17.03.2008

Der Fluch des Goldes

Von Glüsing, Jens; Höges, Clemens; Jung, Alexander; Meyer, Cordula; Rao, Padma

Kreditkrise, Rezessionsfurcht, Inflationsangst: Die Beben der Weltwirtschaft haben den Goldpreis über die 1000-Dollar-Marke katapultiert. Doch der Boom hat viele dunkle Seiten: Für die Gier der Reichen werden Menschenleben und Umwelt aufs Spiel gesetzt.

Zweimal am Tag kommt die Welt des Goldes für einen kurzen Moment zur Ruhe. Dann setzen - um halb elf Uhr vormittags und um Punkt drei Uhr am Nachmittag - fünf Händler in der Londoner City den aktuellen Goldpreis fest.

Es ist eine Telefonkonferenz. Es geht nüchtern zu, geschäftsmäßig. Es ist ein in seiner Schlichtheit schon fast wieder archaisches Ritual. Und der Rest der Welt nickt und akzeptiert.

Das "London Gold Fixing" ist der wichtigste Termin für den globalen Edelmetallmarkt, seit Generationen schon: Am 12. September 1919 wurde der Preis erstmals festgestellt. Damals war es noch eine Schlagzeile wert, wenn er sich am Tag mal um fünf Cent pro Feinunze, das sind 31,1 Gramm, veränderte. Heute treiben ihn Spekulanten manchmal um zehn Dollar nach oben.

Selbst langjährige Beobachter können sich nicht erinnern, je zuvor einen solch unbändigen Aufwärtsdrang erlebt zu haben. Innerhalb eines halben Jahres ist der Goldpreis um mehr als ein Drittel gestiegen. Am Donnerstag vergangener Woche durchbrach er erstmals die magische 1000-Dollar-Grenze. Rational lässt sich nicht erklären, was da gerade passiert.

Ausgerechnet mit Gold, das so lange ein Nischendasein führte als Oma-Anlage. Als Krugerrand im Schließfach bei der Sparkasse. Vor zwei Jahren noch schenkte kaum ein Investor dem gelben Metall Beachtung. Die Banken lösten ihre Edelmetallabteilungen auf und verkauften ihren Anlegern lieber Aktienfonds oder exotische Zertifikate. Wer Gold wollte, wurde als Langweiler abgetan, als Angsthase.

Jetzt aber haben alle Angst - vor Bankenkrise, US-Rezession und den Menetekeln

auf breiter Front abstürzender Werte wie Dollar-Kurs oder Börsenindizes. Auf der anderen Seite erreichen die Preise für Lebensmittel, Strom, Gas und vor allem Öl immer neue Rekordmarken.

Und so flüchten viele in die älteste Geldanlage der Welt - und schillerndste: Gold fasziniert die Menschen seit Jahrtausenden wie kein anderer Stoff. Gold gibt Sicherheit, aber es steht viel mehr noch für Reichtum und Macht. Auf Gold haben Herrscher Imperien gebaut. Die Jagd danach hat Menschen zu einzigartigen Leistungen getrieben. Gold ist wertvoll in allen Kulturen und war es zu allen Zeiten.

Gold ist der globale Schatz, das Material, aus dem Träume und Legenden sind, wie jene vom unermesslich reichen Goldland Eldorado, jene vom Gral und vom Goldenen Kalb. Oder von den Argonauten, die das Goldene Vlies suchten. Gold ist ein Menschheitsmythos. Und von diesem Mythos leben bis heute die Zocker und Spekulanten, die Händler, Banker, die Manager der Goldkonzerne und die Ärmsten der Armen, die weltweit danach suchen.

Auf dem Gold liegt ein Fluch: Für Gold haben Generäle Kriege geführt und Eroberer Völker vernichtet. Schon Christoph Columbus ließ Indianer für das Edelmetall umbringen, kaum dass er die Neue Welt entdeckt hatte. Er gierte nach den funkelnden Schätzen mehr als nach allem anderen, auch deswegen war er losgesegelt.

Nur wenige Jahre später vernichtete der Konquistador Hernando Cortez die Azteken. "Bringt mir Gold", hatte sein König gesagt, "seid human, soweit möglich. Aber bringt mir Gold um jeden Preis."

Um Gold wird auch heute in Minen gekämpft - und für Gold wird noch immer gestorben: in 4000 Meter Tiefe unter der Savanne Südafrikas, in eisigen Höhen zwischen den Gletschern der Anden, in moskitoverseuchten Löchern am Amazonas. Für Gold werden Menschen vertrieben, misshandelt, vergiftet. Für Gold wagen Verzweifelte und Abenteurer ihr Leben.

Wertvoll war es immer, weil es knapp ist. Und es wird knapp bleiben, weil es nur unter unendlichen Mühen geschürft werden kann. Das Elend ist eingepreist. Der

Rest ist Psychologie. Vor allem die Psychologie der Angst.

70 Prozent der weltweiten Goldvorräte liegen in Gegenden, in denen ein Mensch weit weniger wert ist als die rund tausend Euro, die eine Feinunze einbringt.

Die Brutalität des Abbaus hat nicht nur die Blut-Diamanten Afrikas in Verruf gebracht. "No dirty gold" - "Kein schmutziges Gold" -, so nennt sich ein amerikanischer Verbund aus Umweltschutzorganisationen und Menschenrechtsgruppen. Aber auch Geschäftsleute aus dem Gewerbe sympathisieren mit ihnen, die Chefs von Tiffany's in New York beispielsweise. Das Motto der Gruppe: "Je mehr du weißt, desto weniger glänzt Gold." Sie fordert Standards zum Schutz der Menschen und der Umwelt. Tiffany's schmiedet Gold aus Minen, in denen die Umwelt geschont wird und die Menschen - soweit das geht.

Denn die guten Goldadern sind weltweit längst abgebaut. Die guten waren jene, die sich leicht ausbeuten ließen. Es gibt noch viel Gold, aber es findet sich in winzigen Spuren, eingeschlossen in hartem Fels. Der Abbau ist ökologisch eine Katastrophe.

Um das Erz zu gewinnen, müssen die Minenfirmen Tagebaulöcher in die Erde wühlen, die so groß sind, dass man sie aus dem All sehen kann. Dann müssen sie 20 Tonnen Fels zu Schlamm zermahlen für eine Unze, manchmal auch 100 Tonnen. Eine Unze, das reicht für zwei Paar Eheringe. Ganze Berge verschwinden in den Mühlen, und dann kippen die Arbeiter über den Schutt gewaltige Mengen einer hochgiftigen Zyanid-Lösung, die das Gold herauswäscht und alles Leben in der Umgebung vernichtet.

Die Gewinne der Konzerne gehen in die reichen Industriestaaten. Gift und Schutt bleiben in der Dritten Welt. Die Armen bezahlen für die Eheringe der Reichen.

Der neue aktuelle Goldrausch wird das alles noch schlimmer machen. Die Goldsucher können nun in Gegenden vordringen, in denen sich das schmutzige Geschäft bislang nicht gelohnt hat. Die 1000-Dollar-Gier lockt alte Abenteurer und junge Spieler, sie befeuert international operierende Konzerne, die das Geschäft längst in gewaltigen Dimensionen professionalisiert haben.

Tonnenweise haben in den vergangenen Wochen die Spekulanten Barren jeder Stückelung und Münzen jeglicher Herkunft aufgekauft. Die Aktien-Hausse, so ihr Kalkül, ist vorerst vorbei. Der Anleihemarkt weckt keine Phantasien. Und von Immobilien lassen sie seit der US-Kreditkrise lieber ganz die Finger. Bleiben also nur noch Rohstoffe - vorzugsweise Gold.

Und war der Goldpreis nicht von jeher ein Barometer dafür, wie es um die Weltkonjunktur bestellt ist? Sind die Verhältnisse stabil, bleibt er moderat. Droht Sturm, treiben ihn verängstigte Anleger zu drastischen Ausschlägen.

So ist die neue Rekordmarke vor allem eines: ein Ausdruck der Angst, ein Indikator des schwindenden Vertrauens, ein Beweis für die Furcht vor einem schleichenden oder sogar schlagartigen Vermögensverlust und des schwindenden Vertrauens in Banken und Währungen.

Die Verunsicherung erfasst immer breitere Schichten. Zunächst legten sich die Reichen zur Absicherung ihres Vermögens Gold ins Depot. Neuerdings kaufen auch zunehmend Kleinanleger Barren des gelben Metalls.

Sie alle sind sich einig: Die aktuelle Krise an den Weltfinanzmärkten ist ernst. Der Dollar-Verfall schreitet voran. Kein Wunder bei einem Land, das notorisch über seine Verhältnisse lebt, einen Schuldenberg von 53 Billionen Dollar angehäuft hat und stets mehr verbraucht als herstellt - alles auf Kosten seiner Gläubiger: Die Asiaten verkaufen ihnen Flachbildschirme, die Amerikaner geben ihnen dafür US-Dollar von sinkendem Wert.

Ewig, das war klar, konnte das fragile Arrangement nicht funktionieren. Nun hat die Weltmacht ihren Kredit verspielt. Auch der US-Immobilien-Crash traf die Weltwirtschaft nicht aus heiterem Himmel. Es war lange bekannt, dass nach den Exzessen der New Economy eine weitere gefährliche Blase wuchs, wenn auch ihr Ausmaß jetzt manche erstaunen mag.

Ben Bernanke, Chef der amerikanischen Federal Reserve (Fed), zieht alle Register, senkt den Leitzins in nur fünf Monaten um 2,25 Prozentpunkte, pumpt im Konzert mit anderen Währungsstrategen Hunderte Milliarden Dollar in den Markt, überschwemmt ihn regelrecht mit billigem Geld.

Doch Sicherheit hat er den Akteuren damit nicht geben können. Er hat sie eher argwöhnisch gemacht.

Zu viel Geld ist unterwegs in der Welt. Vermögen, das nur aus bedrucktem Papier besteht oder aus den Bits und Bytes in den Rechnern der Banken. Um ein solches Vermögen für sicher zu halten, müssen die Anleger vertrauen. Das Vertrauen in die Steuerungskraft der Notenbanken aber schwindet. Verlorengegangen ist insgesamt der Glaube an Kreditinstitute, ihre Kompetenz und Aufrichtigkeit, wenn fast wöchentlich neue Milliardenabschreibungen notwendig werden.

Wer hätte kürzlich noch gedacht, dass sich Banken derart misstrauen, dass sie sich gegenseitig kaum noch Geld leihen? Dass einige Häuser milliardenschwere Risiken außerhalb ihrer Bilanz führen? Und dass ein kleiner französischer Aktienhändler fast fünf Milliarden Euro verzocken und die Aktienmärkte schocken kann?

Da ist etwas aus den Fugen geraten. Selten waren Unternehmenslenker, Zentralbanker, Marktanalysten so verunsichert. Die Weltwirtschaft befinde sich "in einer kritischen Phase", konstatiert die Deutsche Bank Research. Die Inflationsrate ist auf den höchsten Stand seit 14 Jahren gestiegen, den Menschen zerrinnt ihr Erspartes zwischen den Fingern.

Es ist eine gefährliche Melange aus steigender Inflation und niedrigem Wachstum - ein ähnlicher Mix wie in den siebziger Jahren, als Ökonomen dafür den Begriff "Stagflation" prägten.

Damals schon wandten sich viele Anleger jenem Zahlungsmittel zu, das Stabilität verspricht, das kein Notenbankchef einfach so vermehren und damit entwerten kann, das man anfassen kann, das man vor allem festhalten kann: Der Preis für Gold stieg in einem Jahrzehnt von 35 Dollar pro Unze auf kurzzeitig 871 Dollar.

Solche Signale entfachen eine Urangst der Deutschen, beinahe schon ein nationales Trauma: den Verlust des mühevoll Ersparten.

Steigen die Preise, sehen nervöse Anleger ihr Vermögen in Gefahr. Dann sehnen sie sich nach Sachwerten, dann flüchten sie sich ins Gold, und deshalb ist jedes Beben an den internationalen Finanzmärkten eine gute Nachricht für all die Männer des Goldes.

Etwa für Edson Clayton da Silva - obwohl man kaum weiter weg sein kann von New York, London, Tokio als er. "Jeder für sich und Gott für alle" steht über seiner Hütte im Dschungel von Brasilien. Es ist sein Lebensmotto: Edson ist der Herr über Ilha Bela, einer Insel im Rio Oiapoque, dem Grenzfluss zwischen Brasilien und Französisch-Guayana, der Dritten und der Ersten Welt - denn Guayana ist französisches Übersee-Departement.

Seit Monaten schlagen sich Tausende Goldsucher durch den Dschungel, illegal, getrieben von Gier, getrieben von Not. Denn 30 Kilometer jenseits der Grenze, am Sikini-Fluss, liegt Gold, 400 Tonnen schätzen

Geologen. Die Insel im Grenzfluss, die zu Brasilien gehört, ist der wichtigste Versorgungsposten für die Garimpeiros, wie die Goldsucher in Brasilien heißen. Über 400 Bretterhütten stehen auf dem Eiland, die meisten sind Bars und Bordelle.

Edson besitzt den größten Laden von Ilha Bela. Er hat das einzige Funkgerät und betreibt ein Restaurant. Vor allem aber kauft er Gold auf. Über seinem blauen T-Shirt trägt er eine Goldkette, auf dem Tresen vor ihm steht eine Waage, sein wichtigstes Arbeitsgerät. Daneben liegen Bündel von Euros und brasilianischen Reais.

Für ein Gramm Gold vom Sikini bezahlt Edson umgerechnet ein paar Dollar. Man kann aber auch das Mittagessen mit Nuggets berappen, ein "Programm mit Madame" im Puff oder einen neuen Bootsmotor. Edson hat das Monopol auf Ilha Bela.

Er ist ein reicher Mann. Einmal im Monat fliegt er mit einem Hubschrauber nach Cayenne, der Hauptstadt von Französisch-Guayana, wo er das Gold mit einem ordentlichen Profit weiterverkauft. Er selbst hat nie geschürft: "Ich habe noch nie einen Garimpeiro gesehen, der reich geworden ist", sagt er. "Das Gold, das sie aus der Erde holen, reicht allenfalls zum Überleben."

Es reicht für Mehl, für Schnaps und die Huren. Das ist das Leben. Es wird bestimmt vom Gold und vom Colt, denn ein Gesetz gibt es am Fluss nicht.

Reich werden die anderen: die Aufkäufer, die Zwischenhändler, die Bordellbesitzer, die Geschäftsleute in Cayenne und Europa. Sikini dagegen ist die Hölle auf Erden: Bis zu den Knien stehen die Garimpeiros im Schlamm an ihren Pumpen, die meisten leiden an Malaria und anderen Tropenkrankheiten. Viele verlassen den Dschungel so gut wie nie.

Mit extra starken Pumpen saugen sie Wasser aus den Tümpeln am Fluss. Mit Schläuchen, die unter Hochdruck stehen, spülen sie die Erde auf. Das Gemisch aus Wasser, Schlamm und womöglich etwas Gold wird auf eine mit einem Teppich bespannte Holzrutsche geleitet. Dort setzen die Garimpeiros hochgiftiges Quecksilber zu, um das Gestein vom Metall zu trennen.

Den Regenwald verwandeln sie in eine Mondlandschaft, fällen die Bäume, verwüsten die Ufer. Die meisten Flüsse und Lagunen in der Umgebung sind von Quecksilber verseucht. Das Schwermetall sammelt sich in den Fischen, die von Garimpeiros und Indianern gegessen werden. Das Wasser des Sikini-Flusses ist von Sedimenten braun gefärbt. Die Tümpel und Teiche der Goldmine dienen Moskitos als Brutstätte.

Alle paar Wochen fliegt die Gendarmerie aus Cayenne mit Hubschraubern in Sikini ein, verbrennt die Hütten der Ga-

rimpeiros, zerstört ihre Pumpen und Geräte, beschlagnahmt alle Waffen. Doch der Lockruf des Goldes ist zu stark, nach wenigen Tagen sind sie wieder im Urwald.

Sie haben keine Wahl, sie gehören zum Heer der Zerlumpten der Dritten Welt, die für die Reichsten der Welt ihr Leben und ihre Gesundheit riskieren. Die hungrig sind und deshalb gierig, die hoffen auf den einen großen Nugget, die eine gute Ader. So auch die Ninjas von Ogoomor, am anderen Ende der Welt, sieben Autostunden weit weg von Ulan Bator, der Hauptstadt der Mongolei.

Hundert Tonnen liegen dort unter der Erde, sagen Geologen. Der größte Teil des Goldes gehört den Russen, die Minenfirma Altan Dornod Mongol hat die Lizenzen gekauft. Doch als die Nachricht von Goldfunden bei Ogoomor durchs Land lief, gab es kein Halten mehr. Tausende von Nomaden machten sich auf den Weg. Die Russen stellten Wachen auf, um die Claims zu schützen. Doch anfangs konnten Hundertschaften der Nomaden sie einfach überrennen.

Dann aber kamen Hundertschaften der Sonderpolizei. Seitdem wird in Ogoomor still gekämpft. Immer wieder schleichen sich die Goldgräber auf die Felder, Plastikschüsseln zum Auswaschen des Goldes auf dem Rücken - deshalb heißen sie Ninjas, nach den Schildkröten in den Ninja-Turtle-Comics. Es sind 30 000, vielleicht aber auch 100 000, so genau weiß das niemand. Eine Flut von Menschen im Goldrausch, sie holen Gold im Wert von 10 oder 20 Dollar pro Tag aus der Steppe, manchmal mehr.

Die Polizisten verhaften sie, lassen sie wieder frei, zu Hunderten. Sie schikanieren die Ninjas, schlagen zu, doch die Ninjas kommen immer wieder. "Ogoomor ist ein Konzentrationslager geworden", sagt der britische Geologe Robin Grayson, "die Behörden umzingeln und kontrollieren die Menschen hier wie einst die Briten die Buren."

Weitaus gefährlicher noch leben die Goldpiraten Südafrikas. Ihr Gold liegt tief am Kap der Guten Hoffnung, der tiefste Schacht bohrt sich rund vier Kilometer senkrecht hinunter in die Erde. So tief bohren können nur die großen Konzerne, die Hunderte von Millionen, manchmal Milliarden investieren.

Doch immer wieder schleichen sich Illegale in die Schächte. Sie sind bewaffnet, manche haben sogar Granaten, selbstgebastelt aus Dosen, Sprengstoff und gehacktem Stahl. So kapern sie ganze Stollen, vertreiben die Arbeiter und graben auf eigene Faust nach Gold. Manche bleiben ein Jahr in der dunklen, schwülen Hitze der Tiefe, manche bringen ihre Freundin mit. "Sie essen da, sie schlafen da, sie arbeiten da", sagt ein Polizist. Und sie sterben wohl auch da.

Im vergangenen Jahr kamen in Südafrika 113 Goldgräber ums Leben, und das sind nur die Legalen, die Arbeiter der großen Minen. Wie viele der Piraten schon starben, weiß niemand. Aber das südafrikanische Institute for Security Studies schätzte schon vor Jahren, dass Goldpiraten mehr als 30 Tonnen pro Jahr aus Südafrikas Minen rauben.

Was von den Garimpeiros, den Ninjas und den Piraten erbeutet wird, geht meist über Mittelsmänner und Hehler an Händler, die nie Fragen stellen. Nuggets oder Säckchen mit Goldstaub tragen keine Nummern, keine Stempel. Gereinigt und eingeschmolzen fließt das Gold dann über Grenzen, durch diverse Taschen und in die Ströme des internationalen Finanzsystems. Auf seinem langen Weg in die Tresore, Boutiquen und Schmuckschatullen der Reichen mutiert die heiße Ware der Armen zum Garanten der Sicherheit - an der Wall Street, in London, Dubai, Shanghai und auch in der Juweliermetropole Pforzheim.

Dort offeriert die örtliche Sparkasse ihren Kunden ein "Goldkonto". Das Volumen hat sich seit 2004 verdreifacht. Auch Fonds, die auf Gold basieren, verbuchen gewaltige Zuflüsse.

Sogenannte Exchange Traded Funds, die für ihre Anleger das Edelmetall hinterlegen, sind die Renner am Markt. Ihre Nachfrage hat im dritten Quartal 2007 um

über 600 Prozent zugelegt. Über 640 Tonnen im Wert von gut 19 Milliarden Dollar lagert allein der Marktführer Streettracks Gold Shares in hochgesicherten Tresoren unter den Straßen von London, die Barren säuberlich auf Europaletten gestapelt. Das Volumen übertrifft sogar die Reserven der Europäischen Zentralbank.

Solche Mengen Edelmetall kann Marcus Meyn, Vorstandschef der Popp AG, noch nicht vorweisen. Rund 50 Tonnen sind es derzeit, die das Unternehmen für 4000 Kunden gegen eine happige Gebühr (einmalig 5,5 Prozent des Depotwerts plus jährlich 2,43 Prozent) verwahrt. Die Nachfrage steige kräftig an, sagt er. Nach Gold, aber auch nach Platin und Silber.

Früher hätten die Barren schon Spinnweben angesetzt, wenn sie angeliefert wurden, scherzt sein Vorstandskollege Stephan Wolff: "Heute sind sie noch fast warm." Direkt aus dem Schmelzofen.

Das Investmenthaus aus Nienburg bei Hannover, gegründet 1958, ist die älteste Einkaufsgemeinschaft für Edelmetalle im Land. Ihre Idee: Gemeinsam können die Anleger die Barren günstiger beschaffen und lagern. Dazu hat sich das Unternehmen im vergangenen Jahr den ehemaligen Sitz der Landeszentralbank gekauft, ein mächtiges Backsteingebäude im Zentrum der Stadt - gesichert wie die amerikanische Goldreserven-Festung Fort Knox.

Der gesamte Komplex ist mit schusssicherem Glas ausgestattet, das Gebäude mit dem Tresorraum ist fensterlos. Die Wände dort sind einen Meter dick, die Tresortür wiegt 15 Tonnen.

Fast 20 Jahre war Meyn bei der Sparkasse Nienburg tätig, zuletzt im Vorstand. Die alte Arbeitsstätte kann er vom Büro aus sehen, gedanklich aber hat Meyn sich davon meilenweit entfernt. Lebensversicherungen, Bausparverträge, Aktienfonds: Das sei doch alles nicht werthaltig, meint er heute, nur Sachwerte besäßen Substanz.

Meyn ist überzeugt: Jeder Dollar, den Gold an Wert gewinnt, ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass die globale Wirtschaft dem Kollaps ein Stück näher rückt.

Wie er sehen viele Menschen Gold immer weniger bloß als spekulativen Rohstoff, sondern immer stärker als soliden Vermögenswert. Besonders Verwegene halten es gar schon für die neue globale Währung. Jahrzehntelang hat der Dollar die Welt bestimmt - hängt sie bald am Gold? Wird aus der Ware Gold wieder eine Weltwährung?

Es wäre eine Rückkehr zur Normalität, jedenfalls wenn man die Menschheitsgeschichte über Jahrtausende betrachtet. Währungen kamen und gingen, Gold aber blieb. Von jeher steht es für ewigen Wohlstand, für etwas Einmaliges und Vollkommenes. Glanz und Elend, Hype und Hybris liegen nahe beieinander in der Geschichte des Goldes.

Sie beginnt mit Alyattes, dem König der Lyder, einem Volk in Kleinasien, in der heutigen Türkei, das gesegnet war mit wertvollen Bodenschätzen. Im 6. Jahrhundert vor Christus ließ der Herrscher dort als Erster Münzen prägen. Die goldhaltigen Metallstücke waren noch nicht richtig rund und nicht tadellos rein, doch sie erfüllten ihren revolutionären Zweck: Sie dienten als universelles Zahlungsmittel.

Erstmals konnten die Menschen die einzigartigen Vorteile erleben, die Gold bietet: Es ist wertstabil, es ist in konstanter Qualität herzustellen und gut zu transportieren. Und es verdirbt nicht. Von seinem unvergleichlichen Glanz gar nicht zu reden, den kein anderes Metall besitzt.

Gold ist eben ein ganz besonderer Stoff; schwer, glatt und außerordentlich dicht, zugleich aber weich und formbar: Ein Gramm lässt sich mühelos zu einem Faden von 3000 Meter Länge ziehen oder zu einem hauchdünnen Blatt von einem halben Quadratmeter hämmern.

Kein Metall ist edler, keines beständiger: Es verbraucht sich nicht, und es widersteht jeder Tinktur, mit Ausnahme von Königswasser, einem Salzsäure-Salpetersäure-Gemisch. Jahrhundertelang kann es etwa auf dem Meeresboden liegen, ohne dass es an Substanz verliert.

Und dort unten liegt viel Gold, denn dem Konquistador Cortez folgten andere, genauso skrupellos und gierig wie der Azteken-Schlächter. Sie alle verschifften ihr Gold, erbeutet in Lateinamerika, in die Alte Welt, nach Portugal und Spanien vor allem. Europa blühte auf im 16. Jahrhundert, wurde fabelhaft reich - vor allem durch geraubtes Gold. Viele der schwerbeladenen Karavellen und Karacken sanken freilich im Sturm, wurden von Piraten versenkt.

Doch heute gibt es Magnetometer, untergebracht in kleinen Torpedos, die Wracks auf dem Meeresgrund aufspüren. Es gibt sogenannte Sub-Bottom-Profiler,

die das gestohlene Gold sogar unter den Sedimenten von Jahrhunderten sehen. Und es gibt Dutzende von Firmen weltweit, die mit ihren Hightech-Schiffen einen Goldschatz nach dem anderen heben.

Den größten bislang barg 1989 der Amerikaner Tommy Thompson vom Grund des Atlantiks, rund 2000 Meter tief. Eine Milliarde Dollar brachte das Gold des Raddampfers "Central America", gesunken in einem Hurrikan zur Zeit des Goldrauschs in Kalifornien.

Der nächste Schatz wird wohl noch viel größer: Die Firma Odyssey Marine Explorations aus Tampa, Florida, hat vor Gibraltar vermutlich das Wrack der HMS "Sussex" geortet. Das britische Kriegsschiff sank 1694 im Sturm, es lag ja viel zu schwer im Wasser. Denn in ihre Laderäume hatte das Königshaus einen Großteil des englischen Goldes stauen lassen.

Damit wollten die Briten, gerade mal wieder im Krieg gegen Frankreich, den Herzog von Savoyen bestechen. Er sollte den Franzosen in den Rücken fallen. Die Fracht der "Sussex" soll heute deutlich mehr wert sein als eine Milliarde Euro, schätzen Experten, manche hoffen auf vier Milliarden.

Das Gold wird noch da sein, und es wird aussehen wie damals, denn Gold ist ewig. Praktisch alles, was jemals gefördert wurde, ist irgendwo auf der Welt noch physisch existent und wird irgendwann wohl wieder in den globalen Kreislauf eingespeist.

Seit ihren Anfängen hat die Menschheit insgesamt mehr als 150 000 Tonnen aus dem Boden geholt und verarbeitet. Eine Menge von schier unglaublicher Überschaubarkeit: Denn das geförderte Gold entspricht gerade mal einem Würfel mit einer Kantenlänge von 20 Metern, nicht größer also als ein Mehrfamilienhaus.

Gold unterliegt einem fortwährenden Kreislauf. Theoretisch ist es durchaus denkbar, wenn auch ziemlich unwahrscheinlich, dass das Gold der Halskette im Schaufenster eines Juweliers einst zur Grabbeigabe eines ägyptischen Pharaos gehörte.

Als 1848 ein Zimmermann namens James Marshall nahe Sacramento den ersten funkelnden Klumpen entdeckte, löste er eine beispiellose Volksbewegung aus. Ihm folgten Zehntausende von Glücksrittern nach Kalifornien, dann zogen sie weiter nach Alaska.

Drei Jahre später wiederholte sich der Goldrausch in Australien, im goldenen Dreieck zwischen Stawell, Bendigo und Ballarat. Noch heute finden sich im Bundesstaat Victoria überall Hinweise auf die glänzende Vergangenheit: Dort heißt das Kreditinstitut Old Gold Bank. Fast jede Stadt hat ihre Silver Street oder beWeltkrieg

wiederholte sich dieser inflationäre Prozess. Zu seinem Ende hin, im Sommer 1944, einigten sich Delegierte aus 44 Staaten in Bretton Woods im US-Bundesstaat New Hampshire darauf, wieder ein stabiles Währungssystem zu errichten, nun aber unter Führung der Vereinigten Staaten.

Sie entschieden, die US-Währung fest ans Gold zu binden: 35 Dollar für eine Unze. Alle anderen Währungen sollten ihren Wert davon ableiten. Ab 1949 war die Mark dann 0,25 Dollar wert, das Pfund Sterling 2,80 Dollar. In der ökonomischen Wirklichkeit war aber weniger Gold das Maß aller Dinge, sondern der Dollar. Die robuste amerikanische Wirtschaft bot der US-Währung den nötigen Rückhalt.

Wieder war es eine militärische Auseinandersetzung, die das System kollabieren ließ: Der Vietnam-Krieg beförderte die USA an den Rand der Zahlungsunfähigkeit, Präsident Richard Nixon kündigte 1971 die Goldbindung einseitig auf, Bretton Woods war am Ende. Seitdem fußt der Wert des Papiergelds ganz auf dem Vertrauen, das die Bürger ihren Zentralbanken entgegenbringen. Doch ist das mittlerweile noch gerechtfertigt?

Die großen Volkswirtschaften der Welt haben ihre Geldmenge in den vergangenen Jahren erheblich ausgeweitet. Zuletzt wuchs sie um mehr als zehn Prozent, insbesondere die amerikanische Notenbank Fed druckt und druckte. Um wie viel genau das Volumen zuletzt gestiegen ist, liegt seit März 2006 im Dunkeln: Die Fed veröffentlicht die entsprechenden Zahlen nicht mehr vollständig.

Wie undurchsichtig der Prozess der Geldschöpfung ist, beschrieb Notenbank-Chef Bernanke einmal vor fünf Jahren, da hatte er noch nicht diese exponierte Stellung inne. "Wie Gold haben US-Dollar nur in dem Maße einen Wert, wie sie in ihrem Angebot strikt limitiert sind", erklärte Bernanke damals. "Aber die US-Regierung hat eine Technik, nämlich die Druckerpresse, die es ihr ermöglicht, so viele US-Dollar zu produzieren, wie sie wünscht, und dies praktisch zu Nullkosten."

Heute würde Bernanke mit einem solchen Satz die Stabilität des Dollar, zumindest kurzzeitig, gefährden - seinen Job als mächtigster Notenbanker der Welt sowieso. Aber gerade solche Aussagen werden genüsslich von einer besonderen Gruppe von Investoren zitiert: den "Gold-Bugs", zu Deutsch: Gold-Käfer.

Diese Gruppe von tief Gläubigen eint die Ahnung an den unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch des Wirtschaftssystems, den Infarkt aller Papierwährungen, des "dummen Geldes", wie sie sagen. Sie sind die Zeugen Jehovas der Weltökonomie.

Mit ihrer düsteren Botschaft treten die Apokalyptiker bei Edelmetallmessen oder Symposien libertärer Freidenker auf. Sie halten Referate über die "Goldpreis-Manipulation", schreiben Bücher mit Untertiteln wie "Am Vorabend der nächsten Weltwirtschaftskrise" und tummeln sich in den Internet-Foren von Plattformen wie goldseiten.de.

Die Gold-Käfer halten Dollar, Euro oder Yen für einen gigantischen Schwindel, der nur dazu dient, dass sich die Staaten hemmungslos verschulden können.

Natürlich besitzen auch diese Untergangspropheten ihr Heilsversprechen: Sie beschwören Edelmetalle als höchste Form von Sicherheit und betrachten Gold als den einzigen Wert von Dauer, als "schlaues Geld" eben. Nur eines mögen sie nicht: Gold-Käfer genannt werden.

"Ich bin Vermögensverwalter", empört sich Uwe Bergold, ein ehemaliger Sparkassenberater aus dem oberpfälzischen Weiden, der heute einen Rohstofffonds managt. Mit seinem kahlen Haupt und seinem kräftigen bayerischen Dialekt ist er eine der auffälligsten Erscheinungen der schillernden Szene.

Bergold hat seinen Gegner klar ausgemacht: die Notenbanken. Sie verkauften die Bürger für dumm, indem sie ihnen vorgaukelten, die Teuerungsrate liege bei lediglich zwei, drei Prozent. Bergold traut der offiziellen Messung nicht, Bergold rechnet anders.

Derzeit wachse die Geldmenge mit etwa zwölf Prozent, die Wirtschaft aber nur um rund zwei Prozent. Bleibe unterm Strich eine Preissteigerung von gut zehn Prozent. So hoch liege die wahre Inflation. Und wenn dies erst mal alle durchschauten, zögen sie die Konsequenzen.

Bergold hat seine eigenen Maßstäbe bereits verrückt. Er berechnet den Wert von Waren lieber in Goldunzen statt in Euro. 1999 habe er sich für eine Eigentumswohnung interessiert, erzählt er, damals hätte sie 400 Unzen gekostet. Heute läge ihr Preis bei nur noch 180 Unzen. "Und in drei, vier Jahren werden es noch 40 Unzen sein", glaubt er. Dass vor 1999 der Goldpreis sich fast zwei Jahrzehnte kaum von der Stelle bewegte, lässt Bergold unerwähnt.

So manche Argumente der Gold-Käfer klingen zunächst durchaus plausibel, insbesondere wenn historische Belege angeführt werden: aus der Zeit etwa, als die Hyperinflation Millionen Sparer enteignete. Als die Menschen die Heizöfen mit Geldscheinen befeuerten, weil niemand bereit war, sich die Kohle noch mit Papiergeld bezahlen zu lassen. Und doch wirken manche Herleitungen arg konstruiert.

Zum Beispiel werfen die Goldverfechter den Notenbanken vor, konzertiert den Goldpreis zu drücken, um den Ruf von Papiergeld nicht zu gefährden - erklären aber nicht, warum Fed-Chef Bernanke und sein europäischer Kollege Jean-Claude Trichet dann die beispiellose Hausse der vergangenen Monate nicht verhindern konnten.

Sie halten Gold zwar dem Papiergeld für überlegen, weil "die gesamten heute bekannten Edelmetallvorkommen in 20 bis 30 Jahren erschöpft sein" werden, so der Buchautor Jürgen Müller. Aber dabei übersehen sie die Möglichkeiten der Minenkonzerne, ihre Produktion kontinuierlich zu vergrößern.

In der Kleinstadt Stawell zum Beispiel, rund 200 Kilometer nordwestlich von Melbourne, wurde bereits zu Zeiten des Goldrauschs vor gut 150 Jahren das Gestein aus dem Untergrund gefördert. Heute ist die Mine Magdala die älteste noch immer betriebene Anlage in Australien. Jede

Viertelstunde kommt ein Atlas-Copco-Muldenkipper aus rund tausend Meter Tiefe gerollt. 40 Minuten sind die Fahrer unterwegs, bis sie das Tageslicht erreichen.

Oben angekommen, wird der Granit zerkleinert, mit Wasser und Chemikalien vermischt und aus der grauen Masse das Gold ausgefällt. Von jeder 50-Tonnen-Ladung bleiben rund neun Unzen reines Gold übrig, das sind etwa 280 Gramm. Genug, um die Phantasien von Investoren zu beflügeln.

Vor zwei Jahren betrieb Leviathan Ressources die Mine, dann wurde die Firma vom australischen Bergbauunternehmen Perseverance übernommen, und das wiederum ist Mitte Februar für gut eine Viertelmilliarde US-Dollar vom kanadischen Goldkonzern Northgate Minerals aufgekauft worden. Ein solch rasanter Besitzerwechsel ist keinesfalls ungewöhnlich in der Branche der Glücksspieler, Abenteurer und Zocker.

Eine rasante Übernahmewelle hat das Gewerbe weltweit erfasst. Die großen Spieler machen Milliardensummen locker, um kleinere zu schlucken.

So bestimmen letztlich immer weniger Unternehmen das gesamte Geschäft, allen voran der kanadische Konzern Barrick und sein Gründer Peter Munk. Der 80-Jährige sammelt Goldminen wie andere Menschen Kronkorken.

Inzwischen betreibt Barrick 27 Standorte, die zusammen über acht Millionen Unzen produzieren und nebenbei auch 400 Millionen Pfund Kupfer. Dieser Drang zu Größe ist freilich kein Selbstzweck.

Im Goldgewerbe nimmt alles schnell gewaltige Dimensionen ein, wenn sich der Aufwand lohnen soll. Früher kostete der Bau einer neuen Untertagemine etwa hundert Millionen Dollar. Mittlerweile verschlingt derlei mehr als eine Milliarde. Sieben bis neun Jahre vergehen, bis die Förderung starten kann. Normale Mittelständler können solche Projekte kaum mehr stemmen.

Angesichts solchen Aufwands lohnt sich der Betrieb von Großlagerstätten fast nur noch dort, wo der Erzgehalt am größten ist. Das gilt vor allem für die drei großen A: Australien, Afrika und die Anden.

Ökonomisch interessant wird die Goldproduktion aber erst, sobald aus einer Tonne Gestein mehr als ein Gramm zu extrahieren ist.

Mit dem Rohstoff Gold verhält es sich wie mit dem Rohöl: Die Zeiten, da die Goldpartikel offen zutage traten, sind lange vorbei.

Im Jahr 1970 brachten die südafrikanischen Minen 1000 Tonnen pro Jahr hervor, im vergangenen Jahr waren es noch 272 Tonnen. Damit hat das Land am Kap erstmals seit etwa einem Jahrhundert seinen Spitzenplatz unter den Fördernationen verloren - an China.

Dort werden nach und nach viele kleine Goldminen privatisiert, ausländische Bergbaufirmen bringen sie auf den Stand der Technik. Zugleich ist China auch einer der größten Konsumenten von Gold, die Nachfrage ist 2007 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als ein Viertel gestiegen.

Die meisten Abnehmer aber findet der Rohstoff mehr denn je in Indien. Der Subkontinent ist der größte Goldmarkt der Welt. Hier wird ein Fünftel der globalen Produktion zu Schmuck verarbeitet. Das spezielle Verhältnis der Inder zu Gold ist tief in der hinduistischen Kultur verwurzelt.

In jeder Familie wird die Tochter für das Fest ihrer Hochzeit mit Ringen, Armreifen oder Halsketten überhäuft. Die Eltern sammeln die Stücke oft schon seit der Geburt der Tochter, damit sie all das Geschmeide am Tage der Vermählung tragen kann.

Für viele Inderinnen bedeutet das Hochzeitsgold quasi ihre Lebensversicherung für das Alter oder für den Fall, dass die Ehe in die Brüche geht. Jedes Jahr zur Hochzeitssaison, zwischen Oktober und März, haben die Juweliere Hochkonjunktur.

Nach wie vor ist Schmuck der dominierende Faktor auf dem globalen Goldmarkt, drei Viertel des jährlichen Verbrauchs von rund 3600 Tonnen wird für dekorative Zwecke verarbeitet. Die neuen Reichen in Russland, Asien und Indien wollen ihr Geld zeigen.

Nur etwa 13 Prozent werden zu Barren oder Münzen geschmolzen. Den Rest verwendet die Industrie, als Zahngold etwa oder für elektronische Komponenten.

Der Bergbau liefert das meiste Gold, rund 2500 Tonnen im Jahr. Rund 500 Tonnen davon ringen kleine Goldgräber, die Garimpeiros und Ninjas etwa, der Erde ab, schätzt der Gold Fields Mineral Service. Dazu kommen rund 900 Tonnen sogenanntes Scrap-Gold, also recyceltes Edelmetall, gewonnen aus Schmuck, Elektroschrott, Filterstaub und sogar Galvanikschlämmen.

Viel werfen die Zentralbanken auf den Markt: Sie haben vereinbart, ihre Reserven von zusammen fast 30 000 Tonnen kontinuierlich abzubauen, um bis zu 500 Tonnen im Jahr.

Das Abkommen läuft allerdings im kommenden Jahr aus. Gegenwärtig halten die Notenbanken im Schnitt ein Zehntel ihrer Reserven in Gold.

Davon besitzt die amerikanische Fed mit Abstand die größte Menge, 8134 Tonnen, gefolgt von der Deutschen Bundesbank (3423 Tonnen) und einer Organisation wie dem Internationalen Währungsfonds (3217 Tonnen).

Das klingt nach wahren Barrenbergen, und deshalb wecken diese Schätze immer wieder die Begehrlichkeit der Haushaltspolitiker. Doch der Wert dieser geradezu mythischen Reserven wird maßlos überschätzt.

Tatsächlich bekäme der Finanzminister für die bundesdeutschen Golddepots derzeit "nur" rund hundert Milliarden Euro in die Kasse. Das reicht gerade mal für den Bundeszuschuss zur Rentenversicherung, für 15 Monate. Würden alle gleichzeitig ihre Reserven auf den Markt werfen, fiele der Preis ins Bodenlose. Auch insofern ist der Wert des Goldes letztlich ein theoretischer, eine Sache des Glaubens, der Mystik.

Eines kann aber selbst das Gold nicht - die Inflation aus der Welt schaffen, im Gegenteil: Dank seiner Unverwüstlichkeit birgt auch Gold ungeahnte inflationäre Tendenzen in sich.

Sein Bestand nimmt täglich zu, fast ein Drittel der gesamten historischen Produktion ist allein in den vergangenen beiden Jahrzehnten gefördert worden. "Weil der Goldpreis steigt, entstehen rund um die Erde immer mehr Minen", sagt Keith Slack, Co-Direktor der US-Initiative "No dirty gold".

Die Menschen in den Entwicklungsländern Afrikas oder Asiens hätten kaum eine Chance, sich gegen den Druck des Weltmarkts zu wehren, klagt Slack. Und die Multis nehmen von sich aus in der Regel wenig Rücksicht. Fast wie Atommüll bleibt der Abraum über Jahrzehnte ein Alptraum.

Gold kostet nicht nur Geld, sondern Leben. Seit Januar 2000 wissen das sogar die Europäer: In der rumänischen Goldmine Aurul brach damals ein Damm, Zyanid-Brühe floss in die Theiss, einen Nebenfluss der Donau. Auf 300 Kilometer Länge starb alles Leben im Fluss.

Ausgerechnet einem der letzten Urzeitvölker gelang es freilich einmal, die Goldgräber zu verjagen. Anfang der neunziger Jahre hatten Tausende Garimpeiros das Land der Yanomami-Indianer am Amazonas überrannt. Innerhalb von sieben Jahren starben 20 Prozent der Yanomami. Für die restlichen 12 000 kämpften Prominente wie der Musiker Sting - bis Brasilien den Ureinwohnern eine Schutzzone versprach.

Aber jetzt sind die Goldsucher wieder da, sie scheren sich nicht um die Gesetze, die Hauptstadt ist weit weg, die Polizei machtlos. "Die Garimpeiros bringen Alkohol, Prostitution und Krankheit", klagt Dario Yanomami, der Sohn des Häuptlings. "Unser Volk stirbt."

Ende vergangenen Jahres traf sein Vater, Häuptling Davi Yanomami, auf einer Konferenz Brasiliens Regierungschef Lula da Silva. Der Indianer sah dem Präsidenten in die Augen. Und dann sagte er: "Deine Regierung muss sehr vorsichtig sein. Denn ihr wisst nicht, wie man mit der Natur umgeht. Aber ich sage dir, dass die Maschine, die die Löcher gräbt, die Lunge der Erde beschädigt. Die ganze Welt wird bluten."

JENS GLÜSING, CLEMENS HÖGES,

ALEXANDER JUNG, CORDULA MEYER, PADMA RAO

* Oben: der Goldene Tempel im indischen Amritsar; unten: die Kirche São Francisco im brasilianischen Salvador da Bahia.* Peruanische Indios bringen im 16. Jahrhundert ihren spanischen Eroberern Lösegeld für ihren König in Form von Goldgegenständen (Kupferstich aus dem 16. Jahrhundert).

DER SPIEGEL 12/2008
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Der Fluch des Goldes