10.03.2008

Morden für das Vaterland

Von Bönisch, Georg; Leick, Romain; Wiegrefe, Klaus

Die Vernichtung der europäischen Juden war das Werk von rund 200 000 Deutschen und ihren Helfern. Eine Nahaufnahme der Täter, wie sie jetzt auch der Erfolgsautor Jonathan Littell versucht, ergibt ein beklemmendes Bild: Die meisten NS-Verbrecher waren weder Sadisten noch Psychopathen, sondern ganz normale Männer.

An Augenzeugen fehlte es nicht, kaum ein Gemetzel ist besser dokumentiert. Das Massaker von Babi Jar begann am Montag, dem 29. September 1941, am Morgen von Jom Kippur, dem jüdischen Versöhnungstag.

Es ist auch ein Tag in den Erinnerungen des SS-Offiziers Max Aue, Jahrgang 1913, die Jonathan Littell in seinem monumentalen, viele meinen monströsen Roman "Die Wohlgesinnten" ausbreitet. Einen Max Aue gab es nicht. Aber das, was er sieht und anderen Menschen antut, hat stattgefunden.

29. September 1941. Zehn Tage zuvor waren die Deutschen in Kiew einmarschiert.

Es war kalt, der Herbst schon weit vorgerückt. In langen Kolonnen marschierten die von den Besatzern getriebenen Juden stadtauswärts nach Westen; sie wirkten ärmlich, einige kamen mit Karren, die von abgemagerten Kleppern gezogen wurden. Littells SS-Mann Aue hatte den Eindruck, dass es vor allem Alte und Kinder waren.

Die Menge schien friedlich, ein wenig beunruhigt gewiss, aber doch gefügig. Die Deutschen hatten Gerüchte verbreiten lassen, um eine Panik zu vermeiden: Die Juden würden nach Palästina geschickt, kämen ins Ghetto oder nach Deutschland, um zu arbeiten. Und Max Aue dachte: "Außerdem konnten wir auf ihre Erinnerungen an die deutsche Besetzung von 1918 setzen, auf ihr Vertrauen in Deutschland und auch auf ihre Hoffnung, die vergebliche Hoffnung."

Wenn der schneidende Wind auflebte, konnte man aus der Ferne schwaches Geknatter hören, aber die meisten Juden achteten seltsamerweise kaum darauf. Viele von ihnen sangen religiöse Lieder, nur wenige versuchten zu fliehen.

Dann sah Aue die Schlucht vor sich liegen: Etwa 50 Meter breit, vielleicht 30 Meter tief, zog sie sich mehrere Kilometer weit hin, an ihrem Grund rieselte ein kleiner Bach. Babi Jar, die Großmutter- oder Altweiberschlucht.

Die bis dahin so stillen Juden schrien plötzlich vor Entsetzen. Die ukrainischen SS-Helfer trieben sie in Häufchen hinunter und zwangen sie, sich über oder neben die schon daliegenden Leichen zu strecken. Daraufhin traten die Männer des Erschießungskommandos vor, schritten langsam die Reihen entlang und schossen jedem eine Kugel ins Genick.

Binnen 36 Stunden töteten die Deutschen 33 771 Juden. "Ich weiß nur eines", schrieb die Ukrainerin Irina Choroschunowa damals in ihr Tagebuch, "da geht etwas Schreckliches, etwas Entsetzliches vor sich, etwas Unfassbares, das man nicht verstehen, begreifen oder erklären kann."

Ist das der Stoff für einen großen Roman, eine Art "Krieg und Frieden" des 20. Jahrhunderts? Oder hat Jonathan Littell, 40, Jude, Amerikaner und Franzose, Geschichtspornografie verfasst? Seine Geschichte des Täters Max Aue, in Ich-Form kalt und emotionslos erzählt, ist in Frankreich, Italien und Spanien ein sensationel-

ler Erfolg geworden. In Deutschland schoss das 1388-Seiten-Werk auf Anhieb in der SPIEGEL-Bestsellerliste nach oben, auch wenn die meisten Literaturkritiker schroff ablehnend reagierten.

Die Opfer seien oft genug zu Wort gekommen, begründet Littell sein Vorhaben, ihn habe die Sicht der Henker interessiert, er wolle die Täter sprechen lassen. Doch bei aller Genauigkeit des bürokratischen Berichts - der Historiker Saul Friedländer bescheinigt Littell beeindruckende Detailtreue in der Schilderung des Massakers von Babi Jar - bleibt Littells Sprache wie schockgefroren. Das Grauen wird eher gebannt als erfasst, das Töten ist am Ende nur noch ein Achselzucken. "Krieg ist Krieg und Schnaps ist Schnaps", sagt Aue dazu. Es ist eine seiner provozierenden Banalitäten.

Verstehen, begreifen, erklären. Woran die Zeitzeugin Irina Choroschunowa scheitern und verzweifeln musste, es scheint auch Littell nicht zu gelingen.

Die tiefsten Motive der Schergen bleiben ein ungelöstes Geheimnis in den "Wohlgesinnten". Littell wolle erkunden, "wie sich Täterschaft von innen anfühlt", urteilte die "Zeit", doch allzu sehr sei der Roman "dem Landser-Kitsch, dem Doku-Thriller und dem Edelporno" verhaftet.

"Ein Horrorbuch, grauenhaft, kitschig, brutal, pervers und obszön", schrieb der Kritiker der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", kam am Ende aber zu dem Schluss: "Littell ist es gelungen, dass einem die Vergangenheit die Zähne ins Fleisch schlägt." Die "taz" wiederum befand: "Was nicht funktioniert, ist die Charakterstudie."

Wie es sich denn anfühle, wenn man Massenhinrichtungen so detailliert schildere, wenn man am Schreibtisch im Blut der Opfer wate, wollte der deutsch-französische Intellektuelle und Politiker Daniel Cohn-Bendit bei Littells einzigem öffentlichen Auftritt vorletzte Woche in Berlin wissen. Der Autor antwortete ungerührt, dass

die Leiche im Moment des Schreibens eine "grammatikalische Form" sei - so wie für den Täter das Opfer im Moment der Tat zu einer bloßen Sache werde.

Die Frage, warum Menschen töten, warum selbst Massenmörder zugleich ganz menschlich und gewöhnlich bleiben können, wird von Littell mit einer Wucht aufgeworfen, für die es in der Literatur kaum Beispiele gibt. Die Abwesenheit der Emotionen ist für ihn der Schlüssel, auf die Psyche der Mörder komme es gar nicht an. So ist die Figur Aue ein reines Konstrukt, das es in Wirklichkeit nie auch nur annähernd gegeben hat. Mit Aues Worten: "Es würde sich ohnehin niemand um das scheren, was ich denken mochte. Unser System, unser Staat machte sich nicht das Geringste aus dem, was seine Diener dachten. Es war ihm gleichgültig, ob man die Juden tötete, weil man sie hasste oder weil man Karriere machen wollte oder weil es einem, in gewissen Grenzen, sogar Spaß machte."

Aue ist kein Sadist, noch nicht einmal ein Antisemit, er hasst die Juden gar nicht. Damit widerspricht Littell diametral der These von Daniel J. Goldhagen, wonach die Deutschen eingefleischte Judenhasser gewesen seien. Littell ordnet den Holocaust in einen universellen Zusammenhang ein, der alle Menschen angeht.

Wenn grausames Verhalten nicht nur möglich wird, sondern alltäglich, weil staatlich gebilligt und organisiert, dann wird auch jede Grausamkeit begangen. Aue weiß das: "Die wirkliche Gefahr - vor allem in unsicheren Zeiten - sind die gewöhnlichen Menschen, aus denen der Staat besteht. Die wirkliche Gefahr für den Menschen bin ich, seid ihr."

Das ist das Paradoxe und vor allem das Anstößige an diesem Wälzer: Trotz aller psychopathischen Züge, Inzest und Muttermord, die Littell seinem Max Aue andichtet, beansprucht dieser unwahrscheinliche Held für sich die Normalität eines Jedermanns. Der Holocaust ist bei Littell letztlich nichts mehr als ein - wenn auch herausragendes - Beispiel menschlicher Grausamkeitsmöglichkeit. Der Vorrat an potentiellen Schlächtern ist unerschöpflich. Auf die Krankhaften kommt es nicht an, um das Perverse auszuführen.

Warum aber ist das so? Was treibt die Täter an? Welche inneren Schalter werden umgelegt, wenn ein freundlicher Familienmensch, der abends gern Klavier spielt, morgens Juden ins Gas schickt? Seit 1945 haben Wissenschaftler und Politiker sich mit diesen Fragen gequält. Und im Lauf der Jahrzehnte haben sich die Perspektiven mehrfach verschoben.

Manche Antworten dienten mehr der Entlastung der deutschen Gesellschaft als der Aufklärung.

Einige wenige Hauptkriegsverbrecher um Adolf Hitler, die den Holocaust befohlen hatten, ausgeführt von Exzesstätern aus Gestapo und SS - so lautete in den fünfziger Jahren der Befund. Er enthielt die beruhigende Nachricht, dass die Mörder nicht aus der Mitte der Gesellschaft zu stammen schienen.

Nach dem Prozess gegen Adolf Eichmann 1961 verschwanden die Täter zeitweise sogar ganz vom Schirm der öffentlichen Wahrnehmung. Eichmann

hatte den Transport von Juden aus West- und Mitteleuropa in die Vernichtungslager organisiert und präsentierte sich vor Gericht als willenloser Bürokrat, der nur Befehle befolgt hatte. Der Holocaust erschien nun als industriell durchgeführter Massenmord, angetrieben von abstrakten, gesichtslosen Strukturen.

Dazu passte, dass gerade einmal 6500 Täter in Deutschland verurteilt wurden (siehe Kasten Seite 52).

Doch Anfang der neunziger Jahre trat eine neue Historikergeneration an, die nach Kriegsende geboren war. Mit frischem Blick und Zugang zu den Archiven in Osteuropa, die bis dahin hinter dem Eisernen Vorgang unzugänglich geblieben waren, machten sie sich auf die Suche nach den Tätern.

Dass 1996 Goldhagen mit seinen holzschnittartigen Thesen weltweit Aufmerksamkeit erregte, beflügelte die Wissenschaftler. Unzählige Bücher, Aufsätze, Sammelbände sind inzwischen erschienen.

Noch ist ein Ende nicht absehbar, aber bereits jetzt stehen so ziemlich alle alten Gewissheiten in Frage:

* Die Täter ein Haufen von Sadisten? Experten schätzen den Anteil der pathologischen Fälle auf allenfalls zehn Prozent. Das ist nicht überdurchschnittlich viel.

* Der Holocaust ein industriell durchgeführter Massenmord? Ja, aber ungefähr die Hälfte der annähernd sechs Millionen ermordeten Juden fand abseits der Vernichtungslager von Auschwitz, Treblinka, Sobibór, Majdanek, Chelmno und Belzec den Tod - erschlagen, erschossen, verhungert oder Opfer von Krankheiten, die aus den Lebensumständen in den Ghettos resultierten. Allein die Zahl der im Freien, auf den osteuropäischen Killing Fields erschossenen Menschen betrug über eine Million.

* Handelten die Täter aus Befehlsnotstand? Bis heute ist kein Fall bekannt, bei dem ein Befehlsverweigerer Schaden an Leib oder gar Leben genommen hat. Erwiesen ist hingegen, dass deutsche Bürokraten Hitler "entgegenarbeiten" wollten und überall in Osteuropa auf die Ermordung der Juden drängten.

* Mord aus Antisemitismus? Ohne den Judenhass hätte es den Holocaust nicht gegeben. Doch zahlreiche Täter nutzten die Staatsdoktrin des "Dritten Reiches" als Vorwand, um sich im Wilden Osten zu bereichern.

Von den über 100 Polizei-Bataillonen ist erst bei einem Teil die Geschichte aufgearbeitet, die meisten Wehrmacht-Divisionen sind unerforscht. Eines lässt sich allerdings jetzt schon absehen: Jedes Forschungsprojekt fördert neue Täter ans Licht. Feingeistige Planer, brutale Kommandeure, ängstliche Mitläufer, gedankenlose Gelegenheitsverbrecher. Das Böse war nicht einfach nur böse, es war auch nicht immerzu banal, es zeigte sich in so vielen Gestalten wie der Teufel im Alten Testament.

Auf mindestens 200 000 Deutsche und Österreicher schätzt Dieter Pohl vom Institut für Zeitgeschichte die Zahl derjenigen, die "Mordaktionen vorbereiteten, durchführten und unterstützten": KZ-Personal, SS-Leute, Polizisten, Wehrmachtssoldaten, Bürokraten, die den Juden im Osten die Existenzgrundlage entzogen.

Männer wie der einfach gestrickte Volksdeutsche Alfons Götzfrid zählen dazu, der Anfang November 1943 abkommandiert wurde und an einem Tag im Raum Majdanek 500 Juden erschoss.

Oder der aus "Schindlers Liste" bekannte KZ-Kommandant von Plaszów bei Krakau, Amon Göth, der von der Veranda seiner Villa wahllos auf Häftlinge zielte. Oder Major Wilhelm Trapp, Kommandeur des Reserve-Polizeibataillons 101, der in Tränen ausbrach, nachdem er seinen Männern den Befehl erteilt hatte, jüdische Frauen, Kinder und alte Leute in Józefóws bei Warschau zu ermorden.

Miteinander gemein haben diese Männer so wenig wie mit den anderen Tätern, und das zählt zu den beunruhigenden Befunden der Forscher. Sie sind auf Nazis und auf Nicht-Nazis gestoßen, auf Männer

wie auf Frauen, auf Polizisten, die im "Dritten Reich" sozialisiert wurden, ebenso wie auf Beamte, die im Kaiserreich aufwuchsen, auf Proletarier und auf Akademiker.

Nicht einmal auf Deutsche (und Österreicher) beschränkt sich der Täterkreis. Nach Pohls Schätzungen ist die Zahl der Ausländer ungefähr ebenso groß. SS und Polizei zogen immer wieder ukrainische, lettische oder andere einheimische Polizisten und Hilfskräfte für das blutige Handwerk heran. Wie jene 120 sowjetischen Kriegsgefangenen, die in Treblinka gemeinsam mit einigen Dutzend SS-Männern ungefähr 850 000 Juden ermordeten.

Eine Relativierung deutscher Schuld lässt sich mit solchen Erkenntnissen freilich schlecht begründen. Die Arbeitsteiligkeit unterstreicht nur, dass Deutschland den Judenmord als Staatsziel betrieb - und dabei überall Unterstützung fand. "Keine Alterskohorte, kein soziales und ethnisches Herkunftsmilieu, keine Konfession, keine Bildungsschicht erwies sich gegenüber der terroristischen Versuchung als resistent", resümiert Gerhard Paul, einer der führenden Täterforscher.

Und so gibt es auch nicht den einen Grund dafür, dass zwischen Riga und Odessa ganz normale Männer ihre Opfer auf Lastwagen knüppelten und sie zu Hinrichtungsstätten karrten, dort Frauen und Kindern ins Genick schossen oder Zyklon B in die Gaskammern füllten.

"Es sind die Umstände, die jemanden dazu bringen", sagt Kurt Schrimm, Staatsanwalt und Leiter der "Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen" in Ludwigsburg, die seit 1958 die Strafverfolgung von NS-Tätern koordiniert. Selbst fanatische Antisemiten brauchten danach ein Umfeld, wie es das "Dritte Reich" schuf, bevor sie ihren Judenhass auslebten.

Das würde erklären, warum Abertausende das Morden mit dem Untergang des "Dritten Reiches" von einem Tag auf den anderen beendeten - und nie wieder rückfällig wurden. Ein Großteil führte fortan ein Leben, als wäre nichts geschehen. Unbehelligt von Staatsanwälten packten sie an beim Wiederaufbau des Landes und gründeten Familien.

Vielfach ist daraus der Schluss gezogen worden, dass ehemalige SS-Leute, Polizisten, Soldaten ihre Schuld verdrängten.

Ganz anders deutet hingegen der Sozialpsychologe Harald Welzer diesen Sachverhalt. Er geht davon aus, dass die Täter eine Schuld gar nicht erst empfanden. Daher zeigten vor Gericht so wenige von ihnen Reue. Welzer verweist darauf, dass Menschen in einer konstruierten Welt leben. Sie deuten das Geschehen gemäß eines "normativen Referenzrahmens", der ihnen hilft, Entscheidungen zu treffen. Der Wissenschaftler glaubt, dass es den Nationalsozialisten gelungen ist, diesen Referenzrahmen bereits vor dem Holocaust deutlich zu verschieben. Adolf Hitler hätte demnach schon in den dreißiger Jahren eine Vielzahl der Deutschen davon überzeugt, dass es ein "Judenproblem" gebe, welches in irgendeiner Weise gelöst werden müsse.

Dafür sprechen in der Tat zahlreiche Indizien. Noch am 1. April 1933, als die Nazis zum Boykott jüdischer Geschäfte aufriefen, kam es vor Läden zu Diskussionen und sogar Schlägereien, weil viele Nichtjuden sich empörten. Nur fünfeinhalb Jahre später bot sich dem Betrachter ein ganz anderes Bild.

In der sogenannten Reichskristallnacht vom 9. auf den 10. November 1938 zündeten Schlägertrupps in vielen deutschen Städten Synagogen an und ermordeten insgesamt etwa 100 Juden. Es war das größte Pogrom der deutschen Geschichte seit dem Mittelalter, doch der Protest in der deutschen Öffentlichkeit richtete sich nur noch gegen die "Form des Kampfes gegen das Judentum", wie die Kölner Gestapo notierte.

In der Zeit dazwischen hatte die Nazi-Propaganda unablässig Juden als "Untermenschen" und Gefahr für die "Volksgemeinschaft" stigmatisiert. Sie mussten Sportvereine verlassen und riskierten Zuchthausstrafen, wenn sie mit Nichtjuden schliefen; sie hatten

den Staatsdienst zu verlassen, und es war ihnen verboten, die deutsche Flagge zu hissen. Die Wirklichkeit schien die Ideologie zu bestätigen: Weil Juden ausgegrenzt waren, wurden sie als nicht dazugehörig wahrgenommen.

Das ist noch nicht gleichzusetzen mit der Bereitschaft zum Mord, aber die Ausgrenzung senkte deutlich die Hemmschwelle.

Den Endpunkt der Entwicklung hat der Autor Primo Levi in einer Szene beschrieben, die er als Häftling in Auschwitz er-

lebte. Er wurde zu einem SS-Arzt kommandiert. Der Mediziner, so Levi, habe ihn mit einem Blick angesehen, "der wie durch die Glaswand eines Aquariums zwischen zwei Lebewesen getauscht wurde, die verschiedene Elemente bewohnen".

Das Ausmaß der Gesinnungsrevolution zeigt eine Umfrage der Amerikaner im Herbst 1945 in ihrer Besatzungszone. 20 Prozent der Befragten stimmten "mit Hitler in der Behandlung der Juden überein"; weitere 19 Prozent fanden seine Politik gegenüber der jüdischen Bevölkerung grundsätzlich richtig, wenn auch übertrieben.

Nach Einschätzung des Historikers Friedländer war Hitler ein "Erlösungsantisemit". Er sah in den Juden die Verkörperung des Bösen, das vernichtet werden müsse, um die Welt zu retten. Die Ermordung der Juden sei daher "die beste Lösung", wie er einem Journalisten 1923 erzählte, aber es sei nicht möglich, denn "die Welt würde über uns herfallen, anstatt uns zu danken, was sie eigentlich tun sollte". Hitler wollte daher die deutschen Juden zur Auswanderung zwingen.

Allerdings bildete sich schon in den dreißiger Jahren jener Kern an überzeugten "Weltanschauungskriegern" in SS und Polizei heraus, die später einen beträchtlichen Teil der Morde durchführte. Etwa unter den Zehntausenden SS-Männern, die in den Konzentrationslagern Dienst taten.

Nicht alle von ihnen waren von vornherein bereit, Juden zu töten. Im KZ Dachau ließ Kommandant Theodor Eicke seine Männer systematisch schleifen und demütigen. Richard Baer, später Kommandant in Auschwitz, wurde in Dachau angelernt, auch Martin Weiß oder Josef Kramer, die das Vernichtungslager in Majdanek beziehungsweise das KZ Bergen-Belsen leiteten.

Wurden in Dachau neue Schergen "ausgebildet", hatten die Häftlinge besonders zu leiden. Ein erfahrener SS-Mann nahm den Novizen mit zur sogenannten Blockkontrolle. Die Gefangenen mussten antreten, und dann ging es los: "Auf! Hinlegen! Auf! Hinlegen!" Nach einer Weile zeigte der Routinier auf einen Häftling und gab dem Jüngeren Order: "Tritt dem Kerl in den Bauch!" In neun von zehn Fällen, berichtet ein Überlebender, habe der Jüngere zurückgeschreckt und bekam dann so lange Druck, bis er tat, was man von ihm verlangte: "Was, du hast Schiss vor dem Saujuden? Du willst ein Soldat des Führers sein? Ein Feigling bist du!"

Den NS-Organisationen schloss sich meist an, wer in überdurchschnittlichem Maße zur Gewalt neigte - und das waren nach dem Ersten Weltkrieg mit seinen Hekatomben an Toten und der Weimarer

Republik mit ihren Tausenden Opfern politischer Gewalt vermutlich mehr Menschen als zu zivilisierten Zeiten.

Wie sonst lässt sich erklären, dass 1932 mehr als ein Drittel der Deutschen für die NSDAP stimmten, also für eine Partei, deren Anhänger immer wieder Andersdenkende brutal umbrachten und dafür auch noch öffentlich von der Parteiführung unterstützt wurden?

SS-Chef Heinrich Himmler konnte jedenfalls seine Männer aus einem rechtsradikalen Milieu rekrutieren, in dem eine rassistische Hasskultur dominierte. Rudolf Höß etwa, später Kommandant von Auschwitz, brachte bereits 1924 gemeinsam mit anderen Nazis einen Volksschullehrer um, den sie für einen Kommunisten hielten: Sie schlugen ihn mit Knüppeln bewusstlos, dann schnitt ihm einer mit dem Taschenmesser die Kehle durch, und ein anderer jagte ihm zwei Kugeln in den Kopf.

Dabei hatte jede Gewalttat integrierende Wirkung. "Blut kittet aneinander", beschrieb Hitlers Propagandachef Joseph Goebbels einmal diesen Mechanismus, der später auch die Mordeinheiten zusammenschweißte.

Dass es sich beim KZ-Personal meist um einfache Menschen handelte, die - nach allem, was man weiß - ihr Handeln nicht reflektierten, gab nach 1945 der Ansicht Auftrieb, das deutsche Bürgertum habe mit dem Holocaust nichts zu tun.

Umso größer war 2002 die Überraschung in der Öffentlichkeit, als der Historiker Michael Wildt biografisch entschlüsselte, wer im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) die Befehle gegeben hatte. In dieser Behörde, die den Judenmord maßgeblich organisierte, verschmolz RSHA-Chef Reinhard Heydrich politische Polizei und den Sicherheitsdienst der SS zu einer Institution. Wie Wildt herausfand, hatten mehr als drei Viertel des Führungskorps Abitur, zwei Drittel studiert (überwiegend Jura), nahezu ein Drittel hatte zudem promoviert.

Das Böse, auf einmal war es dort ausgebrütet worden, wo das Gute, Wahre und Schöne gelehrt wird.

Die deutschen Universitäten waren schon 1933 Hort eines militanten Antisemitismus gewesen, und viele der späteren Täter auf der Führungsebene hatten im Studium einen Gegenentwurf zur liberalen Demokratie kennen- und schätzen gelernt.

Einer von ihnen war der Einserjurist Martin Sandberger, Jahrgang 1911, Parteimitglied seit 1931 und schon mit 27 Jahren SS-Sturmbannführer beim SD - fleißig, hochintelligent, ein Schnelldenker, genau der Typus, den Wildt meint.

Im Oktober 1939 ernannte ihn Himmler zum Chef der Einwanderer-Zentralstelle Nord-Ost, einer NS-Behörde, die für die "rassische Bewertung" deutscher Umsiedler zuständig war; ab März 1941 führte ihn der RSHA-Geschäftsverteilungsplan als verantwortlich für die "Lehrplangestaltung der Schulen" und ab Januar 1944 als Leiter der Abteilung VI A, "Allgemeine Aufgaben" des Auslandsnachrichtendienstes.

Zwischendurch profilierte er sich als einer der Hauptakteure der Vernichtung. Das Einsatzkommando 1a, das er führte, machte Estland "judenfrei", und der promovierte Rechtswissenschaftler gab später zu, an der Tötung von "etwa 350" Kommunisten direkt beteiligt gewesen zu sein.

Sandberger wurde 1948 von den Amerikanern zum Tode verurteilt, ohne dass es zur Vollstreckung kam. Zehn Jahre später schon war er "endgültig und bedingungslos" wieder frei - nachdem sich Bundespräsident Theodor Heuss und der SPD-Grande Carlo Schmid, sein früherer Universitätslehrer in Tübingen, für ihn stark gemacht hatten. Sandberger, entschuldigte ihn Schmid, sei "dem geistigen Nihilismus der Zeit verfallen" gewesen.

Wissenschaftler Wildt spricht von einer "Generation des Unbedingten", geboren meist nach 1900 und zu jung, um am Ersten Weltkrieg teilgenommen zu haben. Gerade dieser Krieg war jedoch enorm präsent - in den Erzählungen der Älteren, in den Medien, in der Politik mit dem ewigen Lamento über die Niederlage und ihre Folgen.

Aus dem Bedauern, nicht dabei gewesen zu sein, erwuchs eine radikale Entschlossenheit, mit dem Herkömmlichen zu brechen. Und da es sich um überzeugte Antisemiten handelte, war die Bereitschaft vermutlich schon 1939 in nuce vorhanden, die Grundsätze der eigenen Weltanschauung bis zur letzten Konsequenz umzusetzen.

Es erhob sich jedenfalls kein Widerspruch in Polizei oder Sicherheitsdienst, als Heydrich kurz nach dem deutschen Angriff auf Polen 1939 die Ermordung "führender Bevölkerungsschichten" anordnete: "Der Adel, die Popen, die Juden" seien dran.

Die blutige Aufgabe übernahmen Sondertruppen, die sogenannten Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes. An die Spitze berief Himmler Nationalsozialisten der ersten Stunde.

Die wenigsten von ihnen hatten bis dahin gemordet. Doch den Krieg begriffen diese Männer als "Wahrheitsprobe auf die jahrelang geübte Kampfrhetorik", wie ein Autorenteam in einer gerade erschienenen Studie schreibt*. Mit dem Krieg wurde das Töten zum Alltag, und für Mordaktionen boten sich immer neue Scheinbegründungen. Ende 1939 hatten die Einsatzgruppen ungefähr 7000 Juden (und noch mehr polnische Katholiken) umgebracht.

Schwierigkeiten mit den Mannschaften, welche die Massenerschießungen durchführen mussten, sind nicht überliefert. Allerdings meldeten sich knapp 50 Mann des bis zu 150 Mann umfassenden Einsatzkommandos 3/I krank. Sie klagten über Magenbeschwerden und Nervenleiden. "Ostkoller" nannte die SS-Führung später die psychischen Folgen des Massenmor-

des. Durch Schnapsausschank und Filmvorführungen versuchten die Offiziere, ihre Untergebenen bei Laune zu halten.

Nach der Besetzung Polens 1939 und Teilen Frankreichs im Jahr darauf lebten mehr als drei Millionen Juden in Hitlers Imperium. Auswanderung war jetzt keine Lösung mehr für das "Judenproblem".

Daher plante Hitler eine "territoriale Endlösung". Zunächst wollte er die mitteleuropäischen Juden in ein "Reservat" in der Umgebung des ostpolnischen Lublin ansiedeln. Dann erwogen Hitler und Himmler, alle Juden aus dem deutschen Machtkreis nach Madagaskar umzusiedeln.

Die beiden Chef-Architekten des Holocaust, Himmler und Heydrich, beabsichtigten im Sommer 1940 noch nicht, alle europäischen Juden zu ermorden. Das sei "ungermanisch", meinte Himmler. Der ihm untergebene Heydrich schloss sich an: "Eine biologische Vernichtung wäre des deutschen Volkes als einer Kulturnation unwürdig."

Aber die Pläne zerschlugen sich, und im Februar 1941 sagte Hitler bei einer Besprechung über die weitere Behandlung der Juden, er denke "über manches jetzt anders, nicht gerade freundlicher". Da hatten die Planungen für den "Fall Barbarossa" - den Angriff auf die Sowjetunion - bereits begonnen.

Der "Führer" war nicht psychisch krank, und auch die anderen Top-Nazis scheinen im medizinischen Sinne normal gewesen zu sein. Als die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg führende Nationalsozialisten in Nürnberg vor Gericht stellten, wurden die Angeklagten zahlreichen psychologischen Tests unterworfen, die zumindest nach damaligen Standards keine krankhaften Auffälligkeiten zeigten.

Umso schlimmer. Demnach wussten sie, was sie taten.

Die Elite des "Dritten Reiches" war fest davon überzeugt, dass Juden eine Art Basis für die Herrschaft der Bolschewiki in der Sowjetunion stellten. Als der "Führer" den Angriff auf das Kreml-Imperium vorbereitete, gab er Order: "Die jüdisch-bolschewistische Intelligenz ... muss beseitigt werden."

Es ist umstritten, ob Hitler zunächst nur jüdische Männer oder auch schon Frauen und Kinder umbringen wollte; spätestens ab August 1941 mordeten die Einsatzgruppen mit der (erzwungenen und auch freiwilligen) Unterstützung einheimischer Polizisten alle sowjetischen Juden hinter der vorrückenden Ostfront. Sie wurden erschossen oder in Synagogen getrieben, die dann angezündet wurden. Bis März 1942 hatten die Einsatzgruppen, deren Angehörige überwiegend aus Gestapo, Sicherheitsdienst der SS und Waffen-SS kamen, sowie Polizeibataillone 600 000 jüdische Menschen umgebracht.

Hitler hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mit einem gigantischen Bevölkerungstransfer

begonnen. Er ließ mehrere hunderttausend Volksdeutsche aus Osteuropa "heim ins Reich" holen. Sie übernahmen Wohnungen christlicher und jüdischer Polen im Warthegau; die Juden wurden in Ghettos abgeschoben. Nach dem bald erwarteten Endsieg wollte Hitler sie weiter Richtung Osten deportieren. Der Endsieg kam bekanntlich nicht zustande. Weil die Ghettos immer voller wurden, drängten die örtlichen Machthaber darauf, das Problem durch Mord zu lösen.

Der Osten Europas entwickelte sich zum rechtsfreien Raum, und welche Dynamik eine solche Situation entfalten kann, war vor einigen Jahren im Film "Das Experiment" zu sehen. Er beruht auf einem realen Versuch im kalifornischen Stanford. Gefängnisinsassen wurden dort willkürlich in Wärter und Gefangene eingeteilt, und obwohl Schlagen oder Treten verboten war, eskalierte die Lage rasch. Auch "Wärter", die nicht dem sadistischen Typ entsprachen, quälten ihre "Untergebenen".

Das war auch im Osten so. In der Sicherheitspolizei im Distrikt Krakau dienten überwiegend Seiteneinsteiger bei der Gestapo, deren Weltbild in den SS-Kasernen entstanden war, wie Experte Klaus-Michael Mallmann schreibt. Etwa Heinrich Hamann, ein 1908 geborener Kaufmann, seit 1931 Mitglied der SS und der NSDAP. Er hatte in den frühen dreißiger Jahren seine bürgerliche Existenz aufgegeben, um Polizist zu werden, und arbeitete sich zum Kriminalkommissar bei der Gestapo hoch. 1939 übernahm er das Kommando des Grenzpolizeikommissariats Neu-Sandez. Vor der Dienststelle ließ Hamann den Bürgersteig mit Grabsteinen des jüdischen Friedhofs pflastern.

Am 28. April 1942 versammelte er seine Getreuen, um die Erschießung von 300 angeblich jüdischen Kommunisten zu feiern. Als Hamann angetrunken war, schlug er vor, noch "Remmidemmi" zu machen. Mit einigen Polizisten, aber auch Leuten der Zivilverwaltung zog er ins unbeleuchtete Ghetto. Am nächsten Morgen waren über 20 Juden tot. Der Fall wurde aktenkundig, weil Hamann bei dem mörderischen Ausflug versehentlich seinen Stellvertreter erschoss.

Antisemitismus bildete in solchen und anderen Fällen nur den Vorwand für Verbrechen. "Mit der Pistole einkaufen" nannten es etwa Polizisten, wenn sie Juden ausraubten oder erpressten. Sie veranstalteten Hausdurchsuchungen und befahlen den jüdischen Frauen, sich auszuziehen, weil man sie filzen müsse. Nach der Vergewaltigung wurden die Opfer meist erschossen.

In diesem Klima folgte der Holocaust oft einer

brutalen ökonomischen Logik. Fehlte es an Nahrung oder Wohnungen, wurde die Vernichtung forciert. Alle Instanzen machten mit: Arbeitsverwaltung und Landwirtschaftsbehörden, Wirtschaftsbetriebe und Wehrmacht, natürlich SS und Polizei, die am Ende exekutierten, was gemeinsam vorangetrieben worden war. Fehlte es an Personal, griffen die Verwaltungsbeamten auch selbst zur Waffe.

SS-Chef Himmler hatte immer schon eine gezielte Personalpolitik betrieben; auf den Schlüsselpositionen im SS- und Polizeiapparat saßen daher radikale Antisemiten, die entsprechende Befehle gaben. Sie waren vom Glauben an den "Führer" beseelt und fühlten sich auf abstruse Weise bedroht. So schrieb der Polizeisekretär Walter Mattner nach einer Massenexekution an seine Frau: "Bei den ersten Wagen hat mir etwas die Hand gezittert. Beim zehnten Wagen zielte ich schon ruhig und schoss sicher auf die vielen Frauen, Kinder und Säuglinge. Eingedenk dessen, dass ich auch zwei Säuglinge daheim habe, mit denen es diese Horden genauso, wenn nicht zehnmal ärger machen würden."

Die Antisemiten verfügten allerdings nicht über ausreichend Personal für den allumfassenden Judenmord. In Polen wohnte ein beträchtlicher Teil der Opfer in weitverstreuten Dörfern und Städtchen.

Um sie umzubringen, benötigte man die Hilfe der Wehrmacht, deren Offiziere oft ihrerseits den Mord an Juden forcierten, weil sie diese verdächtigten, Partisanen zu sein oder Partisanen zu unterstützen. Soldaten halfen beim Erfassen und Zusammentreiben der Opfer, sperrten die Hinrichtungsorte ab. Einige Einheiten mordeten

selbst im großen Stil. Die 707. Infanteriedivision hat in Weißrussland mindestens 10 000 Juden umgebracht.

Vor allem aber half die ursprünglich unpolitische Ordnungspolizei, und dass dies so reibungslos und flächendeckend funktionierte, gehört bis heute zu den Rätseln, über die Historiker und Psychologen brüten.

Denn die Männer der Polizeibataillone bildeten eher einen Querschnitt der Gesellschaft als eine nationalsozialistisch geprägte Auswahl; sie waren eingezogen worden und in der Regel über 30 Jahre alt. Im Gegensatz zu Wehrmachteinheiten waren sie nicht durch den Krieg brutalisiert worden, sondern kamen direkt aus der Heimat und erhielten nun den Befehl zum Mord.

Doch auch sie holten wehrlose Männer, Frauen und Kinder aus den Häusern und erschossen sofort Alte und Kranke. Das Schreien der Opfer und ihrer Angehörigen gellte durch die kleinen Ortschaften. Die Juden wurden meist in abseits gelegene Wäldchen gefahren. Die Polizisten führten ihre Opfer zu den Gruben und töteten sie durch Genickschuss.

Manchmal schossen die Polizisten in den Kopf, so dass die Schädeldecke wegplatzte und den Tätern die Gehirnmasse der Opfer ins Gesicht und auf die Uniform spritzte.

Die Angehörigen des Reserve-Polizeibataillons 101, dessen Geschichte der Historiker Christopher Browning rekonstruiert hat, betranken sich, nachdem sie am 13. Juli 1942 in der Nähe Warschaus 1500 Juden erschossen hatten. Es war ihr erstes Massaker, und der befehlshabende Major Trapp suchte die Männer mit dem Hinweis zu beruhigen, dass höhere Stellen die Verantwortung trügen.

Am frühen Morgen hatte Trapp, ein 53jähriger Berufspolizist, seinen Untergebenen ihren Auftrag eröffnet und erklärt, wer sich von den Älteren dem nicht gewachsen fühle, möge vortreten. Ein Angehöriger der 3. Kompanie nahm das Angebot an, woraufhin sein unmittelbarer Vorgesetzter ihn beschimpfte, doch Trapp nahm den Mann in Schutz.

Einige weitere nutzten daraufhin ebenfalls das Angebot. Die anderen machten sich auf den Weg.

Trapp blieb im Ort und verheimlichte seine Verzweiflung nicht. Er weinte nach Zeugenaussagen "wie ein Kind", murmelte jedoch "Befehl ist Befehl".

Auch viele seiner Untergebenen haderten mit dem Auftrag, als im Wald das Erschießen begann. Einige erklärten nach einer Weile, sie könnten nicht mehr, oder verwiesen darauf, dass sie selbst Kinder hätten. Mehrere Schützen stellten fest, dass sich unter den Opfern Juden aus Hamburg, Bremen oder Kassel befanden, und gingen zu ihren Zugführern. Manche wurden gleich abgelöst, andere bekamen zunächst zu hören, sie könnten sich auch neben die Juden auf den Boden legen, und wurden schließlich doch von den Morden entbunden. Die allermeisten taten jedoch wie befohlen.

Um das Verhalten zu erklären, hat Browning auf das Experiment verwiesen, das der Psychologe Stanley Milgram 1962 an der Yale University durchführte. Probanden wurde der Eindruck vermittelt, sie seien Lehrer und müssten mit einem "Schüler", der im Nachbarraum saß (und eingeweiht war), einen Lerntest durchführen.

Gab der "Schüler" falsche Antworten, sollte ihn der Proband mit immer stärkeren Stromschlägen bestrafen. Zögerte dieser, forderte ihn der Versuchsleiter mit Bestimmtheit zum Weitermachen auf. Und obwohl der Proband das (simulierte) Schreien des "Schülers" hören konnte, verabreichten fast zwei Drittel der Versuchspersonen Stromschläge von 450 Volt.

Milgram wertete das Experiment als Beleg dafür, dass Menschen Anweisungen von Autoritäten selbst dann folgen, wenn sie damit gegen ihr Gewissen handeln.

Milgram wies allerdings auch schon darauf hin, dass viele lieber behaupten, einem Befehl gefolgt zu sein, als auf Gruppendruck reagiert zu haben.

Auch bei den Polizeibataillonen scheint Gruppendruck eine wesentliche Rolle gespielt zu haben.

Eine Verweigerung schien gegenüber den Kameraden ein unsozialer Akt zu sein bei einer von fast allen als belastend empfundenen Aufgabe. Man riskierte zudem mitten im Feindesland, von seinem Umfeld geschnitten zu werden. Auch stellte der Fortgang des Geschehens das eigene Urteil ständig in Frage; schließlich machten andere mit. Und oft sammelten sich um die Hinrichtungsstätten johlende Gaffer - deutsche Uniformträger oder auch nichtjüdische Einheimische -, was bestätigend wirkte.

Sadisten in der Truppe förderten die Mordbereitschaft noch. Denn deren Verhalten ermöglichte es widerwilligen Tätern, vor sich selbst das eigene Handeln zu rechtfertigen, schließlich empfanden sie keine pathologische Freude an ihrem Tun.

Sich selbst redeten sie ein, notwendige Arbeit zu verrichten. Es ging ja gegen die "Untermenschen".

Alles eine Frage der Perspektive. Wenn die Welt aus den Fugen ist, wird die Perversion zur Normalität, und Mitgefühl gibt es nur für hartgesottene Täter. Vor hohen SS-Führern erklärte Himmler 1943:

"Es gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht - ,Das jüdische Volk wird ausgerottet' - sagt ein jeder Parteigenosse, ,ganz klar, steht in unserem Programm, Ausschaltung der Juden, Ausrottung, machen wir.' Und dann kommen sie alle an, die braven 80 Millionen Deutschen, und jeder hat seinen anständigen Juden ... Von allen, die so reden, hat keiner zugesehen, keiner hat es durchgestanden. Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen

beisammenliegen ... Dies durchgehalten zu haben und dabei anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht."

Himmler hatte sich zwei Jahre zuvor im weißrussischen Minsk ein eigenes Bild gemacht. Er wollte einmal Zeuge einer Liquidierung sein. Etwa 100 angebliche Partisanen wurden aus dem Gefängnis geholt, kaum lagen sie mit dem Gesicht nach unten, feuerten die Deutschen von oben.

Himmler wurde nervös, offenbar war ihm übel. Vergeblich suchte ein hochrangiger SS-Führer die Schwäche des stärksten Mannes nach Hitler zu nutzen und bat, bei Erschießungsaktionen "wenigstens die Polizisten zu schonen". Die Männer, erklärte er, seien "fertig für ihr ganzes Leben" - entweder würden sie zu Neurotikern oder zu Rohlingen.

Mittlerweile waren die Erschießungen an der Ostfront auch in der Heimat bekannt, das Regime musste schon deshalb auf eine besser abgeschottete Tötungsmethode sinnen. Sie sollte darüber hinaus die Helfer Hitlers "psychisch weniger belasten" (Historiker Pohl).

Von Sprengstoff war anfangs die Rede. Dann hielten die Techniker des Todes den Einsatz von Gaswagen für praktikabel, wie sie für die Ermordung Kranker und Behinderter im Rahmen der "Euthanasie" eingesetzt wurden.

Zwar hätten in den Einsatzgruppen seit Dezember 1941 "mit drei eingesetzten Wagen 97 000 verarbeitet" werden können, "ohne dass Mängel an den Fahrzeugen auftraten", heißt es in einem Bericht streng bürokratisch. Doch auch jene Mordlogistik schien dem erwarteten Aufkommen an Opfern nicht zu genügen. Und so entstanden - oft unter Anleitung der Euthanasie-Experten - die Vernichtungslager: Erst ging Belzec in Betrieb, dann Sobibór, schließlich Treblinka und Majdanek.

Und Auschwitz, das zum Synonym werden sollte für die fabrikmäßige Vernichtung der europäischen Juden - eine Form des Genozids, der unvergleichbar war und ist mit anderen Völkermorden auf dieser Welt.

Die Funktionäre der Vernichtungslager, SS-Angehörige vor allem aus der um das Jahr 1900 geborenen sogenannten Kriegsjugendgeneration, entstammten durchweg der bürgerlichen Mittelschicht. Sie akzeptierten die Rolle, die nun zu spielen war - "Härte" zu zeigen. Und in diesem Rollenspiel hatten zwei Charakterzüge nichts zu suchen: Mitleid und Menschlichkeit.

Sie wurden zu Massenmördern, weil es ganz offenbar ihre Überzeugung war, so dem Vaterland ordentlich zu dienen - und weil es ihnen gelang, diesen scheinbaren Idealismus vor sich her zu tragen "als leuchtende Monstranz", urteilt die Historikerin und KZ-Spezialistin Karin Orth. Jene Männer, sagt Orth, seien "Männer der Tat" gewesen.

Das NS-Programm war so gigantisch, dass es erst allmählich in Gang kam, und es lief überall prinzipiell gleich ab. Juden wurden zusammengezogen, zu den Bahnhöfen getrieben und dann in die Züge geprügelt - bis zu 150 Menschen standen eng gedrängt in einem Waggon, es gab kein Wasser, und die völlig überladenen Züge benötigten für wenige hundert Kilometer manchmal zwei Tage. Etliche starben, bevor sie den Ort des Todes erreichten.

Experten sind heute überzeugt, dass die Arbeitsteiligkeit des Mordens die Hemmschwelle deutlich senkte. Denn jeder an der Deportation Beteiligte außerhalb der Vernichtungslager konnte sich einreden, er sei kein Mörder.

Eichmann, der Cheforganisator aus dem Reichssicherheitshauptamt, war ein glühender Judenhasser. Ab 1938 hatte er in Wien die "Zentralstelle für jüdische Auswanderung" geleitet.

Jetzt organisierte er die Verschleppungen aus Mittel- und Westeuropa, und während etwa in Treblinka die Juden sofort ins Gas getrieben wurden, halfen in Auschwitz an den Bahnhofsrampen sogenannte Funktionshäftlinge bei der Selektion der Ankommenden in Arbeitsfähige und Todgeweihte, Tausende oft in Stundenfrist.

Ab Frühjahr 1942 waren die Todesstätten zwei Bauernhäuser neben dem Lagerzaun, "Bunker 1" und "Bunker 2" mit abgedichteten Räumen. Durch kleine Fenster kippten SS-Schergen das Schädlingsbekämpfungsmittel "Zyklon B" aus Dosen ins Innere - und warteten 20 Minuten lang, bis alle Opfer erstickt waren.

Dann mussten die jüdischen Häftlinge, die in "Sonderkommandos" zusammengefasst wurden, ihr schreckliches Werk tun. Ein Zeuge: "Wenn man die Türen öffnete, dann lagen sie - die einen über den anderen, die lagen wie Pyramiden. Die Stärksten versuchten so hoch wie möglich zu kommen. Die Schwächsten waren unten."

Die Leichen wurden herausgeholt und in Gruben geworfen, die andere ausgehoben hatten. Kalk, Erde, das war die Bestattung.

Bis zum Juni 1943 wurden vier große Krematorien mit eigenen Gaskammern fertiggestellt, täglich konnten nun über 4000 Menschen vergast und verbrannt werden - die zuständige Zentral-Bauleitung war so stolz auf ihr Werk, dass sie im Vorraum ihrer Büros eine Bilderserie "säuberlich nebeneinander liegender Verbrennungsöfen" präsentierte, erinnert sich ein früherer Rottenführer.

Viele SS-Leute kamen freiwillig nach Auschwitz, allerdings wohl ohne zu wissen, was sie erwartete; andere wurden abkommandiert, auch Hunderte Soldaten der

Wehrmacht gehörten zur Mannschaft - meist ältere, kränkliche Männer, "die den Strapazen der Front nicht mehr gewachsen waren", schreibt der frühere Häftling Hermann Langbein.

Seelische Not spürten offenbar die wenigsten, jedenfalls findet sich in der einschlägigen Literatur keinerlei Szene solcher Art - was Wunder bei dem Selbstverständnis, stets hart zu sein. Und wer sich dennoch verweigerte, so berichtet Langbein, der wurde rasch und kritiklos durch einen Kameraden ersetzt.

Die Kerneinheit allerdings stellten jene SS-Leute, die den Drill anderer Konzentrationslager mitgemacht hatten - und sich als eine Art Avantgarde des deutschen Volkes betrachteten mit dem Anspruch, der auserwählten Rasse anzugehören. Herren über Leben und Tod, die offenbar die Rechtfertigung eigenen Handelns nicht im Hier und Jetzt erblickten, sondern in einem noch zu verwirklichenden Rassenimperium. Erst als alles vorbei war, verstanden sich die Weltanschauungskämpfer plötzlich nur noch als kleine Rädchen im allmächtigen Apparat.

Zum Personal in Auschwitz und Majdanek, nicht aber in den anderen Vernichtungslagern, zählten auch Frauen; sie waren Reichsangestellte, keine Mitglieder der SS. Und diese zumeist noch sehr jungen Frauen waren größtenteils freiwillig hier. Als Aufseherinnen nahmen sie an Selektionen teil, sorgten während der Appelle für Ruhe und Ordnung und halfen danach mit, schreibt die Historikerin Gudrun Schwarz, "die selektierten Frauen zu den Gaskammern zu treiben".

Die Ehefrauen, die in den zum Lager gehörenden Siedlungen lebten, hatten eine ganz besondere Aufgabe. Sie sollten ein warmes Nest hüten - offenbar bedurfte die KZ-Arbeit der Kompensation innerhalb der eigenen vier Wände. Nervenberuhigende Ablenkung boten darüber hinaus Musikabende, Theatervorstellungen ("Gestörte Hochzeitsnacht") oder ein Kaffeehaus, und wer sich besonders verdient gemacht hatte, dem steckte sein Chef schon mal Schnaps und Zigaretten zu.

Das für die KZ zuständige Wirtschafts-Verwaltungshauptamt der SS lehnte bemerkenswerterweise eines ab - mehr Geld für die Schergen. Das Gehalt habe nur "sekundäre Bedeutung", teilte Amtschef Oswald Pohl mit. Viel wichtiger sei die "innere Beziehung" jedes Einzelnen zu seiner Arbeit - hier hat der Begriff Mordmotiv eine ganz eigene Bedeutung.

Als einer der Akteure des Judenmordes, der Einsatzgruppenchef Otto Ohlendorf, sich vor einem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal verantworten musste, sprach er vom Gastod als "Humanisierung" des Massenmordes, human für die Täter.

Er meinte es gar nicht zynisch.

GEORG BÖNISCH, ROMAIN LEICK,

KLAUS WIEGREFE

* Auf der Terrasse seiner Villa am Rande des Arbeitslagers Krakau-Plaszów, um 1943.* Am 10. November 1938 in Baden-Baden.* Klaus-Michael Mallmann, Jochen Böhler, Jürgen Matthäus: "Einsatzgruppen in Polen. Darstellung und Dokumentation". WBG, Darmstadt; 252 Seiten; 34,90 Euro.* Im Fechtanzug, um 1940.* Nach der Befreiung des KZ in Dachau am 29. April 1945.

DER SPIEGEL 11/2008
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Morden für das Vaterland