reden und schreiben seine Anhänger. "Kann nichts, wird nichts, hat keine Ideen, es ist eine Frage der Zeit, bis er entzaubert wird wie einstmals Jimmy Carter!" Das sagen jene, die seine Thesen für windig halten, sein Auftreten für pastoral, jene also, die den Mann als Prediger und Blender sehen, George W. Bush gar nicht einmal so unähnlich.

Es steht aber inzwischen fest, seit den 22 Vorwahlen vom vergangenen Dienstag

allemal, dass Barack Obama eine echte Größe amerikanischer Politik geworden ist. Er hat 15 Vorwahlen gewonnen und über 800 gewählte Delegierte, er hat im Januar 32 Millionen Dollar Spenden gesammelt (Hillary Clinton kam auf 13 Millionen und musste, um weiterzumachen, der eigenen Wahlkampforganisation nun privat 5 Millionen Dollar leihen), er lockt 15 000, 20 000 Menschen in die größten Arenen des Landes, und auch wenn noch immer keiner weiß, wie das Rennen ausgehen wird, so gestehen im New York dieser Wintertage selbst Leute aus dem Clinton-Stab ein, dass Obama längst mehr als ein Phänomen ist.

Denn Hillary mag die Analysen haben, er hat Aura.

Hillary ist besser in den Fernsehdebatten, da ist sie schlagfertig und schnell und schlau ja ohnehin. Aber die Debatten liegen größtenteils hinter ihnen, jetzt geht es in die großen Hallen, die seine Welt sind; die hat er im Griff vom ersten Moment an, ein politischer Poet, ein Menschenfänger.

Rhythmisch redet er, mit langgezogenen Silben, tiefer Stimme. Er blickt nach oben, er blickt ins Volk, er lächelt, und seine Hände reden mit, holen weit aus, und am Ende eines Gedankens formen sie einen Ball oder finden sich wie zum Gebet.

Es war offensichtlich, dass Hillary Clinton ihn kopieren wollte bei ihrer Siegesfeier Dienstagnacht. Da stand sie auf der Bühne in New York und trug Refrain für Refrain vor. Das wiederholte "The America I see" war eine ähnlich schöne Zeile wie "Das Weiße Haus gehört euch", aber sie schrie das alles hinaus, und sie las ab.

1200 Kilometer westlich, in Chicago, kam Obama mit seiner Frau auf die Bühne, sie küssten sich, und dann schwärmte Obama von der Zukunft. "Yes, we can", schrien seine Anhänger vor ihm und um ihn herum. Er kann, wir alle können, diese Stimmung erzeugt er in jeder Arena, und wer das nicht gespenstisch findet oder naiv, wer sich fallenlässt, mitreißen lässt, glaubt wahrscheinlich wirklich irgendwann, dass dieser Mann Amerikas Zukunft sein wird.

Der Vorwahlkampf der Demokraten muss schon deshalb als einstweilen noch unentschieden gelten, weil Obama und die Seinen bereits mehrmals dachten, dass sie nun in Führung lägen, aber das waren optische Täuschungen: Volle Hallen bedeuten nicht automatisch mehr Stimmen, denn die älteren Damen, die Hillary wählen, gehen nicht unbedingt aus dem Haus und schreien auch noch für sie. Sexy ist sicherlich eher Obamas Klientel, aber auch aufregende Stimmen zählen nicht doppelt.

Er hat aber etwas gestartet, was in den Vereinigten Staaten gleich zu einer Bewegung erklärt wird. Er ist jung und enorm

modern, "BarackStar", und Millionen Amerikaner wollen mit ihm jung sein, dabei sein, Amerika will wie Obama sein. Dessen größte Leistung in diesem Wahlkampf war, dass er Politik wieder verjüngt hat und von diesem Zustrom der Studenten nun selbst profitiert - "Youthquake", Jugendbeben, heißt das, was die Clinton-Strategen so überraschte, Obamas Messias-Faktor hat seine eigenen Wähler erschaffen und sofort an sich gebunden. "Wir geben euch, und ihr gebt uns", ruft Obama, so will er aus den vielen Amerikas des Jahres 2008 wieder eine Nation machen, aus Ghettos Stadtteile, aus Egoisten Familienangehörige, Staatsbürger, zunächst einmal natürlich vor allem Wähler.

"Wir können das Land versöhnen, wir können den Planeten heilen", ruft er.

"Yes, we can", rufen sie.

Und wenn das alles so einfach ist, wenn sich so leicht beweisen lässt, dass man Schwarze akzeptiert, dass man ein guter, toleranter, kreativer, optimistischer Amerikaner ist, wenn für das alles ein Kreuzchen genügt, wer schließt sich von solch einer Stimmung schon selbst aus?

Natürlich, es gibt die Leserbriefe noch, verfasst von Frauen vor allem, in denen gewarnt wird vor diesem Kerl, der wie eines dieser Gute-Laune-Horoskope sei, die einfach mal behaupten, dass schon alles gut werde: "ein politischer Glückskeks".

Blätter wie die "Washington Post" jedoch, die "New York Times" oder der "New Yorker" verfolgen und bewerten seit Monaten jede Regung der Aspiranten, und langsam schwenken sie um, langsam vergleichen die besten Kommentatoren des Landes den Mann nicht mehr nur mit John F. Kennedy - sie sehen gleich zwei Kennedys in Obama. Er habe JFKs "futuristische, ironische Coolness" und zusätzlich Bobbys "ernste, inspirierende Glut", schreibt Hendrik Hertzberg im "New Yorker".

"Ihr müsst glauben", ruft Obama nun im Civic Center von Hartford in Connecticut, er trägt hellblaue Krawatte, weißes Hemd, dunkelblauen Anzug.

"Wir glauben", ruft die Gemeinde.

Polit-Theater? Wahlkampf, reine Rhetorik, PR, eine Show, die nichts besagt darüber, wie ein Präsident Obama regieren würde? Oder kann das sein, dass er das wirklich ernst meint mit der Politik von unten, der Bewegung, deren Spitze er sein will, ohne sich abzukoppeln, sobald er die Macht hat?

Es gab nicht viele amerikanische Präsidenten, die tatsächlich eine Wende einleiteten, Teddy Roosevelt war einer, Ronald Reagan wohl auch, George W. Bush sicherlich nicht, jedenfalls nicht zum Guten.

Amerika hat sich von seinem glücklosen Bush längst abgewandt, und seit den Zwischenwahlen, in denen die Republikaner ihre Mehrheit im Kongress einbüßten, sieht es so aus, als würden sie bald auch das Weiße Haus verlieren. "Wenn die Demokraten die Wahl 2008 nicht gewinnen, werden sie nie gewinnen", sagt David Keene, Vorsitzender der American Conservative Union. "Die Präsidentschaft von George W. Bush erinnert an die von Präsident Herbert Hoover", sagt Princeton-Historiker Sean Wilentz, "das ist die Chance der Demokraten."

Nach Hoover, der an der Weltwirtschaftskrise scheiterte, begann 1932 der entscheidende Aufstieg der amerikanischen Demokraten mit dem Wahlsieg von Franklin D. Roosevelt. Roosevelt entwarf mit dem New Deal ein Programm für Arbeit und Sicherheit, er erfand die amerikanische Sozialversicherung, die nicht nur für Demokraten attraktiv war, sondern auch für Stammwähler der Republikaner. Der New Deal trug die Demokratische Partei durch das halbe 20. Jahrhundert.

Reagans Sieg hingegen war der Triumph der republikanischen Bewegung, die in den sechziger Jahren als Gegenbewegung zur Zeit der Hippies und radikalen Studentenproteste begann. Die Partei nutzte die Empörung gegen Feminismus und Kommunismus und sowieso diesen wachsenden Unmut der Weißen gegen die neuen Rechte der Schwarzen. Aber Reagan schaffte es auch, Optimismus zu wecken.

"Es ist wieder Morgen in Amerika", verkündeten seine Wahlkampfspots.

Kommt im Januar 2009, mit der Amtseinführung des neuen Präsidenten, nun ein neuer Wendepunkt?

Es ist ja kein Zufall, dass in diesem Wahlkampf alle von "Change" reden, von Wechsel und Wandel, von anderen Vereinigten Staaten. Es ist populär, und es trifft die Stimmung der Mehrheit.

Nach dem 11. September 2001 hätte ein Kandidat wie Obama keine Chance gehabt, zu weich, zu verträumt. Im Moment aber haben die USA weniger Angst vor Terroristen, sie fürchten sich vor dem eigenen Zerfall - die Vereinigten Staaten sind ein Land der Untergangsszenarien geworden, ein Land der Zweifel, ein Land der "American angst".

Bruce Springsteen singt von Leichen in Bäumen und fragt, ob da draußen noch irgendwer lebendig sei; Cormac McCarthy gewinnt den Pulitzerpreis für "Die Straße", einen Roman, in dem ein Vater und ein Sohn durch ein graues, menschenleeres Amerika streifen; Will Smith ist in "I am Legend" der letzte Mensch in einem New York, durch das Wölfe und Gazellen ziehen.

Die USA von 2008 sind ein verunsichertes Land.

Denn der Krieg im Irak und die bald 4000 toten Soldaten zerren am Stolz und am Staatshaushalt. Amerikanische Krankenhäuser sind teuer und bürokratisch, 45 Millionen Bürger sind nicht krankenversichert. Die Wirtschaftskrise, ausgelöst durch einen überhitzten Immobilienmarkt und Millionen von Häusern, die nun verlassen sind, gebiert Viertel, die verlassen werden, Schulen, denen Lehrer und Schüler davonlaufen.

Jahrzehntelang dachten die USA, ein modernes Land zu sein, aber eine republikanische Regierung nach der anderen hatte vor allem das Ziel, Steuern zu senken, was immer wieder die Erneuerung der Infrastruktur verhinderte, und heute ist dieses Land ziemlich altmodisch. Die New Yorker Flughäfen sehen aus wie München-Riem Anfang der achtziger Jahre, nur hundertmal so voll. Die Brücken stürzen ein, Stromleitungen, in dicken, schwarzen Bündeln über Land geführt, reißen schon, wenn sich Stürme erst ankündigen. Die Mehrheit der Amerikaner bezweifelt, dass die USA wirklich noch "das großartigste Land der Erde" seien, wie der ausgestiegene Bewerber Mitt Romney meint. Diese Mehrheit fürchtet die Zukunft, sie glaubt, dass es dringend und sofort eine neue Richtung braucht, und Barack Obama hat es geschafft, diese Stimmung weiterzudenken und umzulenken in einen Traum und eine Sehnsucht.

Wir können auch anders, das ist ihre Sehnsucht und sein Versprechen. Darum scheint er das Gesicht dieser kollektiven Sehnsucht zu werden. Der Ökonom Paul Krugman glaubt, dass die Zeit für eine neue "Politik der Gleichheit" gekommen sei, die einer neuen Mitte-links-Koalition die Macht sichern könnte.

Ist dies also der Moment für den ersten schwarzen Präsidenten? Es wäre ein Signal, zweifellos, ein echtes Symbol; es wäre, nach Bush, die maximal mögliche Kehrtwendung (nur eine schwarze Frau im Weißen Haus wäre noch radikaler, unvorstellbar, vorerst noch, in beiden Parteien).

Die Sklaverei endete offiziell 1865, erst der Civil Rights Act von 1964 setzte jedoch die Gleichbehandlung Schwarzer durch - in Restaurants, Kinos, Hotels, Sportstadien und Bussen. Präsident Lyndon B. Johnson unterschrieb 1965 den Voting Rights Act, seitdem dürfen Schwarze nicht von den Wahlurnen ferngehalten werden.

Es war ein langer Weg. Der erste schwarze Senator war Hiram Rhodes Revels, der 1870 Mississippi in Washington D.C. vertrat. 1984 und 1988 trat Jesse Jackson als Präsidentschaftsbewerber an, gewann hier und dort eine Vorwahl, aber nicht mehr. Der erste schwarze Richter am Supreme Court wurde 1967 Thurgood Marshall, dessen Vorfahren Sklaven gewesen waren. Der erste schwarze Trainer im Profi-Football: Fritz Pollard, 1921, bei den Akron Pros aus Ohio. Der erste schwarze Trainer in der National Basketball Association: Bill Russell, 1966, bei den Boston Celtics.

Und nun? Ein schwarzer Präsident?

Es gab eine Zeit, da kam Barack Obama nach Hause, schloss sich in sein Zimmer ein und hörte die Top 40 der Hitparade. Er brauchte die Top 40, um einschlafen zu können, anders ging es nicht.

Er war gerade zehn Jahre alt und wieder nach Hawaii zu seinen Großeltern gezogen. An seinen Vater hatte er keine Erinnerung, und seine Mutter lebte in Indonesien mit ihrem neuen Mann. Er hatte zwei Jahre dort mit ihr verbracht, er hatte Hundefleisch, Schlangen und geröstete Grashüpfer gegessen, aber dann hatte sie ihn zurück zu Großmutters Erdnussbutter-Sandwiches geschickt, er ging auf die

Punahou-Schule in Honolulu. Die Klassenkameraden nannten ihn Barry und hänselten ihn, und immer stärker wurde dieses Gefühl, nicht dazuzugehören. Nicht richtig schwarz zu sein und schon gar nicht weiß.

Dann kam ein Telegramm. Von seinem Vater aus Kenia. Er wolle ihn besuchen. Zu Weihnachten 1971.

Barack ging zurück in die Schule, und er erklärte den Jungs, dass ihn sein Vater besuchen komme und ein Prinz sei, ein geachteter afrikanischer Prinz. "Mein Großvater ist ein Häuptling, sozusagen der König des Stammes, sagte er. "Mein Vater ist also ein Prinz. Wenn mein Großvater stirbt, wird er sein Nachfolger."

"Und du?", wollte ein Freund wissen. "Gehst du zurück und wirst Prinz?"

Seine Kameraden staunten, und ein paar Wochen später war der Vater da. Er brachte geschnitzte Figuren mit, einen Löwen und einen Elefanten, dazu Schallplatten mit Stammesmusik. Er zeigte dem Sohn, wie man tanzt.

Sein Vater blieb zwei Wochen, und vor seiner Abreise hielt er in Baracks Klasse einen Vortrag über Kenia, und der Junge war am Ende bloß erleichtert, dass der Alte ihn nicht blamiert hatte. Es ging nicht besonders gut, es waren ziemlich sprachlose Tage, und wenn die Erwachsenen miteinander redeten, stritten sie über die Erziehung des Jungen, und dann war der Vater wieder fort. Es war das letzte Mal, dass Barack ihn sah. In den Jahren danach wurde er zum Mythos für ihn, zu einer Quelle der Inspiration, und sein Leben wurde zur Suche. Erst nach dem Vater, später dann nach der eigenen Identität.

Er spielte Basketball und hörte den Co-Trainer "Nigger" sagen, andere sagten "Obamba" und fanden es lustig. Er hörte Stevie Wonder, las Malcolm X, er lernte die Sprache der Straße. Er kiffte und kokste, trank und rauchte, er sagt, dass er diesen Nebel um sich legen musste, "um die Fragen, wer ich war, aus meinem Hirn zu drücken". Und selten hat ein Politiker über seine Jugend so angstlos gesprochen wie Obama, in Amerika sicherlich noch nie.

Es gab damals Zeiten, da spürte er Wut auf alle Weißen, es gab andere Zeiten, da hasste er das Selbstmitleid vieler Schwarzer, es gab auch eine Freundin, eine Weiße, die er jedoch nicht an sich heranließ, und irgendwann ging sie und sagte: "Ich kann alles versuchen, aber ich werde niemals schwarz genug sein."

Obama sagt selbst, dass sein Weg in ganz andere Richtungen hätte führen können, durchaus auch hinab, aber vor der Spritze, vor Heroin schreckte er zurück. Das Studium brachte er zu Ende, obwohl die anderen ihm sagten, dass er damit doch nur dieser "wohlerzogene Nigger" würde, den die Weißen sich wünschten. Stur war er damals schon, vielleicht rettete ihn das.

Natürlich ist diese Biografie der Schlüssel zum politischen Erfolg des Barack Obama. Ein Leben lang war er getrie- ben vom Wunsch nach Versöhnung, nach einem Ausgleich zwischen Weiß und Schwarz, Arm und Reich, Gläubigen und Agnostikern. Er kennt ja das Leben auf beiden Seiten, er lebte das Leben der Weißen und der Schwarzen, von Arm und Reich, er hatte islamischen, buddhistischen, katholischen Religionsunterricht und wurde vom Atheisten zum Christen.

Er sagt, er hätte sich durchaus auch frei fühlen können, so wie seine Mutter, die Weltenbummlerin, aber er fühlte sich immer bloß einsam. Auf der Suche nach einer Gemeinschaft. Es gab ja nicht mal eine richtige Bezeichnung für einen wie ihn, nur "birassisch", "multirassisch" oder "multikulturell". Der konservative Radiomoderator Rush Limbaugh nennt ihn einen "Halfrican", einen Halbafrikaner. In Wahrheit heißt Barack "der Gesegnete", es ist ein arabischer Name, das half Obama auch nicht.

An einem kalten Novembermorgen 1983 bekam Obama einen Anruf, er lebte in Harlem, New York. Auf dem Herd stand die Kaffeekanne, er machte gerade zwei Spiegeleier, da klingelte das Telefon. Es war seine Tante Jane aus Kenia. "Hör zu, Barry, dein Vater ist gestorben. Er hatte einen Verkehrsunfall."

Es war das Ende einer Vater-Sohn-Beziehung. Nun erfuhr er, wer sein Vater wirklich gewesen war, ein Trinker, der seine vielen Frauen und Kinder lausig behandelt und am Ende immer verlassen hatte. Ein talentierter Mann zweifellos, der ein Stipendium für die Universität von Hawaii bekommen hatte, später für Harvard, der ein einflussreicher Mann in der kenianischen Regierung wurde, der aber seine Karriere im Suff und mit Gepöbel gegen die Oberen ruiniert hatte.

"Mir war, als hätte jemand meine Welt auf den Kopf gestellt", so erinnert sich Obama. "Mein Leben lang hatte ich ein einziges Bild von meinem Vater in mir getragen, ein Bild, gegen das ich mich zuweilen aufgelehnt, das ich aber nie in Frage gestellt hatte und das ich später selbst übernahm. Der brillante Harvard-Absolvent, der großzügige Freund, der aufrechte Politiker - mein Vater war all das gewesen."

Er hatte die Stimme seines Vaters im Ohr, lange noch: "Du musst dich mehr anstrengen, Barry. Du musst dich für dein Volk engagieren. Wach auf, schwarzer Mann!" Er erinnerte sich dann an die Bücher, die ihm seine Mutter geschenkt hatte, Bücher von Martin Luther King und anderen schwarzen Helden. "Schwarz zu sein hieß auch, von einem großartigen Erbe zu profitieren", sagt Barack Obama.

Diese der Realität so wenig entsprechende Erinnerung an seine Eltern hat Obama dennoch von der Columbia in die South Side von Chicago getrieben, von der weißen Eliteuniversität ins schwarze Ghetto. Als Anwalt hätte er an der Ostküste viel Geld verdienen können, eine Wohltätigkeitsorganisation

zahlte ihm ein Gehalt von 800 Dollar im Monat.

Er ging von Tür zu Tür, organisierte Bürgerversammlungen, hörte sich die Klagen über Asbest in Wohnhäusern an, über die Polizei, die immer die Falschen verhafte. Er kämpfte für die Mieter von Sozialwohnungen, setzte sich für freiwillige Straßenreinigung ein und für einen freiwilligen Nachbarschaftsdienst in Vierteln mit hoher Kriminalität. "Ich werde die Schwarzen neu organisieren, direkt an der Basis, damit sich etwas verändert", erzählte Obama seinen Freunden.

Niemand wird behaupten, dass er Chicago gerettet hätte, aber die Leute, mit denen er damals zu tun hatte, schwärmen von seiner Kraft. Nach und nach seien immer mehr zu den Versammlungen gekommen, nach und nach hätte Obama verstanden, wie gut er am Mikrofon war. Wenn sie zu acht zu einer Demonstration fuhren, nannten sie sich "Obamas Armee". Und einmal gab es eine Krise: Obamas Mitstreiterinnen wollten aufhören, zu wenige Erfolge, zu viel Ärger. Da sah er aus dem Fenster, erblickte ein paar Jungs, die dort draußen herumstrichen, und meinte: "Beantwortet mir nur diese eine Frage: Wenn ihr geht, wer kümmert sich dann um diese Kinder?"

Am Dienstagabend erzählte Obama diese Geschichte, und alle Zuhörer guckten verklärt hoch zu ihrem Barack, und es sind diese Verbindungen, die seiner Behauptung von einer Graswurzelbewegung etwas Authentisches geben: Hier in der South Side begann Obamas amerikanische Reise, aus seiner Acht-Seelen-Armee wurden in den bisherigen Vorwahlen rund sieben Millionen Stimmen.

Drei Jahre lang blieb er damals Organizer, später dann, nach dem Studium an der Harvard Law School, arbeitete er als Anwalt, dann als Senator, und am 27. Juli 2004 betrat Barack Obama das große Auditorium im FleetCenter von Boston. Es war 21 Uhr, Hauptfernsehzeit, zehn Millionen Amerikaner hatten eingeschaltet, er war der Hauptredner des demokratischen Parteikonvents. Obama stand hinter der Bühne, dachte noch einmal an seine Eltern, die Großeltern, die Freunde, und schickte ein Stoßgebet zum Himmel. Dann spielte die Regie "Keep on Pushing" ein, die Hymne der Bürgerrechtsbewegung. Er schlakste auf die Bühne und streckte den Arm wie ein Sieger nach oben. Vor ihm lagen 17 Minuten und 2300 Worte. Er hatte kaum die ersten 100 gesagt, da fingen 17 000 Zuhörer an zu tanzen. Die Berater des damaligen Präsidentschaftskandidaten John Kerry hatten Obama im Radio entdeckt, sie schwärmten von seiner Stimme, ahnten, dass er die Sensation dieses Krönungsparteitags werden könnte.

Kein Satz war damals einfach nur Zufall, eine plötzliche Inspiration, alles getestet auf Wahlkampfveranstaltungen zu Hause in Illinois. Er hatte seine Rede wie ein Bestof-Album komponiert, er kopierte Redemuster von Martin Luther King, John F. Kennedy und Ronald Reagan. Er schrieb seine Reden immer auf einem gelben Notizblock, und manchmal zog er sich im State Capitol von Springfield auf die Toilette zurück, um Ruhe zu haben. Er arbeitete bis morgens um zwei Uhr.

Ein Jahr zuvor schon hatte sein Chefstratege David Axelrod damit begonnen, die Stationen von Obamas Biografie der Presse in Washington und Illinois zu verkaufen. Im Herbst 2003 ließ Axelrod Markttests durchführen, es ging um Stärken und Schwächen in Obamas Biografie.

Das Ergebnis: Unterschiedliche Teile dieser Biografie wirkten unterschiedlich stark auf unterschiedliche Bevölkerungsgruppen. Bei Weißen schlug ein, dass er der erste schwarze Präsident der "Harvard Law Review" gewesen war, der einflussreichsten Juristenzeitschrift des Landes, die für Ostküste, Neuengland, Elitentum stand; für die Weißen war dies "ein positives Bild eines Schwarzen". Die schwarzen Wähler hingegen überzeugten die South-Side-Geschichten - und dass er sich für ein Gesetz gegen Rassendiskriminierung eingesetzt hatte.

Vielleicht ist dies ja das Geheimnis jedes Idols für Massen: Viele entdecken in ihm, was sie berührt, Obama ist Projektionsfläche

geworden und längst so geschickt, je nach Publikum die richtigen Versatzstücke seines Lebens zu betonen.

Damals in Boston erzählte Obama von allem ein wenig. Indonesien, Kansas, Kenia, Chicago, schwarz und weiß, Harvard und South Side, reich und arm, alles war dabei, für jeden in dieser bunten Partei etwas. "Ich stehe hier und weiß, dass meine Geschichte Teil der größeren amerikanischen Geschichte ist, dass ich in der Schuld all derer stehe, die vor mir gekommen sind, und dass meine Geschichte in keinem anderen Land der Welt überhaupt möglich gewesen wäre."

So verbindet er seine Geschichte mit der Großartigkeit Amerikas, und irgendwie wird damit auch er großartig. Dann kommt er zum Höhepunkt seiner Rede, und seine Berater werden nachher ehrfurchtsvoll sagen, dass seine Füße in diesem Moment "zu tanzen" begonnen haben, sie bewegten sich im Rhythmus seiner Worte. "Es gibt kein schwarzes und kein weißes Amerika", ruft er, "es gibt nur die Vereinigten Staaten von Amerika. Wir sind ein Volk."

Der Rest ist Ekstase. "Wer zum Teufel ist dieser Typ?", fragt die "Philadelphia Daily News" am nächsten Morgen. Stars wie George Clooney, Will Smith, Halle Berry und Oprah Winfrey werden zu treuen Fans.

Seit der Nacht von Boston wollen die Hochglanzmagazine sein schlankes Gesicht. "Men's Vogue" wird es drucken, "Gentlemen's Quarterly", "Vibe", das "New York Magazine" und "Atlantic Monthly". Für "Time" und "Newsweek", die ihn 2006 auf den Titel setzten, wird Obama der bestverkaufte Titel des Jahres.

Der Wahlkampf allerdings, den er derzeit so elegant meistert, ist eine Auseinandersetzung ohne wirkliche Programm-

debatte, er wird nicht bestimmt von unterschiedlichen Positionen der Bewerber, die Demokraten haben alle ähnliche Pläne, zur Gesundheitspolitik, zur Reform der Sozialversicherung, zur Einwanderung, zum Rückzug aus dem Irak. Schon fragen sich besorgte Europäer, was sie wohl wirklich erwartet, wenn das langersehnte Ende der Ära Bush Wirklichkeit wird. Der Wettstreit der Demokraten "ist wie ein Kampf auf Leben und Tod zwischen Cola Light und Coke Zero", schreibt Jonathan Chait in "The New Republic".

Es geht darum, dass eine neue Generation die Möglichkeit bekommt, das Land zu gestalten. Die Partei hofft auf eine neue, dauerhafte Mehrheit, auf einen "linksliberalen Reagan", auf einen, der eine Koalition schafft zwischen Schwarzen und Weißen, zwischen evangelikalen Christen und Wirtschaftselite. "Allein Obama bietet die Möglichkeit von Versöhnung an", schreibt Andrew Sullivan im "Atlantic Monthly".

Dazu gehören, in einem Wahlkampf gegen diese irritierenden, da von Tag zu Tag ihre Rollen verändernden Clintons, im Wesentlichen Ruhe, Humor, Gelassenheit. Und dazu gehört Michelle.

Obama lernte sie kennen, als er ein Praktikum in ihrer Anwaltskanzlei machte, sie war zweieinhalb Jahre jünger, aber den geraden Weg gegangen, über Princeton University in den Beruf. Sie erklärte ihm den Kopierer, er wollte sie ausführen, sie sagte, das sei gegen die Firmenpolitik, er sagte, dann kündige er. Sie gingen essen, er erzählte von Indonesien und sie von der South Side, und dann fragte er, ob er sie küssen dürfe.

Die beiden sind ein frisches Paar, ein selbstbewusstes Paar, und wichtig ist das alles, weil sie gegen die Clintons antreten. Gegen Bill, der sich nicht zurückhalten kann, gegen Hillary, die es nicht schafft, Bill zu sagen, dass er sich doch lieber um seine Stiftung kümmern solle - längst diskutieren die amerikanischen Medien, ob Bill sich denn wohl im Weißen Haus zurückhalten werde.

Dagegen die Obamas, so leicht und so romantisch, sie lächeln ironisch, sie kennen ihre Rollen und halten sich daran. Inszenierung? Das ist nicht auszuschließen.

Aber Barack Obama hat auch davon berichtet, wie sie gerungen haben nach der Geburt der Töchter: Wer arbeitet wie viel, wer bleibt zu Hause, wer lebt, wer verwirklicht sich? Er hat geschrieben, dass er gedacht habe, ein guter, fleißiger Ehemann zu sein, und auch, dass er es ganz schön ungerecht fand, dass es kaum noch Zeit für Gespräche gab, für Romantik ohnehin nicht - nur morgens einen Klaps auf die Wange. Und dann erst habe er erkannt, dass die ganze Last seine Frau trage, jene Frau, die, "wenn sie gegen mich anträte, in jedem Wahlkampf gewinnen würde".

Sie war gegen die Kandidatur, zunächst. Sie sagt, das Schicksal einer Politikergattin sei hart, aber sehr praktisch, dass Barack deshalb so ein dankbarer Mann sei. Sie lacht.

Michelle Obama steht vor einer Aula in South Carolina, sie trägt schwarze Stiefel zum schwarzen Rock. Die Haare hat sie nach außen geföhnt, manchmal mag sie wochenlang keine Termine wahrnehmen, dann hat sie wieder Lust, und darum spricht sie heute in Denmark, South Carolina: "Sie sagten, Barack sei zu schwarz, dann sagten sie, er sei nicht schwarz genug. Ich kann euch sagen, er ist einer der klügsten Menschen, die wir in unserem Leben sehen werden."

Barack Obama war nicht gläubig, noch nicht, aber als ihn Reverend Jeremiah Wright Jr. zu einem Gottesdienst einlud, wurde er neugierig und kam. Wright predigte über eine Welt, "in der Hunger und Krieg, Zwist und Elend herrschen, in der an Bord von Kreuzfahrtschiffen jeden Tag mehr Nahrungsmittel weggeworfen werden, als die meisten Bewohner von Haiti in einem ganzen Jahr zur Verfügung haben". Es war dies eine "Welt, die von der Habgier der Weißen gelenkt wird, mit Apartheid in der einen Hemisphäre, Apathie in der anderen". Der Reverend gab seiner Predigt auch einen Titel: "Die Kühnheit der Hoffnung".

Obama hat sein zweites Buch nach dieser Predigt benannt, und an jenem Sonntag entschloss er sich, Mitglied der Trinity United Church of Christ zu werden. Es war ein Bekenntnis, zum Glauben, zur schwarzen Gemeinde, zum eigenen Weg.

Wenn Obama heute über sein Leben redet, seine Heimat jenseits der Politik, dann nennt er zwei Dinge, seine Familie und die Trinity United Church of Christ. Die Kirche ist Obamas Heimat geworden und Wright sein Freund. Vor jeder wichtigen politischen Entscheidung konsultiert er ihn. "In der Trinity Church of Christ traf ich Reverend Jeremiah Wright, der mich auf eine andere Reise mitnahm und mich einem Mann namens Jesus Christus vorstellte", sagt Obama, "es war die beste Ausbildung, die ich jemals hatte."

Denn die schwarze Kirche ist der Stolz dieses schwarzen Amerikas, sie ist das Fundament der afroamerikanischen Kultur. Und sie steht für gesellschaftlichen Fortschritt, erst für ein Ende der Sklaverei und nach dem Ende der Sklaverei für den Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit. In der Kirche begannen schwarze Politikerkarrieren, auch die von Reverend Al Sharpton und Jesse Jackson, die beide schon einmal Präsidentschaftsbewerber waren. "Die schwarze Kirche ist wahrscheinlich der einzige Ort in Amerika, wo ein schwarzer Mann uneingeschränkte Autorität genießt", sagt Dwight Hopkins, Professor an der University of Chicago.

Aber ein Schwarzer, der zornig ist, ist für die Weißen nicht wählbar. Ein Schwarzer muss sich das Vertrauen der Weißen verdienen, er darf sie nicht anklagen, er muss nett sein, ein bisschen harmlos, und Stil muss er haben. Er muss die Weißen an seinem privaten Leben teilnehmen lassen, an allen Zweifeln, Sorgen, Nöten. Die schwarze Talk-Masterin Oprah Winfrey macht das so, indem sie sich mit ihren Gästen über Gewichtsprobleme unterhält und sie gleichzeitig wissen lässt, dass auch sie dieselben Probleme hat, und Obama machte es nach, in seinen Büchern. Wir tun euch nichts, das ist die Botschaft, wir wollen nur mitspielen.

Schwarz zu sein bedeutet ja durchaus auch Macht. In einer Gesellschaft, deren größte Schande der Rassismus war, haben Schwarze Macht über die Schuld der Weißen. Stephen Steinberg, Soziologe am Queens College, nennt die "Magie Obamas", seinen Appeal für weiße Wähler einen "Exorzismus von den Sünden des Rassismus - zieh an der Lasche, und - puff, alles ist weg".

Es ist mit Obama ein wenig wie mit Louis Armstrong, Tiger Woods und Oprah Winfrey. Ihr Erfolg in der Gesellschaft der Weißen gibt den Weißen einen Grund, sich wieder selbst zu mögen.

Obama ist kein Politiker, der sich über seine Überzeugungen definiert, es geht um seine Identität. Er lebt nicht von seinem Programm, das ein bisschen von allem bietet, ein bisschen Bürgerrechtsbewegung, ein bisschen Staat, ein bisschen Eigenverantwortung, ein bisschen Glauben, es ist eine Mixtur des Machbaren, vielleicht ja ein Spiegelbild seiner Suche.

Nicht seine Ideen sind originell, er ist originell.

Es ist Sonntagmorgen in der South Side von Chicago, Reverend Wright zetert und fuchtelt, er schwitzt, immer wieder nimmt er sein Taschentuch und trocknet die Stirn. Er nimmt sich gerade die Römer vor, die Europäer, alle Weißen, "sie haben Jesus gekreuzigt. Es steht in der Bibel! Es steht in der Bibel!"

Wright wütet gegen alles und alle, aber er meint einen ganz bestimmten Artikel, geschrieben von Jodi Kantor in der "New York Times". Es ging darin um das schwierige Verhältnis von Barack Obama zu seiner Kirche, um die Last, die sein zorniger Pfarrer für seinen Wahlkampf bedeute, weil dieser Pfarrer zu schwarz, zu afrozentristisch, zu exklusiv predige, womöglich gar antisemitisch. Es wird in dieser Woche klar, dass Barack Obama wirklich ernsthaft um die Präsidentschaft kämpft. Die "Washington Post" fragt, schwer besorgt: "Wird Wright vor Obamas Amtseinführung mit ihm beten?"

"Wenn Barack die Vorwahlen übersteht", sagt Wright, "wird es den Zeitpunkt geben, an dem Barack sich von mir politisch distanzieren muss."

Wright hat es Obama gesagt, als sie vor kurzem wieder einmal zusammensaßen. Und Obama antwortete: "Ja, so wird es wahrscheinlich kommen."

* Mit Ehefrau Jacqueline in New York.* Errichtet von Kriegsgegnern für die Gefallenen des Irak-Feldzugs im Dezember 2006 in Santa Monica.* Links: mit Stiefvater Lolo Soetoro, Mutter Ann Dunham und Schwester Maya Anfang der siebziger Jahre; Mitte: als Schulabgänger 1979; rechts: als Basketballspieler an der Punahou-Schule in Honolulu 1979.

DER SPIEGEL 7/2008
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