22.03.2008

Der göttliche Bote

Von Schulz, Matthias

In nur 300 Jahren stieg das Christentum von einer Provinzsekte zur Weltreligion auf - trotz schlimmster Verfolgungen. Neue archäologische Funde zeigen: Die Bewegung breitete sich über die jüdischen Viertel aus. Dann kamen vor allem heidnische Frauen dazu. Am Ende gab sich das römische Kaiserreich geschlagen.

Um 45 n. Chr. bestieg ein energischer Mann, gehüllt in eine Wollkutte, im Hafen von Antiochia ein Schiff und nahm Kurs auf Zypern. Von Beruf war er Zeltmacher. Quellen beschreiben ihn als "klein von Gestalt, mit kahlem Kopf und krummen Beinen".

Unauffällig mischte sich der Seefahrer unter die Passagiere. Im Herzen trug er einen tollkühnen Plan: Er wollte, so der Bibelforscher Friedhelm Winkelmann, einen "als politischen Verbrecher rechtskräftig Verurteilten, der die Todesstrafe der niedersten sozialen Schicht erlitten hatte", zum Gottessohn erhöhen.

Im Apostel Paulus ballt sich ein Ursprungsrätsel des Christentums. Dieser Mann vor allem war es, der den Kreuzestod Jesu in ein religiöses System aus Sühne und Erlösung umdachte, das die gesamte antike Sittenwelt zum Einsturz brachte.

16 000 Kilometer legte der rastlose Prediger bei seinen Reisen zurück. Heiden und Krüppel umlagerten ihn. Er wurde verprügelt, verspottet, verehrt. Er war in Ankara und auch in Milet, der Urstadt der Mathematik.

In (laut Bibel) 13 Briefen hat Paulus seine Missionen beschrieben. Sieben davon stammen wirklich aus seiner Feder. Das älteste Schreiben, der 1. Thessalonicher-Brief, verfasst im Winter 50/51 n. Chr., ist das früheste beglaubigte Zeugnis des Christentums überhaupt.

In "edler Haltung" und mit "Augen voller Freundlichkeit", heißt es in frühkirchlichen Texten, habe der Mann seine frohe Botschaft einer Welt der Sklaverei und bluttriefender Amphitheater vorgetragen. "Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben", rief er süß, "und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen."

Aber er konnte auch ganz anders. Der heiße Atem des Kampfs weht aus seinen Episteln. "Parteisoldat Jesu" wurde

er genannt. Feinde schmähte er als "Hunde".

Exakt an der Stelle, wo der erstaunliche Prediger vor fast 2000 Jahren zu seiner ersten Fahrt aufbrach, sitzt Hatice Pamir auf einem hohen Steinquader. Es ist ein Teil der alten Hafenmole vor Antiochia. Heute heißt der Ort Antakya und liegt in der Türkei. Ende Februar blühen hier schon die Blumen, lauer Wind fegt vom Mittelmeer heran.

Die Archäologin von der örtlichen Mustafa-Kemal-Universität arbeitet an einem spannenden Projekt. Sie erkundet die Wiege der Christenheit. Fest steht: Antiochia, drittgrößte Metropole des Römischen Reichs, war die Schaltstelle der Bewegung. Nicht nur Paulus lebte hier (von 36 bis 48 n. Chr.), sondern auch Petrus, der erste Jünger Jesu. Matthäus schrieb hier wahrscheinlich sein Evangelium.

Auch der Urbischof Ignatius, den die Römer von wilden Tieren zerfleischen ließen, lehrte in dieser Stadt.

Nahezu alle Vordenker des neuen Glaubens hatten sich in der "Krone des Orients" versammelt. Ob "Christen" oder "katholische Kirche" - in Antiochia fielen diese Begriffe zum ersten Mal.

Übrig geblieben ist von dem alten Debattierzentrum allerdings wenig. Brände und Erdbeben vernichteten den Ort. Die antike Stadtmauer mit ihren wuchtigen Quadern ist noch halbwegs erhalten. Wie ein zerborstener Lindwurm zieht sie sich auf einem Berggrat hin.

Um die unter Flugsanden verschüttete Siedlung überhaupt fassen zu können, wurden deutsche Forscher um Mithilfe gebeten. Der Leipziger Geodät Ulrich Weferling gehört dazu. Jedes Bodendenkmal wird derzeit vermessen, andere erkunden den Grund geomagnetisch. Leiter des Teams ist der Archäologe Gunnar Brands aus Halle.

Besondere Aufmerksamkeit gilt einer Urkirche, die in einem steilen Berghang liegt. Wer das Portal durchschreitet, gerät in eine Grotte. Von den grünschimmernden Felswänden rinnt Wasser in ein klobiges Taufbecken. Neben dem Altar öffnet sich ein Tunnel, durch den die Gläubigen einst bei Gefahr fliehen konnten.

In dieser schummrigen Höhle, so wird angenommen, hielt vor fast 2000 Jahren der Apostel Petrus die ersten Gottesdienste ab.

Religionsforscher verfolgen die Untersuchungen in der Türkei mit Spannung. Sie erhoffen sich Aufschluss über eine Grundfrage, die sie seit langem quält: Wie gelang es den Christen, dieser "winzigen und obskuren messianischen Bewegung" aus dem randständigen Galiläa (so der US-Soziologe Rodney Stark), das klassische Heidentum zu verdrängen und zum Staatskult aufzusteigen?

Überraschend schnell glückte dieser Vormarsch. Winkelmann spricht von einer "erstaunlichen Expansion". Zum Zeitpunkt der Kreuzigung, so viel ist klar, war die Gruppe noch sehr klein. Angeblich besaß sie anfangs nur 120 Anhänger.

Im antiken Schrifttum taucht die Truppe als "lichtscheue Gesellschaft" auf, "stumm in der Öffentlichkeit, in Winkeln geschwätzig". Sueton berichtet, dass sie 49 n. Chr. in Rom "Unruhe" stiftete.

Schnell gründete die Sekte Ableger in Ephesus und Alexandria. Später griff sie nach Lyon und Köln aus. Im Bauch des Römischen Reichs waren ethische Untergrundkämpfer am Werk.

Im Jahr 312 n. Chr. hatte der Glaube bereits Roms obersten Staatslenker erfasst: Kaiser Konstantin, der lorbeergekrönt auf dem Palatin residierte, schob das Christentum mit Staatsgeldern an. Auf sein Geheiß hin entstand der Vorläufer des Petersdoms und auch der Urbau der Hagia Sophia in Istanbul.

50 Bibeln mit goldenen Lettern ließ der Herrscher herstellen. Für jede einzelne starben 700 Ziegen für das Herstellen des Pergaments.

Auf dem Sterbebett erklärte sich dieser Cäsar (der den eigenen Sohn meuchelte und mit Astrologen verkehrte) schließlich zur Taufe bereit und beugte sich dem Messias. Die Forscher sprechen von einer "weltgeschichtlichen Epochengrenze".

Nur warum verlief alles so rasant?

Die ganze Seltsamkeit des christlichen Siegeszugs wird deutlich, wenn man die Rahmenbedingungen bedenkt: Als die ersten Apostel ausschwärmten, stand ihnen eine gnadenlose Macht gegenüber. Rom war aus Milliarden Schwerthieben errichtet worden.

Rund 30 Legionen hielt das Land unter Waffen. Von den Urwäldern Germaniens bis nach Mesopotamien führten sie Krieg. Ganze Völkerschaften wurden entwurzelt und versklavt. 90 Prozent der Einwohner lebten im Dreck. Die Städte waren randvoll

mit Dirnen, Bettlern, Analphabeten. Kein guter Nährboden fürs Evangelium der Liebe.

Wegen ihrer Weigerung, dem Kaiserbild Wein und Weihrauch zu opfern, war die Gemeinde von Anbeginn politisch verdächtig. Caligula machte den Auftakt, er ließ Christen martern. Später, während der Pogrome des 3. und frühen 4. Jahrhunderts, kamen Fleischklammern und glühende Eisen zum Einsatz. Allzu redseligen Märtyrern schnitten die Henker die Zunge heraus.

Zudem gab es viel Konkurrenz am Himmel. Die einen verehrten die Fruchtbarkeitsgöttin Isis, andere schliefen sich im Heiligtum des Serapis gesund. Aus dem Osten kam Mithras ins Reich geschwappt. Auch gab es jede Menge kraftvolle Heroen - von Jupiter bis Sol.

Jesus dagegen kam auf dem Grautier daher. Eine antike Kritzelei zeigt ihn mit einem Eselskopf. Was hatte er zu bieten?

Eine lüsterne und unzüchtige Welt musste der Apostel Paulus da bekehren. Die Wandbilder aus Pompeji zeugen vom deftigen Geschlechtsleben der Römer. Huren gab es zuhauf. In der Hauptstadt am Tiber boten gallische Dirnen und geschminkte Transvestiten ihre Dienste an.

Paulus hielt das für "Dreck". Im Körper sei überhaupt "nichts Gutes", er sei ein "Todesleib", Sitz der Begierde und "Feindschaft gegen Gott".

Immer wieder erregte sich der Prediger über die "Unzucht" ("porneia"), das "Laster", die "Werke der Finsternis".

Frauen rührte er nicht an. Er hob sie zwar empor - aber nur um den Preis totaler Entsinnlichung. Wehe, sie reizten. Im Gottesdienst sollten sie schweigen und einen Schleier tragen.

Der Historiker Tacitus, der um 112 n. Chr. als Statthalter in der Provinz Asia lebte - wo sich die Urchristen am schnellsten ausbreiteten -, brauchte bloß aus seiner Villa zu blicken, um die Leute zu beobachten. Für ihn war das Ganze ein "verhängnisvoller Aberglaube".

Wer also, das ist eine der Schlüsselfragen der Religionsgeschichte, hörte überhaupt auf die Botschaft von der Nächstenliebe? Welche Schicht entflammte sich für den Heiland aus der Provinz?

Die Sache ist deshalb so vertrackt, weil aus dem 1. und 2. Jahrhundert kaum Zeugnisse vorliegen. Fast unsichtbar formierte sich die Schar. Der Bibel zufolge traf sie sich anfangs privat "in den Häusern". Schweigend trank die Gemeinde das Blut des Herrn und pries dessen in Brotform gereichten Leib als "Arznei der Unsterblichkeit".

Kulinarische Kontemplation statt Kochshow.

Auch in den Katakomben von Rom wurde nach den Ur-Anfängen gefahndet. Mehr als 60 Tunnelsysteme ziehen sich durch den Tuffstein. Es sind Friedhöfe der Frühchristen. Ausgräber stießen auf Skelette sowie Duftlampen gegen den Verwesungsgeruch.

In diesen modrigen Gängen prangen zwar die frühesten christlichen Bilder. Zu sehen sind etwa die drei Magier aus dem Morgenland oder der Jesusknabe im Schoße Marias. Doch die ältesten dieser

Zeichnungen stammen aus dem 3. Jahrhundert.

Erst neuerdings fällt etwas mehr Licht in die Wiege der abendländischen Moral. Mit modernen Techniken wird die Zwielichtzone der ersten 200 Jahre erhellt. Mit der C-14-Methode bestimmen Forscher das Alter von Reliquien. Wiener Archäologen erkunden derzeit mit Laserscannern die 15 Kilometer langen Gänge der Domitilla-Katakombe. Beim Herumkrauchen haben sie bereits neue Malereien aufgespürt.

Und auch in Israel hat der staatliche Antikendienst in jüngster Zeit reichlich Beute gemacht. Jesus zeigt sein wahres Gesicht (siehe Kasten Seite 151).

Zudem liegen verblüffende Schriftfunde vor. Eine wichtige Entdeckung kommt aus Nag Hammadi am Nil. In einem Tongefäß lagen 13 zerfledderte Bücher. Sie enthalten Texte, die von den Päpsten später verfemt wurden ("Apokryphen").

Insgesamt schälen sich vier Aspekte heraus:

* Träger des Christentums waren anfangs fast nur Juden. Die Ausbreitung lief über ihre Viertel - deshalb der schnelle Verlauf.

* Das Angebot der Fürsorge und Nächstenliebe wirkte wie Sozialkitt im Römischen Reich. Es milderte die Rassenunruhen und Spannungen.

* Attraktiv war der neue Glaube vor allem für Frauen.

* Am Ende half ein Babyboom. Während die Heiden im großen Stil Kinder abtrieben und Säuglinge töteten, erklärten die Christen die Leibesfrucht für unantastbar.

"Wir errichten ein neues wissenschaftliches Gebäude", meint der Utrechter Bibelkundler Leonard Rutgers. Winkelmann drückt es so aus: Die Pioniere der Bewegung waren nichts anderes als "innerjüdische Reformer".

Mit all diesen Befunden gerät eine Weltreligion neu ins Blickfeld, die vor rund 2000 Jahren im bäuerlichen Galiläa entstand. Jesu Heimatdorf Nazareth war so arm, dass viele Leute in Wohnhöhlen lebten. Der Alttestamentler Wolfgang Zwickel spricht von einer "Klitsche" mit kaum 200 Einwohnern.

Schon vorm Morgengrauen mussten die Frauen raus und Brot backen, das die Männer mit auf die Felder nahmen. Fisch gab es gelegentlich, Fleisch fast gar nicht. Ganz Arme löffelten Malvensuppe. Die Skelette der Region weisen Eisen- und Proteinmangel auf.

Da Männer ab 14 Jahre zur Kopfsteuer veranlagt wurden, ist damit zu rechnen, dass auch der junge Jesus zu dem Zeitpunkt einem bezahlten Job nachging. Markus zufolge war er "Bauhandwerker" - solche Leute mörtelten und setzten Steine. Erst Luther machte aus ihm einen "Zimmermann".

Arbeit gab es genug. Rom und seine jüdischen Vasallenkönige waren gerade dabei, die rückständige Gegend mit einem neuen Way of Life zu beglücken. Städte mit Badehäusern wurden errichtet und große Landgüter. Am See Genezareth entstand eine Fischindustrie mit Magdala als Pökelzentrum.

Nur sechs Kilometer von Nazareth entfernt, wo der Maurer Jesus abends erschöpft aufs Bettlager fiel, saßen angepass-

te, hellenisierte Juden in der frisch hochgezogenen Prunkmetropole Sepphoris und vergnügten sich in einem Theater für 4200 Gäste.

Die einen prassten - die anderen hatten kaum zu essen. Viele Bauern überschuldeten sich unter den neuen Zwingherrn und verloren ihr Ackerland. Der Zusammenhalt in den Dörfern, die alte Solidarität waren bedroht.

In dieser Zeit trat Jesus gleichsam als Robin Hood der Levante auf. Sein Einklagen von mehr Nächstenliebe diente als Modell der Umverteilung. Einen "gewaltlosen Widerstand gegen soziale und koloniale Unterdrückung" habe er gepredigt, so der US-Forscher John Crossan.

"Brich dem Hungrigen dein Brot", sagt Christus, "und wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn."

Zugleich war der bärtige Twen gegen den überbordenden Opferkult im Tempel von Jerusalem. Die Bauern Galiläas mussten hohe Abgaben zahlen. Wer den Steuerbütteln "Widerstand zu leisten wagte, wurde mit Schlägen misshandelt", schreibt der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus.

Allzu viel Tamtam beim Ausüben der Religion lehnte Jesus ab. Mit dem Sabbat nahm er es nicht so genau. Er wollte die Revolution der Herzen gegen eine erstarrte Gesetzlichkeit. Diese würzte er mit einer Prise Eschatologie: "Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe."

Etwa ab 27 n. Chr., so sieht es der Berner Theologe Ernst Axel Knauf, sei der "Bettelmönch" in der Region tätig gewesen. Ein Kostverächter war er nicht. Während Johannes der Täufer in der Wüste hauste und Heuschrecken aß, scheute sich der Nazarener nicht, bei reichen Leuten zu essen. Seine Feinde nennen ihn in der Bibel einen "Fresser und Weinsäufer".

Friedrich Nietzsche verglich die Jüngerschar

mit einer "buddhistischen Friedensbewegung", die ein "tatsächliches und nicht bloß verheißenes Glück" anstrebte: Guru Jesus.

Selbst über dessen Privatleben lässt sich spekulieren. Der griechische Philosoph Kelsos nannte ihn einen unehelichen Sohn. Die Jungfrauengeburt sei erfunden worden, um die "abstoßenden Umstände" seiner Herkunft zu verschleiern.

Auch wird Jesus in der Bibel als "Rabbi" bezeichnet. Tora-Lehrer waren stets verheiratet. Er ebenso? Als mögliche Kandidatin wird immer wieder seine Begleiterin Maria Magdalena genannt. Ein lange verschollener Text aus dem 3. Jahrhundert berichtet, dass diese Frau (und nicht Petrus) Jesu Erbe antrat und die erste Gemeinde in Jerusalem leitete.

Auftrieb bekam das Gerücht auch durch eine andere Schrift aus Nag Hammadi. Dort heißt es: "Der Erlöser liebte Maria Magdalena mehr als alle Jünger, und er küsste sie oftmals auf ihren Mund." Zudem wird sie als "koinonos" ("Lebensgefährtin") angesprochen.

Als der Anführer vermutlich 30 n. Chr. auf der Richtstätte Golgatha am Kreuz hing, reichte sein Ruf allenfalls in die Region. Im Römischen Reich war er ein Niemand.

Ein grausiger Fund aus einem Vorort Jerusalems lässt ahnen, was Jesus erlitt. In dem Grab lag ein Gekreuzigter. In seinem Fersenknochen steckte ein 17 Zentimeter langer Nagel. Beide Schienbeine waren durch gezielten Beilschlag glatt durchtrennt worden.

Diese Behandlung war noch gnädig. Aus antiken Quellen ist bekannt, dass die Kreuzigung mit einer Geißelung begann. Dabei kamen Peitschen zum Einsatz, an denen Knochenstücke hingen. Ans Querholz gefesselt, schleppte sich der Delinquent dann zur Richtstätte. Dort zog man ihn wie ein Vieh am Kreuz hoch.

Um den Todeskampf zu verlängern, besaß der Längsbalken eine Stütze für die Füße. Drohte der Gemarterte wegen des enormen Zugs an den Armen zu ersticken, konnte er sich von dem Brettchen aus hochdrücken. So ging es manchmal über Tage.

Mit seinen Gegnern hatte Rom kein Mitleid.

Auf die Urgemeinde in Jerusalem wirkte die Quälerei wie ein Schock. Jesu Vision der Liebe war zertreten worden. Also deutete die Gruppe das Geschehen radikal um. Wer die Idee von der Auferstehung des Herrn und seiner nahen Wiederkunft ausheckte, weiß bis heute niemand.

Dann schlug die Gruppe los. Nach "Phönizien und Zypern und Antiochia", heißt es in der Bibel, seien die Blutzeugen des

Messias ausgeschwärmt, wobei sie vorerst "niemandem als allein den Juden das Wort verkündigten".

Mit ihrer Vorstellung vom Erlöser eckte die Gruppe allerdings schnell an. Die Priester in Jerusalem huldigten einem fernen, drohenden Gott. Die Propheten des Alten Testaments hatten Jahwes Weltgericht vielfach angekündigt, aber es kam und kam nicht. Das Böse (nun in Gestalt der Römer) triumphierte weiter. Die Gerechten Israels blieben unerlöst.

Dass Jesus Gottes Sohn sei, hielten die Strenggläubigen für schlimmste Lästerung. Und sie hatten die Mittel, die Querulanten zu stoppen.

Hell schimmernd im Sonnenlicht, mit Türen aus feinstem Holz, stand der große Jahwe-Tempel auf einem Berg in Jerusalem. Priester in blauen Gewändern, an denen Schellen und Edelsteine hingen, schritten dort umher; sie wachten über die Speisegesetze und die reine Lehre der Tora. Es gab allein 24 Dezernate für den Opferkult.

Wie hart der Kampf mit der neuen Splittergruppe ablief, zeigte sich alsbald. Etwa 36 n. Chr. wurde das ranghohe Gemeindemitglied Stephanus gesteinigt. Bald danach kamen - laut Bibel - alle Apostel in Haft. Petrus, der Leiter der Gemeinde, verteidigte sie. Im letzten Moment entschlüpfte er ins rund 500 Kilometer entfernte Antiochia.

Paulus stand anfangs auf der anderen Seite. Unter dem Namen Schaul (Saul) in Tarsus geboren, hatte er in Jerusalem beim Rabbi Gamaliel studiert. Danach schloss er sich den Pharisäern an - einer Religionspartei der Juden -, die an die Auferstehung der Toten glaubten und nach strengster Zucht lebten.

Der junge Mann sprühte vor Geist. Auch die aktuelle griechische Philosophie war ihm geläufig.

Die Apostelgeschichte erzählt, dass Paulus als Spitzel begann. Auf dem Weg nach Damaskus, wo er wohl im Auftrag des Tempels Christen verfolgen sollte, sei ihm plötzlich Jesus in einer Vision erschienen und habe ihn umgestimmt.

Später bildete der Bekehrte die typisch gequälten Züge des Konvertiten aus. Seine Sprache war präzise, aber auch schroff und aufbrausend.

Ausgangspunkt seiner Arbeit war ab etwa 36 n. Chr. das herrliche Antiochia. Bereits kurz vor dem Zweiten Weltkrieg barg ein Grabungsteam aus Chicago dort Hunderte Mosaike, mit denen die Villen der römischen Präfekten und jüdischen Kaufleute gepflastert waren. Es sind die prächtigsten der antiken Welt.

Etwa 300 000 Menschen lebten dicht- gedrängt in der Stadt, darunter Inder und germanische Söldner. Die Viertel der Syrer und Griechen waren durch eine Mauer getrennt.

Immer wieder kam es zu Krawallen. In den Gassen und Souks roch es nach Koriander und Hammeldung. In den Tempeln räucherte Götzenfleisch. Reiche ließen sich des Nachts aus Angst von bewaffneten Sklaven mit Fackeln den Weg weisen.

"Mit ihrer irrwitzigen ethnischen Heterogenität und den daraus resultierenden bitteren Konflikten", sagt der Soziologe Stark, sei das erst 64 n. Chr. angegliederte Antiochia eine typische Stadt des Imperiums gewesen: "Rom schuf seine ökonomische und politische Ordnung zum Preis des kulturellen Chaos."

Aus diesem Sumpf entstieg die Sehnsucht nach Erlösern. Die Cäsaren hatten die antike Welt globalisiert. Sie war reif für einen Monotheismus, der zu allen Völkern sprach.

Basis dieser Idee waren eindeutig die jüdischen Viertel in den Großstädten, wo der neue Glaube zuerst Fuß fasste. Unter dem Honigmond des Orients saßen um 45 n. Chr. jene Umstürzler zusammen, die das Urchristentum ausheckten.

Wie weiland bei den K-Gruppen oder den Leuten um Robespierre kam es aber auch bei diesen Weltverbesserern sogleich zum Richtungsstreit. Es brach ein Problem auf, das die Sekte alsbald in eine schwere Krise führen sollte.

Das kam so: Die im Schmelztiegel Antiochia tätigen Frühchristen wandten sich auch an Heiden. Einige der Ungläubigen fanden Gefallen an der Botschaft von der Auferstehung des Herrn und schlossen sich der Gemeinde an.

Ein verschworener Clan bildete sich, der Gottesdienste feierte und gemeinsam aß. Sowohl Petrus als auch Paulus hielten solche Mahlgemeinschaften ab. Locker kochten die jüdischen und die vormals heidnischen Christen zusammen.

Das aber verstieß gegen die Ritualgesetze im 3. Buch Mose. Juden durften kein Schwein essen, nicht Ersticktes, nicht Blutwurst, weder Hasen, Uhus noch Shrimps, Aale und anderes Wassergetier ohne Schuppen. Verboten war es, Milch- und Käsegerichte neben dem Fleisch zuzubereiten: "Du sollst das Böcklein nicht kochen in der Milch seiner Mutter."

Das war durchaus ehrenhaft gedacht - in diesem Fall zugunsten der Ziege. Auch das seltsame Gebot, Obst von Bäumen unter vier Jahren nicht anzurühren, ließe sich mit den hohen jüdischen Moralvorstellungen begründen - als Früchteschutz für Babybäume.

Im Jahr 48 kam es deshalb zur Krisensitzung in Jerusalem. Noch empfand man sich als innerjüdische Gruppierung. Jakobus, ein leiblicher Bruder Jesu, lud zum Konvent. Schließlich wurde ein harter Kurs beschlossen: kein Verzehr von Blut, von unkoscheren Speisen und kein Sex mit den Heidenchristen.

Petrus gehorchte - vorerst. Er löste seine Tischgruppe auf. Der Weg zur Weltreligion, kaum angedacht, schien schon wieder verbaut.

Einzig Paulus hielt mit einigen Getreuen dagegen. Mit einem Eifer, den nur der Glauben entfacht, versuchte er, die Konventsbestimmungen auszuhebeln. Paulus wollte die Pforten des Tempels aufstoßen und das Heil allen Menschen predigen, nicht nur den Juden.

Der Ansatz, den der Abtrünnige dabei verfolgte, ist bis heute für die Kirche von größter Bedeutung. Weder die Beschneidung noch das starre Einhalten von Essriten stimme Gott gnädig, argumentierte er. Vielmehr sei es allein der Glaube an Christus, der durch seinen Tod den Menschen von der Sünde erlöst habe. Dieser habe einen "neuen Bund" mit dem Allmächtigen geschaffen, die Beschneidung sei überflüssig.

Ein universeller Heilsplan schwebte dem religiösen Denker vor. Israel sollte sein Exklusivrecht aufgeben.

Wohl 49 n. Chr. brach der Mann in Antiochia die Zelte ab und machte auf eigene Faust weiter. Was folgte, war ein lebensgefährlicher Sturmlauf. Rückblickend wird Paulus sagen: "Ich bin oft in Todesnähe gewesen. Von den Juden habe ich fünfmal erhalten 40 Geißelhiebe weniger einen; ich bin dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden, dreimal habe ich Schiffbruch erlitten."

Zuerst wandte sich Paulus nach Kleinasien - von vielen Griechen bewohnt, eine Wiege der Kunst, des Sports, der Mathematik -, das seit über 100 Jahren schon von Roms Legionen unterjocht war. Nur mit Wanderstab und Papyrusrolle eilte er auf dem Landweg nach Europa.

Früher stellte man sich den Prediger wie die Redner im Hyde Park vor. Doch er scheute eher die öffentlichen Plätze. Seine Anlaufstationen waren die Synagogen, die durchreisenden Juden auch Bett und Frühstück boten.

Schon damals gab es in allen größeren Städten des Römischen Reichs jüdische Gemeinden, ob in Korinth, Ephesus oder Philippi. In Rom standen rund ein Dutzend Synagogen, in Alexandria noch weit mehr. Dort lebten gebildete Juden, die mit der griechischen Kultur aufgewachsen waren und zugleich enge Verbindung zum Tempel in Jerusalem hielten. Paulus' Angebot - Freiheit von Beschneidung, Speisegesetzen und Festkalender - war für diese Zuhörer durchaus verlockend. Sie lebten unter dem Druck der Anpassung. "Mein Volk", "meine jüdischen Geschwister", rief der Prediger zärtlich. Über sich selbst sagte er: "Ich bin Israelit, aus dem Stamm Benjamin."

Dann redete er Tacheles. Das Ritualgesetz nannte er "Kot", nur Dummköpfe würden es sklavisch befolgen.

Mit einem - für das Altertum - ungeheuren Gedanken hielt der Prediger dagegen. Alle Schranken des Sozialen, der Kulturen und des Geschlechts wollte er einreißen - zumindest im Glauben. Das Erlösungsangebot Jesu stehe allen Menschen offen, meinte er: "Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus."

Große Worte.

Nietzsche hielt sie für den Beginn der Gleichmacherei. "Das Gift der Lehre - gleiche Rechte für alle - hat das Christentum am grundsätzlichsten ausgesät", höhnte der Philosoph. Er empfahl, vor der Lektüre des Neuen Testaments "Handschuhe anzuziehen".

Ähnlich dachten die Gegner von einst. Schon in Philippi, wo Paulus seine erste gemischte Gemeinde gründete, kam es zum Eklat. Der Fremde wurde von Entrüsteten mosaischen Glaubens gefangen genommen. Ähnlich lief es in Thessaloniki, wo ihn Synagogengänger verjagten. Der Mann, der da behauptete, ihm entströme der "Wohlgeruch" des Erlösers, wirkte wie ein verheerender Spaltpilz.

In Korinth, wo er im Winter 49/50 n. Chr. ankam, blieb Paulus 18 Monate. Die Hafenstadt war von jeher eine Sündenmeile mit viel Prostitution.

Bald gab es auch dort Ärger. Einige Juden folgten dem Bekehrer, andere wurden eifersüchtig und zeigten ihn beim Prokonsul Gallio an. Aus einer steinernen Inschrift lässt sich schließen, dass der Apostel 51 n. Chr. dort weilte.

Gegenmissionare wurden tätig, von Paulus als "Lügenbrüder" und "Falschapostel" beschimpft. Als die Gemeinden in Galatien umschwenkten und vom gemeinsamen Essen mit den Heidenchristen Abstand nehmen wollten und sogar deren Beschneidung forderten, geriet er in Wut. Auch mit anderen Gemeinden gab es immer wieder Stress. Mal "unter Tränen", mal polternd versuchte er seine

Schäfchen bei der Stange zu halten: "Wer euch ein anderes Evangelium verkündet, den trifft Gottes Fluch."

Es ist diese - unsägliche - Auseinandersetzung, die Schatten auf die Frühkirche wirft.

Den "Herrn" hätten die Orthodoxen getötet, rief Paulus, auch "uns haben sie verfolgt und gefallen Gott nicht und sind alle Menschen Feinde, indem sie uns wehren, den Heiden zu predigen".

Johannes spricht später von der "Synagoge des Satans": "Ihr habt den Teufel zum Vater."

Die Altgläubigen vom Tempel hielten dagegen. In einem ihrer wichtigsten Gebete hieß es: "Und die Noserim (wohl Nazarener) und die Minim (Ketzer) mögen augenblicklich vergehen, getilgt werden aus dem Buch des Lebens."

Aber auch bei der griechischen Bevölkerung hatte es die Jesus-Truppe schwer. Die Idee der Wiederauferstehung, gedacht als körperliche Rückkehr aus dem Grab, galt den in Chemie bewanderten Hellenen als unsinnig und anstößig. Es klang ihnen wie eine Neuauflage des Mumienkults der Ägypter.

Zur völligen Pleite geriet der Auftritt in Athen - der alten Hauptstadt der Philosophie. Nach einer Rede auf dem Gerichtsplatz wurde Paulus als Schwätzer verspottet.

In Ephesus, wo er ab 52 n. Chr. mehrere Jahre weilte, geriet der Bekehrer erneut in Haft: In der Stadt stand ein ungeheuer prächtiger Artemistempel. Vor dem Heiligtum verkauften die Silberschmiede Andenken und Amulette. Als Paulus den Götzendienst schalt, wollte ihn das Volk, angeführt von einem Devotionalienhändler, lynchen.

Er hetzte weiter. Am Ende hatte er mindestens 13 Gemeinden gegründet, die zu ihm hielten - das war die Saat des Urchristentums, die erst nach seinem Tod so richtig aufging.

Schließlich sammelte der Ex-Pharisäer Geld, das er der bedrängten Gemeinde in Jerusalem schenken wollte. Kaum war er dort angekommen, wurde er angeschwärzt, ihm drohte die Todesstrafe. Als sein Fall vor den Hohepriester Hananias (47 bis 59 n. Chr.) kam, entstand heftiger Streit zwischen den verschiedenen jüdischen Religionsparteien. Im letzten Moment holte ihn ein römischer Offizier aus dem Saal und ließ ihn nach Caesarea in Schutzhaft bringen. Es drohte ein Mordanschlag.

Dramatisch und sehr detailliert beschreibt die Apostelgeschichte, wie Paulus sodann nach Italien überführt wurde. Als römischer Bürger hatte er das Recht, sich vor einem Gericht in der Hauptstadt zu verteidigen.

Bei der Reise kam Sturm auf, vor der Küste Maltas geriet man in Seenot. Schließlich erreichte der Segler die ebenso dreckige wie glänzende Supermetropole am Tiber. Paulus lebte dort angeblich zwei Jahre lang in einer Mietskaserne.

Dann brechen die Nachrichten leider ab. Kein Evangelist beschrieb, wie der "Knecht Gottes" starb. In seinem letzten Brief warnte Paulus nur noch: Zahlt ja eure Steuern.

Dass er bald darauf vor den Toren Roms enthauptet wurde, entstammt einer späteren Quelle.

So deckt sich ein Schleier des Schweigens über die Urchristen in jener Stadt, in der es von rund einer Million Menschen wimmelte, vom geschniegelten Senator bis zum Waschweib. Im Zentrum standen herrliche Marmorpaläste (siehe Schaubild Seite 148). Gleich dahinter erhoben sich 20 Meter hohe Mietskasernen, in denen der Plebs in elendigen Einraumwohnungen hauste. Manche entleerten ihre Nachttöpfe aus den Fenstern.

Aus Sicht der Christen war Rom ein einziges Verderben. Der Evangelist Johannes nannte die Stadt eine "Hure", ein "Tier aus dem Abgrund". Doch der Mann lebte weitab in Kleinasien.

Die Christen vor Ort verhielten sich ruhiger, aus Angst vor Verfolgung. Meist verzerrt, in kurzen Notizen, berichten antike Historiker über die Schar. Einer von ihnen behauptete, die Sekte würde "die Genitalien ihres Oberpriesters" anbeten.

Unter Nero kam es 64 n. Chr. zur ersten großen Verfolgung. Nach einem Großfeuer standen 10 der 14 Stadtteile in Flammen. Ein Sündenbock wurde gesucht. Deshalb habe der Kaiser die Christen, diese "wegen ihrer Untaten verhassten Leute", in Tierhäute stecken und von Hunden zerreißen lassen, so Tacitus. Andere verbrannten nach Einbruch der Dunkelheit als nächtliche Fackeln.

Auch den "Apostelfürsten" Petrus soll es damals erwischt haben. Kopfüber sei er ans Kreuz genagelt worden. Doch die brutale Geschichte steht erst in den - um 180 n. Chr. verfassten - "Petrusakten". Sonderlich glaubwürdig sind sie nicht. In diesem legendenhaften Bericht treten auch sprechende Hunde und schwimmende Räucherfische auf.

Alle Versuche der Päpste, den Gründer des Stuhls Petri (auf dem sie als Nachfolger sitzen) dingfest zu machen, sind bislang gescheitert.

Angeblich liegen seine bleichen Gebeine in einer Krypta unter dem Petersdom in Rom. Über eine geschwungene Freitreppe, vorbei an vier gewundenen Bronzesäulen, geht es hinab ins Gewölbe mit dem Petrus-Schrein. Nachforschungen ergaben indes: Es ist ein heidnischer Grabplatz aus der Zeit um 200 n. Chr.

Und doch formte sich der Kreuzesclan heimlich zu immer größerer Stärke. Das gesamte Neue Testament entstand zwischen 50 und 120 n. Chr.

Zunächst gab es nur Briefe und eine Spruchsammlung mit Jesu Worten. Der Apostel Markus schuf dann eine neue literarische Form. Um 70 n. Chr. griff der Autor (ein Jude und Begleiter von Paulus) zur Feder und schrieb einen Roman vom Leben und Sterben des Herrn - sein Evangelium.

Die neue Erzählweise traf den Nerv der Massen. Bald zogen Matthäus und Lukas nach. Als Letzter schrieb um 95 n. Chr. Johannes, der auch noch einen deftigen Weltuntergang verfasste.

Das Aufblühen des christlichen Schrifttums war offenbar eng verzahnt mit dem Niedergang der orthodoxen Gegner. 66 n. Chr. begann in Palästina eine Katastrophe. Nach einer Revolte schlug das Imperium erbarmungslos zurück. Vier Legionen eilten herbei. Jerusalem wurde mit Rammböcken gestürmt, der Tempel geschleift.

Im Jahr 132 n. Chr. folgte die noch härter geführte letzte Runde im Kampf Jupiter gegen Jahwe. "Etwa die Hälfte der jüdischen Bevölkerung Palästinas, circa eine halbe Million, verlor während des Aufstands ihr Leben", schreibt der Historiker Markus Sasse.

Judäa lag in Asche. Kaiser Hadrian erließ damals sogar ein Verbot der Beschneidung.

Das schwächte die Altgläubigen enorm. Viele Forscher glauben, dass die Diaspora-Juden nun im großen Stil zum Christentum umschwenkten. Die neue Religion sei eine Art "Judentum light" gewesen, erklärt der Theologe Knauf, "damit konnten die unter starkem Assimilationsdruck Stehenden besser leben".

Klar ist, dass die beiden Bruder-Religionen weit länger ineinander verschlungen waren, als die Päpste später wahrhaben wollten. Noch um 230 n. Chr. focht der Kirchenvater Origenes mit mosaischen Gelehrten ein Rededuell "vor Schiedsrichtern" aus.

Die aktuellen Grabungen bestätigen das Bild: Die frühesten Kirchen aus dem 3. und 4. Jahrhundert standen allesamt in den jüdischen Vierteln.

Selbst die erste Gemeindeordnung (um 120 n. Chr.) liest sich wie ein Zerrspiegel der Tora. "Eure Fastentage sollen nicht mit den Heuchlern zusammen sein", so heißt es da schroff, "sie (die Juden) fasten nämlich am Montag und Donnerstag; ihr aber sollt am Mittwoch und Freitag fasten."

Aber auch unter den Griechen im Osten des Reichs gewann die Sekte nun zunehmend Anhänger - sie verließ gleichsam die Ghettos. "Nicht nur über die Städte, sondern auch über die Dörfer und Felder hat sich die Seuche dieses Aberglaubens ausgebreitet", schreibt im Jahr 112 n. Chr. der Statthalter von Bithynien (in Kleinasien). Dies ist das erste Zeugnis für eine flächendeckende Invasion des Christentums. Im Orient ging es voran.

Der ruppige Norden dagegen blieb zurückhaltend. In Gallien und der Provinz Germania waren die Vorbehalte groß. Rom liebte Pferderennen, deftige Schauspiele, blutigen Sport - alles Dinge, die den Christen verboten waren.

"Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen", heißt es bei Paulus. Matthäus sagt: "Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon."

Solche Sätze gefielen den Senatoren, die auf Fressbetten lagen und gegarte Flamingozungen speisten, in keiner Weise. All die goldbetressten Feldherrn, Latifundienbesitzer und Bankiers, deren Sklaven in den Silberminen schufteten, mochten die Bibel nicht.

Besonders übel stieß ihnen der Spruch von der Gleichheit von Mann und Frau auf. Zwar machte Paulus an anderer Stelle Einschränkungen ("Ihr Frauen ordnet euch euren Männern unter", Epheser 5,22). Gleichwohl wies er ihnen wichtige Aufgaben in der Urkirche zu. Bald stiegen Frauen zu Diakoninnen und Leiterinnen von Hauskirchen auf.

In der heidnischen Machowelt stand die Frau bis dahin viel weiter unten. Sie galt als biologisch minderwertig. Witwen verarmten schnell und bettelten zu Tausenden auf den Straßen. Mädchen wurden zwangsweise - ab zwölf Jahren - verheiratet, oder man tötete sie gleich nach der Geburt.

Gegen diese rohe Sitte stemmten die Christen eine neue Moral. Weder erlaubten sie die Scheidung (was ein Verelenden der Frauen verhinderte), noch überließen sie Witwen ihrem Schicksal. Ein enges Helfernetz wurde aufgebaut - das Kreuz als soziale Bewegung.

Entsprechend groß war der Zulauf. Ein antiker Gegner der Sekte sah es so: "Aus der untersten Hefe des Volkes sammeln sich da die Dummen und die leichtgläubigen Weiber, die wegen der Beeinflussbarkeit ihres Geschlechts ohnedies auf alles hereinfallen."

Doch gerade weil die Urkirche die wirtschaftliche Stellung und die Würde der Frau hob, kam sie immer besser in Schwung. Sie wuchs und wuchs - nicht zuletzt deshalb, weil sie sich auch streng gegen die Kinderverhütung aussprach.

Was den Samen von der Scheide fernhielt, galt als Sünde. Der Apostel Barnabas schimpfte über jene "verdorbenen Weiber, die mit ihrem Munde das Böse tun".

Ganz anders die Heiden: Manche verhüteten mit Kondomen aus Ziegenblasen. Bei der Abtreibung kamen schwere Gifte oder gebogene Klingen und Haken zum Einsatz, mit dem der Fötus gewaltsam entfernt wurde.

Arme Leute - 90 Prozent des Volks - konnten es sich einfach nicht leisten, mehrere Kinder durchzubringen. Seneca hielt das Ertränken von Neugeborenen, vor allem von Mädchen, aber auch von schwachen Babys, deshalb für ebenso vernünftig wie üblich.

Der US-Archäologe Lawrence E. Stager machte in der Hafenstadt Askalon im Abwasserkanal unter einem Badehaus einen schrecklichen Fund: "Im Müll lagen annähernd hundert Säuglinge." Sie waren gleich nach der Geburt in die Kanalisation geworfen worden.

Zwar hielt der Staat dagegen. Früh wurden Gesetze erlassen, um Kinderlose finanziell zu bestrafen und ihnen Rechte zu entziehen. Doch es half alles nichts. Schon um die Zeitenwende sei die Geburtenrate im Römischen Reich "unter die Ersatz- und Reproduktionsschwelle" gefallen, schreibt der US-Soziologe Stark.

Die Christen dagegen waren fruchtbar und mehrten sich. "Unsere Zahl wächst von Tag zu Tag", frohlockte einer von ihnen. Ein anderer gab sich staatstragend: "Wir müssen Lasten auf uns nehmen, welche von den Heiden meistenteils vermieden werden." Diese seien durch "Kindsmord dezimiert".

Der Ton der anschwellenden Gemeinde wurde denn bald auch kecker - und irrationaler. Ihre Wortführer zogen über den "teuflischen" Geist der Heiden her. "Unter Verachtung der heiligen Schriften Gottes beschäftigen sie sich mit Geometrie", schimpfte der Kirchenvater Eusebius. Ergebnis: Die Wissenschaft fiel bald ins Dauerkoma.

Jetzt, im 3. Jahrhundert, wuchs die Bewegung langsam zu einem Kreuzzug heran. Sie verließ die jüdischen Viertel.

Vor allem die Griechen begeisterten sich nun für Taufe und Abendmahl. Aber auch einfache Leute stiegen ein, Handwerker und Sklaven. Der Sozialist Friedrich Engels sprach von einer "Bewegung Unterdrückter".

Doch noch war der Kaiser zu keiner Gnade bereit. Ab 249 n. Chr. kam es zu fürchterlichen, reichsweiten Pogromen. Das Imperium schlug zurück.

Aufwiegler kamen in Bergwerke. Geschoren, angekettet und gebrandmarkt taten sie in Marmorbrüchen Dienst. Als vier christliche Bildhauer in einem pannonischen Steinbruch ankamen, pickelte dort bereits ein Bischof aus Antiochia.

Es nutzte nichts. Vor allem über die Frauen, gleichsam durch die Hintertür, brach sich das Christentum nun endgültig Bahn. Um 370 n. Chr. war die Hausmission bei Heidinnen so erfolgreich, dass der Kaiser Valentinian ein letztes Mal die Notbremse zog. Er verbot das religiöse Klinkenputzen. Denn war erst mal die Mutter getauft, riefen die Kinder bald ebenfalls Hosianna. Die Forscher sprechen von "Sekundärbekehrung".

Auch der große Kaiser Konstantin kam so mit dem neuen Glauben in Kontakt. Seine Mutter Helena, eine Wirtstochter, war von ihrem Mann verstoßen worden und lag lange in der Gosse. Dort nahm sie den Jesus-Glauben an.

Als der Sohn sie "vom Mist auf den Thron" hob, wie es in der Antike hieß, lag sie ihm ständig mit der frohen Botschaft in den Ohren. Noch im Alter von über 70 Jahren reiste die Dame ins Heilige Land und besuchte Jesu Geburtsstätte in Nazareth.

Dann wuchsen prächtige Kirchen empor. Beamte, Kaiser, Feldherren ließen sich taufen. Im Jahre 380 n. Chr. war es so weit: Der Glaube aus dem Orient wurde zur Staatsreligion.

Mit dem Einströmen breiter Volksschichten vergaß das Christentum allerdings immer mehr seine jüdischen Wurzeln. Das alte Bilderverbot fiel. Eine neue Form von Götzendienst entstand. In den Katakomben von Rom erhielt Jesus erstmals ein Gesicht. Meist wurde er anfangs als Wundertäter und Zauberer dargestellt, etwa beim Erwecken des Lazarus von den Toten.

Schließlich rückte man ihn sogar als Herrscher und König ins Bild.

Das Christentum hatte triumphiert. An Roms Grenzen ging es damals allerdings militärisch bergab. Christliche Gutmenschen gab es nun genug, kämpfen wollte keiner mehr.

Auch die Büßer, Einsiedler und Mönche, die in die Einsamkeit ausschwärmten, trugen zum Erhalt des Reichs wenig bei. Um 400 n. Chr. kam in der Wüste Ägyptens der masochistische Teil der Bewegung in Gang. Auch dafür hatte noch Paulus die Saat ausgestreut.

In engen Zellen lebten die Eremiten, andere verkrochen sich in Gräbern oder Tierställen, aßen bloß Gras oder hängten sich schwere Eisen ans Gemächt. Der heilige Simeon stand 37 Jahre lang bei Wind und Wetter auf einer Säule, die er nur nachts verließ.

All das aber ist bereits Kirchengeschichte und hat mit dem Mann aus Nazareth nicht mehr viel zu tun. Der saß oft mit Sündern und Huren zusammen. Die Fleischeslust wollte er streng auf die Ehe begrenzen.

Dort aber war alles erlaubt.

"Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es", heißt es bei Erich Kästner. Diesen Satz hätte der Mann aus Galiläa unterschrieben. Sein Vermächtnis ist einfach.

Rabbi Hillel, ein Zeitgenosse Jesu, drückte es so aus: "Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht. Das ist die ganze Tora." MATTHIAS SCHULZ

* Aus der Commodilla-Katakombe in Rom.* Aus dem 4. Jahrhundert, in koptischer Sprache.

DER SPIEGEL 13/2008
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