10.03.2008

REVOLTEN„Das ist kein Spaß“

Sie demonstrierten und riskierten hohe Haftstrafen. Tausende DDR-Bürger protestierten 1968 gegen den Einmarsch in Prag. Der Historiker Stefan Wolle erinnert an diese vergessene Geschichte.
Es fällt schwer, sich vorzustellen, wie eine Rebellion in Mühlhausen aussieht. Mühlhausen in Thüringen ist eine freundliche Stadt mit renovierten Fachwerkhäusern, mit Gaststätten, die regionale Spezialitäten anbieten, und mit Erinnerungstafeln für die Aufständischen des Bauernkriegs. Martin Luthers Widerpart Thomas Müntzer predigte in der örtlichen Marienkirche. Nichts erinnert dagegen an den anderen Aufstand, den es hier gab, Jahrhunderte nach Müntzer.
Jürgen Unbereit ist ein Zeuge dieser vergessenen Rebellion. Er ist 56 Jahre alt und Fernmeldetechniker. Er wirkt bescheiden, fast schüchtern, nicht wie ein Aufständischer. Aber wenn er erzählt, dann scheinen die Ereignisse, die immerhin 40 Jahre her sind, ganz nah.
Im Steinweg, der Hauptstraße der Mühlhausener Oberstadt, hatten sich am 24. August 1968 Hunderte Menschen zur Demonstration versammelt - sie protestierten gegen den Einmarsch der Sowjets in Prag. Schüler Unbereit sah, wie Uniformierte von Lastwagen sprangen, Demonstranten herausgriffen, an Händen, Füßen und Haaren über die Straße schleiften und wie Vieh auf Transporter schmissen. Direkt neben ihm zog ein Polizist seine Pistole und drohte, zu schießen.
Es war eine Szene, die sein Leben und das seines Schulfreundes, genannt "Balle", veränderte. Noch am Abend nahm sich Unbereit heimlich die alte Reiseschreibmaschine seines Großvaters, Typ "Mercedes", schrieb einen ersten Textentwurf. "Balle" musste gegenlesen, ein paar Korrekturen noch, dann hieß es: "So machen wir das!" Es war eine halbe Seite "Protest gegen das System" - was genau auf den rund 50 einzeln getippten Flugblättern stand, die später die Stasi einsammelte, vermag Unbereit nach vier Jahrzehnten nicht mehr zu sagen.
Geschichten wie die von Unbereit sind nicht in Vergessenheit geraten, sie sind noch gar nicht bekannt. Im Bewusstsein der vereinten Republik ist 1968 das Jahr der Rebellion im Westen Deutschlands. Es gibt Bilder von Wasserwerfern und Protestmärschen in West-Berlin, in Frankfurt, in Bremen, Ikonen des Protests einer Generation. Von der Bewegung in der DDR gegen den Einmarsch der Sowjets hingegen gibt es bislang meist nur mündliche Überlieferungen, Stasi-Akten und Stasi-Fotos. Aktivisten des Jahres 1968 wurden im Westen Journalisten oder Politiker - die Rebellen der DDR blieben mehrheitlich gefangen in einem starren Staat ohne Öffentlichkeit. 68 hat sie aber mindestens so geprägt wie ihre westdeutschen Landsleute.
Im allgemeinen Veröffentlichungsboom zum Gedenkjahr 2008 widmet sich wenigstens ein Buch dem Widerstand hinter dem Stacheldraht. Geschrieben hat es der Historiker und DDR-Kenner Stefan Wolle, 57. Im "Traum von der Revolte. Die DDR 1968" wird viel über das Leben damals in der DDR berichtet, von der neuen Jugendkultur, die keine Mauern kannte, und der großen Hoffnung auf einen dauerhaften "Prager Frühling".
Detailgetreu dokumentiert wird auch der Protest junger DDR-Bürger, die die Niederschlagung des Reformsozialismus in der CSSR durch sowjetische Truppen nicht einfach hinnehmen wollten.
Wolle hat dazu viele Stasi-Akten studiert - und stieß auf "Widerstandsaktionen im ganzen Land". Er legt eine beachtliche Bilanz vor, die das Bild vom Denunziantenland gründlich korrigiert. Über tausend Personen wurden 1968 inhaftiert, allein 383 Strafverfahren "wegen staatsfeindlicher Hetze" eingeleitet. Täglich protokollierte die dafür zuständige Stasi-Abteilung Ende August, Anfang September Berichte über "Zuführungen und Inhaftierungen von Personen im Zusammenhang mit feindlichen Aktionen gegen die Maßnahmen zur Sicherung der sozialistischen Verhältnisse in der CSSR".
Die Sicherheitskräfte registrierten Flugblattaktionen, Protestdemonstrationen, Losungen an Häuserwänden und auf Straßen, sogar Sabotageakte gegen die NVA. In einem Stasi-Bericht aus dem September 1968 ist von 1406 unaufgeklärten Straftaten die Rede. Zwei Aspekte müssen die DDR-Führung damals besonders beunruhigt haben: Zum einen waren die Demonstranten fast durchweg junge Leute wie Jürgen Unbereit aus Mühlhausen, zum anderen waren viele von ihnen der DDR eigentlich wohlgesinnt. Selbst Hunderten Parteimitgliedern missfiel, wie der liberale Sozialismus des Alexander Dubcek niedergewalzt worden war.
3358 Mitglieder und Kandidaten der SED wurden "wegen unklarer Auffassungen, schwankenden Verhaltens und parteifeindlicher Handlungen" diszipliniert, 223 Genossen aus der Partei ausgeschlossen.
Jung und sozialistisch gesinnt war im Jahr 1968 auch Anton "Toni" Krahl, damals Oberschüler, heute Sänger der ostdeutschen Kultband City. Krahl, erst Pionier, dann FDJ-Mitglied, kam aus gutem DDR-Hause: Sein Vater hatte in der Nazi-Zeit im Zuchthaus gesessen, war leitender Redakteur bei der Parteizeitung "Neues Deutschland" - und wäre da nicht im Jahr 1968 "etwas vorgefallen", hätte auch der Sohn vielleicht ein ganz gewöhnliches, linientreues DDR-Leben geführt, "vielleicht Ökonomie studiert", sagt Krahl und lacht mit rauchiger Stimme, weil es für ihn dann doch kein ödes DDR-Leben wurde.
Überzeugt vom Sozialismus? Ja, das war er schon, nur fragte er sich, ob der wirklich so spießig und langweilig sein müsse. Krahl trug Jeans, Parka und lange Haare, er hörte Rock und Beat und hoffte wie viele seiner Freunde auf den Sozialismus mit menschlichem Antlitz in Prag.
Der Einmarsch der Sowjets war für ihn ein Schock: "Ich hielt es für meine Pflicht, dagegen zu protestieren." Mit ein paar Freunden ging er in die Botschaft der CSSR in Berlin, vorbei an dem wachhabenden Volkspolizisten, und gab eine Protesterklärung ab. Eine Demonstration vor der sowjetischen Botschaft Unter den Linden scheiterte Tage später, "da waren einfach zu viele Stasi-Leute" - und er war schon verpfiffen worden.
Am 13. September, um sieben Uhr, endete der Traum des Schülers Anton Krahl, am Sozialismus real etwas ändern zu können. "Zwecks Klärung eines Sachverhaltes" musste er zur Polizei, wo er überhaupt nicht daran dachte, die vermeintlichen "Taten" zu bestreiten. "Das war doch mein Recht", habe er gedacht. Erst als sich die Zellentür nach stundenlangen Vernehmungen schloss, merkte er: "Das ist kein Spaß, die meinen das ernst."
Der Urteilsspruch folgte am 28. November. Der Oberschüler wurde wegen "staatsfeindlicher Hetze" zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt. Sein Vater wurde als Abteilungsleiter abgelöst und ins Archiv versetzt.
Jürgen Unbereits Mühlhausener Rebellion des Jahres 1968 endete am 17. Oktober während des Staatsbürgerkunde-Unterrichts. Die Tür des Klassenzimmers ging auf, jemand trat herein und befahl: "Unbereit, Jürgen, zum Direktor! Ranzen mitnehmen!"
Es ging nicht zum Direktor, sondern raus auf die Straße, dort klemmten ihn zwei Herren recht unsanft in ihre Mitte auf die Rückbank eines Wartburg, fuhren in ein kasernenartiges Gebäude; doch alle Männer waren in Zivil.
"Wissen Sie, weshalb Sie hier sind?"
"Nein."
"Sie haben Hetzschriften verteilt."
Der Schüler antwortete nicht.
"Wen haben Sie mit reingezogen?"
"Ich war alleine."
"Nein, Sie waren nicht alleine."
Der 17-Jährige wurde abgeführt. Unbereit erinnert sich: "Ich musste diese ganze
erniedrigende Prozedur einer Gefängniseinweisung über mich ergehen lassen: nackt ausziehen, untersucht bis in den After, danach abgetragene Gefangenenuniform anziehen, Schnürsenkel abgeben
und am Ende in eine gut zwei Meter breite Einzelzelle."
Wochenlange Verhöre folgten. Ein Brief, den er an seine Tante in Hessen geschrieben hatte, wurde ihm vorgehalten. Darin hatte er von der Demonstration in Mühlhausen, der Brutalität und der gezückten Pistole des Polizisten geschrieben. Die Stasi hatte den Brief abgefangen.
Er solle das mit der Pistole widerrufen, forderte ihn die Stasi auf. Nach drei, vier Monaten, die der Inhaftierte stur blieb, wechselten die Vernehmer ihre Taktik, wurden freundlicher, boten das Du und Zigaretten an. Er wolle doch einen Trabi kaufen, da könnten sie ihm helfen. Außerdem stünden doch immer solche Jugendlichen am Bahnhof rum, da kämen sie schlecht ran und brauchten seine Hilfe. Er könne sich dort doch mal umhorchen, dann käme er auch sofort frei.
Der 17-Jährige versprach, Informationen zu beschaffen, wurde zwei Tage vor Weihnachten entlassen. Bei der Mühlhausener Stasi-Stelle meldete er sich jedoch bald nicht mehr.
Ein paar Monate später stand plötzlich ein höherer Stasi-Mann bei ihm zu Hause in der Tür, der ihn wütend zur Rede stellte. "Erst war ich eingeschüchtert und bekam Angst", erzählt Unbereit, "dann sagte er aber, das mit dem Trabi würde nun nie mehr etwas werden - da wurde ich einfach nur noch trotzig."
Von der Stasi hörte er nie wieder etwas.
Toni Krahl wurde nach vier Monaten "auf Bewährung" entlassen und in die Produktion geschickt, als Feinblechschlosser im "VEB 7. Oktober". Später machte er Karriere als Berufsmusiker, durfte ab 1978 sogar im Westen auftreten, wo er merkte, wie ähnlich Altersgenossen in Ost und West geprägt waren. "Unser Lebensgefühl war doch so wie das der Leute drüben", sagt er. Konservative drüben, SED hier, meint Krahl, "die Staatseliten waren 1968 doch ähnlich spießig und staunten über die Undankbarkeit der nächsten Generation".
Doch die 68er des Ostens mussten noch 20 Jahre auf die Freiheit warten, die ihre Altersgenossen im Westen bereits besaßen. Im Herbst 1989 ging auch Jürgen Unbereit in Mühlhausen wieder auf die Straße.
Und Toni Krahl stand in Berlin an der Seite der Protestbewegung. Auf den Bühnen der Berliner Erlöserkirche sang er Erich Honecker ein höhnisches Abschiedsständchen. STEFAN BERG, PETER WENSIERSKI
* 1976 mit seiner Band City.
Von Stefan Berg und Peter Wensierski

DER SPIEGEL 11/2008
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