25.02.2008

RUSSLAND

Der Traum des Zarewitsch

Von Klussmann, Uwe; Mayr, Walter; Neef, Christian; Schepp, Matthias

Dmitrij Medwedew will am Sonntag neuer Präsident werden. Aufgestiegen als Zögling Wladimir Putins, wirbt er plötzlich für mehr Rechtsstaat, Markt und Medienfreiheit. Doch in Moskau gibt es Zweifel, dass aus dem Neuen ein vollwertiger Staatschef werden wird.

Dicht an der Kreml-Mauer, im senfgelben Gebäude des ehemaligen Senats, hat Russlands Staatsoberhaupt sein Arbeitszimmer: zweiter Stock, Blick zum Roten Platz, spärliche Insignien der Macht. Auf dem Schreibtisch liegen gespitzte Rotstifte griffbereit für letzte Korrekturen. Vor der holzgetäfelten Wand, unter aufgepflanzter Präsidenten-Standarte, steht ein Tisch mit goldverzierten Beinen.

An dessen unterem Ende haben sich, dokumentiert vom Staatsfernsehen, regelmäßig die Schuldigen für Pannen und Versäumnisse im russischen Riesenreich einzufinden: Gouverneure, Minister, Vizepremiers, auch der Regierungschef selbst. Sie drücken dabei nach Kräften das Kreuz durch und rapportieren.

Am oberen Tischende sitzt währenddessen der Präsident, zurückgelehnt zwar im Ledersessel, dabei aber spannungsgeladen wie eine gestauchte Sprungfeder. Dauert ihm ein Vortrag zu lang, etwa über Bildungspolitik, dann schnappt er kurz zu: "Und, kommt die Arbeit voran?" Oder er befiehlt im Handstreich mehr Gehalt für Hunderttausende im Gesundheitssystem. Und erhält daraufhin eilfertig zur Antwort: "Die Regierung steht bereit."

So lief das im Kreml bisher. So hat das, wortwörtlich, Dmitrij Medwedew vor einiger Zeit erlebt, Russlands Erster Vizepremier. Er war der Mann am unteren Tischende. Oben saß Wladimir Putin.

Die bewährte Tischordnung gilt noch bis Sonntag. Dann soll der bislang eher lichtscheue Medwedew auf Putins Vorschlag hin zum neuen Präsidenten gewählt werden. Nach der offiziellen Amtsübergabe im Mai wiederum will Putin, seit acht Jahren im höchsten Staatsamt, auf Medwedews Vorschlag hin den untergeordneten Posten des Regierungschefs übernehmen.

Dass Koch und Kellner einträchtig verkünden, die Schürzen tauschen zu wollen, kommt in der Politik selten vor. In den streng hierarchisch gegliederten russischen Führungszirkeln galt es bisher als undenkbar. Nun, da beim anstehenden Rollentausch nichts weniger als die Macht im Land auf dem Spiel steht, geraten selbst erprobte Kreml-Astrologen ins Grübeln.

Was treibt Wladimir Putin, den populärsten Kreml-Herrn seit langem, nach Ende seiner verfassungsgemäßen Amtszeit ins zweite Glied zu wechseln? Was spricht für den Nachfolger Dmitrij Medwedew, 42, einen bisher vor allem als dienstbar bekannten Juristen aus St. Petersburg? Nur die Fähigkeit, sich unterzuordnen? Droht

Russland eine Doppelherrschaft unter veränderten Vorzeichen - mit Putin, nun als Premier, weiter auf der Kommandobrücke und Bootsmann Medwedew im Kreml?

In einer Ansprache vor dem Staatsrat gab Wladimir Putin der wiedererwachenden Supermacht Russland zuletzt noch einmal ehrgeizige Ziele vor - und zwar gleich für den Zeitraum bis 2020. Und hat damit, einmal mehr, Köder ausgelegt für die hungrige Meute der Kreml-Interpreten: Nach vier Jahren Medwedew-Interregnum stünden ab 2012 dem dann 59-jährigen Putin zwei weitere Amtszeiten zu.

Es geht beim Moskauer Positionsschach derzeit darum, wer langfristig das Sagen haben wird im größten Flächenstaat der Erde. Wer bestimmt, was mit den gewaltigen Reichtümern des Landes an Öl, Gas und Diamanten geschieht, mit Gold- und Devisenreserven im Wert von fast einer halben Billion Dollar, mit dem zweitgrößten Atomwaffenarsenal der Welt und Giftschränken voller Geheimdienstakten.

Wird es der schmächtige Medwedew sein, der bald mit den Größten der Welt auf den G-8-Gipfeln über die Weltfinanzkrise oder das iranische Atomprogramm debattiert? Wird er Zar - oder bleibt er Zarewitsch, wie die Zarensöhne einst hießen?

Eine Spurensuche muss in St. Petersburg beginnen. In jener Stadt, die nicht nur die Heimat von Wladimir Putin ist, sondern auch der Geburtsort seines Nachfolgers.

Medwedew ist in Kuptschino geboren, einer lieblos hingewürfelten Vorstadt im Süden von St. Petersburg. Zwischen den fünf- und neunstöckigen Plattenbauten, trostlos graue Schlafstatt von 420 000 Menschen, und den prunkvollen Kathedralen und Palästen in der Innenstadt liegen nicht nur 30 Minuten Fahrt in der überfüllten Metro. Zwischen beiden liegt eine ganze Welt. Petersburg-Touristen werfen auf die Betonwüste bestenfalls einen gleichgültigen Blick: wenn sie von Osten den Flughafen Pulkowo anfliegen.

Der Fabrikarbeitersohn Putin wurde in den fünfziger Jahren als Gassenjunge in der noch von Krieg und Zerstörung gezeichneten Altstadt groß, in einer überfüllten Kommunalwohnung nahe dem Schlossplatz. Sein Nachfolger aber ist ein Ziehkind der jüngeren Sowjetzeit und Professorensohn: Vater Anatolij hat am Technologischen Institut gelehrt, Mutter Julija war Philologin an der Pädagogischen Hochschule. Die Intelligenzlerfamilie bekam in Kuptschino eine eigene Wohnung, in einem Haus mit Lift. Der funktioniere kaum noch, wie eine Nachbarin klagt, aber das werde sich "nun hoffentlich ändern". Auch der verdreckte Eingang und der Hof bedürften einer pflegenden Hand - "bevor man eine Gedenktafel zu Ehren des neuen Präsidenten anbringt".

Kuptschino ist heute eine Bastion des Petersburger Arbeitermilieus. Wer es sich leisten konnte, ist weggezogen, hat sich eine Wohnung in der Innenstadt gekauft und schickt seine Kinder auf die Privatschule.

Die dageblieben sind, haben jetzt allerdings Grund, stolz zu sein: auf Dmitrij Medwedew, den nun berühmtesten Sohn des Plattenbauviertels. Im Zimmer der Direktorin von Schule 305, einem Zweistöcker aus Sowjetfabrikation, steht das Foto des einstigen Schülers bereits gerahmt im Regal neben einem Puschkin-Porträt und einer Büste von Marschall Schukow.

"Überaus erfolgreich" sei ausgerechnet Medwedews Jahrgang gewesen, sagt die Direktorin. "Dass Dima schon lesen konnte, als er zu uns in die erste Klasse kam", habe früh zu Hoffnung Anlass gegeben, ergänzt die ehemalige Klassenlehrerin. Auch in der Polit-Information sei er "hervorragend" gewesen, interessiert habe er sich für Bücher und Musik. "Alle Schüler und Lehrer wünschen Dmitrij Medwedew Erfolg bei der Präsidentenwahl", steht unter seinem Foto gleich beim Schuleingang.

Nur jetzt nichts falsch machen, lautet das Motto, kein krummes Wort, jeder Bürger

ein Zacken im Zahnrad der Propagandamaschine, die den vorigen Dezember erst installierten Thronfolger nun in günstiges Licht tauchen muss. 75 Prozent aller Russen sind bereits entschlossen, am Sonntag für den Kreml-Kandidaten zu stimmen.

Stolz prägt die Stimmung auch an der Juristischen Fakultät der Petersburger Staatsuniversität. Nach Kerenski, Lenin und Putin sei Medwedew der vierte unter den "russischen Führern seit dem Sturz des letzten Zaren, der hier studierte", sagt Nikolai Kropatschow, der Dekan, der seit voriger Woche auch amtierender Uni-Rektor ist. Der Junge aus Kuptschino sei ihm sofort aufgefallen: "Ein klarer, kluger Kopf, der scharf formulierte und unbequem war für die Lehrer. Wo andere aufhörten, da fing Medwedew an."

Zwischen Legendenbildung und ehrlichem Lob zu unterscheiden fällt derzeit schwer. Immerhin gibt es wiederkehrende Muster in der Biografie, die den Schluss nahelegen, dass Medwedew an seinen Aufgaben wächst. Als "blatnoi" galt er anfangs an der Uni, als einer von denen, die ihren Studienplatz guten Beziehungen nach oben verdankten. Der Vater hatte ihm zunächst eine Stelle als Laborant verschafft, gleichzeitig schrieb sich Medwedew als Abendstudent an der Jura-Fakultät ein.

Die begehrte Bildungsanstalt liegt auf der Wassilij-Insel, zwischen der Großen und der Kleinen Newa, dort, wo die Straßen nur "Linien" heißen. Haus Nummer 7 in der 22. Linie ist für Russland vielleicht das, was für Frankreich die Ecole nationale d'administration oder für England die Uni von Cambridge ist: eine Eliteanstalt. Sie ist die älteste Juristenschule Russlands, ihre Gründung hat Peter der Große angeregt, im Jahr 1724.

Bemerkenswert, dass Medwedew hier bald und von allein den Sprung ins Direktstudium schafft. "Er war kein Einstein, er war Pragmatiker", sagt seine frühere Mitstudentin Marina Lawrikowa, die heute dort Dozentin ist, "aber er fiel tatsächlich durch sein Wissen auf." Andere Ex-Kommilitonen sagen, es habe "wesentlich charismatischere Leute gegeben in jenem Studienjahr".

Schon im zweiten Jahr wird er für einen Konferenzbeitrag über den "Wirtschaftsmechanismus des entwickelten Sozialismus" ausgezeichnet. Auch den Pflichtteil Militärausbildung im karelischen Dorf Chuchojanjaki absolviert er mit Erfolg - ein Foto zeigt einen Jungen mit ernstem Gesicht, der die viel zu große Kalaschnikow vor der schmalen Brust präsentiert. Am Ende ist er Unterleutnant. Als kurz vor Studienende die Werber von den Gerichten, aus der Staatsanwaltschaft und vom KGB die Fakultät überschwemmen, entscheidet er sich zu bleiben: Er hat ein "Rotes Diplom", er schafft mit drei anderen die Aspirantur - den Zugang zur Promotion.

Seine Dissertation befasst sich mit dem Rechtsstatus von Staatsbetrieben in der Marktwirtschaft - Grundlagenforschung, die ihm später zugutekommen wird.

Fleiß gepaart mit Talent und guten Beziehungen sind Medwedews Trümpfe beim steilen Aufstieg bis später hinein in die Moskauer Machtelite. Ein paar seiner Kommilitonen von einst hat er sich inzwischen nachkommen lassen: Chef des Obersten Schiedsgerichts, Vertreter des Präsidenten am Verfassungsgericht, Stellvertretender Generalstaatsanwalt oder Gasprom-Vorstand sind sie geworden.

Medwedews politische Karriere beginnt 1990 im Rathaus von St. Petersburg, damals noch Leningrad - beim Abgeordneten Anatolij Sobtschak. Der Juraprofessor war dem Studenten Medwedew vier Jahre zuvor aufgefallen, als Brigadeleiter beim gemeinsamen Kartoffelsammeln im Sowchos "Kommunar" an der estnischen Grenze. Für Sobtschak sprach aus Medwedews Sicht, dass er nicht nur Tacitus und Plutarch gelesen hatte, Brodsky und Mandelstam. Er leitete auch den Lehrstuhl für Wirtschaftsrecht an der Universität.

Der für Sowjetverhältnisse schillernde Jurist sprach früh von Mehrparteiensystem und Marktwirtschaft, er hatte Verbindung zum Nobelpreisträger Andrej Sacharow, und als er 1989 um ein Mandat als Volksdeputierter kämpfte, war unter den Helfern in seinem Wahlkampfstab der junge Medwedew: Er druckte Flugblätter und warb beim Volk für sein Vorbild.

Als Sobtschak 1991 Oberbürgermeister wurde, holte er Medwedew zu sich in den Smolny. In den cremefarbenen Palast mit dem gleichnamigen Kloster nebenan, der dem Stadtoberen als Amtssitz zusteht und wo, wie kaum irgendwo sonst, die wechselvolle Geschichte der glanzvollen Metropole in Stein gefasst ist.

Der Smolny, zu Zarenzeiten "Institut für höhere Töchter", war 1917 von den Bolschewiki in Beschlag genommen worden. Von hier aus leiteten die Revolutionäre ihren Aufstand, hier rief Lenin den Sowjetstaat aus. Und hier wurde schließlich, am 1. Dezember 1934, der Leningrader Parteichef Kirow ermordet - das Attentat lieferte Stalin den Vorwand zum Startschuss für den "Großen Terror".

In den letzten Monaten der Sowjetunion aber, und in den Monaten danach, entsteht im Smolny die Keimzelle des späteren Putin-Staats. Die letzte Stunde der Planwirtschaft hat geschlagen, es ist die Zeit für Jungkapitalisten wie Glückssucher, und der Oberbürgermeister holt frische, fähige Köpfe in sein Team. Auch andere der heute Mächtigen sammeln sich damals an diesem Ort: German Gref, der spätere Wirtschaftsminister, Alexej Kudrin, heute Chef des Finanzressorts, oder Alexej Miller, nunmehr Vorsteher des Gasprom-Konzerns.

Medwedew hat sich zu diesem Zeitpunkt in Juristenkreisen bereits einen Ruf als Zivilrechtler erworben. Im Umfeld Sobtschaks halten ihn Besucher seiner Unauffälligkeit wegen für den Telefonisten - in Wahrheit hat sich der 26-Jährige als juristischer Beistand der Stadtoberen verdingt.

Welche Akten Medwedew damals zu begutachten hatte, ist strittig. Zeitzeugen wie der schwerreiche Petersburger Bauunternehmer Sergej Nikeschin, dem die Zeitung

"Nowoje wremja" vorwirft, dubiose Millionenaufträge unter Mitwirkung Medwedews erhalten zu haben, reagieren auf Fragen nach der Vergangenheit des künftigen Präsidenten schmallippig: "Medwedew? Sie werden verstehen, dass ich dazu derzeit gar nichts sagen kann."

Verbürgt ist immerhin, dass es dem aufstrebenden jungen Mann nicht gelang, seinen Chef Sobtschak dauerhaft vor juristischen Nachstellungen zu schützen. Die Generalstaatsanwaltschaft diagnostizierte 1995 eine "Atmosphäre der allgemeinen Korruption" in der Stadtverwaltung und entsandte eine Ermittlergruppe an die Newa.

Mitbetroffen von den Vorwürfen war der Vizebürgermeister, ein schmaler, unscheinbarer Blondschopf, der in den Wirren der aufblühenden Marktwirtschaft das einflussreiche Komitee für Außenbeziehungen leitete - der also seine Finger an der Öse hatte, durch die Geschäfte auf dem lukrativen Petersburger Markt eingefädelt werden mussten.

Der Blonde war Wladimir Putin.

Medwedew stand dem 13 Jahre Älteren beratend zur Seite, blickte zu ihm auf, wie es Weggefährten empfanden, und war begeistert. Putins Stärken, so beschrieb Medwedew es dem SPIEGEL, seien schon im Smolny deutlich geworden: "Er konnte zuhören, sich in Einzelheiten vertiefen und kümmerte sich sogar darum, wenn Anrufer einen Wasserrohrbruch meldeten."

Medwedew, der junge Jurist, so urteilt spöttisch einer der damals leitenden Moskauer Ermittler, sei beim postsowjetischen Monopoly im Petersburger Rathaus nur Mitläufer gewesen. Er selbst spricht von einer romantischen Zeit: "Wir spürten den ,wind of change'. Die damaligen Jahre waren wichtig für unseren Weg hin zu einer zivilen Bürgergesellschaft."

Knapp ein Jahrzehnt später sind die hoffnungsvollen Marktwirtschaftler aus dem Petersburger Smolny an den Schaltstellen der Moskauer Zentralmacht angekommen. Darunter auch Medwedew, den Putin 1999 zu sich in den Regierungsapparat holt, im Jahr darauf zum Vize der Präsidialverwaltung macht, dann zu deren Chef und 2005 zum stellvertretenden Ministerpräsidenten. Aber auch die Bataillone aus dem "Großen Haus", der Geheimdienstzentrale am Petersburger Liteijny Prospekt, sind nun in Moskau: Außer Putin begannen der heutige Vizepremier Iwanow, der FSB-Chef Nikolai Patruschew, dazu zwei graue Kreml-Kardinäle und der Chef der Drogenpolizei ihre Laufbahn beim Leningrader KGB.

Die Grabenkämpfe zwischen beiden Lagern, die Medwedew als künftigen Präsidenten erwarten, hat er in den vergangenen acht Moskauer Jahren studieren können: "alte" gegen "neue" Petersburger, frühere Mitarbeiter der Sicherheitsorgane - die "Silowiki" - gegen "Liberale" und, neuerdings, die "Öl-" gegen die "Gas-Partei".

Denn während aus der Staatsduma inzwischen alle unabhängigen Parteien eliminiert wurden, sind im Kreml selbst zwei Fraktionen entstanden. Die "Öl-Partei", angeführt von Putins mächtigem Verwaltungsvize Igor Setschin, verteidigt eisern ihre Pfründen rund um den staatlichen Erdölkonzern Rosneft. Die "Gas-Partei" wuchert mit Einfluss beim staatlich kontrollierten Monopolisten Gasprom.

Medwedew zählt zur Gas-Partei. Denn seit 2000 führt er, mit kurzer Unterbrechung, auch den Vorsitz im Aufsichtsrat von Gasprom. Der Marktwert des Unternehmens ist seither um das 50fache gestiegen. Es liegt jetzt unter den weltweit größten Konzernen an vierter Stelle.

Mit Medwedew an der Spitze des Aufsichtsrats und Alexej Miller als Vorstandsvorsitzendem ist Putin dabei, den Erdgas-Riesen zum zentralen Werkzeug der Innen- wie Außenpolitik umzuschmieden.

Medwedew stellte klar, der Staat sei "von allen möglichen Eigentümern der denkbar schlechteste" und befürwortete, die Obergrenzen für die Beteiligung ausländischer Anteilseigner aufzuweichen. Doch auch Putins Wunsch nach einer Aufstockung des staatlichen Aktienbesitzes an Gasprom auf über 50 Prozent war ihm Befehl.

Als Leiter der Kreml-Verwaltung frisch im Amt, kritisierte Medwedew im November 2003 noch das Vorgehen gegen den verhafteten Öl-Magnaten Michail Chodorkowski.

Was ihn dann nicht hinderte, Kernstücke des gewaltsam zerschlagenen Jukos-Konzerns unter die Kontrolle von Gasprom zu bringen.

Medwedew billigte die Eingliederung des unabhängigen Senders NTW ins Medien-Imperium von Gasprom wie auch den Erwerb und späteren Weiterverkauf der einstigen Regierungszeitung "Iswestija" an einen mit Putin befreundeten Banker.

Sein Erfolgsrezept, bei Gasprom wie im Kreml, geht bisher so: Er ist immer im Bilde, aber nie wirklich schuld. Weder an der Zerschlagung des Parteienspektrums, die seinem Vize im Kreml zugeschrieben wird, noch am bisher mäßigen Erfolg der "nationalen Projekte" zur Verbesserung der Infrastruktur, deren Leitung Putin ihm 2005 übertragen hat: Drei von vier befragten Russen sind überzeugt, die unter Medwedews Regie verteilten Gelder, allein im vergangenen Jahr 7,6 Milliarden Euro, würden "verschwendet oder gestohlen".

Putins Favorit macht sich durch diskretes Wirken im Hintergrund das Teflon-Prinzip zunutze: Was er auch anrührt, nichts bleibt an ihm kleben. "Medwedew war in die meisten großen Machtkämpfe von 1999 bis 2007 verstrickt, ohne direkt mit ihnen in Verbindung gebracht zu werden", schreibt der "Kommersant". Und folgert daraus, der Einfluss des Petersburger Juristen werde womöglich überschätzt - verantwortlich sei er häufig nur nominell.

Doch da sind, im Hintergrund, die alten Seilschaften, die Zündstoff bergen - die von Medwedew wie die von Putin. Medwedews früherer Mitstudent Konstantin Tschuitschenko, später KGB-Offizier, ist ein Paradebeispiel dafür. Er dient als Direktor beim berüchtigten Gashändler RosUkrEnergo, der mit bloßem Weiterverkauf von zentralasiatischem Gas Milliarden scheffelt und seit 2004 im Zentrum von Scharmützeln zwischen Russland und der Ukraine steht. Es geht um den Vorwurf, die Gesellschaft zweige mit Duldung von Gasprom märchenhafte Gewinne aus dem Gashandel ab.

Auch als der Bankier Oleg Schukowski am 6. Dezember grausam ums Leben kam, fiel schnell der Name Medwedew. Stranguliert und gefesselt im Swimmingpool seiner Villa vor den Toren Moskaus, wurde der Spezialist für Großkunden im Holz- und Zellulosegeschäft aufgefunden - wenige Monate nachdem der russische Branchenkrösus Ilim Pulp seine teils von Schukowskis Bank zurückerworbenen Aktien für 650 Millionen Dollar hochprofitabel an einen US-Investor weitergereicht hatte. Die Anteile, die Dmitrij Medwedew bis 1999 an Ilim Pulp hielt, schrieb daraufhin das russische Magazin "SmartMoney", entsprächen nach aktuellem Stand einem Gegenwert von "300 Millionen Dollar. Ob er seine Aktien verkauft oder in eine Stiftung überführt hat, bevor er 1999 nach Moskau überwechselte, ist nicht bekannt".

Medwedews Partner von einst bestreiten, dass der Kreml-Aspirant direkt oder über sie als Mittelsmänner noch Anteile halte. Am Firmensitz in der nordrussischen Taiga, wo Europas größtes Zellulosewerk seine Chemikalienschwaden über umliegende Mischwälder verteilt, in Korjaschma, sprechen sie lieber über den jungen Juristen Medwedew, der hier im dritten Stock des Verwaltungsgebäudes als Leiter der Rechtsabteilung seine ersten Schritte als Geschäftsmann machte. Und der die Firma 1999 verließ, als Ermittler der Staatsanwaltschaft die Privatisierung der Papierfabrik zu durchleuchten begannen.

Ganze 76 111 Euro Vermögen sind dem ehemaligen Großaktionär Medwedew laut jener Eigenerklärung geblieben, die er im Vorfeld der Präsidentschaftswahl abgeben musste. Trostloser noch sieht es bei Ehefrau Swetlana aus. Ihr Konto weist umgerechnet 10,55 Euro Guthaben aus. Dazu rostet in der Garage ein neun Jahre alter Volkswagen vor sich hin.

Dabei ist es gerade sie, Medwedews frühere Mitschülerin, die er seit der ersten Klasse kennt und mit der er seit 18 Jahren verheiratet ist, die sich seit längerem gezielt auf ihre Rolle als First Lady vorzubereiten scheint. Sie nahm ab, bestellte sich Kostüme à la Jacqueline Kennedy und tauchte medienwirksam häufiger in der Kirche auf. Eingeweihte, die ihre Allüren kennen, warnen vor einer zweiten Raissa Gorbatschowa - das selbstbewusste Auftreten der früheren Präsidentengattin hatte die konservativen Russen einst schwer verärgert.

Familie Medwedew ist in einer 364-Quadratmeter-Bleibe (Verkaufswert sechs Millionen Dollar) an der Minsker Straße in Moskau untergekommen. Die "Goldene Schlüssel" genannte Anlage beherbergt neben den Medwedews und diversen Multimillionären aus Öl- und Lebensmittelindustrie auch den Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche.

Von den Moskauer "Goldenen Schlüsseln" aus 730 Kilometer nordwestlich, am Komsomolzen-See unweit der finnischen Grenze, haben sich jene niedergelassen, die schon länger mit den Hebeln der Macht hantieren. Die Straße, die durch Birken- und Kiefernwälder zur Datschensiedlung Osero führt, wird Putinka genannt.

Den Zugang zum See, an dessen Ufer Wladimir Putin in den Neunzigern sein Wochenendhaus gebaut hat, versperrt ein Schlagbaum, freilaufende Schäferhunde verbellen Unbefugte. Ansonsten ist es still hier, wochentags. Zu den Gründern der Kooperative zählen der Chef der Russischen Eisenbahnen, der Generaldirektor eines Atomhandelskonzerns und der Aufsichtsratschef der Bank Rossija. Dazu Russlands Bildungsminister und sein

Bruder, Chef der Gasprom-Tochter Lentransgas.

Wie die Kerntruppen der "Kreml AG" da abgeschottet auf ein paar tausend Quadratmetern Grund zusammenkleben, als könnten sie nicht einmal in ihrer Freizeit ohne einander sein, das hat in seiner Arglosigkeit Seltenheitswert. Es fügt sich zu einem Röntgenbild des Systems, dessen Schöpfer Putin und dessen Teil Medwedew ist.

Der Geist vom Komsomolzen-See, das ist der männerbündlerische Geist des Putin-Staats: die wohlige Gewissheit, vieles im kleinsten Kreis steuern zu können. Milliardenschwere Unternehmen, Banken, Fußballvereine, Pipeline-Deals.

Während Mitarbeiter der Kreml-Verwaltung streuen, dem blassen, 1,65 Meter großen Medwedew sei durchaus zuzutrauen, dass er "in ein bis zwei Jahren" aus dem Schatten seines Lehrmeisters Putin trete, hält das Gros der politischen Beobachter schnelle Veränderungen für wenig wahrscheinlich. Im Land wüchsen "die sozialen Spannungen", der neue Präsident werde "keinen leichten Start" haben, urteilt Walerij Fadejew, Chefredakteur des Magazins "Expert".

Die hohe Inflation verlangt nach Liberalisierung der Märkte. Doch beim anstehenden Gesetz über Auslandsinvestitionen drängen Kreml-Falken darauf, weitere Sektoren der Industrie für ausländische Mehrheitsbeteiligungen zu sperren. Anatolij Tschubais, Galionsfigur der Wirtschaftsliberalen, warnt vor größerer Abschottung: "Wie viel", so fragt er, "kostet Russland seine konfrontative Außenpolitik?"

Denn unter Putin ging es ja nicht nur um die Wiederverstaatlichung von Schlüsselindustrien, es ging auch um eine neue Diplomatie: Widerstand gegen die Unabhängigkeit des Kosovo, Balanceakt in Fragen des iranischen Atomprogramms, Dauerkonflikte mit ex-sowjetischen Bruderstaaten und lautstarker Protest gegen US-Pläne, ein Raketenabwehrsystem in Polen und Tschechien zu errichten.

All das steht nun auf dem Prüfstand. Nur: Was Medwedew plant, weiß niemand.

Hinter dieser Schweigsamkeit steckt auch die Vorsicht vor jenen, die bis zur letzten Sekunde versucht haben, ihn als Putin-Nachfolger zu verhindern, und die auch jetzt nichts unversucht lassen, ihn zu beschädigen - der verschwiegene byzantinische Männerbund im Kreml unter Führung des Ex-KGB-Offiziers Igor Setschin.

In dessen Ecke wird die Quelle der Geschichten vermutet, die sich mit Medwedews Vergangenheit als Geschäftsmann befassen und die via Internet nun unters Volk gebracht werden. Ebenso wie die Quelle der Gerüchte, David Aaronowitsch Mendel, Sohn der jüdischen Eltern Aaron und Zilja Mendel, habe sich den Namen Dmitrij Medwedew nur aus Karrieregründen zugelegt - eine Blüte des allgegenwärtigen Antisemitismus. Hätten aber die "Silowiki" tatsächlich den Einfluss im Kreml, der ihnen noch immer zugeschrieben wird, Medwedew wäre wohl gar nicht Kandidat fürs höchste Staatsamt geworden.

Dann wäre es auch kaum zu jener Brandrede gekommen, die der angehende russische Präsident am 15. Februar im sibirischen Krasnojarsk hielt: Es müsse endlich Schluss sein mit dem "Rechts-Nihilismus" in Russland, eine unabhängige Justiz und bessere Haftbedingungen im Land seien nötig, freie Medien auch, und: Hohe Staatsbeamte sollten ihre Plätze in Vorständen und Aufsichtsräten räumen.

Es klang wie die freiwillige Selbstenttarnung eines heimlichen Dissidenten im innersten Zirkel der Macht. Deswegen treibt derzeit viele die Frage um, ob Medwedew ernst meint, was er sagt. Ob da tatsächlich einer angetreten ist, um künftig an der Spitze des Staats durchzusetzen, was ihm in der zweiten Reihe nicht möglich schien.

Ein Zarewitsch, der davon träumt, es dem alten Zaren zu zeigen?

Medwedew sei der richtige Mann für die "Fortsetzung" der bisherigen Politik, beschwichtigt Wladimir Putin. Er selbst werde im Übrigen als Premier der Garant für Kontinuität sein: das Budget entwerfen, den außenwirtschaftlichen Kurs bestimmen und die Wehrbereitschaft garantieren.

Für Medwedew, den vom Westen so freudig wie vorschnell als artverwandt, weil marktfreundlich und liberal, begrüßten Anwärter auf die Nachfolge im Kreml hieße das: bloßer Blickfang zu sein im Schaufenster der russischen Demokratie.

Am Bild vom "Westler" Medwedew malen liebevoll die Kreml-Strategen. Sie wollen ein Signal aussenden an ausländische Polit- und Wirtschaftseliten. Und deshalb darf der Kandidat sich immer häufiger auch im Fernsehen mit gewählten Worten vom Gassenjungen-Slang Putins absetzen.

"Niemand sollte seine Höflichkeit mit Schwäche verwechseln", sagt Gasprom-Aufsichtsrat Burckhard Bergmann über Medwedew, den er schon lange kennt. Ruhig und auf steife Art verbindlich setzte sich der schon während der inoffiziellen Vorausscheidung über die Putin-Nachfolge von seinem Konkurrenten, Vizepremier Sergej Iwanow, und dessen machohafter Körpersprache ab. Er flog fleißig über Land, küsste Kinder, streichelte Kühe und briet fernsehwirksam Eier in Holzhäusern armer Bauernfamilien. Am Ende lag er vorn.

Deutlich schlanker, dynamischer und sicherer kommt er inzwischen daher. Die beständig latente Angriffslust verratende Mimik Putins aber ist ihm fremd geblieben: Der Karrierebeamte Medwedew wirkt noch immer wie einer, der auf seinem Weg nach ganz oben weniger einer Bestimmung als einer dienstlichen Anordnung folgt.

Zwei Dinge sind im künftigen Machtgefüge Russlands noch ungeklärt. Die Frage, wer sich am hölzernen Besprechungstischchen im Büro des Staatschefs wird zurücklehnen dürfen, wenn die Fernsehkameras anrücken, und wer rapportiert. Dazu die Frage, wie das Problem mit dem Präsidenten-Porträt gelöst werden soll.

Wird Putin als Premier, wie es sich gehört, ein Foto des neuen Kreml-Herrn im Amtszimmer aufhängen? Ja, heißt es neuerdings im russischen Volksmund. Unter einer Bedingung: "Das Bild muss Medwedew zeigen, wie er vor einem Putin-Porträt an der Wand steht."

UWE KLUSSMANN, WALTER MAYR,

CHRISTIAN NEEF, MATTHIAS SCHEPP


DER SPIEGEL 9/2008
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