10.03.2008

LEBENSMITTELSchmutziger Grenzverkehr

Ein Fall von pestizidbelastetem Gemüse aus Holland beschäftigt die boomende Bio-Branche und zeigt: Die Kontrollen sind zu lasch, die EU-Regeln auch.
Sie waren zu schön, um wahr zu sein, die Fenchel-Pflänzchen, die Bernd Kugelmann im vergangenen Juni aus Holland geliefert wurden. Damals hatte der Gemüsebauer seinen Betrieb endlich ganz auf Bio umgestellt, war Bioland-Vertragsbauer geworden und hatte gerade Lidl als Kunden an Land gezogen. Aber die angekauften Jungpflanzen sahen ihm für Bio-Ware irgendwie zu sauber aus.
Kugelmann hatte sie von der West Plant Group in Venlo bekommen, Hunderttausende. Und weil dem Landwirt auch Reste von kleinen türkisfarbenen Kapseln aufgefallen waren, ließ er einen Bioland-Kollegen die Pflanzen im Labor untersuchen. Das Ergebnis war vernichtend: Die Fenchel-Setzlinge hatten offenbar die volle Pestizid-Keule abbekommen.
Kugelmann erstattete Selbstanzeige bei seinem Verband und informierte Lidl. Der Einzelhandelsriese rief die Kugelmann-Ware zurück und listete den Bauern aus.
In den folgenden Wochen verlor Kugelmann nicht nur weitere Kunden, sondern den Glauben an das Gute im Bio-Menschen. Einen Teil der Ernte musste er vernichten und belastete Böden aus der Bio-Produktion nehmen. Auch Salat und Sellerie waren verseucht. Auf 650 000 Euro schätzt sein Anwalt den Schaden. Offenbar ist der Ehrliche auch in der Öko-Szene der Dumme.
Bio-Boom? "Ich hab davon noch nicht viel gespürt", sagt der Gemüsebauer aus Kandel. Bis heute bekam er vom niederländischen Produzenten keine Entschädigung. Die Ware hätte den Betrieb einwandfrei verlassen, entgegnete ein West-Plant-Vertreter gerade noch auf der "BioFach"-Messe in Nürnberg. Kugelmann, 42, lebt inzwischen "von der Hand in den Mund" und bittet seine Lieferanten um Zahlungsaufschub bis zur nächsten Ernte.
Sein Fall mag ein extremes Beispiel sein - er zeigt jedoch das Grundproblem der zur Milliardenbranche gewordenen Bio-Nische: Sie wächst so schnell, dass ihre Kontrolleure das Tempo kaum mithalten können. Wenn überhaupt mal eine Probe genommen wird, erinnert die Szenerie oft an den Aufmarsch erfolgloser Doping-Fahnder: Moderne Pestizidpräparate bauen sich innerhalb weniger Tage wieder ab.
Kugelmanns Fall zeigt auch, wie löchrig die EG-Öko-Verordnung ist, die etwa die parallele Produktion von Bio- und konventioneller Ware in einem Treibhaus zulässt: Gerade in den Niederlanden, wo nur eine Kontrollstelle, die Skal, prüfen darf, sei die Überwachung erschreckend dürftig, so der Greenpeace-Experte Martin Hofstetter. "Dass so etwas für den Verursacher folgenlos bleibt, ist ein Skandal."
Dabei sah die Beweislage im Fall des schmutzigen Grenzverkehrs für Kugelmann nicht schlecht aus. In Anwesenheit eines West-Plant-Vertreters nahmen Prüfer der Bioland-Kontrollstelle Abcert weitere Proben von gerade aus Holland geliefertem Bio-Fenchel, direkt von den Paletten.
Die Laboranalyse ergab Pflanzenschutzmittelrückstände in "erheblichen Konzentrationen". Der Wirkstoff Tolclophosmethyl, ein aggressives Fungizid, lag mit bis zu 1,4 Milligramm pro Kilo gut 14 000 Prozent über der konventionellen Höchstmenge. In den gefundenen grünen Saatgutpillen fanden die Prüfer weitere unzulässige Wirkstoffe. Tests bei einem zweiten Bio-Bauern in der Südpfalz erbrachten ähnliche Ergebnisse.
Von Abcert informiert, schaute auch die niederländische Kontrollstelle Skal noch mal genauer hin - und fand in den Gewächshaus-Fencheln bei West Plant plötzlich "hohe Konzentrationen" von Tolclophosmethyl. Man habe bis dahin "keine Probleme" mit dem Klienten gehabt, beteuert Skal-Chef Jaap de Vries, aber im Sommer habe er einer Betriebsstätte dann sogar die Zertifizierung entzogen. "Konventionelle und biologische Produktion war da in einem Gewächshaus."
Kugelmanns Anwalt Hanspeter Schmidt findet den Skal-Bericht "ziemlich diffus". Genauere Angaben zu den Analysewerten verweigere die Skal. Schmidt erstattete gegen West Plant Anzeige wegen Betrugs, doch die zuständige Staatsanwaltschaft in Roermond erkannte keine strafbare Handlung und wies den Fall ab. Die Agraraufsichtsbehörden, die nach EU-Vorgaben in solchen Fällen zusammenarbeiten sollen, kennen sich kaum. "Wir tun so, als gäbe es einen gemeinsamen Markt, aber man merkt an so was, wie viel Inszenierung da drinsteckt", sagt Bioland-Präsident Thomas Dosch.
Für Bauer Kugelmann sieht es schlecht aus. Die Fachzeitschrift "Gemüse" ließ die Finger von seinem Fall - West-Plant-Anwälte hatten Druck gemacht: Kugelmann habe "keinerlei Nachweis" für die chemische Belastung erbracht. West-Plant-Chef Bart Verhalle sagte ein Interview zuletzt ab, wollte dann auch schriftliche Fragen nicht beantworten und ging quasi hinter seiner Skal-Zertifizierung in Deckung. Die scheint nicht gefährdet: Bei der Firma sei "kein struktureller Fehler" aufgetreten, so Skal-Chef de Vries. NILS KLAWITTER
Von Nils Klawitter

DER SPIEGEL 11/2008
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