07.04.2008

VERBRECHEN

Tödliche Schlamperei

Nach dem gewaltsamen Tod eines fünfjährigen Mädchens in einer Pflegefamilie muss die Staatsanwaltschaft Wuppertal nun klären, ob Jugendamtsmitarbeiter mitschuldig sind. Einiges spricht dafür.

Ihr altes Kinderzimmer sieht aus, als ob die Kleine nur mal kurz zum Spielen draußen wäre. Auf dem Bett liegen Kuscheltiere. Ein Elefant, eine Stoffente. Dazu zwei Haarspangen, rosa, mit Herzchen und Vögeln.

An der Wand kleben Bilder, wie sie jeder kennt aus Zimmern kleiner Mädchen, die davon träumen, Prinzessin zu sein: Schneewittchen, Rapunzel, die kleine Meerjungfrau. Daneben, blaugerahmt auf Bärchenpapier, der Name "Talea" und ein Datum: "17. November 2002" - ihr Geburtstag.

Die Leute vom Jugendamt, sagt Taleas Mutter Martina S., 35, hätten ihr versichert, dass das Mädchen mit dem dicken blonden Haarschopf und dem kessen Lächeln zu ihr zurückkehren dürfe. Bald, in ein paar Monaten vielleicht. Wenn die Alleinerziehende einen Alkoholentzug schaffen, ihr Leben in den Griff bekommen würde. Sie hätten gesagt, dass es der Kleinen in der Zwischenzeit bessergehen werde, dort, wo sie sie hinbringen.

Doch Talea aus Wuppertal wird nie mehr ihr Kinderzimmer betreten. Die Fünfjährige starb kurz vor Ostern, am 18. März um 19.10 Uhr, laut Staatsanwaltschaft Wuppertal an den Folgen "massiver Gewaltanwendung". Ihre 38-jährige Pflegemutter sitzt unter dringendem Tatverdacht in Haft. Jugendamtsmitarbeiter hatten Hinweise auf Verletzungen des Mädchens, doch sie forschten nicht gründlich nach. Paul Bludau, Vorsitzender des Elternverbands Bergisches Land, der Taleas Familie betreut, spricht von "tödlicher Schlamperei". Behörden und Fahnder versuchen derzeit zu klären, wer alles am Tod des Mädchens Schuld hat.

Längst haben sich die Bürger an Berichte und Bilder von getöteten Kindern gewöhnt. Kinder wie Kevin aus Bremen, der 2006 im Kühlschrank gefunden wurde. Oder Ben-Randy aus Delmenhorst, Jessica aus Hamburg, Lea-Sophie aus Schwerin. Doch Taleas Fall ist anders, in gewisser Weise noch dramatischer. Denn der Staat wollte sie schützen vor ihren eigenen Eltern. Er gab sie in eine behördlich geprüfte Familie - ein halbes Jahr später war das Kind tot.

"Warum half ihr niemand?" steht mit roten Pinselstrichen auf einer ein Quadratmeter großen Holztafel in der Wuppertaler Kleestraße, am Haus der Pflegefamilie. Daneben liegen Blumen, Kerzen und handgeschriebene Zettel. Noch ist nicht bewiesen, wer Talea dort wann was genau angetan hat. Die Pflegemutter soll ohne ihren Ehemann zu Hause gewesen sein, als sie am Todestag um kurz nach 17.30 Uhr den Notruf wählte. Fast eineinhalb Stunden versuchten Ärzte, Talea wieder zum Atmen zu bringen - vergebens.

Tod durch Ersticken, so steht es in einem internen Bericht der Staatsanwaltschaft. Das Kind habe aber weitere Verletzungen gehabt: Hämatome am ganzen Körper. Der abschließende Obduktionsbericht soll in Kürze vorliegen. Auch gegen den Pflegevater wurde Ende vergangener Woche noch ermittelt, "konkrete Tathandlungen", heißt es in dem Papier, könnten ihm aber bislang nicht zugeordnet werden. Michael Kaps, einer der Anwälte der Pflegemutter, will sich "wegen laufender Ermittlungen und eingeschränkter Akteneinsicht" zum Tatvorwurf nicht äußern.

Für den ermittelnden Staatsanwalt Heribert Kaune-Gebhardt, 38, ist schon jetzt klar: Die vielen, teils faustgroßen Blutergüsse Taleas - am Kopf, an den Armen, am ganzen Körper - seien nicht durch Stürze erklärbar, sondern "eindeutig" Spuren von Schlägen. "Das lässt einen nicht kalt", sagt der Vater von drei Kindern. Er hat inzwischen ein Verfahren gegen Mitarbeiter des Wuppertaler Jugendamts wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung durch Unterlassen eingeleitet: "Die Frage ist, wer wann hätte handeln müssen."

Es wäre falsch zu behaupten, dass das Jugendamt sich nicht um Talea gekümmert habe. Rund 300 Seiten stark ist ihre Akte, angefangen mit den ersten Kontakten zur Familie vor zwei Jahren bis zu ihrem Tod. Vieles ist sorgfältig dokumentiert: die Alkoholsucht der leiblichen Mutter, Erkundigungen über den Vater, der vor Jahren wegen Drogenbesitzes verurteilt wurde. Es gab lautstarken Streit der beiden während und nach der Trennung im Jahr 2006, wobei es auch zu Handgreiflichkeiten gekommen sein soll. Es gab Hausbesuche, Elternkurse für die Mutter. Ab März 2007 sind etliche Gespräche mit Taleas Kindergärtnerinnen verzeichnet. Das Kind soll verstört gewirkt haben.

Am 6. September vergangenen Jahres werden Talea und ihre zweijährige Schwester vom Jugendamt in Obhut genommen. Sie kommen erst in eine Kindernotaufnahme, dann getrennt in Pflegefamilien. Hätte das Amt die Kinder nicht mitgenommen und daheim wäre etwas passiert, sagt Amtsleiter Dieter Verst, "dann würde man uns jetzt auch Vorwürfe machen".

Warum aber haben die Jugendamtsmitarbeiter, die über so vieles in Taleas Leben konferierten, sich keine Gewissheit verschafft, als sie dann immer wieder Hinweise auf merkwürdige Verletzungen des Kindes in der Pflegefamilie bekamen? In einem Telefongespräch am 8. Januar berichtet die Pflegemutter nach einer Dokumentation der Stadtverwaltung selbst von blauen Flecken des Kindes - verursacht angeblich durch häufige Stürze. Am 14. Januar teilt das Jugendamt dem Pflegekinderdienst mit, dass der Kindergarten öfter Verletzungen bei Talea gemeldet habe. Einen Tag später schreibt der Pflegekinderdienst in einem Vermerk, das Kind sei mit "geschwollenem Gesicht" in der Kita erschienen.

"Wir dachten, die Verletzungen kämen von Unfällen", verteidigt Jugendamtsleiter Verst seine Mitarbeiter - eine Annahme, die sich aus seiner Sicht noch immer als richtig erweisen könnte. Er berichtet von motorischen Störungen Taleas, sie sei häufig über ihre eigenen Beine gefallen. Dennoch wäre es eine seltsame Ansammlung von Zufällen: Mal soll laut Akten der Hund der Familie das Kind gebissen haben, mal soll sie die Treppe hinuntergefallen sein. Eine Frau vom Jugendamt, erinnert sich Martina S., habe ihr Anfang Februar berichtet, Talea wirke "apathisch", sie sei "unter der Dusche ausgerutscht und gestürzt". Verst bestätigt das. Auch dieser Vorfall war aber nicht Anlass genug, das Mädchen in einer Klinik vorzustellen.

Zu einer umfassenden Untersuchung im Sozialpädiatrischen Zentrum, von Kindergarten und Jugendamt "dringend" empfohlen, kommt es nicht mehr: Talea soll von der Bereitschaftsfamilie in eine Erziehungsstelle außerhalb Wuppertals wechseln, die dortige Betreuerin alles Weitere regeln. "Niemand hat den Mut oder die Weisheit gehabt, sich das Kind unter den Arm zu klemmen und es sofort an einen sicheren Ort zu bringen", sagt Pfarrer Thomas Kroemer, Vorsitzender des Trägerverbands von Taleas Kindergarten.

Was genau in Taleas Pflegefamilie geschah, werden Staatsanwälte klären müssen. Anfang Januar, so Jugendamtsleiter Verst, habe die Pflegemutter einmal angedeutet, dass sie Talea als anstrengend empfinde. Das Kind fordere sie. Die Nachfrage, ob das Jugendamt das Mädchen anderweitig unterbringen solle, habe sie aber verneint.

1059 Euro pro Monat bekamen die frühere Sekretärin einer Wirtschaftskanzlei und ihr zweiter Ehemann, Mitarbeiter einer Wartungsfirma, nach Jugendamtsangaben für Taleas Betreuung. In der Wohnung lebten neben der eineinhalbjährigen gemeinsamen Tochter noch der neunjährige Sohn der Pflegemutter aus erster Ehe. Es sehe nicht so aus, als ob die Familie Talea aus finanziellen Gründen aufgenommen habe, sagt ihr Anwalt Kaps.

Die Pflegeeltern gehören der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage an, besser bekannt als Mormonen. Talea sei regelmäßig sonntags im Gemeindehaus an der Martin-Luther-Straße gewesen, sagt Daniela Wehrend, eine Grundschullehrerin, verantwortlich für die Jugendarbeit der kleinen Mormonengemeinde in Wuppertal. Sie zeigt die Kellerräume, wo die Jüngsten unter Schmetterlingsmobiles singen, Gottesdienst feiern und spielen. In einer Ecke ist ein Bild aufgestellt, es zeigt Talea bei der Karnevalsfeier der Gemeinde im Februar - im Prinzessinnenkostüm.

Niemand hier könne sich ihren Tod erklären, sagt die Frau, die die Pflegemutter und deren Eltern seit Kindertagen kennt: "Wir beten, dass die Wahrheit ans Licht kommt."

Das hofft auch Taleas leiblicher Vater André R., 35. Er wischt sich beim Sprechen über die Augen. "Leer" sei er, er könne nichts fühlen, nichts denken. Nur, dass die Leute aus Taleas Tod wenigstens etwas lernen sollten: "Pflegefamilien brauchen mehr Kontrolle."

Schon im Oktober 2004 entschied der Bundesgerichtshof, Jugendämter müssten künftig intensiver prüfen, wie Familien mit ihren Pflegekindern umgehen. Zuvor war bei Stuttgart ein Kind in einer Pflegefamilie verhungert. Nun will die Stadt Wuppertal in die Offensive gehen und externe Experten, möglichst vom Deutschen Jugendinstitut in München, nach Fehlern im Betreuungssystem fahnden lassen. "Wir brauchen in der Jugendhilfe eine bessere Qualifizierung von Pflegefamilien und ihren Betreuern in den Jugendämtern", fordert der nordrhein-westfälische Familienminister Armin Laschet.

"Niemand bereitet diese Familien inhaltlich auf ihre Aufgabe vor", kritisiert Karl Kühme, 59, Vorsitzender des Wuppertaler Jugendhilfeausschusses. Er hat mit seiner Frau früher selbst ein Pflegekind großgezogen. Das Jugendamt habe kontrolliert, ob "die Töpfe gerade im Schrank stehen" und ein eigenes Zimmer vorhanden sei: "Aber als meine zwölfjährige Pflegetochter nachts auf dem Hausdach stand und springen wollte, da war ich allein." Nun fordert er Pflichtschulungen für Krisensituationen.

Als Talea beerdigt wurde, am vergangenen Dienstag, wie eine Prinzessin in einem rosa Sarg mit goldener Krone, hatte Kühme bereits eine Liste mit mehr als hundert Fragen zu ihrem Tod an die Stadtverwaltung aufgeschrieben: Wieso habe kein Jugendamtsmitarbeiter die gemeldeten Hämatome mit Fotos dokumentiert? Weshalb habe niemand das Kind spätestens 24 Stunden nach Kenntnis von Verletzungen in einer Klinik vorgestellt?

Auf Taleas Grab in Wuppertal-Unterbarmen liegen Stoffbären, Kinderzeichnungen, Sträuße und Kränze. "Wir haben Dich lieb" steht auf den Schleifen. Und: "Warum?"

An dem größten Gesteck - weiße Rosen und rosa Gerbera vom Oberbürgermeister der Stadt Wuppertal - steht gar nichts. Welche Worte hätte der Mann auch wählen


DER SPIEGEL 15/2008
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