DER SPIEGEL



AUFBAU OST

Abschied von Vorurteilen

Von Sontheimer, Michael

Die Erweiterung der EU und der Wegfall der Grenzkontrollen zeigen Wirkung: Dem armen Vorpommern bringen polnische Pendler aus dem boomenden Stettin den Aufschwung.

In seinem legeren Leinenjackett und dem schwarzen Hemd erinnert Lothar Meistring ein wenig an den Schauspieler Jack Nicholson. Seinem Büro im Bürgerhaus von Löcknitz fehlt allerdings jede Spur von Glamour. Über dem Schreibtisch hängt eine große Deutschlandkarte. Vorpommern, an dessen östlichem Rand Löcknitz liegt, ist gerade noch drauf, ganz oben rechts.

Meistring, 59, ist gelernter Matrose, studierter Gesellschaftswissenschaftler und ehrenamtlicher Bürgermeister des 3000-Seelen-Städtchens. Ob Löcknitz nur eine Randerscheinung sei, das komme eben auf die Perspektive an. "Entweder wir sehen uns als das Ende Deutschlands", sagt er, "oder als den Anfang einer Großstadt."

Der Mann spricht von Stettin, das 19 Kilometer östlich von Löcknitz beginnt. Zu der polnischen Stadt mit ihren mehr als 400 000 Einwohnern gehört der zweitgrößte Seehafen des Nachbarlandes, von hier aus starten Direktflüge nach London und Dublin. "Ohne Stettin", sagt der Bürgermeister, "säßen wir hier doch am Arsch der Welt - wenn ich das mal so drastisch sagen darf."

Das darf er, denn die Lage im Landkreis Uecker-Randow ist nur mit drastischen Worten zu beschreiben. Er gehört zu den ärmsten Landkreisen ganz Deutschlands. In den letzten Jahren machte die vergessene Gegend vorwiegend mit Spitzenwerten in puncto Arbeitslosigkeit, Abwanderung und NPD-Wahlerfolgen auf sich aufmerksam. Die Arbeitslosenquote liegt bei 20 Prozent.

Und doch ist in Löcknitz ein kleines Wunder geschehen. "Der scheinbar unaufhaltsame Abstieg ist gestoppt", freut sich der Bürgermeister. Die Wende brachte der Beitritt Polens zur EU. Seit dem Wegfall der Grenzkontrollen Ende vergangenen Jahres geht es in Löcknitz und den benachbarten Gemeinden deutlich aufwärts. Lothar Meistring kann auf für Vorpommern untypische Erfolgszahlen verweisen: Vor zwei Jahren wohnten noch weniger als 3000 Menschen in Löcknitz, jetzt 3226.

Meistring lebte schon vor der Wende hier, als 40 000 Soldaten in der Region stationiert waren. Er erlebte den wirtschaftlichen und sozialen Zusammenbruch, sah die Jungen abwandern, besonders die Frauen und die Gebildeten. Lange schien es, als würde irgendwann der Letzte in Löcknitz das Licht ausmachen - bis die Osterweiterung der EU im Mai 2004 den Polen die Möglichkeit eröffnete, problemlos nach Deutschland zu ziehen.

Wenn Meistring aus dem Fenster seines Dienstzimmers im Bürgerhaus sieht, fällt sein Blick auf eine fünfgeschossige Plattenbauzeile.

Anderen ostdeutschen Bürgermeistern sind diese DDR-Relikte ein Klotz am Bein, in Pasewalk mussten ganze Blocks abgerissen werden, weil sie unvermietbar waren - nicht so in Löcknitz.

Die Geschäfte der Wohnungsverwaltungsgesellschaft laufen so gut wie noch nie. "Kein Leerstand", freut sich die Geschäftsführerin Maria-Theresia Odendall. "Unsere 1300 Wohnungen sind alle vermietet."

Es sind Polen aus dem boomenden Stettin, die in der ärmsten Region Deutschlands für neues Leben sorgen. Zu Beginn des Jahres 2005 hatten 35 Polen ihren ersten Wohnsitz in Löcknitz, ein Jahr später 97 und zu Beginn dieses Jahres schon 210. In den 13 Gemeinden des Amtsbereichs Löcknitz-Penkun haben sich über 600 Polen angesiedelt. Sogar beim VfB Pommern Löcknitz, der in der Bezirksliga spielt, kicken vier polnische Fußballer.

Bis zu zehn wohnungsuchende Polen sprechen pro Tag bei der Wohnungsgesellschaft vor. Für die Betreuung der neuen Kundschaft hat Geschäftsführerin Odendall einen Polen eingestellt; die Website ist auch auf Polnisch verfügbar. "Hier herrscht eine Aufbruchstimmung wie nach der Wende", verkündet die Managerin.

Zumal Polen nicht nur als Mieter kommen. Sie kaufen Häuser und gründen Betriebe, schicken ihre Kinder auf die Schulen. Das wichtigste Motiv für den Umzug nach Deutschland ist der noch getrennte Immobilienmarkt. "Bei uns", berichtet eine Stettiner Krankenschwester, die westwärts ziehen will, "sind die Mieten nicht viel höher, aber man muss jahrelang warten." Zudem seien die deutschen Wohnungen "in besserem Zustand", sagt sie. "Es sieht alles ordentlicher aus hier."

Die meisten umzugswilligen Polen schätzen traditionelle deutsche Tugenden. Bei den Behörden, betont die Krankenschwester, wisse man, woran man sei. Es gebe weniger Kriminalität und Korruption als zu Hause. Sie und andere Einwanderer aus Stettin stammen zumeist aus dem Mittelstand, aber es sind auch Besserverdiener dabei, etwa der Leiter der McDonald's-Filiale in der Nachbarstadt.

In der Löcknitzer Grundschule wurden im Herbst 13 polnische Kinder eingeschult. Nach langen Bemühungen ist es Bürgermeister Meistring gelungen, eine zusätzliche Lehrerstelle zu organisieren, damit die polnischen Schüler Förderunterricht in Deutsch bekommen. Jetzt versucht er, rund zwei Millionen Euro für den Bau einer neuen Kita aufzutreiben.

Deutschkenntnisse sind für viele Polen der Schlüssel zur Welt. Besonders attraktiv ist für sie in Löcknitz deshalb das Liceum Polsko-Niemickie, das Deutsch-Polnische Gymnasium. "Unsere Zukunft heißt Stettin", glaubt Schulleiter Gerhard Scherer. Derzeit besuchen 280 deutsche und 150 polnische Schüler die Europaschule, an der sowohl das deutsche Abitur als auch die polnische Matura abgelegt werden kann. Die Hälfte der deutschen Schüler lernt Polnisch.

"Es gibt schon ein paar deutsch-polnische Paare", berichtet die Polin Ania Wlodarczyk, 18, aus der 13. Klasse. Allerdings ist die neue Zeit nicht frei von Anfeindungen. Im Bus sei sie unlängst von einem deutschen Jungen mit "Scheiß-Polin, steig aus" angepöbelt worden.

Für die Deutschen entlang der Grenze bringt diese neue Art der Nachbarschaft den Abschied von lange gepflegten Urteilen und Vorurteilen. Die Polen, das waren für sie die armen Schlucker, die ungeliebten Konkurrenten, die für jeden Lohn in Deutschland arbeiteten. Nun verkehren sich die Verhältnisse. Ein Schweißer kann auf einer Werft in Stettin 1200 Euro im Monat verdienen. Da auf deutscher Seite in vergleichbaren Jobs oft schlechter bezahlt wird, ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann Deutsche in Stettin anheuern.

Jan Rybski, 52, ist so ein Pole, der nicht ins Klischee passt. Er hat sich in Löcknitz als Wirtschaftsberater und Immobilienentwickler niedergelassen. Der Mann im blauen Blazer hatte zuvor mehr als zehn Jahre in Hamburg gelebt. Rybski hat ein Projekt mit Einfamilien- und Doppelhäusern aufgelegt. Auf der polnischen Seite kostet Bauland mindestens 50 Euro pro Quadratmeter und ist nicht ordentlich erschlossen, auf der deutschen Seite ist es schon ab 25 Euro zu haben.

Rybski, dessen Sohn auf das Deutsch-Polnische Gymnasium geht, ist nur einer von insgesamt 80 Polen, die in Löcknitz ein Gewerbe angemeldet haben. Nächsten Monat nimmt eine Firma, die Gewürzmischungen herstellt und vier Jobs schafft, die Produktion auf. Und ein vermögender Pole will nicht nur am idyllischen See einen Vergnügungspark mit an die 20 Arbeitsplätzen aufmachen, sondern auch ein Autohaus für englische Luxuskarossen.

Die Pläne dafür hat Immobilienmanagerin Odendall schon auf dem Tisch liegen. Die fröhliche Migrantin aus dem Rheinland kann allerdings auch von der Kehrseite der deutsch-polnischen Erfolgsgeschichte berichten. Im vergangenen Sommer fand sie eines Morgens am Sitz ihres Büros ein großes Graffito: "Polenhure, gib Acht! SS". Mehrmals verteilten NPD-Männer Flugblätter mit der Parole "Grenzen dicht, Löcknitz den Deutschen!" Bei den letzten Landtagswahlen kam die NPD im Ort auf 21 Prozent.

Und erst neulich schlugen Rechtsextremisten bei sechs Autos mit polnischen Kennzeichen die Scheiben ein. Noch vor der Polizei traf ein polnisches TV-Team aus Stettin ein. Der Tenor der Berichte in den Hauptnachrichtensendungen: Hier sind Polen unerwünscht.

Odendall riet daraufhin einem Arzt, der Mieter bei ihr ist, er brauche sein Auto doch nur in Deutschland anzumelden, um vor solchen Anschlägen sicher zu sein.

Das hielt der Mediziner für einen untauglichen Vorschlag: "Mit deutschen Kennzeichen wird es mir in Polen geklaut."

MICHAEL SONTHEIMER


DER SPIEGEL 9/2008
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