11.02.2008

TÜRKEI„Das Tuch ist ein Sexsymbol“

Die Wissenschaftlerin Muazzez Ilmiye Çig über die mögliche Aufhebung des Kopftuchverbots und die Regeln des Islam
SPIEGEL: Frau Çig, welche Bedeutung hat das Kopftuch für Sie?
Çig: Überhaupt keine. Ein Stück Stoff.
SPIEGEL: In einem Ihrer Bücher haben Sie behauptet, dass das Kopftuch in vorislamischen Zeiten von Tempelhuren getragen wurde. Einige verstanden das als direkte Beleidigung muslimischer Frauen. 2006 mussten Sie sich wegen "Aufstachelung zum Hass" sogar vor einem türkischen Gericht verantworten.
Çig: Ich habe das nicht einfach behauptet, ich habe es herausgefunden. Die alten Keilschriften der Sumerer erzählen davon: Für ihre Priesterinnen waren sexuelle Rituale mit jungen Männern eine religiöse Pflicht, eine von vielen. Als Erkennungszeichen verschleierten diese Frauen ihr Gesicht. Das ist eine historische Tatsache, ich bin eine Wissenschaftlerin. Ob sich ein solches Kleidungsstück, ein Sexsymbol, heute als moralische Visitenkarte eignet, müssen andere entscheiden.
SPIEGEL: Im Fall einer Verurteilung hätten Ihnen 18 Monate Gefängnis gedroht. Aber das Gericht hat Sie freigesprochen ...
Çig: Wenn Gefängnis meine Strafe gewesen wäre, wäre ich ins Gefängnis gegangen. Da halte ich es wie Sokrates: Lieber trinke ich Gift, als meine Ideale zu opfern.
SPIEGEL: Welche Ideale?
Çig: Die türkische Republik, der Laizismus, das Erbe, das uns Mustafa Kemal Atatürk hinterlassen hat. Ich akzeptiere, dass dieses System Fehler macht, das ist doch ganz normal. Europa hat Jahrhunderte gebraucht, bis sich die Aufklärung durchgesetzt hat. Wir haben erst 80 Jahre Aufklärung hinter uns. Da nehme ich so einen Prozess in Kauf.
SPIEGEL: In Ihrem Land tobt ein Kulturkampf, der das Kopftuch betrifft. Die regierende islamisch-konservative AKP ist dabei, das Kopftuchverbot an den Universitäten abzuschaffen. Das Militär und andere Gesellschaftsgruppen sind strikt dagegen. Wie sehen Sie diese Debatte?
Çig: Die Aufteilung der Gesellschaft in sogenannte Religiöse und sogenannte Säkulare ist oberflächlich. Es geht um Macht, um politische Interessen! Schon zu Atatürks Lebzeiten gab es Gruppen, die um ihre Macht fürchteten, weil plötzlich weltliche Schulen gegründet wurden und die alten Koranschulen Konkurrenz bekamen. Es ist eine Lüge, dass Atatürk gegen den Islam war. Aber diejenigen, die als Arabischlehrer ihren Einfluss verloren, weil Atatürk die lateinische Schrift einführte und in den Moscheen auf Türkisch predigen ließ, konnten ihm das wunderbar vorwerfen! Dabei waren die Türken so glücklich, dass sie den Koran endlich auf Türkisch lesen konnten. Heute ist es ähnlich: Man wirft den Kemalisten Gottlosigkeit vor, nur weil sie die Prinzipien des säkularen Staates schützen wollen.
SPIEGEL: Aber was ist denn so verwerflich daran, wenn gläubige Türkinnen mit Kopftuch studieren wollen?
Çig: Ganz einfach: Säkularismus ist nicht gegen die Religion gerichtet, aber er vollzieht eine Trennung zwischen Staat und Religion. Also dürfen die jungen Frauen gern Kopftuch tragen, aber bitte nicht im staatlichen Raum. Das Kopftuch ist nun mal ein religiöses Symbol, und dazu noch eines, das sich zu Unrecht auf die Religion beruft.
SPIEGEL: Lässt sich das belegen?
Çig: Sie finden im Koran keinen Hinweis, der nicht mehrdeutig wäre. Ich könnte den Studentinnen im Detail erzählen, warum das Kopftuch niemals eine religiöse Notwendigkeit war und dass sie, wenn sie alle Regeln im Islam befolgen würden, erst einmal viele andere Vorschriften zu befolgen hätten. Der Islam ist im Grunde eine sehr unauffällige und individuelle Religion, die sehr gut ohne demonstrative Kleidungsvorschriften auskommen kann.
SPIEGEL: Sie haben sogar die Ehefrau des Premierministers, Emine Erdogan, in einem Brief gebeten, das Kopftuch abzulegen.
Çig: Ich fühle mich von ihr nicht repräsentiert. Der laizistische Staat ist ein großer Schatz für uns. Die Moschee ist offen, aber du bist frei, hineinzugehen oder nicht. Atatürk hat das am besten verstanden. Für mich war dieser Mann ein Visionär. Er hat auch prophezeit, dass es gesellschaftliche Rückschritte geben wird. In solch einer Phase befinden wir uns gerade.
INTERVIEW: DANIEL STEINVORTH

Der Kopftuch-Streit
Kaum ein Thema spaltet die Türkei so sehr wie das Kopftuch: Für die einen ist es Ausdruck individueller Religiosität, für die anderen eine Kampfansage an die säkulare Republik. Das Parlament in Ankara - das von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogans islamisch-konservativer AKP dominiert wird - stimmte Mittwoch voriger Woche für die Aufhebung des Kopftuchverbots an Universitäten; für Sonnabend war eine letzte Lesung der Gesetzesnovelle angesetzt. Erdogan löste damit ein fünf Jahre altes Wahlversprechen ein. Zuvor hatten Zehntausende laizistischer Türken nochmals für die Beibehaltung des Verbots demonstriert. Staatspräsident Abdullah Gül wird den anvisierten Verfassungsänderungen voraussichtlich zustimmen.
Zu den landesweit bekanntesten Kopftuchgegnerinnen zählt Muazzez Ilmiye Çig, die 93-jährige Nestorin der türkischen Altertumskunde.
Von Daniel Steinvorth

DER SPIEGEL 7/2008
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