18.02.2008

Es wäre eine Revolution

Von Wensierski, Peter und Berg, Stefan

Der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, 69, über die Entfremdung der katholischen Kirche von Teilen der CDU, eine mögliche Abkehr vom Zölibat und die Spannungen mit den Protestanten

SPIEGEL: Herr Erzbischof, die Wahl eines Deutschen zum Papst hat der katholischen Kirche hierzulande eine Sympathiewelle beschert. Warum ist die Begeisterung wieder so schnell verflogen?

Zollitsch: Es gab eine große Neugier, das stimmt. Selbstkritisch müssen wir einräumen, dass es nicht ausreichend gelungen ist, diesen Schwung zu nutzen. Vielleicht haben wir uns zu spät darauf besonnen, was das für eine Chance sein kann, dass ein Deutscher Papst ist. Allerdings gibt es durchaus positive Zeichen - Ministrantenwallfahrten nach Rom etwa haben Zulauf wie nie.

SPIEGEL: Das Image Ihrer katholischen Kirche wird geprägt durch Geistliche wie Kardinal Joachim Meisner, der Homosexuelle diskriminiert, oder durch Bischof Walter Mixa, der vor Kinderkrippen und Müttern als "Gebärmaschinen" warnt. Wie wollen Sie dieses negative Bild korrigieren?

Zollitsch: Ich habe mich von der Formulierung "Gebärmaschine" distanziert. Wir als Katholiken haben die ersten Kinderkrippen geschaffen, Ordensschwestern haben sie errichten lassen. Wir brauchen Kinderkrippen, weil viele Eltern sie einfach benötigen. Begriffe wie "Gebärmaschine" oder "Herdprämie" gehören nicht zu meinem Wortschatz und machen jede Diskussion im Ansatz kaputt.

SPIEGEL: Beim Streit um die Kinderkrippen haben sich Katholiken mit Politikern der CDU angelegt. Ist das traditionelle Bündnis aus Union und katholischer Kirche brüchig geworden?

Zollitsch: Es besteht eine lange Verbindung zwischen den C-Parteien und der katholischen Kirche. Aber wir haben nicht mehr wie dereinst die Situation, in der katholische Kirche und Zentrumspartei nahezu identisch waren. Es ist bis heute so, dass viele christliche Werte von der CDU in unserem Sinne aufgegriffen werden. Aber die CDU hat sich stärker neoliberalen Thesen angenähert - und steht dabei in der Gefahr, die "soziale Marktwirtschaft" oder das "Soziale" nicht mehr genügend im Blick zu haben. Die Nähe zwischen katholischer Kirche und CDU ist deshalb geringer geworden.

SPIEGEL: Und die zu anderen Parteien größer?

Zollitsch: Die SPD und andere Parteien greifen manche Dinge, die uns wichtig sind, stärker auf als früher. Den Schutz des Lebens etwa vertreten heute viele Grüne in unserem Sinne.

SPIEGEL: Sie plädieren dafür, dass sich Ihre Kirche in Zukunft stärker neuen gesellschaftlichen Milieus öffnet. Sie werben für einen offenen Katholizismus. Ist der auch offen für Homosexuelle, die von Ihrer Kirche regelmäßig ausgegrenzt wurden?

Zollitsch: Das ist für mich keine Frage der Liberalität. Für mich ist das eine Frage der gesellschaftlichen Realität. Ich habe als Christ und als Katholik natürlich das Ideal von Ehe und Familie. Aber wenn es Menschen mit dieser Veranlagung gibt, kann der Staat entsprechende Regelungen für sie treffen.

SPIEGEL: Sie kämpfen nicht gegen die Homo-Ehe?

Zollitsch: Ich halte den Begriff Homo-Ehe für falsch, weil damit suggeriert wird, dass da etwas mit der Ehe zwischen Mann und Frau gleichgestellt wird.

SPIEGEL: Zur Wirklichkeit gehört auch, dass selbst fromme Menschen zur Institution Kirche auf Distanz gehen. Wie erklären Sie sich den erstaunlichen Kontrast zwischen der Begeisterung auf Events wie Katholikentagen und dem grauen Gemeindealltag?

Zollitsch: Wir müssen diese gesellschaftliche Situation zur Kenntnis nehmen, ob sie uns gefällt oder nicht. Wir merken, dass bei den Menschen ein Stück Sehnsucht aufscheint, das Bedürfnis nach Religiosität. Aber auch Menschen, die sich kirchlich gebunden wissen, die zum Gottesdienst kommen, erscheinen nicht jeden Sonntag.

SPIEGEL: Welche Erklärung haben Sie dafür?

Zollitsch: Das hat mit gesellschaftlichen Prozessen zu tun. Ich kann es an einem Beispiel demonstrieren: Ich bin Heimatvertriebener, kam 1946 nach Nordbaden, in ein evangelisches Dorf; ich habe noch heute zahlreiche Kontakte dorthin. In dem Dorf lebten 100 Katholiken, und 97 von denen gingen Sonntag für Sonntag in den Nachbarort zum Gottesdienst.

SPIEGEL: Die armen drei, die nicht hingingen ...

Zollitsch: ... die kannte man schon. Die soziale Kontrolle funktionierte also. Heute würden diejenigen auffallen, die zum Got-tesdienst ins Nachbardorf gehen. Auf die-

sen Umstand haben wir noch nicht die Antwort. Wir schrecken davor zurück, uns ein-

zugestehen, dass wir in einer missionarischen Situation leben.

SPIEGEL: Glauben Sie an eine Wiederkehr des Religiösen, ausgelöst durch das Erstarken des Islam?

Zollitsch: Wir in Deutschland haben nicht den Mut zu zeigen, dass Religion und Glaube selbstverständlich zum Leben gehören. Wir halten das eher zurück, halten das im Verborgenen. Muslime beten ohne Scheu. Ich hoffe, dass uns das auch mal wieder gelingt.

SPIEGEL: Vielleicht würde Ihre Kirche an Attraktivität gewinnen, wenn Sie die Frauen nicht an den Rand drängten.

Zollitsch: Von der Leitungsstruktur her wird unsere Kirche von den Männern bestimmt. Aber vom ehrenamtlichen Engagement in den Gemeinden her sind wir sehr stark von Frauen geprägt. Die Ordensschwestern, die wir früher in jeder unserer Gemeinden hatten, bestimmten auch das Bild der Kirche. Das ist leider verlorengegangen.

SPIEGEL: Aber Herr Erzbischof, wie können Sie einerseits für die Anerkennung des gesellschaftlichen Wandels werben und andererseits erklären, Ihre Kirche bleibe eine Männerkirche?

Zollitsch: Es gehört für uns als katholische Kirche zu den verbindlichen Strukturen, dass Jesus Christus nur Männer zu Aposteln berufen hat. Der Priesterberuf und das Amt des Bischofs bleiben dem Mann vorbehalten.

SPIEGEL: Und das soll so bleiben - bis in alle Ewigkeit?

Zollitsch: Das wird wohl so bleiben. Das ist auch die Antwort von Papst Johannes Paul II.: Er sah sich nicht in der Lage, daran etwas zu ändern, weil wir unserer Tradition verpflichtet sind. Aber in bestimmten gottesdienstlichen Feiern dürfen auch bei uns Frauen predigen. Wir sind an den Frauen als Seelsorgerinnen interessiert, weil es im Blick auf die Gemeindewirklichkeit eine großartige Ergänzung ist, wenn eine Frau Pastoral- oder Gemeindereferentin ist.

SPIEGEL: Eine andere Tradition, die zu Ihrer Kirche gehört, ist der Zölibat. Er schreckt viele junge Männer ab, Priester zu werden. Wann fällt er?

Zollitsch: Sie werden verstehen, dass jemand, der lange in der Priesterausbildung

tätig und später Personalreferent war, viel über diese Frage nachdenkt. Einerseits ist die Ehelosigkeit des Priesters ein großes Geschenk für unsere Kirche. Es ist immer wieder die Entscheidung, die Herausforderung: Ist Gott die Realität, für die ich alles auf diese Karte setze? Ohne die Verbindung zwischen Priesterweihe und Ehelosigkeit würden wahrscheinlich nur sehr wenige mit diesem Ernst darüber nachdenken. Wir merken jedoch bei uns, dass der Ordensnachwuchs weniger wird, weil die Herausforderung des Evangeliums schwer zu vermitteln ist. Und natürlich ist die Verbindung zwischen Priestertum und Ehelosigkeit nicht theologisch notwendig.

SPIEGEL: Man könnte sich unter dem Verweis auf den erheblichen Nachwuchsmangel einfach vom Zölibat verabschieden.

Zollitsch: Sie merken ja, dass ich da gegen Denkverbote bin. Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass sich Bischöfe etwa aus Indien oder aus Afrika wundern, dass wir in Deutschland an dieser Tradition rütteln wollen.

SPIEGEL: Würde Ihrer Kirche der Abschied vom Zölibat eher guttun oder eher schaden?

Zollitsch: Es wäre eine Revolution, bei der ein Teil der Kirche nicht mitginge.

SPIEGEL: Können Sie sich denn vorstellen, dass der Zölibat zuerst in einigen Ländern aufgehoben wird, oder muss das gleich in der ganzen Welt geschehen?

Zollitsch: So, wie sich die katholische Kirche versteht, müsste das für die ganze Welt geändert werden. Schon bei zwei Bischofssynoden in Rom war aber jedes Mal die große Mehrheit gegen eine Änderung. So etwas könnte in meinen Augen auch nicht verändert werden, ohne ein neues Konzil einzuberufen; denn das würde sehr in das innere Leben der katholischen Kirche eingreifen.

SPIEGEL: Zeit wäre es ja für ein neues Konzil, das letzte ist schon 42 Jahre her, und die Welt hat sich seitdem rapide verändert.

Zollitsch: Sie müssen aber auch sehen, dass wir vieles noch nicht umgesetzt haben, was das letzte Konzil gebracht hat. Das ist für mich die andere Seite. Ein Konzil ist ja ein gewaltiger Kraftakt.

SPIEGEL: Herr Erzbischof, warum ist das Verhältnis zwischen katholischer und evangelischer Kirche in Deutschland so gespannt? Selbst beim Thema Stammzellen kam es jüngst zu einem konfessionellen Schlagabtausch, zu keiner gemeinsamen Position.

Zollitsch: Die kontroversen Dinge werden heute offener besprochen als früher. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, hat ja als Erster von der "Ökumene der Profile" gesprochen.

SPIEGEL: Die Protestanten sind verstimmt, weil Rom bestreitet, die evangelische Kirche sei eine "Kirche im eigentlichen Sinne".

Zollitsch: Die römische Verlautbarung über das, was Kirche ist, hat Verstimmungen ausgelöst und verletzt. Von uns wird das katholische Profil herausgearbeitet und nicht immer genügend bedacht, wie dies auf andere wirken kann.

SPIEGEL: Ist die evangelische Kirche nun aus Ihrer Sicht Kirche?

Zollitsch: Ja, sie ist eine Kirche, aber eine andere. Nach katholischem Verständnis ist sie nicht im vollumfassenden Sinne Kirche. Sie ist Kirche. Ich kann ihr das nicht absprechen.

SPIEGEL: Hat sich in der Ökumene nicht grundlegend etwas geändert? Früher wurde immer betont, dass Christen unter der Trennung leiden würden. Heute sind Protestanten wie Katholiken stolz auf ihre Unterschiede.

Zollitsch: Ich bedaure diese Entwicklung sehr. Ich werbe für die Rückkehr zu einer christlichen Grundhaltung im Umgang miteinander. Mein Motto dafür: Ich bin dem anderen gegenüber wohlwollend und will mit ihm nicht als Feind umgehen, sondern ich sehe in ihm den Glaubensbruder in Jesus Christus - mit dem ich nur nicht ganz eins sein kann.

SPIEGEL: Werden Sie für diesen Ansatz auch in Rom werben?

Zollitsch: Ich suche nicht die Konflikte mit Rom, weil ich ein ungebrochenes Verhältnis zum Papsttum und auch zum jetzigen Papst habe, den ich ja schon von früher her durchaus kenne. Aber es wird zu meiner Aufgabe gehören, die Anliegen der Deutschen Bischofskonferenz auch in Rom zur Sprache zu bringen. Dazu gehört das Werben für ein gutes Miteinander von Protestanten und Katholiken.

SPIEGEL: Wofür wollen Sie sich noch in Rom starkmachen?

Zollitsch: Ich plädiere sehr dafür, dass die Laien die ihnen zukommenden Rechte und Aufgaben in unserer Kirche wahrnehmen. Wir haben in unserem Erzbistum mit den Räten, in denen die Laien - also die Nichtgeweihten - vertreten sind, gute Erfahrungen gemacht. Deshalb werde ich auch für sie eintreten.

SPIEGEL: Obwohl Sie im Unterschied zu Ihrem Vorgänger, Karl Lehmann, lediglich Erzbischof und nicht Kardinal sind?

Zollitsch: Über die Frage, ob ich jemals Kardinal werde, habe ich noch nicht nachgedacht.

SPIEGEL: Herr Erzbischof, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Beim Eröffnungsgottesdienst der Deutschen Bischofskonferenz am 11. Februar in Würzburg.* Peter Wensierski, Stefan Berg vergangenen Donnerstag im Exerzitienhaus Himmelspforten in Würzburg.

DER SPIEGEL 8/2008
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