31.03.2008

FREMDSPRACHENDie Kunst des Stammelns

Wie lernen Kinder am effektivsten Englisch? Ein bayerischer Sprachforscher propagiert ein globalisiertes Einfach-Englisch und erprobt sein Konzept mit Zweitklässlern.
When is your birthday?", fragt der Lehrer. "My birsday is march", antwortet der Zweitklässler, er habe im März Geburtstag. "And how old are you?", hakt der Lehrer nach. Der Kleine schaut ratlos. Dann hält er acht Finger in die Luft: Er ist acht Jahre alt. "Very good", lobt ihn der Lehrer.
Die Zahlen beherrscht der Schüler nicht, seine Grammatik ist fehlerhaft, und auch das lispelnde "Th" kriegt er nicht hin. Aber all das lässt der Lehrer ihm durchgehen. Seine Grammatik kennt nur eine Regel: Wer sich verständlich macht, hat recht.
How shocking! Sprachpuristen graut bei so viel Nachsicht in der Englischstunde. Aber dies ist eben kein normaler Unterricht. Der Lehrer mit den eigenwilligen Methoden heißt Joachim Grzega. Er ist Linguist und lehrt normalerweise an der Katholischen Universität Eichstätt. Dort hat er ein neues Lernprogramm entwickelt: Basic Global English (BGE).
Sein globales Einfach-Englisch soll den Spracherwerb erheblich beschleunigen. Seit Oktober darf Grzega sein Konzept für ein Schuljahr an einer bayerischen Schule erproben. An diesem Mittwochnachmittag unterrichtet er Zweitklässler der Alexander-von-Humboldt-Schule in Goldkronach, einer kleinen Stadt in der Nähe von Bayreuth. Alle 21 Schüler sind freiwillig hier, Noten gibt es nicht.
Die englische Grammatik hat Grzega auf nur 20 Regeln eingedampft, das Grundvokabular auf 750 Wörter, hinzu kommen pro Schüler weitere 250 individuell ausgewählte Wörter, mit denen er über seine speziellen Hobbys und Interessen reden kann. Die wenigen Begriffe sind sorgsam ausgewählt. Während zum Beispiel das Standardlehrbuch Märchenvokabeln wie "fairy", "prince" oder "stepmother" vermittelt, konzentriert sich Grzega auf das Wesentliche: Wochentage, Zahlen, Sport, Essen, Alltagsfloskeln*.
"Natürlich sollen die Kinder später einmal korrekt Englisch sprechen, wenn sie es wollen. Aber für Anfänger das Wichtigste ist erst einmal, dass sie die Angst, etwas falsch zu machen, überwinden", sagt Grzega. "Ich korrigiere daher die Aussprache nur, wenn sie missverständlich ist." Denn es ist fatal, wenn ein Urlauber fragt: "Where are the bitches", wenn er
doch "beaches" meint. Ein fehlerhaft verkürzter Vokal kann reichen, und wer nach dem Strand sucht, fragt nach den Nutten.
Grzega gehört zu einer kleinen Vorhut von Linguisten, die sich derzeit weltweit formiert. Die Reformlinguisten fordern so etwas wie eine Revolution des Englischen: Fürderhin sollen Kinder nicht mehr lernen, einen Muttersprachler möglichst originalgetreu nachzuäffen. Ziel ist vielmehr, aus ein paar Brocken eine internationale Verkehrssprache zusammenzuzimmern.
"English as a lingua franca" (ELF) heißt das Konzept im Fachjargon. Auch in Frankreich erfreut es sich großer Beliebtheit. "Don't Speak English, Parlez Globish" heißt dort ein Bestseller - sprich nicht Englisch, sondern Globalesisch.
Ganz ungeniert wirbt der Autor für die Kunst des Stammelns. Und er muss es wissen: Bis zu seinem Ruhestand vor ein paar Jahren war Jean-Paul Nerrière Top-Manager beim US-Konzern IBM. Bei Geschäftsverhandlungen in aller Welt stellte er fest: Englisch wird überall gesprochen, in Afrika, Asien, Lateinamerika. Und schwer zu verstehen ist in internationalen Runden meist nicht, wer in simplen Worten radebricht, sondern eher, wer geschliffen wie ein Muttersprachler parliert.
Daher hat Nerrière, ganz ähnlich wie Grzega in Deutschland, ein spezielles "entkoffeiniertes Englisch" entwickelt, reduziert auf ein paar Grundregeln und rund 1500 Vokabeln. Wer ein halbes Jahr lang jeden Tag eine Stunde Globish übe, komme in der Geschäftswelt bereits gut durch.
"Bislang sind die Schulbücher zu sehr an Großbritannien und den USA ausgerichtet", sagt Grzega. "Was zum Beispiel sollen Schüler mit englischen Kinderreimen anfangen?" Das Lied "Baa, Baa, Black Sheep, Have You Any Wool" ist weder grammatisch korrekt, noch sonderlich hilfreich im Alltag. Auch vom Klassiker "Humpty Dumpty Sat on a Wall" hält Grzega wenig. Er singt mit den Schülern lieber auf die Melodie von "Bruder Jakob": "Today is wednesday, today is wednesday ..."
Erst stutzen die Kleinen, denn gestern hieß es doch noch "Today is tuesday ...", aber dann krähen sie lauthals mit - und lernen so statt antiquierter britischer Dada-Reime global verständliche Wochentage.
Und doch ist das neue Einfach-Englisch stark umstritten. Die Welt der Sprachpädagogen ist gespalten in zwei Lager: Universalisten und Puristen. Universalisten wie Grzega propagieren das Globalesische als eine Art Esperanto, das alle Kulturen verbinden kann.
Auf der anderen Seite warnen die Puristen vor dem allgemeinen Sprachverfall, dem Verlust von Zwischentönen, Klarheit und Poesie. Während das Englische immer weiter verflache, verunstalteten die englischen Einsprengsel andere Nationalsprachen zu einem minderwertigen Kauderwelsch.
Insbesondere Franzosen misstrauen dem Siegeszug des Englischen. "Pourquoi veulent-ils tuer le français?" lautet zum Beispiel ein Buchtitel: "Warum wollen sie das Französische umbringen?" Und Firmen wie Renault oder France Télécom mussten schon die Verleihung der Anti-Auszeichnung "Prix de la carpette anglaise" über sich ergehen lassen, den "Preis für Englisch-Schleimer".
Aber auch in Deutschland gilt das Globalesische als Bedrohung: "Kann der Staat Fremdwörter und Anglizismen verbannen? Wie können wir Deutsch wieder als Wissenschaftssprache beleben?" Diese Fragen stellt Jutta Limbach, die Präsidentin des Goethe-Instituts, in einem Buch mit dem bangen Titel "Hat Deutsch eine Zukunft?". Und auch der Journalist und Sprachpfleger Wolf Schneider plädiert für die Reinhaltung des Deutschen in seinem neuen Buch "Speak German!".
Doch die Ausbreitung des Globalesischen verändert vor allem das Englische selbst. Denn mittlerweile machen die rund eine halbe Milliarde Muttersprachler nur noch ein Drittel aller Englischsprachigen aus: Die Sprache Shakespeares wird zum Minderheitendialekt des Globalesischen.
Linguisten wie Barbara Seidlhofer aus Wien, die derzeit ein Inventar des Globalesischen erstellt, sprechen meist nur noch von "Englishes" im Plural: dem französischen Franglish, vom chinesischen Chinglish, dem deutschen Denglisch und dem indischen Hinglish. Viel zu tief hätten die Sprachpuristen in den Köpfen verankert, dass nur eine Muttersprache eine legitime Sprache sei.
Denn was genau sollte überhaupt als Goldstandard einer Hochsprache gelten? Nicht einmal die Queen herself spricht mehr ein lupenreines "Queen's English", hat der Phonetikprofessor Jonathan Harrington von der Universität München festgestellt. Hatte das britische Staatsoberhaupt bei Amtsantritt 1952 noch versnobt "happay" genäselt, so verwendet sie heute das schlichte globalesische "happy", wenn sie sich glücklich schätzt.
Kein großer Grund zur Sorge, findet der britische Linguist David Crystal, einer der renommiertesten Englischexperten und Autor der "Cambridge Encyclopedia of the English Language". Zwar seien Ausdrucksformen auf dem Vormarsch, die traditionell von Englischlehrern als Fehler gewertet werden. So sei zum Beispiel immer öfter von "informations" die Rede, wo es korrekt "pieces of information" heißen müsse. Doch warum auch nicht?
Es scheint paradox: Der Siegeszug des Englischen löst ausgerechnet im Land seiner Herkunft eine Identitätskrise aus. Die wohl besorgteste Studie stammt nicht aus Frankreich oder Deutschland, sondern vom British Council, der obersten Kulturpflege-Organisation des Königreichs: "Das ist nicht mehr das Englisch, das wir kannten. Und wenn es womöglich auch einen Triumph für die englische Sprache an sich bedeutet, dann bietet es für die Muttersprachler dennoch keinen Grund zum Feiern", schreibt David Graddol in dem Bericht mit dem Titel "English Next".
Zwar exportiere allein Großbritannien Jahr für Jahr Englischunterricht im Wert von rund 1,3 Milliarden Pfund. Doch gesucht würden heute oft nicht mehr Muttersprachler mit ihrer überkomplexen Wortwahl, sondern vielmehr Lehrer, die Englisch selbst als Fremdsprache gelernt haben und daher deutlicher und einfacher sprechen. "Asien, insbesondere China und Indien, sind in einer Schlüsselposition, um die weitere Entwicklung der englischen Sprache zu beeinflussen", schreibt Graddol. In China zum Beispiel waren zeitweise Englischlehrer aus Belgien besonders beliebt - wegen ihrer Erfahrung mit dem Sprachenmischmasch daheim. Der Bericht des British Council stellt bekümmert fest: "Die Verständlichkeit zählt mehr als die Korrektheit der Muttersprache."
Genau nach diesem Prinzip verfährt auch Grzega in seinem Unterricht in Goldkronach. "He go" sagt ein Schüler, grammatisch unkorrekt, aber inhaltlich eindeutig: "Er geht." Grzega lobt ihn.
Doch als eine Schülerin sagt "se chop", schreitet Grzega energisch ein: Er fordert nicht das korrekte "Th" ein, auf das viele Gymnasiasten so stolz sind. Stattdessen übt er mit den Schülern das weiche "B". "The joooob", spricht er vor, und die Schüler krakeelen mit: "Se joooob." Denn schließlich geht es um eine Arbeitsstelle ("job") und nicht um einen "Schlag" (chop).
Aber das größte Erfolgserlebnis hat Grzega, als er selbst kritisiert wird. Eine Schülerin bittet ihn, statt des roten Stiftes einen schwarzen zu nehmen, weil sie das besser lesen kann. "Please ... black ... pen" stammelt sie. Grzega strahlt. Denn sie hat sich verständlich gemacht, auf gut Globalesisch. HILMAR SCHMUNDT
* Das Lehrmaterial und weitere Infos unter www. spiegel.de/globalesisch.
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 14/2008
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