31.03.2008

TIERENaseweiß im Winter

Im Nordosten der USA sterben die Fledermäuse an einer mysteriösen Krankheit. Biologen stehen vor einem Rätsel. Sind auch hiesige Tiere gefährdet?
Susi von Oettingen bot sich ein Bild des Grauens: Dicht an dicht hingen Fledermäuse an der Decke - und mitten unter ihnen lauter Tote, die, eng zwischen die haarigen Leiber der anderen gepresst, nicht einmal zu Boden fielen.
"Einige waren so verwirrt, dass sie ihre toten Artgenossen noch putzten", berichtet die Wildtierexpertin vom United States Fish and Wildlife Service. Zwei Höhlen und eine aufgegebene Mine hatte die Biologin besucht. Und überall bot sich das gleiche Bild - von Pilzen befallene, dem Tod geweihte oder bereits verhungerte Fledertiere: "Es war schwer zu ertragen."
Im Nordosten der USA sterben die Fledermäuse. Erstmals Anfang 2007 stießen Forscher in vier Höhlen und Minen im Bundesstaat New York auf ausgemergelte Exemplare der geflügelten Säuger. In diesem Frühjahr häufen sich nun die Sichtungen. Inzwischen wurde die Krankheit in 20 Fledermausquartieren in den Bundesstaaten Vermont, Massachusetts und New York nachgewiesen. Die Behörden in West Virginia und New Jersey sind alarmiert. Eine halbe Million Tiere könnte betroffen sein.
"Dies ist die schlimmste Bedrohung für unsere Fledermäuse, die ich je gesehen habe", sagt Alan Hicks vom New York State Department of Environmental Conservation. Und selbst deutsche Biologen sind besorgt. "Wir können uns in Europa nicht in Sicherheit wiegen", sagt Elisabeth Kalko von der Universität Ulm. Noch sei völlig ungeklärt, ob und wie die Krankheit übertragen werde. In den USA seien die Fälle "sehr massiv und sehr plötzlich" aufgetreten: "Wenn die Krankheit erst einmal da ist, kann es ruck, zuck gehen."
Ein Virus? Bakterien? Ein Umweltgift? Die Forscher rätseln über nie zuvor beobachtete Symptome. Die winzigen Körper sind abgemagert, die Flügel, Ohren, vor allem die Nasen von einem weißen Pilzrasen überwachsen. "Weiße-Nase-Syndrom" nennen die Forscher daher die Krankheit.
"Extrem merkwürdig" scheint Oettingen das Verhalten der kranken Tiere. Auf YouTube lässt sich beobachten, wie sie im grellen Sonnenlicht umherfliegen, sich an Dächer krallen oder geschwächt im Schnee kriechen. "Fledermäuse fliegen normalerweise nicht am Tag", sagt Oettingen. "Hier ist etwas komplett durcheinandergeraten."
Naseweiß kommen die Tiere schon im Winter aus ihren Verstecken und suchen offenbar verzweifelt ihre Sommerquartiere. "Das ist verrückt!", meint Oettingen. Normalerweise erwachen sie frühestens Ende März aus ihrem Winterschlaf. In diesem Jahr zeigten sich die ersten Tiere bereits Ende Dezember.
Eilig versuchen die Forscher nun, die Ursache der Krankheit zu ergründen. Fünf Arten sind betroffen, etwa die Kleine Braune Mausohr-Fledermaus und die bedrohte Indiana-Fledermaus. Die Sterblichkeit liegt bei mindestens 50 Prozent, schätzt Oettingen. Im vergangenen Jahr starben bis zu 90 Prozent der geflügelten Tiere. Mehr als zehn Labors untersuchen nun das Mysterium. Einige der Flugkünstler haben Lungenentzündung, vor allem aber fehlt ihnen Gewicht. "Sie sind vermutlich schon mit zu wenig Fett in den Winterschlaf gegangen", sagt Kalko. Das frühe Erwachen sei dann die einzige Möglichkeit, dem Tod im Schlaf zu entgehen: "Die Tiere haben offenbar die Notbremse gezogen."
Kalko sieht zudem mögliche Parallelen zu einer Amphibien-Krankheit. Weltweit bringt ein Pilz Frösche und Kröten zur Strecke. Sie werden lethargisch und sterben quasi im Sitzen. Die Seuche breitet sich immer weiter aus. Gilt das bald auch für das Weiße-Nase-Syndrom?
Für deutsche Fledertiere scheint die Gefahr noch gering. Zwar hat der hessische Fledermausexperte Markus Dietz "schon in ein, zwei Fällen" einen ähnlichen Pilzbefall bei hiesigen Arten beobachtet: "Die Ursachen waren jedoch mit größter Sicherheit andere."
Ohnehin halten viele Forscher den Nasenpilz nur für die Folge eines stark geschwächten Immunsystems. In den USA könnte die Krise durch das Versprühen von Pestiziden gegen die Überträger des West-Nil-Virus ausgelöst worden sein, so eine Vermutung. Und das wäre noch die erfreulichste Erklärung für den Massentod. Denn sollte sich die Krankheit als ansteckend erweisen, wäre die Verbreitungsgefahr enorm. Fledermäuse überwintern in Massenunterkünften. 3000 Indiana-Fledermäuse beispielsweise können sich an nur einem Quadratmeter Höhlendecke drängen. Und sind die Säuger einmal aus dem Winterschlaf erwacht, fliegen manche von ihnen Hunderte Kilometer zu ihren Sommerquartieren.
Wie geht es nun weiter? Vorsorglich haben die Behörden in den USA die Parole ausgegeben, die Winterquartiere der Fledermäuse zu meiden. Auch Erde, etwa an Wanderstiefeln von Höhle zu Höhle getragen, könnte die Krankheit verbreiten. Die Folgen für die Natur sind noch nicht abzusehen. Die betroffenen Fledermausarten fressen ausschließlich Insekten. Schon befürchten Experten, dass Pflanzenschädlinge rasant zunehmen könnten.
Vor allem aber bedrückt die Biologen die eigene Hilflosigkeit. "Wir haben im Moment noch keine Ahnung, wie wir die Krankheit in Schach halten können", sagt Oettingen. "Jede Fledermaus, die Sie jetzt hier draußen fliegen sehen, ist bald eine tote Fledermaus." PHILIP BETHGE
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 14/2008
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