DER SPIEGEL



LITERATUR

Lebensliebe

Die Frau tot, die Arbeit Vergangenheit. Armand Leclair steht am Ende eines Lebens, das er der Philosophie gewidmet und als Vater und Ehemann verpatzt hat. Er ist der "Übriggebliebene", eine 70 Jahre alte Last. "Theoretisch war mein Freitod seit Ostern 2004 beschlossene Sache", informiert er den Leser. Allein der Mut fehle ihm. Doch eine Begegnung im Bus ändert sein Leben, ihr Name: Pauline, 20 Jahre jung. Ihre unbändige Leichtigkeit, ihr ungestillter Hunger nach Liebe ist es, der ihn aus dem Takt seines beschlossenen Lebens bringt, ihn wieder aufweckt. "Die letzte Liebe des Monsieur Armand" verwandelt den fremdelnden Pensionär in einen neugierigen Abenteurer, der Hot Dogs als Genuss und Spielautomaten als Herausforderung entdeckt, stets getrieben von dem Bedürfnis, in der ihm verbleibenden Zeit die Fehler der Vergangenheit wiedergutzumachen und Frieden zu schließen, mit seinem Sohn und sich selbst.

Der Französin Françoise Dorner, 58, gelingt Außergewöhnliches: Ohne Kitsch und Pathos, mit Gefühl und leisem Humor sticht "Die letzte Liebe des Monsieur Armand" mitten in Herz und Hirn, stimmt traurig und doch heiter. Dorner, bekannt als Drehbuchautorin von "Eine Frau nach Maß" (1997), merkt man die Nähe zu Theater und Film an. Selten ergeht sie sich in kontemplativen Schilderungen, oft scheinen die Kapitel nur skizzenhaft, doch sie sind stets prägnant. Für Redundanz bleibt keine Zeit, der alte Monsieur hat sie schließlich auch nicht. Für ihn wählt die Autorin die Innensicht, lässt den Leser unmittelbar teilhaben an einer Figur, die sich allen Lebenslügen stellt. Ihre Geschichte teilt Dorner aus einer distanzierteren Sicht mit. Der Leser kommt ihr nahe, doch nicht so sehr, dass ihr Wesen gänzlich enthüllt und ihr Zauber zerstört würde. Das Wechselspiel beider Perspektiven birgt vielfältige Einblicke in die Beziehung zwischen Monsieur Armand und Pauline. Deren Kernmotiv ist die gemeinsame Liebe zum Leben.

Françoise Dorner: "Die letzte Liebe des Monsieur Armand". Aus dem Französischen von Christel Gersch. Diogenes Verlag, Zürich; 144 Seiten; 17,90 Euro.

DER SPIEGEL 7/2008
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