10.03.2008

INTERNETStupser contra Gruschler

Im Kampf der Online-Gemeinden greift das US-Netzwerk Facebook den deutschen Marktführer StudiVZ an - und kämpft damit gegen den eigenen Klon.
Die Bedeutung eines Originals erschließt sich dem Laien mitunter über die schiere Zahl seiner Kopien. Unzählige Postkarten der "Mona Lisa" mehren letztlich den Ruf der einzig echten im Pariser Louvre. Im Internet geht es da weniger freundlich zu.
Das amerikanische Online-Netzwerk Facebook hat es in Deutschland bereits auf etwa ein Dutzend Kopien gebracht. Die vielleicht dreisteste unter ihnen, die Studentenplattform StudiVZ, ist mittlerweile so erfolgreich, dass das US-Original hierzulande ziemlich in Vergessenheit geraten war - bis sich die Amerikaner vergangene Woche mit einer deutschen Seite zu Wort meldeten.
"Wir haben das bessere Produkt und eine weltweit wachsende Community", verkündet Facebook-Vizechef Matt Cohler und eröffnet nun die Schlacht um die Vorherrschaft im deutschen Netz, einem der wichtigsten Märkte der Welt.
Jeder Nutzer zählt, der sich bei Facebook anmeldet, um dort zu chatten, zu mailen, seinen Freundeskreis zu organisieren oder einfach zu flirten. Im Rennen um die Werbemillionen werden letztlich nur diejenigen überleben, die ein Massenpublikum bieten können.
Mit über fünf Millionen vorwiegend studentischen Nutzern liegt der Facebook-Klon StudiVZ im Moment weit vorn. Der Holtzbrinck-Verlag, dem die junge Internet-Firma vergangenes Jahr rund 85 Millionen Euro wert war, werkelt an der Werbevermarktung. Doch noch bevor es ans Geldverdienen geht, stellen die Kalifornier nun eine deutsche Facebook-Version ins Netz. Spät, vielleicht zu spät.
Wieder einmal wagt damit ein amerikanisches Portal den Sprung in den hiesigen Markt, der virtuell eher einem Haifischpool gleicht. Der Goliath AOL musste sich bereits aus dem Rennen um die deutschen DSL-Kunden verabschieden. Yahoo konnte sich mit seinem E-Mail-Dienst nie gegen Web.de oder GMX durchsetzen. Und das Online-Auktionshaus Ebay, das sich einst zum Start die freche deutsche Kopie Alando einverleibte, kämpft seit geraumer Zeit gegen stagnierende Nutzerzahlen.
Facebook will nun mit technischer Raffinesse und schierer Größe punkten. Über das globale Netzwerk sollen deutsche Nutzer auch internationale Freundschaften schließen oder pflegen können. Tatsächlich ist Facebook mit rund 67 Millionen aktiven Nutzern weltweit nach Branchenführer MySpace die zweitgrößte und am schnellsten wachsende Online-Gemeinde (siehe Grafik) - und eine kostbare zugleich.
Seit dem Einstieg von Microsoft ist das 2004 von dem Harvard-Studenten Mark Zuckerberg gegründete Unternehmen mit 15 Milliarden Dollar bewertet. Der 23jährige Vorstandschef hat ausgesorgt: Er gilt als jüngster Milliardär aller Zeiten. Doch der Facebook-Glanz strahlte bislang
nicht auf Deutschland ab. Die Klickraten sind noch dürftig.
Die Amerikaner haben hiesige Onliner bislang zu wenig angesprochen. Und die Dominanz der Nachahmer ist schwer zu knacken.
Neben Marktführer StudiVZ hat sich dessen kleine Schwester SchülerVZ mit rund drei Millionen jüngeren Netzwerkern etabliert. Rechtzeitig vor dem Facebook-Markteintritt gründete das Holtzbrinck-Unternehmen noch ein drittes Netzwerk: MeinVZ soll nun auch älteren Nutzern eine Kontaktplattform bieten.
Außerdem buhlen hierzulande die Lokalisten, Wer-kennt-wen.de, Knuddels und allerlei virtuelle Verwandte um neue Kundschaft. Das Online-Netzwerk Xing hat sich auf Geschäftskontakte spezialisiert, zählt hierzulande 1,6 Millionen Nutzer und hat damit das US-Pendant LinkedIn auf die Plätze verwiesen: Die bereits 2006 angekündigte deutschsprachige Seite der Amerikaner gibt es bis heute nicht.
Allein MySpace scheint in Deutschland bislang zu reüssieren. Seit dem Start einer deutschen Version im August 2006 hat das Netzwerk nach eigenen Angaben seine Besucherzahlen auf 4,5 Millionen verdreifachen können.
MySpace lockt seine Mitglieder zum Beispiel mit sogenannten Secret Shows zu ganz realen, aber "geheimen" Konzertterminen. Das ist schon weit mehr als das, was Facebook zum Amüsement seiner Nutzer bislang eingefallen ist.
Die Kalifornier ließen ihre Mitglieder erst einmal arbeiten: Statt Profis zu engagieren, spannte Facebook die eigenen Fans zum Übersetzen der Seite ein - freiwillig und unentgeltlich natürlich und damit ganz im Sinne des Mitmachnetzes. "Wir tun das nicht, um Geld zu sparen", versichert Facebook-Vizechef Cohler, "sondern um das beste Ergebnis zu erhalten."
Und so gibt es in der deutschen Facebook-Welt nun sprachlich korrekt "Freunde", "Netzwerke" und "Kleinanzeigen" - und damit vieles, das der deutsche Klon StudiVZ längst hat. Statt des Begriffs "Gruscheln", mit dem StudiVZ-Nutzer einander anflirten, findet man bei Facebook nun endlich auch eine anständige Übersetzung: "Anstupsen" entspricht tatsächlich eher dem englischen "to poke".
Facebook will weiter auf die Laienarbeit setzen und lagert dabei sogar glanzvollere Aufgaben aus: Zur Preisverleihung der diesjährigen LeadAwards, bei der das Portal vergangene Woche als "Webleader des Jahres" ausgezeichnet wurde, entsandte das Unternehmen einen deutschen Nutzer: Der Jungschauspieler Kostja Ullmann, 23, nahm den Preis entgegen. Es sollte zugleich ein Dankeschön an alle Fans sein. Aber vielleicht war auch einfach kein Facebook-Profi zur Stelle. Festangestellte Mitarbeiter leistet sich die Firma in Deutschland bislang nicht. JULIA BONSTEIN
Von Julia Bonstein

DER SPIEGEL 11/2008
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