11.02.2008

Out of Tittenkofen

Nahaufnahme: Die bayerische Kabarettistin Monika Gruber gilt als begnadete Senkrechtstarterin. Sie füllt Säle und brilliert im Fernsehen.
Auf den Tischen dampfen die Würstl, das helle Bier steht schaumhoch im Glas, und die Kellnerinnen wuseln durch die Reihen, als folgten sie einer unsichtbaren Choreografie. Die 200 Gäste in der "Drehleier", einem altehrwürdigen Ort der leichten Muse in München-Haidhausen, unterhalten sich bereits prächtig, bevor es überhaupt losgeht. Brodelnde bayerische Gemütlichkeit wie aus dem Bilderbuch.
Kurz nach halb neun steht Monika Gruber auf der Bühne. Schlank, blond, ziemlich attraktiv. Und ganz allein. Ohne Vorhang oder irgendeine andere Requisite. Es gibt weder Tisch noch Stuhl, nicht einmal ein Mikrofon zum Festhalten. Das klebt per Headset am Kopf.
Von der ersten Sekunde an zieht sie alle Aufmerksamkeit auf sich. Zu Beginn kommen die Lacher noch zögerlich, womöglich auch deshalb, weil die vordersten Plätze mit älteren Herrschaften besetzt sind, deren humoristische Auffassungsgabe noch aus der Ära vor Heuschreckenkapitalismus und Gentomaten stammt, aus einem anderen Jahrhundert also.
Doch wenn Monika Gruber das präpotente Verlesen einer Speisekarte durch den idealtypischen italienischen Restaurantgigolo persifliert und "Farfalle" derart zum erotischen Versprechen "alla casa" werden, denkt kaum noch einer an Essen auf Rädern. Auch nicht, wenn "die Gruberin" einen typischen Wirtshausdialog zur urbayerischen Lebensphilosophie adelt, die den Tod immer schon vor Augen hat: "Host scho g'hört?" "Naa." "Die Huber Fritzi hod si tot g'soffn." "Reschpekt!"
Die Welt als Wille und Bestellung, nichts weiter.
Binnen Minuten erzeugt der Grubersche Redestrom einen Sog, einen regelrechten Groove, dem man sich schwerlich entziehen kann. Die 17-Jährige am Nebentisch ist eigentlich todmüde und will in der Pause gehen. Doch dann bleibt sie, ihr Gesicht strahlt, die Augen tränen. Beinah unmerklich meistert Gruber, 36, ihre Themenübergänge. Sprachfärbung, Tempo und Lautstärke wechseln je nach Gegenstand - ob es um Trümmerfrauen ohne Wellnessbereich geht, um die Wonnen der Heimat oder die politisch korrekte Semantik des Frühlingsschokoladenhohlkörpers formerly known as Osterhase.
Elliptisch windet sich ihr zweistündiger Vortrag um die Absonderlichkeiten der menschlichen Existenz, kriecht in die Dinge hinein oder trifft sie mit einer Metapher. Dabei verschärft der Dialekt, der für Preußen und andere Zuhörer mit Migrationshintergrund nicht immer leicht verständlich ist, zwar den Sinn fürs Absurde. Zugleich versöhnt er aber mit dem täglichen Wahnsinn und bringt einen Schuss Buddhismus Bavariae ins Weltchaos, das entspannte Chakra der Biergartenkultur.
"Hauptsach' g'sund!", mag da mancher seufzen, und so heißt auch das aktuelle Soloprogramm der Gruberin. In ganz Bayern füllt sie Säle mit über 3000 Zuschauern, vom Kurhaus in Ruhpolding bis zum Festzelt in der niederbayerischen Diaspora. Sie ist Trägerin des Bayerischen Kabarettpreises in der aerodynamischen Kategorie Senkrechtstarter, und vor einem Jahr erhielt sie den renommierten Ernst-Hoferichter-Preis. "Seit der legendären Ida Schumacher hat wohl niemand mehr den leicht nasalen Kammerton der Ratschkathl so originalgetreu getroffen wie Monika Gruber", hieß es zur Begründung.
Dass sie ihre Texte, anders als viele männliche Kollegen, selber schreibt, ist umso erstaunlicher, als sie bis 1999 als Marketing-Assistentin arbeitete und auch vorher brettlmäßig eher unauffällig geblieben war. "Ich war viel zu gehemmt, schüchtern und furchtbar unattraktiv", erzählt sie im Münchner Café Wiener Platz, "ein grausliger Teenager." Dazu kam "die Krux mit dem bayerischen R". Eine Schauspielkarriere schien weit weg vom Bauernhof der Eltern in Tittenkofen im Landkreis Erding, wo sie mit zwei Brüdern, Großmutter und Großonkel aufwuchs.
In jeder Hinsicht gut geerdet und fest im Bayerischen verwurzelt scheint sie tatsächlich, auch wenn sie fließend Hochdeutsch parliert und vor dem Nippen am Ingwertee erst einmal die neuesten Eroberungen aus den umliegenden Münchner Boutiquen verstauen muss. Sie hat einen menschenfreundlichen, klaren und angstfreien Blick. Mit ihm beobachtet sie nicht nur ihr Gegenüber, sondern die ganze Welt. Daraus erwächst ihr Stoff, den sie erstaunlich sprachsicher modelliert, oft in langen, kaskadenhaften Sätzen - das gerade Gegenteil des gegenwärtig inflationären Comedy-Ramsches. Beim letzten Urlaub auf Sizilien zum Beispiel las sie in der Zeitung von einem abgehörten Telefongespräch zweier Mafiosi. Darin beschwerten sie sich lautstark über den faulen Bürgermeister der Stadt, der sich den ganzen Tag lang mit Kokain zudröhne und ihnen die ganze Arbeit, die mühsame Verwaltung der Korruption, aufbürde. So was gefällt ihr: die Wirklichkeit als Pointenschmiede.
Schon als sie mit 27 an der privaten Ruth-von-Zerboni-Schauspielschule vorsprach, erzählte sie einfach aus ihrem Alltag im Büro. Ihr Chef war ein Holländer.
Die Prüfungskommission war entzückt, riet aber vom allzu ernsten Fach ab. Sie erkannte das komödiantische Naturtalent.
"Zu wahr, um schön zu sein" heißt ihr neues Programm, das am 13. September in München Premiere haben wird. Ums Älterwerden soll es gehen. Da lachen wir aber. In der Drehleier, wo am Ende auch die Generation 70 plus aus der ersten Reihe die nassgelachten Wangen trocknet, verrät sie schon mal ihr urbayerisches Motto für die nächsten Jahre: "Carpe Diem!" Jo mei. REINHARD MOHR
Von Reinhard Mohr

DER SPIEGEL 7/2008
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