DER SPIEGEL



SCHACH

Genie und Orangensaft

Von Großekathöfer, Maik

Der Norweger Magnus Öen Carlsen war 13, als er in den Rang eines Großmeisters aufstieg. Nun, mit 17, schlägt das ehemalige Wunderkind auch die Weltelite.

Magnus Carlsen ist ein wandelndes Klischee, er ist 17 Jahre alt, doch mit seiner bubenhaften Otto-Schily-Frisur, den Segelohren und den Pausbäckchen sieht er aus wie zwölf. Er redet äußerst ungern, ein Mathe-Freak, der wahlweise steif gebügelte, meist bis oben hin zugeknöpfte Oberhemden oder graue Strickpullover trägt, dazu schwarze Socken und Sandalen. Sein Lieblingsgetränk ist Orangensaft, er liest gerade ein Sachbuch über die Wikinger, und als er mal im Urlaub in Moskau war, sind seine Eltern ins Bolschoi-Theater gegangen, auch seine drei Schwestern sind mit ins Ballett, aber er hat sich lieber in ein Internet-Café verkrümelt, um im Netz ein paar Denksportaufgaben zu lösen.

Der Norweger Magnus Öen Carlsen, geboren am 30. November 1990 in Tönsberg, aufgewachsen in der 3000-Seelen-Gemeinde Lommedalen nahe Oslo, ist genau so, wie man sich einen Menschen vorstellt, der "Mozart des Schachs" genannt wird. Der Junge gilt als Wunderkind, er war gerade mal 13 Jahre, 3 Monate und 27 Tage alt, als er in den Rang eines Großmeisters aufstieg.

Er ist ein Unikum. Wunderkinder hat es im Schach schon viele gegeben, aber sie kamen entweder aus dem Osten, vor allem aus Russland, wo in jedem Dorf nach Talenten gefahndet wurde, um sie danach systematisch auszubilden. Da sind zum Beispiel die ehemaligen Weltmeister Garri Kasparow, Anatolij Karpow und Wladimir Kramnik. Oder aber die Wunderkinder konnten die Erwartungen nicht erfüllen, der Komet verglühte. Kann sich noch einer an Thirumurugan Tiruchelvam erinnern? Vor neun Jahren feierten Experten den Engländer, damals zehn, als Genie. Heute spielt er in der Szene keine Rolle mehr.

Magnus Carlsen ist der erste Kinderstar aus Skandinavien, und Garri Kasparow ist überzeugt, dass der Teenager eher früher als später den Schachthron einnehmen wird. Nicht weil sich Kasparow 2004 gegen den seinerzeit 13-Jährigen nur mit Mühe in ein Remis retten konnte. Sondern weil Magnus Carlsen sich kontinuierlich verbessert. Vor einem Jahr wurde er Dritter beim mexikanischspanischen Top-Turnier in Morelia und Linares, und Ende Januar düpierte er in den Niederlanden, in Wijk aan Zee, dem wichtigsten Turnier nach der Weltmeisterschaft, fast die komplette Elite. In der Weltrangliste ist er inzwischen bis auf Platz 13 geklettert.

Mutter Sigrun und Vater Henrik sind Ingenieure, und sie haben rasch bemerkt, dass ihr Sohn ein verblüffendes Erinnerungsvermögen besitzt. Mit zwei kannte er alle gängigen Automarken, und mit fünf zählte er sämtliche Länder der Erde auf, inklusive Hauptstadt und Einwohnerzahl und ohne dass jemand mit ihm geübt hatte. Sein Vater brachte ihm Schach bei, Magnus interessierte sich zunächst kaum dafür, er spielte schlecht, er zog es vor, 500-Teile-Puzzles zusammenzubauen. Mit acht aber fing er plötzlich an, Bücher über Schach zu lesen, und von da an ging alles rasend schnell.

Entdeckt wurde der Junge von seinem Landsmann Simen Agdestein, der Großmeister und frühere Fußball-Nationalspieler sah ihn im Januar 2000. Agdestein sagt, noch nie habe er so eine Kombination aus Talent und fotografischem Gedächtnis erlebt. Er ist Lehrer an einem Sportgymnasium, das Magnus Carlsen besucht.

Wer ein guter Schachspieler werden will, muss intensiv trainieren, ein Großmeister muss kein Überflieger sein. Der ungarische Lehrer Laszlo Polgar unterrichtete seine Tochter Judit bis zu sechs Stunden am Tag, mit 15 Jahren und vier Monaten wurde ihr die Doktorwürde des Schachs verliehen, als erster Frau. Magnus Carlsen erreichte das Ziel ohne konsequente Schulung, er trainierte mal drei Stunden am Tag, mal gar nicht.

Er konnte allerdings auf elektronische Datenbanken zugreifen, die es ihm ermöglichten, im Grunde jede Spitzenpartie nachzuspielen und zu studieren. Er nutzte moderne Schachprogramme, das sind Gegner höchster Spielstärke, die unerreichbar waren für frühere Generationen. Der technische Fortschritt führt zu immer jüngeren Spitzenspielern, in jedem Teil der Erde.

Magnus Carlsen spielt aggressiv, verfügt über eine außergewöhnliche Rechentiefe, er ist ein kreativer Stratege. "Seine Begabung ist gewaltig", sagt sein Trainer Agdestein, "aber es braucht noch mehr, um den Gipfel zu erreichen." Manchmal vertraue er zu sehr der Intuition. "Er will immer Spaß haben und guckt sich die Dinge nach Lust und Laune an." Wladimir Kramnik meint, Carlsen könne sich besser auf seine Partien vorbereiten.

Am Montag vorvergangener Woche spielte er in Morelia drei Stunden in der prallen mexikanischen Sonne Tennis, am darauffolgenden Tag trennte er sich remis gegen Peter Leko, er wirkte müde und unkonzentriert.

Bis Freitag wird nun noch in Linares, in der zweiten Turnierhälfte, zu beobachten sein, wie er sich am Brett sitzend mit den Fingern die Unterlippe knetet, Orangensaft trinkt und mit den geschlagenen Figuren rumspielt.

Er ist noch jung, aber unterschätzt wird er schon lange nicht mehr. Nachdem Magnus Carlsen in Wijk aan Zee gewonnen hatte, ging der Inder Viswanathan Anand, amtierender Weltmeister, zu Vater Henrik und sagte: "Es wird Zeit, dass dein Sohn endlich ein Mädchen kennenlernt." MAIK GROßEKATHÖFER


DER SPIEGEL 10/2008
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