07.04.2008

ZEITGESCHICHTE „Schandfleck der Geschichte“

SPIEGEL-Gespräch mit dem Potsdamer Historiker Rolf-Dieter Müller über die Bilanz der Forschungsarbeit zum Zweiten Weltkrieg, die NS-Verstrickungen der Wehrmacht und Verbrechen der Roten Armee
SPIEGEL: Herr Professor, Sie schließen in diesen Tagen eines des größten Projekte der deutschen Geschichtswissenschaft ab: die quasi offizielle Erforschung des Zweiten Weltkriegs. Was sind die wichtigsten Ergebnisse?
Müller: Wir haben seit 1979 in zehn Bänden die deutsche Perspektive auf den Zweiten Weltkrieg beschrieben. Es ist die umfassendste Darstellung zu diesem Thema. Sie bietet sowohl ein differenzierteres Bild von der deutschen Gesellschaft im Krieg als auch ein ganz anderes Bild von der Rolle der Wehrmacht als noch in den sechziger und siebziger Jahren. Und sie beschreibt, gewissermaßen als dritte Säule, die operative Kriegführung. All das hat nun eine solide wissenschaftliche Gestalt gefunden.
SPIEGEL: Was heißt das konkret beispielsweise für die Figur Hitler? Was sieht man heute anders?
Müller: Die Perspektive auf Hitler als Person, als Motor des Ganzen, ist deutlicher und intensiver geworden. Sämtliche Erklärungen, die versucht haben, seine Rolle zu relativieren, sind widerlegt. Der Weltkrieg ging von Deutschland aus und wurde von Hitler zielgerichtet ab 1933 vorbereitet ...
SPIEGEL: ... daran wurde 1979 noch gezweifelt?
Müller: Oh ja. Es gab durchaus revisionistische Interpreten, die in Hitler einen Pragmatiker der Macht gesehen haben. Das hatte dann immer eine apologetische Tendenz. Verbreitet war auch eine bis in die Mitte der westdeutschen Gesellschaft reichende marxistische Deutung, die hinter Hitler den deutschen Imperialismus, das Großkapital als die eigentlichen Triebkräfte zu erkennen glaubte.
SPIEGEL: Manche Ihrer Kollegen haben vermutet, der "Führer" sei ein schwacher Diktator gewesen, bedrängt von seinen Paladinen.
Müller: Auch diese Diskussion hat sich weiterentwickelt. Wir sehen jetzt, dass die Vorstellung eines starken Diktators nicht etwa bedeutet, dass er keine Rücksicht genommen hätte auf andere Auffassungen, auf Prestige da oder dort. Dieser ewige Kampf seiner näheren Umgebung um Einfluss wird nicht mehr gesehen als eine Schwächung des Diktators. Es zeigt sich vielmehr, dass die teils selbständigen Machtträger des Systems über Spielräume verfügten, die durchaus im Sinne der Funktionsfähigkeit des Ganzen genutzt worden sind. Hitlers Adlaten haben nämlich die Freiräume genutzt, um die Projekte des Regimes voranzutreiben. Davon hat auch der "Führer" profitiert.
SPIEGEL: Wie wird Hitler heute als Feldherr beurteilt?
Müller: Er hat seinen Krieg schließlich verloren. Deshalb ist seine strategische und operative Inkompetenz zu einem Stereotyp in der Literatur geworden. Wie unsere Forschungen gezeigt haben, sind Hitlers Interventionen noch dilettantischer und seine strategischen Visionen noch abenteuerlicher gewesen als bislang angenommen. In der ersten Phase des Krieges hatte er allerdings manchmal den richtigen Riecher, weil er ein intuitives Gespür für überraschende Momente besaß.
SPIEGEL: Etwa beim Blitzkrieg?
Müller: Da nun gerade nicht, wie unsere Forschungen ergeben haben. Es wurde ja immer behauptet, dass der deutsche Generalstab in seiner vermeintlichen Genialität ein Rezept entwickelt habe, wie man mit geringen Kräften sehr schnell einen Feldzug zu einem Blitzkrieg organisieren könne. Hitler habe das im Frankreich-Feldzug 1940 erkannt und gefördert. Die Realität war banaler. Die Erfolge beruhten vor allem auf Zufällen und Eigenmächtigkeiten einiger Panzergeneräle. Erst danach hat die Wehrmacht eine Blitzkriegstrategie entwickelt. Sie wurde vor allem angewendet beim Überfall auf die Sowjetunion 1941. Bekanntlich hat sie da letztlich nicht funktioniert.
SPIEGEL: Wo sehen Sie dann die militärischen Erfolge Hitlers?
Müller: Es sind aus heutiger Sicht natürlich Erfolge im Negativen. Ihm ist es gelungen, eine Kriegsmaschinerie bis zum 8. Mai 1945 am Laufen zu halten, obwohl er seit dem Stopp des deutschen Vormarschs vor Moskau im Dezember 1941 wusste, dass er den Krieg nicht gewinnen würde. Wenn es nach den Generälen gegangen wäre oder Göring, Goebbels, Speer, dann hätte Berlin spätestens im Sommer 1943 versucht, einen irgendwie gearteten Kompromissfrieden zu finden.
SPIEGEL: Viele Militärexperten, vor allem amerikanische, aber auch der Israeli Martin van Creveld, behaupten, die Performance der Wehrmacht sei überragend gewesen.
Müller: Im rein militärischen Sinne, also abstrahiert von den Verbrechen und der Stützung des Regimes durch die Wehrmachtführung, kann man in der Tat sagen, dass der Eindruck von einer überlegenen Kampfkraft zu Recht besteht. Die sprichwörtliche Tüchtigkeit war sogar größer als bisher angenommen, weil die Überlegenheit des Gegners wesentlich höher gewesen ist, als dies damals deutsche Offiziere vermuteten. Durch die Auswertung russischer Archivakten ergibt sich in dieser Hinsicht endlich ein klares Bild. Wir haben uns als Deutsche bislang nur schwer damit getan, überhaupt solche Themen aufzuwerfen, weil man meinte, da Beifall von der falschen Seite zu bekommen, und weil natürlich aus der Situation der Bundesrepublik in den siebziger und achtziger Jahren im Zeichen eines möglichen Atomkrieges alles, was mit kämpfenden Soldaten zu tun hatte, tabuisiert worden ist. Sich einzulassen auf Fragen nach Kampfkraft galt tendenziell als Apologie der Wehrmacht oder gar Kriegstreiberei.
SPIEGEL: Das ist heute anders?
Müller: Ja, jetzt werden in der Wissenschaft Fragen aufgeworfen, wie etwa nach militärischer Effizienz, nach dem Kämpfer und dem Kampferlebnis. Dafür wäre man früher in bestimmten Kreisen gesteinigt worden. Diese Fragen haben heute, in Afghanistan etwa, auch eine ganz andere Bedeutung. Unsere Verbündeten sehen in deutschen Soldaten insoweit Nachfolger der Wehrmacht, als sie erwarten, dass sie den Kampf nicht scheuen und nicht nur Teddys verteilen.
SPIEGEL: Stimmt es, dass die Amerikaner nach 1945 sogar Anleihen bei der Wehrmacht nahmen?
Müller: Ja, in den fünfziger Jahren sind die offiziellen Doktrinen der US-Armee nach den Erfahrungsberichten der Wehrmacht verfasst worden. Die Amerikaner haben ganz gezielt deutsche Offiziere befragt: Wie kann man die Sowjetarmee besiegen? Immerhin war die Wehrmacht in sechs Monaten bis vor Moskau marschiert, während die Rote Armee vier Jahre nach Berlin brauchte. Und selbst noch in den achtziger Jahren kamen amerikanische Offiziere zu uns, weil sie Zeitzeugen für Kriege mit großen Operationen suchten. Sie sagten, dies hätten sie in Vietnam verlernt. Und die ehemaligen Wehrmachtoffiziere traten dann an amerikanischen Kriegsakademien auf.
SPIEGEL: Das Militärgeschichtliche Forschungsamt hat mit den Vorarbeiten für das Weltkriegsprojekt erst 1968 begonnen, also über 20 Jahre nach Kriegsende.
Müller: Es sollte ein wissenschaftliches Werk werden, nicht etwa eine Studiensammlung ehemaliger Generäle, wie das andere Nationen gemacht haben. Dazu musste man aber auf die Akten aus dem "Dritten Reich" zurückgreifen, und die sind erst ab Mitte der sechziger Jahre schrittweise von den Alliierten zurückgegeben worden.
SPIEGEL: Das Weltkriegsprojekt des Forschungsamts wurde zunächst von spektakulären Auseinandersetzungen innerhalb Ihres Hauses begleitet. Das Amt ist ja zugleich zivile und militärische Einrichtung. Lief dazwischen die Konfliktlinie?
Müller: Nein, es war nicht die Frage, ob jemand eine Uniform anhat, sondern ob er die Uniform im Kopf hat. Ob er sich also dem Militär an sich verpflichtet fühlt. Es war zunächst und sehr lange ein Konflikt zwischen Veteranen und Nachkriegsgeneration, sozusagen zwischen Vätern und Söhnen ...
SPIEGEL: ... das Forschungsamt spiegelte praktisch die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen wider.
Müller: Ja, ein Beispiel: 1983 erschien der Band über das "Unternehmen Barbarossa", also den Angriff auf die Sowjetunion. Das Buch war im Vorfeld so heftig umstritten, dass Mitarbeiter gegeneinander prozessierten. Der Projektleiter war als junger Soldat der Waffen-SS selbst in Russland dabei gewesen, zwei weitere Mitarbeiter hatten ebenfalls Kriegserfahrung, die anderen drei gehörten der Nachkriegsgeneration an und brachten den eigentlichen aufklärerischen Impetus mit. Hier prallten zwei Sichtweisen aufeinander, die sich an der Frage rieben, wie der Russland-Feldzug zu bewerten ist.
SPIEGEL: Wie wurde das Problem gelöst?
Müller: In dem Band beschreiben drei Autoren "Barbarossa" als Präventivkrieg, drei als Überfall und verbrecherischen Vernichtungskrieg.
SPIEGEL: Und wie wird der Sachverhalt heute gedeutet?
Müller: In der Geschichtswissenschaft hat sich durchgesetzt, dass es kein Präventivkrieg war. Auch die Frage, ob die Wehrmacht verstrickt gewesen sei in einen verbrecherischen Krieg mit Massenmorden und Hungerpolitik, war heftig umstritten. Heute muss man von Mittäterschaft reden, von aktivem, treibendem, selbständigem Handeln der Wehrmachtführung. Daran gibt es keinen Zweifel mehr. Damals mobilisierten solche Thesen jedoch immer sofort die militärische Lobby, die eine Gefahr für die Tradition der Bundeswehr sah.
SPIEGEL: Was hat denn die Bundeswehr damit zu tun?
Müller: Die Diskussion um den Traditionserlass, inwieweit die Wehrmacht als Ganzes traditionswürdig sei oder nur einzelne Personen, herausragende Heerführer wie etwa Rommel, oder nur der militärische Widerstand, hat sich parallel zu unserer Arbeit entwickelt. Das Forschungsamt spielte dabei eine ganz wichtige Rolle.
SPIEGEL: Und was ist das Ergebnis?
Müller: Heute gilt offiziell die Wehrmacht als Institution in der Bundeswehr nicht als traditionswürdig; das Einzige, was Bestand hat, ist die Berufung auf den missglückten Staatsstreich vom 20. Juli 1944.
SPIEGEL: Dabei haben manche Ihrer Kollegen behauptet, nach dem 20. Juli sei einem Patrioten nichts anderes übriggeblieben, als gegebenenfalls auch widerwillig den sogenannten Endkampf durchzufechten, weil angesichts der Kriegsziele der Alliierten der deutsche Nationalstaat auf dem Spiel gestanden habe.
Müller: Dieses Urteil hat keinen Bestand, wie wir in dem nun erscheinenden letzten Band des Weltkriegswerkes zeigen. Der Kampf in der Endphase des Krieges war nicht nur sinnlos, sondern auch aus heutiger Sicht in höchstem Maße unmoralisch oder verbrecherisch. Denn er bedeutete, dass die Deutschen jetzt die Folgen des Krieges mit voller Wucht zu spüren bekommen haben. Und natürlich lief der Holocaust weiter mit den Todesmärschen. Das große Versagen der militärischen Führung bestand darin, dass sie sich Hitler in dieser Situation nicht widersetzte. Aber die moralische Integrität dieser einst selbstbewussten Elite war zerstört; sie hatte sich blind oder resignierend dem Primat der Politik unterworfen.
SPIEGEL: Und warum begehrte die Bevölkerung nicht auf? Glaubte man immer noch an den "Führer"?
Müller: Es gab natürlich die vielzitierten Beispiele vom fanatischen Durchhaltewillen, so dass ein Abwägen schwierig ist, ob diese Menschen eine Mehrheit darstellten oder nicht. Ich denke aber, die meisten waren kriegsmüde, apathisch, ohne Alternative. Es war anders als 1918, als man streiken konnte und es ein Parlament gab und politische Parteien als Orientierungshilfe. In der Passivität kann ich nicht einen letzten Reflex auf den Führermythos sehen, als Zustimmung zum Regime. Will man die Leute mitschuldig sprechen in einem moralischen Sinne? Man sollte respektieren, dass eine Gesellschaft, die nur noch aus Frauen, Kindern oder alten Männern bestand, weil alle anderen in einer Uniform steckten, sich eben so verhalten hat. Davon abgesehen: Ohne ein Aufbegehren der Wehrmacht blieb jeder Aufstand ohne Chance.
SPIEGEL: Die schwersten Verluste unter der Bevölkerung, aber auch unter den Soldaten, gab es im letzten Kriegsjahr.
Müller: Seit einiger Zeit ist eine größere Offenheit in der deutschen Opferperspektive zu beobachten. Dabei ist das Ausmaß der Verbrechen der Roten Armee an der Zivilbevölkerung gar nicht mehr strittig.
SPIEGEL: Wir finden also bei Ihnen darüber keine neuen Erkenntnisse?
Müller: Doch. Wir legen eine neue Schätzung der Zahl der Zivilisten vor, die von der Roten Armee beim Vormarsch bis Kriegsende ermordet wurden. Sie beläuft sich auf etwa 120 000 Menschen.
SPIEGEL: Welche sowjetischen Truppen waren daran besonders beteiligt?
Müller: In der Regel war es die Infanterie, die von ihrer Führung selbst gnadenlos verheizt wurde. Die Nazi-Propaganda hat besonders die asiatischen Einheiten Stalins angeprangert. Doch die spielen bei den Übergriffen der Roten Armee keine herausragende Rolle.
SPIEGEL: Sehen Sie am Ende des Projekts noch weiße Flecken in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs, die künftige Generationen füllen müssen?
Müller: Das Thema hat einen Sättigungsgrad erreicht, wie es ihn wohl für kein anderes Thema der Weltgeschichte gibt. Dennoch lässt das Interesse nicht nach. Die großen Fragen aber sind vermutlich ausdiskutiert. Es herrscht mittlerweile ein breiter Konsens über unser Bild des Zweiten Weltkriegs. Es war wichtig, dass sich die Deutschen mit einer Ernsthaftigkeit sondergleichen diesem Schandfleck ihrer Geschichte gestellt haben, offen und selbstkritisch. Das hat uns zukunftsfähig gemacht und internationale Anerkennung verschafft. Bezeichnenderweise wird heute den Japanern von ihren Nachbarn geraten, von der deutschen Geschichtspolitik zu lernen.
SPIEGEL: Herr Professor, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Generalabrechnung
Als das Verteidigungsministerium 1957 das Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA) gründete, sollte für die Historiker der Zweite Weltkrieg im Vordergrund stehen. 1968 begannen die Vorarbeiten für ein zehnbändiges Projekt. Über die Ergebnisse wurde in Öffentlichkeit und Fachwelt heftig gestritten. Inzwischen gelten die meisten Bände als Standardwerke. Nun erscheint bei der DVA der letzte Doppelband ("Der Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945"), herausgegeben von Professor Rolf-Dieter Müller, 59, wissenschaftlicher Direktor im MGFA. Es ist eine Generalabrechnung mit der Wehrmachtführung des letzten Kriegsjahres.

Das Gespräch führten die Redakteure Georg Bönisch und Klaus Wiegrefe.
* Adolf Heusinger, Friedrich Paulus, Georg von Sodenstern.
Von Bönisch, Georg, Wiegrefe, Klaus

DER SPIEGEL 15/2008
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