10.03.2008

Das Buch meines Lebens

Leander Haußmann über Bob Dylans Liedtexte

Von Haußmann, Leander

Die Texte des US-Songwriters Bob Dylan, 66, sind 2004 bei Hoffmann und Campe in dem Band "Lyrics 1962 - 2001" erschienen.

Ich war 16, als ich das Buch Dylan aufschlug. Eine jugoslawische Bootleg-Pressung von "Blowin' in the Wind" drehte sich auf meinem roten Monoplattenspieler, in diesem Moment wurde in meinem jungen unversauten Herz ein Fenster aufgestoßen. "Wer hört denn heute noch Dylan?", fragte 1976 Rudi Arndt, der dicke, sonnenbebrillte Plattendealer aus der Berufsschule, und er grinste verächtlich, während er mir für 120 Ostmark in einer dunklen Ecke des Schulhofs das "Desire"-Album zusteckte. Der kleine jüdische, irgendwie humorlose Barde mit dem Lockenkopf machte sich in meiner Seele breit wie kein Dichter vor ihm. Dylan nahm mich an die Hand und führte mich auf die "Desolation Row" ("Yes, I received your letter yesterday ...") und stellte einen Korb mit Büchern bei mir ab: Ezra Pound, T. S. Eliot, Jack Kerouacs "Unterwegs", Salingers "Der Fänger im Roggen" und all die anderen. Er stellte mir auch seine Freunde vor, Allen Ginsberg und The Grateful Dead. Dylan öffnete mir die Augen, ohne das Geheimnis seiner Sprache zu lüften. Er machte mich zu einem schwarzgewandeten Existentialisten, der im Prenzlberg saß, als wäre es Greenwich Village, in dunklen Clubs die Rotweinflasche fest umklammernd.

Das Buch Dylan machte mich zum utopischen Träumer, seine schlechtgelaunte Weltsicht half mir über die trüben Tage, es hat viele Kapitel, die sich ändern wie wir selbst uns auch ("Time is an ocean, but it ends at the shore"). Es ist visionär, ein großes Werk, das die Generationen überleben wird wie nicht vieles aus unserer Zeit. Ob die Nobelpreisbande in Stockholm das je begreift? Wir hören nicht auf zu hoffen. Übrigens: Ich höre Dylan - dank iPod - noch heute jeden Tag. Mein nächster Film kommt im Herbst heraus; er wird "Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe" heißen. Leider hat mir Bob Dylan nicht ein einziges Songrecht für diesen Film überlassen. Er scheint meine Liebe nicht zu erwidern. Aber der wahrhaft Liebende verzeiht.

Haußmann, 48, ist Theater- und Filmregisseur und arbeitet zurzeit in Los Angeles an einem Drehbuch.

DER SPIEGEL 11/2008
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