17.03.2008

MEDIZINOffensive gegen die Lustseuche

Mit Gratistests soll bei jungen Frauen nach Chlamydien gefahndet werden. Der beim Sex übertragene Keim ist eine der Hauptursachen für ungewollte Kinderlosigkeit.
Oft mehrmals die Woche steht Gisela Gille vor Schulklassen und bringt 14- bis 19-Jährigen bei, dass Liebe auch aus medizinischer Sicht Nebenwirkungen haben kann. Dabei macht die engagierte Ärztin aus Lüneburg immer wieder dieselbe Erfahrung: "Aids kennen sie alle, Tripper können sie buchstabieren, aber bei Chlamydien denken sie eher an eine seltene Zimmerpflanze."
Gille hofft, dass sich das bald ändert. Voraussichtlich ab Sommer dieses Jahres können 15- bis 25-jährige Mädchen und junge Frauen einmal pro Jahr beim Frauenarzt einen kostenlosen Chlamydientest machen lassen. Beschlossen hat dies der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen.
Grund: Die mikrometerkleinen Bakterien der Art Chlamydia trachomatis zählen in Deutschland zu den am häufigsten sexuell übertragenen Erregern und Auslösern von Geschlechtskrankheiten - mit weitem Abstand vor Tripper, Syphilis oder Aids. Vor allem unter sexuell früh aktiven Jugendlichen scheinen sich die Keime epidemieartig zu verbreiten.
Bei einer Stichprobenuntersuchung unter jungen Mädchen in Berlin war jede zehnte 17-Jährige mit Chlamydien infiziert. Selbst bei den unter 15-Jährigen fanden sich die Keime in knapp vier Prozent der Fälle. Ganz deutlich zeichnete sich dabei eine Faustregel ab: Je häufiger die Teenager in ihrer jungen Sexkarriere bereits die Partner gewechselt hatten, desto höher war die Wahrscheinlichkeit, dass der Test positiv ausfiel.
Noch fehlen genaue Daten über die Ausbreitung der Lustseuche, weil Chlamydieninfektionen in Deutschland, anders als etwa in Schweden, nicht meldepflichtig sind. Doch Experten schätzen, dass sich alljährlich 300 000 Frauen neu infizieren: "Die Zahlen sind alarmierend", warnt Christine Klapp, Gynäkologin an der Charité und Mitautorin der Berliner Studie.
Zwar bleiben die im Genitaltrakt nistenden Keime in rund 80 Prozent der Fälle harmlos. Die Eindringlinge sind so beschaffen, dass sie die Immunreaktion des Wirts niedrig halten. Nur selten verrät sich die Infektion durch gelblich-klebrigen Ausfluss, Unterbauchbeschwerden oder gelegentliche Schmerzen beim Geschlechtsverkehr - zum Arzt gehen wegen dieser Symptome nur die wenigsten.
Bei 20 bis 25 Prozent der Infizierten jedoch hat die Invasion der Winzlinge schwerwiegende Folgen: Die Keime steigen nach einiger Zeit von der Harnröhre und vom Gebärmutterhals auf und entzünden die Gebärmutterschleimhaut. Am Ende können die Eileiter verkleben oder vernarben - der Kanal ist dadurch so verengt, dass befruchtete Eizellen den Weg in die Gebärmutter nicht mehr finden.
Am meisten gefährdet sind Mädchen und junge Frauen zwischen 15 und 21 Jahren. Ihre Vaginalschleimhaut ist besonders durchlässig, die lokale Immunabwehr im Genitaltrakt noch unvollständig entwickelt - wer raucht, bei dem fällt sie ohnehin vermindert aus. Auch der frühe Gebrauch der Pille kann die Anfälligkeit für die intrazellulären Parasiten erhöhen.
Mindestens 100 000 Frauen können in Deutschland wegen einer nicht behandelten Chlamydieninfektion auf natürlichem Wege keine Kinder mehr bekommen. Denn meist ist es, wenn der Erreger schließlich erkannt wird, längst zu spät: Die Entzündung ist bereits chronisch geworden, oder die Betroffenen haben schon eine lebensgefährliche Eileiterschwangerschaft erlitten.
Dabei ließen sich Infektionen in einem frühen Stadium mit einem einfachen Abstrich aus der Vagina leicht erkennen und mit einer 14-tägigen Antibiotikakur in der Regel folgenlos ausheilen. Doch auch mit der geplanten Früherkennungsoffensive sind für den Erreger längst noch nicht alle Wege verbaut.
Anspruch auf die Tests haben nämlich nur Mädchen und junge Frauen. Junge Männer sind ausgenommen, obwohl bei ihnen schon ein Urintest zum Nachweis der Bakterien genügen würde. Bleiben sie aber weiter infiziert, können sich ihre Partnerinnen über kurz oder lang wieder neu anstecken: "Auf diese Weise werden wir die Chlamydien in Deutschland nie los, das ist der falsche Weg", kritisiert Gerd Gross, Experte für sexuell übertragbare Krankheiten an der Universitätsklinik Rostock.
Immerhin sorgt die anlaufende Diskussion um die Erreger im Genitaltrakt schon jetzt mancherorts für Umdenken. Zumindest bei den jungen Zuhörerinnen, so berichtet die Lüneburger Ärztin Gille, verfange die Botschaft: "Aids ist spannend, aber es ist Theorie für sie, ein Erwachsenenproblem", sagt sie. Ganz anders sei es, wenn es um Chlamydien und mögliche Unfruchtbarkeit gehe. "Das ist real für die Jugendlichen, da hört man plötzlich eine Stecknadel fallen" - denn irgendwann ein Kind zu kriegen, das gehöre für die meisten zum Lebensentwurf.
Umso ernüchternder ist es für viele von ihnen zu hören, dass sie sich den Weg dahin schon mit dem allerersten Liebhaber verbaut haben könnten: "Und dann für diese Nummer", stöhnte eine 15-Jährige. GÜNTHER STOCKINGER
Von Günther Stockinger

DER SPIEGEL 12/2008
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