31.03.2008

MILLIARDÄRENach Gutsherrenart

Der Schraubenhändler Reinhold Würth wird beschuldigt, im großen Stil Steuern hinterzogen zu haben. Zu einem Gerichtsverfahren gegen ihn wird es aber wohl nicht kommen.
Auf seinem Firmengelände im hohenlohischen Künzelsau empfängt der Unternehmer und Kunstmäzen Reinhold Würth, der mit dem Handel von Schrauben ein Milliardenvermögen gemacht hat, gern hohe Gäste. Zum 60. Firmenjubiläum vor drei Jahren beehrten ihn der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und der baden-württembergische Regierungschef Günther Oettinger (CDU). Im vergangenen Oktober erschien sogar Bundespräsident Horst Köhler.
Am Donnerstag, den 14. September 2006, aber musste sich der Firmenpatriarch mit eher unangenehmen Gästen herumärgern. Da tauchten plötzlich rund 90 Beamte der Steuerfahndung auf. Im Auftrag der für Wirtschaftsdelikte zuständigen Hauptabteilung IV der Staatsanwaltschaft Stuttgart durchsuchten sie sämtliche relevanten Büroräume der Adolf Würth GmbH & Co. KG.
Die routinemäßige Betriebsprüfung des für den Würth-Konzern zuständigen Finanzamts habe Unregelmäßigkeiten in den vergangenen Jahren festgestellt, hieß es. Die Finanzbeamten beanstandeten Abrechnungen, denen sie eine Vermengung geschäftlicher und privater Aufwendungen entnahmen. Sie stießen unter anderem auf den Einsatz firmeneigener Flugzeuge, die vom passionierten Hobbyflieger Würth sowohl dienstlich als auch privat genutzt werden. So fliegt Würth privat gern mal mit einer Falcon 50 EX zu den Wagner-Festspielen nach Bayreuth, um von dort geschäftlich nach Helsinki oder anderswohin weiterzureisen. Um die Umstände zu klären, schalteten die Finanzbeamten die Steuerfahndung ein, da diese auch Unterlagen beschlagnahmen darf.
Die Fahnder interessierten sich nicht nur für Würths private Einkünfte, sondern auch für die Finanzen seiner Firma. Es geht darum, wie die Kosten von der Konzernführung zwischen den Würth-Gesellschaften im Inland und im Ausland verrechnet werden.
Die Würth-Gruppe besteht aus rund 400 Einzelgesellschaften und ist in nahezu 90 Ländern vertreten. Rund 64 000 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen, etwa die Hälfte davon im Außendienst. Im vergangenen Jahr erwirtschafteten sie einen Umsatz von 8,5 Milliarden Euro und etwa 570 Millionen Euro Gewinn vor Steuern, mehr als drei Viertel davon jenseits der Grenze.
Die Auslandstöchter werden über die Würth-International AG gehalten, die wie die Reinhold-Würth-Stiftung ihren Sitz in Chur in der Schweiz hat.
Für Würth waren die beanstandeten Abrechnungen damals Petitessen, es könne sich allenfalls um ein paar Nachlässigkeiten handeln, nie und nimmer aber um strafrechtlich relevante Verfehlungen. "Ich fühle mich maßlos gedemütigt", protestierte er öffentlich. Er habe sich für das Land "engagiert wie nur wenige", und dann werde er behandelt wie ein "Verbrecher und Betrüger".
So ganz wollte die Staatsanwaltschaft seiner Logik nicht folgen. Im März des vergangenen Jahres rückten die Steuerfahnder nämlich erneut an. Nach Auswertung der bereits beschlagnahmten Unterlagen seien neue Verdachtsmomente aufgetaucht, so die Stuttgarter Staatsanwaltschaft.
Fünf Steuerfahnder bearbeiten seither in Heilbronn den Fall, der sich allein um die privaten Vermögensverhältnisse der Beteiligten dreht. Das sichergestellte Material war derart umfänglich, dass die Steuerfahndung ein zusätzliches Gebäude anmieten musste.
Die nun seit eineinhalb Jahren andauernden Ermittlungen unter dem Aktenzeichen 142 Js 45319/2006 richten sich nicht gegen irgendwen. Reinhold Würth hat es mit seinem Imperium für Befestigungstechnik laut aktueller "Forbes"-Liste in die Top Ten der reichsten Deutschen geschafft. Sein Vermögen wird auf rund fünf Milliarden Euro geschätzt.
Schon vor mehr als 20 Jahren, 1984, hatte er eine Stiftung gegründet, benannt nach seinem Vater, der dem Sohn einst ein eher bescheidenes Schraubenhandelsunternehmen vererbt hatte. In diese Adolf-Würth-Stiftung wurden sämtliche bis dahin bestehenden GmbH-Anteile der Würth-Verwaltungs-GmbH eingebracht. Auf diese Weise sollte die Zukunft der Unternehmensgruppe gesichert werden.
Ein Jahr später gründete der Unternehmer in Chur die Reinhold-Würth-Stiftung, weitere zwei Jahre später folgten in Deutschland vier weitere Stiftungen, die die Namen seiner Ehefrau Carmen sowie seiner Kinder Markus, Bettina und Marion tragen.
Erst die Erkenntnis im Jahr 1986, dass "Leistungen von Familienstiftungen an die Destinatäre einkommensteuerfrei sind, brachte den großen Durchbruch", frohlockte Würth in einem mehr als 300 Seiten starken Kompendium, das dem SPIEGEL vorliegt. In diesem Werk erläuterte er seinen Familienangehörigen die rechtliche Struktur seiner Firma und machte klar, wie es nach seinem Tod weitergehen soll. Würth war geradezu fasziniert von der "Schönheit des hier aufgebauten Gedankengebäudes".
Die Ermittler waren weniger begeistert, bei ihnen haben in der Vergangenheit unter anderem die Verrechnungsarten zwischen dem Schweizer und dem deutschen Teil dieses Konstrukts Fragen aufgeworfen. So stießen die Ermittler auf ein Schreiben Würths aus dem November 2005, in dem er das für Finanzfragen zuständige Mitglied der Konzernleitung, Roland Hartmann, anwies, zu prüfen, ob die Schweizer Würth International AG nicht "einen Betrag in Höhe von elf Millionen Euro an mich direkt" ausschütten könne, "entweder als Akonto-Zahlung auf zukünftigen Nießbrauch" oder aber im Rahmen seiner "bestehenden Sonderrechte". Er könne ja, so Würth in dem Schreiben, "bei allen Institutionen immer noch sozusagen nach Gutsherrenart über alle Sachverhalte und Rechtsverhältnisse bestimmen", solange er noch rechtsfähig sei.
Das bei den Hausdurchsuchungen aufgefundene Schreiben spielt zwar für das aktuelle Steuerstrafverfahren keine wesentliche Rolle, weil es sich nicht auf den Untersuchungszeitraum bezieht. Nach Auffassung der Fahnder deutet es aber darauf hin, dass Würth seine Sonderrechte auch in anderen Bereichen etwas zu sehr nach Gutsherrenart ausgelegt hat.
Die Ermittler werfen Würth Steuerhinterziehung in Millionenhöhe vor. Zu den Beschuldigten zählen neben Würth vier weitere aktuelle und frühere Führungskräfte des Konzerns sowie eine ehemalige Wirtschaftsprüferin.
Seit Monaten feilschen Würths Anwälte sowie die Stuttgarter Oberstaatsanwältin Annette Jarke um die exakte Höhe der womöglich hinterzogenen Steuer, da beide Parteien die Steuerparagrafen sehr unterschiedlich auslegen. Über eines ist man sich offenbar schon jetzt einig: Das Ganze soll nicht an die große Glocke gehängt und möglichst rasch abgeschlossen werden. So will die Würth vertretende Stuttgarter Anwaltskanzlei Frick-Quedenfeld-Sommer erreichen, dass das Verfahren, wenn keine Einstellung möglich sein sollte, wenigstens ohne öffentliche Hauptverhandlung aus der Welt geschafft wird. Dafür gäbe es die Option, den Unternehmer lediglich mit einem Strafbefehl zu belangen, der maximal eine Strafe von einem Jahr auf Bewährung sowie eine Geldbuße zulässt. In der Diskussion ist ein Millionenbetrag. Einem solchen Antrag der Staatsanwaltschaft müssten lediglich ein Richter beim Amtsgericht sowie der Beschuldigte zustimmen.
Sollte die Staatsanwaltschaft Würth tatsächlich eine Steuerhinterziehung in möglicherweise sogar zweistelliger Millionenhöhe nachweisen können, wäre dieser angestrebte Deal allerdings mehr als fragwürdig. Angesichts der Schadenssumme und der sonst üblichen Strafen käme der württembergische Unternehmer ungewöhnlich gut davon.
Sowohl der baden-württembergische Finanzminister Gerhard Stratthaus (CDU) und Justizminister Ulrich Goll (FDP) als auch Regierungschef Oettinger sollen seit längerem über das Verfahren informiert sein. Ermittler klagen über den spürbaren Druck aus der Politik, das Verfahren möglichst ohne öffentliche Verhandlung abzuwickeln. "Nahezu wöchentlich müssen wir Bericht erstatten", sagt ein Beamter.
Würth wiederum scheint offenbar zu versuchen, durch Druck auf die Politik das Verfahren in seinem Sinne zu beeinflussen, zumindest legt sein Verhalten diesen Schluss nahe. Einmal drohte er, seine Mitgliedschaft in der FDP zu kündigen, ein anderes Mal, wesentliche Teile seines Unternehmens aus Deutschland abzuziehen. Angesichts immer neuer Steuerbelastungen befände sich Deutschland "auf einem geradlinigen Weg in eine DDR-ähnliche Zeit, in eine Edel-DDR", klagte der Milliardär in der "Schwäbischen Zeitung".
Oettinger dagegen hat sich gerade erst für ein hartes Vorgehen gegen Steuerhinterzieher stark gemacht. Im Zusammenhang mit der Liechtenstein-Affäre um die mehr als 600 deutschen Steuersünder forderte er: "Niemand darf mithelfen, dass das Steuerrecht durchbrochen wird."
Der baden-württembergische Regierungschef sinnierte sogar darüber, ob der Bundestag nicht "eine Erhöhung der entsprechenden Haftstrafen und damit der abschreckenden Wirkung" beschließen solle. In Baden-Württemberg jedenfalls gebe es "eine objektiv konsequente Anwendung der Steuergesetze bei unseren Finanzämtern", versicherte er.
Kein Wunder also, dass der Fall Würth äußerst diskret behandelt wird. Keiner der Beteiligten wollte sich auf schriftliche Nachfragen des SPIEGEL zu den Vorwürfen äußern. FELIX KURZ, JANKO TIETZ
Von Felix Kurz und Janko Tietz

DER SPIEGEL 14/2008
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