11.02.2008

Der Stendhal-Schwindel

Global Village: Wie sich florentinische Psychiater eine seltsame Touristenkrankheit erklären - das Leiden an der Kunst
Das Krankenhaus Santa Maria Nuova liegt zwischen dem Dom von Florenz und der Galleria dei Innocenti. Es ist selbst so sehr mit Fresken, Madonnen und Totenbüsten aus der Renaissance bestückt, dass es Eintritt verlangen könnte.
"Da ist das Gitter zur Gruft, wo Leonardo da Vinci seine anatomischen Studien machte", sagt der Hausmeister Antonio. Ein graumelierter Herr mit Blazer überm Pulli und auch er, wie er sagt, im eigentlichen Leben ein Kenner der Seicento-Malerei: "Warten Sie, ich habe hier einen Bildband ..."
Kunst, wohin man tritt, Kunst, wohin man schaut, und Kunst auch noch im Krankenhaus. Es ist zum Verrücktwerden.
Professor Andrea Caneschi leitet die psychiatrische Abteilung von Santa Maria Nuova. "Man nennt es die Florentinische Krankheit", sagt er. "Oder Hyperculturamie. Wir haben regelmäßig Fälle, vor allem im Sommer."
61 Museen, 214 Paläste und Türme, 167 Kirchen und Klöster gibt es in der Stadt. Alle bis unters Dach mit Giottos, Botticellis, Fra Angelicos gefüllt. Und mitten drin der nackte "David" von Michelangelo. Angesichts all dieser hochkonzentrierten Schönheit würden, sagt der Psychiater, die Florenz-Besucher bisweilen von Schwindelgefühl ergriffen, erhöhtem Puls, Panikattacken und Verwirrung, sie fielen zu Boden und müssten in Santa Maria eingeliefert werden.
"Es ist eine Stresssituation, die psychosomatische Folgen haben kann, etwa einen teilweisen Verlust des Zeit- und Raumgefühls. Wir behandeln diese Fälle mit Psychopharmaka. Wobei es meist genügt, mit den Patienten ruhig in ihrer Muttersprache zu reden."
Seine ehemalige Kollegin aus Santa Maria Nuova, die Psychoanalytikerin Graziella Magherini (sie heißt so), beschrieb 1989 erstmals das "Stendhal-Syndrom". Der erste Patient sei ebenjener Marie Henri Beyle, genannt Stendhal, gewesen. Der stand als nicht mehr ganz junger Bohemien im Januar 1817 in der Kirche Santa Croce vor den Grabmälern von Machiavelli, Galileo, Michelangelo. Er schrieb: "Ich befand mich in einer Art Ekstase bei dem Gedanken, in Florenz und den Gräbern so vieler Großer so nahe zu sein. Ich war auf dem Punkt der Begeisterung angelangt, wo sich die himmlischen Empfindungen, wie sie die Kunst bietet, mit leidenschaftlichen Gefühlen paaren. Als ich Santa Croce verließ, klopfte mir das Herz; mein Lebensquell war versiegt und ich fürchtete umzufallen."
Das Gefühl kennt jeder, der mit Jetlag in den Knochen und als Teil einer Reisegruppe ein Museum betritt. Zumal ein so überlaufenes, schlecht belüftetes wie den Saal 8 der Uffizien, wo die Botticellis hängen, mit all diesen traurigen, entblößten Blondinen.
Wenn man dann, womöglich dehydriert, den Hals plötzlich nach oben reckt, zu irgendeinem Fresko, dann - "Ja, das sind gewiss alles Faktoren, aber der Kern ist etwas anderes", sagt Graziella Magherini. Sie ist eine elegant gealterte Dame und Kopf der Florentiner Freudianer. "Kunst gelingt es, uns etwas spüren zu lassen, was wir nie ausgedrückt und nie gewusst haben", sagt Magherini. Ein Phänomen, das in Florenz mit der dortigen Kunstdichte besonders virulent sei.
Jede Reise ist ein seelischer Ausnahmezustand, und das nicht nur im Billigflieger. Der tatsächliche Kontakt mit dem Ersehnten kann zu Angstzuständen führen. Der Bildungsreisende vermag die Woge von Schönheit nicht in seine Existenz einzubauen. Es kommt zur ästhetischen Überdosis, Unbewusstes drängt nach oben, die Sinne schwinden.
Besonders gefährdet sind offenbar Touristen aus den USA und den protestantischen Zonen nördlich der Alpen. Frauen, meist unverheiratet und alleinreisend, werden in den Boboli-Gärten von Florenz aufgegriffen, an Botticelli-Skizzen geklammert und mit wirrem Haar. Ein Tourist aus Bayern bekam eine sexuelle Identitätskrise, als er vor Caravaggios "Jugendlichem Bacchus" stand.
Auch Sigmund Freud hatte Schwindelgefühle beim Besteigen der Akropolis in Athen und schrieb über die "verstörende Kraft" von Kunst. Da wird eine Kirche in ihrer Mächtigkeit schnell zum richtenden Vater, vor dem die schuldbeladene Tochter zusammenbricht. Zumal in reiferem Alter und bei 40 Grad im Schatten.
In ihrem neuesten Buch, "Ich habe mich in eine Statue verliebt. Jenseits des Stendhal-Syndroms", beschreibt Graziella Magherini, was Michelangelos "David" im Seelenhaushalt der Florenz-Besucher anrichtet: "Es ist wohl die schönste Skulptur überhaupt. Zudem ein religiöses und ein politisches Symbol, die Freiheit der Florentiner Republik. Wir haben festgestellt, dass eine nicht geringe Zahl der Besucher den Eindruck hat, sich vor einem lebendigen Objekt zu befinden. Ein deutscher protestantischer Theologe sagte mir, die Schönheit des David hätte eine alte Wunde in ihm aufgerissen, ihm sei gewesen, als stürzte er in einen Abgrund."
Was tun, wenn das Syndrom sich regt? "Ausruhen. Mit Landsleuten sprechen. Und schnell wieder nach Hause fahren", sagt die Professorin.
In jüngster Zeit sei die Zahl der Fälle rückläufig: "Die Touristen kennen das Syndrom und wissen, was sie erwarten kann." In den Hotels lägen schließlich Faltblätter aus, die vor ungeschütztem und leichtfertigem Verkehr mit Kunst warnen.
ALEXANDER SMOLTCZYK
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 7/2008
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