07.04.2008

INTERNET„Der Spaß ist vorbei“

Der Anti-Viren-Experte Jewgenij „Eugene“ Kaspersky über eine neue Form von organisierter Computerkriminalität
Kaspersky, 42, ist Mitbegründer und Geschäftsführer der russischen IT-Sicherheitsfirma Kaspersky Lab und gilt als einer der besten Kenner der kriminellen Viren-Szene. Sein Unternehmen machte nach eigenen Angaben 2007 einen Umsatz von 203 Millionen Dollar.
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SPIEGEL: Herr Kaspersky, warum ersinnen Menschen Computerviren?
Kaspersky: Vor sieben, acht Jahren waren die meisten Täter einfach Jugendliche, die sogenannten Script-Kiddies, die das aus Spaß machten. Inzwischen arbeiten Viren-Schreiber nur noch des Geldes wegen.
SPIEGEL: Des Geldes wegen? Wie verdient man denn Geld damit, dass man Computer mit Viren verseucht?
Kaspersky: Diese Leute erschleichen sich Passwörter für E-Mail-Accounts, sie räumen Bankkonten leer, sie kapern Rechner, spionieren geldwerte Daten aus und infizieren Rechner, um Werbe-Spam darüber zu verschicken. Das sind nicht einfach nur irgendwelche Kriminelle, das ist eine richtige Industrie, in der jeder Spezialist seine Aufgaben übernimmt.
SPIEGEL: Was für welche zum Beispiel?
Kaspersky: Manche etwa entwickeln Trojaner und bieten diese anderen zum Kauf an. Die nutzen die Schadprogramme, um Passwörter oder Kreditkartendaten zu stehlen. Und Dritte versuchen schließlich, mit diesen Daten Profit zu machen - eine regelrechte Wertschöpfungskette.
SPIEGEL: Übertreiben Sie da nicht? Dass Online-Bankkonten leer geräumt werden, ist doch eher ein Schreckgespenst.
Kaspersky: Verbrecher zahlen keine Steuern, und sie veröffentlichen ihre Jahresbilanzen nicht. Deshalb haben wir da keine Zahlen. Aber in Brasilien wurden zum Beispiel im Jahr 2005 bei einer einzigen Polizeiaktion 85 mutmaßliche Täter gefasst, die per Phishing rund 30 Millionen Dollar gemacht hatten.
SPIEGEL: Oft hört man so etwas aber nicht.
Kaspersky: Nein, weil es die Banken nicht gern öffentlich machen, wenn sie geschädigt werden. Aber man hört trotzdem immer wieder von solchen Fällen. Im vergangenen Jahr stahlen Kriminelle in Schweden zum Beispiel per Phishing-Attacke fast eine Million Euro von den Konten einer Bank. Und einem Israeli gelang es offenbar, per Trojaner Zugriff auf die Konten einer Bankfiliale in London zu bekommen. Er versuchte, 220 Millionen Pfund abzuziehen. Er wurde allerdings verhaftet.
SPIEGEL: Wie leicht ist es denn für einen Hacker, Schad-Software zu verkaufen?
Kaspersky: Im Internet kursieren richtige Preislisten - was es kostet, eine bestimmte Menge gekaperter Rechner für eine Attacke zu mieten. Das ist ein Geschäft.
SPIEGEL: Und Ihr Geschäft ist es, Rechner gegen solche Attacken zu schützen. Wie lange dauert es denn, bis Sie eine Waffe gegen einen neuen Virus entwickelt haben?
Kaspersky: Da ist sehr unterschiedlich. Auf einfache, mit Baukästen programmierte Schadprogramme finden wir binnen Sekunden eine adäquate Antwort. Anspruchsvollere Attacken kosten manchmal weit mehr Mühe. Das kann Stunden, Tage oder sogar Wochen in Anspruch nehmen.
SPIEGEL: Warum ist dann das Update der Virenschutz-Software meist da, kaum dass vor einem neuen Virus gewarnt wurde?
Kaspersky: Weil 99,9 Prozent aller Schad-Software eher einfach gestrickt ist. Jedes Jahr gibt es allenfalls vier, fünf neue Viren, die uns wirklich zwingen, unsere ganze Technik zu überarbeiten. Die fressen unsere Zeit. Aber von einer Million neuer Viren sind vielleicht zehn so machtvoll. Der Rest sind neue Varianten alter Schädlinge. Cyber-Kriminelle sind eben genauso faul wie alle anderen Menschen auch.
SPIEGEL: Ist es nicht in Wahrheit viel ruhiger geworden in den vergangenen Jahren? Der normale PC-Nutzer jedenfalls findet kaum mehr eine Viren-Mail im Postfach.
Kaspersky: Schon richtig, die Zeit der E-Mail-Viren ist vorbei. Microsoft und andere setzen ja regelrechte Kopfgelder auf Viren-Autoren aus, und auch die Polizeibehörden arbeiten besser zusammen - für die Script-Kiddies ist der Spaß deshalb vorbei.
SPIEGEL: Und damit auch die Gefahr?
Kaspersky: Von wegen. Heute braucht niemand mehr eine E-Mail, um einen Virus in Umlauf zu bringen. Kriminelle verteilen ihre Viren über gekaperte Web-Seiten: Da reicht schon der Besuch, um den Rechner zu infizieren. Sie verbergen ihre Programme in Multimediadateien und bringen die über Social Networks in Umlauf. Sie hinterlassen Links in Gästebüchern oder bei Wikipedia, und wenn man darauf klickt, fängt man sich etwas.
SPIEGEL: Stimmt es, dass Apple- oder Linux-Rechner sicherer sind?
Kaspersky: Nur, weil sie von den Cyber-Kriminellen bisher kaum beachtet wurden. Aber das kann sich ändern. Denn wenn sich kriminelle Programmierer erst einmal auf Apple- oder Linux-Nutzer stürzen, könnten die zur leichten Beute werden. Das Internet ist ein gefährlicher Ort, und Windows-Nutzer wissen, dass man eine Rüstung tragen sollte. Apple-Nutzer tragen stattdessen Hawaii-Hemden.
SPIEGEL: Ist das Problem der Schad-Software überhaupt zu lösen?
Kaspersky: Nicht in der näheren Zukunft. Es gibt allerdings eine Menge kreativer Ideen. Wir brauchen zum Beispiel eine Art Internet-Interpol, also eine stärkere Vernetzung der Polizeibehörden. Außerdem glaube ich, dass sich die Struktur des Internet wandelt: Es wird nicht mehr möglich sein, sich anonym einzuloggen. Man wird seinen Ausweis, seinen Internet-Führerschein, am Eingang vorzeigen müssen.
INTERVIEW: FRANK PATALONG
Von Frank Patalong

DER SPIEGEL 15/2008
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