11.02.2008

SRI LANKASpenden für das Tiger-Reich

Nach 25 Jahren Bürgerkrieg will die Regierung endlich die tamilischen Rebellen besiegen. Doch deren Finanzquellen sind kaum auszutrocknen.
Stolz flatterten die grün-orangefarbenen Landesfahnen mit dem gelben Löwen im Seewind. Stolz auch schritt Präsident Mahinda Rajapaksa an sein Rednerpult, um Sri Lankas Unabhängigkeit zu würdigen, die sich am Montag vergangener Woche zum 60. Mal jährte.
"Unsere Verteidigungskräfte haben Siege errungen, wie man sie noch nie gesehen hat", berichtete er pathetisch über den Bürgerkrieg, der das Land seit 25 Jahren lähmt. "Der Terrorismus steht vor einer Niederlage, wie er sie noch nie erlebt hat."
Dann marschierten Paradetruppen auf, aber all die anderen einfachen Soldaten hinter Sandsäcken, Stacheldrahtballen und provisorischen Bunkern im Zentrum der Hauptstadt Colombo machten deutlich, dass die Feiern nur unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen möglich waren. Auf jedes Geschäft, sogar auf jeden Eisverkäufer an der Hafenpromenade gaben Bewaffnete in Uniform acht.
Die Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE), die einen eigenen Tamilenstaat fordern und ein Drittel des Landes besetzt halten, traten dennoch in Aktion. Auf einem Bahnhof in Colombo bombten sie mindestens 13 Personen in den Tod. Im Landesinneren, 240 Kilometer entfernt, ging fast zeitgleich mit Rajapaksas Auftritt ein Bus in Flammen auf, wobei ebenfalls 13 Menschen starben. In Dambulla, dessen Höhlentempel ein beliebtes Touristenziel ist, wurden 20 Tote gezählt, nachdem dort ein weiterer Bus explodiert war.
Insgesamt sind während des Bürgerkriegs bisher mehr als 70 000 Sri Lanker ums Leben gekommen, und der vor sechs Jahren unterzeichnete Waffenstillstand ist längst Makulatur. Mitte Januar kündigte die Regierung ihn auch förmlich auf - nun bombardieren Rajapaksas Militärs wieder den von der LTTE besetzten Norden und melden ständig neue Erfolge. Sie verbreiteten sogar, der Ober-Tiger Velupillai Prabhakaran sei bei einem Angriff lebensgefährlich verletzt worden.
Die LTTE zeigt sich allerdings unbeeindruckt. Vielmehr beweisen die selbsternannten Vertreter der tamilischen Minderheit mit ihren Attentaten stets aufs Neue, dass sie eine der hartnäckigsten Rebellengruppen der Welt sind.
Als einzige Guerilla besitzen sie eine rudimentäre Luftwaffe, wie sich vor einem Jahr bei einem Überraschungsschlag auf das Hauptquartier der Air Force nahe dem Flughafen von Colombo erwies. Fluggerät und Bombentechnik waren zwar vorgestrig, aber was bisher nur ein Gerücht war, bestätigte sich: Die LTTE verfügt nicht nur über (oft minderjährige) Dschungelkämpfer und Kampfboote.
Angeblich haben die Tiger das zweithöchste Budget aller Separatisten nach der kolumbianischen Farc, die glänzend am Kokain verdient. Details über ihre Finanzquellen legten jetzt das britische Militär-Fachblatt "Jane's Intelligence Review" und Human Rights Watch vor.
Bis zu 300 Millionen Dollar sammeln die Tiger demnach pro Jahr im Ausland ein, zwischen 80 und 90 Prozent ihres Gesamtetats. Zahlen müssen die Exil-Tamilen; Privathaushalte wie Geschäftsleute sind die Geldquelle Nummer eins. Selbst Mittellose werden, etwa in London, noch um 40 Pfund im Monat angegangen, während von den tamilischen Hütern eines kanadischen Hindu-Tempels sogar erwartet wurde, dass sie umgerechnet 700 000 Euro aufbringen - als "Spende für den letzten Krieg".
Etwa jeder vierte Tamile lebt im Ausland, demnach beträgt die Zahl der potentiellen Spender an die 800 000. Die größte Diaspora befindet sich in Kanada (etwa 250 000 Personen), gefolgt von Indien (150 000), Großbritannien (110 000), Deutschland (50 000), der Schweiz, Frankreich sowie Australien (jeweils 30 000). Die LTTE verlange normalerweise 20 Prozent der Einkünfte, heißt es. Tamilische Kulturvereine würden Geldeintreiber umherschicken und die Einnahmen auf Umwegen ins Tiger-Reich "Eelam" transferieren.
Oft verwandeln sich die eingesammelten Dollar, noch bevor sie die Gewürzinsel erreichen, in Waffen. Die werden vorzugsweise aus Südindien in die Tamilen-Hochburg Jaffna verschifft. Schnellboote brauchen für die 35 Kilometer schmale Meerenge nur eine Dreiviertelstunde und nehmen manchen Restposten aus dem globalen Waffensupermarkt an Bord - ukrainischen Sprengstoff, bulgarische SA-14-Kurzstreckenraketen, Panzerfäuste aus Zypern, Granatwerfer aus Kroatien, Gewehre aus Kambodscha, Thailand und Burma.
Um dies alles zu bezahlen, manipulieren die Tiger offenbar auch Kreditkarten. In Norwegen wurden vorigen Mai 16 LTTE-Unterstützer wegen dieses Delikts hinter Gitter geschickt. In Singapur und Thailand flogen Banden auf, die mit Blanko-Karten und Lesegeräten für die Geheimzahlen von Geldautomaten ausgerüstet waren.
Die Tiger sind zentral und hierarchisch organisiert. Finanzielles regeln laut "Jane's" die Aiyanna Group, geleitet vom LTTE-Geheimdienstchef Potta Amman, sowie das Office of Overseas Purchases unter dem Funktionär Kumaran Pathmanathan, deshalb kurz KP-Department genannt. Es soll für die Beschaffung von Spenden zuständig sein und mit Vereinen wie dem im New Yorker Stadtteil Queens ansässigen World Tamil Coordinating Committee (WTCC) zusammenarbeiten.
Das WTCC streitet solche Kärrnerarbeit jedoch ab. Schließlich stehe die LTTE in Nordamerika und in der EU auf der Liste der terroristischen Vereinigungen.
Viele Tamilen, die Anfang der achtziger Jahre vor den Pogromen der Singhalesen-Mehrheit geflohen sind oder traumatische Erinnerungen an die Gegengewalt der Regierung haben, unterstützen die LTTE durchaus freiwillig. Sie betrachten sie als Anwalt einer gerechten Sache. Bei den anderen wird mit Hausbesuchen nachgeholfen. Die Geldbeschaffer spulen dann das ganze Repertoire von subtilem Nachdruck bis zu offener Erpressung ab.
Wer Zahlungen konsequent verweigert, riskiert Telefonterror oder eine demolierte Wohnung, er bekommt Probleme bei Heimatbesuchen und bringt Angehörige in Gefahr. "Sie sagen scheinbar bloß: Wir werden es dir zeigen", erläutert ein betroffener Tamile. "Jeder von uns aber weiß genau, dass es um Leben oder Tod geht." RÜDIGER FALKSOHN, PADMA RAO
Von Rüdiger Falksohn und Padma Rao

DER SPIEGEL 7/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 7/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SRI LANKA:
Spenden für das Tiger-Reich

  • Kreuzfahrtschiff in Seenot: Geretteter schildert Helikopter-Evakuierung
  • Buzzer-Beater in der NBA: Sensationswurf in letzter Sekunde
  • Amateurvideo von der "Viking Sky": Als der Sturm zuschlägt
  • Flughafen Bali: Orang-Utan-Junges vor russischem Touristen gerettet