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Von Matussek, Matthias

Grandioses Comeback: Peter Zadeks Inszenierung von Luigi Pirandellos "Nackt" / Von Matthias Matussek

Was für ein wundervoll atmosphärisches Beginnen: mit einem Straßenmusikanten, der Gitarre klimpert und "Mimosa" singt, rechts eine lange, wehende Gardine vor dem geöffneten Fenster, durch das Sonne dringt und südlicher Straßenlärm.

Pirandellos "Nackt" von 1922 kommt von weither, das sieht, das riecht man sofort. Das ist die historisch-reale Hälfte der Bühne, die rechte Gehirnhälfte dieser Inszenierung.

Die Kunsthälfte sitzt links, die Kunstfalle: eine gemalte graue Wand mit schludrig gemalter Tür. Ausgerechnet durch diese Tür treten die Akteure ins Geschehen. Sie treten in ungesichertes Gelände, hinein in die Wirklichkeit, ins grelle Licht. Und sehr schnell wird klar, dass wir uns auf die Komödienkunst und auf die Rollen, die sie uns zuweist, ja, auf gar nichts mehr verlassen können.

Diese ganze Mechanik mit ihren Tapetentüren und Auftrittsüberraschungen, die Pirandello - Nobelpreisträger, Mussolini-Sympathisant und Genie des absurden Humors - aus den früheren italienischen Komödien als verlässliche Stimmungskracher mitgenommen hatte, funktionierten ja auch für ihn schon nicht mehr. Schon damals machte er klar, dass es hinter Tapetentüren nichts als Schwärze gibt.

Was passiert? Die schmale, wundervoll reine Ersilia (Annett Renneberg) rettet sich nach einem missglückten Selbstmordversuch ins Studio des abgetakelten Schriftstellers Nota. Der kennt sie, jeder kennt sie, die Zeitungen sind voll von ihr, von diesem Kindermädchen des Konsuls , von ihrem elenden Leben, ihrer unglücklichen Amour fou mit dem Marineleutnant, schließlich dem tragischen Tod des ihr anvertrauten Kindes, das beim Spiel vom Balkon fiel.

Ersilia, das Opfer, ein tränennasses Geschenk für die Boulevardpresse.

Und Nota: ein Schriftsteller. Sein Motto: "Das Leben lebt man, oder man schreibt es." Er will nun endlich einen Roman nicht schreiben, sondern leben. Den ganz starken Stoff, die echte Emotion, doch bei diesem Retter wird man die Gänsehaut von der ersten Sekunde an nicht los. Die Blicke, die er dem Mädchen zuwirft, sind kalt. Er entlockt ihm neue Versionen der Geschichte. Und macht sich Notizen.

Friedrich-Karl Praetorius als Nota hockt vor dieser Prinzessin wie eine Kröte. Womöglich hofft er in einem flüchtigen erotischen Schwächeanfall, von ihr in einen Prinzen verwandelt zu werden - doch der ist schnell überwunden.

Jetzt geht es ihm nur noch darum, das Mädchen ebenfalls in eine Kröte zu verwandeln, runter in den Sumpf aus Trivialitäten zu ziehen, aus Halbwahrheiten, Romanplots, Kolportagedramen mit brauchbarem Knalleffekt.

Wie es eine italienische Komödie so will - und Pirandello spielt souverän mit ihren Versatzstücken -, tauchen bald die anderen Mitspieler des Ersilia-Dramas auf, alle durch die Tapetentür. Und siehe da: Die Geschichte verändert sich ständig.

Die Meldung und ihre Geschichte? Hier ist selbst die Geschichte hinter der Meldung eine Lüge, denn wir alle, die wir schreiben, Schriftsteller oder Journalist, alle, die wir überhaupt leben, konstruieren ständig.

Ersilia hatte in Wahrheit eine Affäre mit dem Konsul. Der wiederum ist in Wahrheit am Tod des Kindes Schuld. Der untreue Marineleutnant wiederum - Nikolai Kinski, ein zarter Dandy im weißen Anzug - möchte Ersilia zurückhaben, doch nun gesteht sie, dass sie gar nicht in ihn verliebt war, sondern diese Liebe nur in ihrem Abschiedsbrief behauptete, um das Publikum, die Nachwelt, zu rühren. "Man möchte einen guten Eindruck hinterlassen."

Eine Commedia, die im Absurden endet. Und das ist wohl der Punkt, der Peter Zadek, 81, interessierte: Wir konstruieren heutzutage, in unserer endlos vernetzten Welt mit ihrem Imagewirbel, noch viel frenetischer als früher nicht nur die anderen, sondern auch uns selbst. Wir lügen, oft ohne es zu wissen. Doch uns alle drängt es danach, die Aufmerksamkeit der Mitwelt zu erregen.

Der Applaus ist wichtig. Wesentlich bedeutsamer als Geld, darin sind sich Sozialpsychologen einig, ist die gesellschaftliche Anerkennung. Die tatsächlich Reichen heutzutage sind die Millionäre an Aufmerksamkeit und die Depravierten diejenigen ohne Schicksal, ohne Rolle, ohne Echo.

Nun könnte man aus diesem Halbgedanken sicher ein knalliges, wahnsinnig aktualisiertes Regietheaterkonzept zimmern, mit bühnenhoch aufgespannten "Bild"-Zeitungs-Schlagzeilen, mit schummernden Monitoren von "MySpace"-Plattformen, mit Kritik an der medialen Marktschreiergesellschaft unserer Tage.

Doch Zadek belässt das Stück in den zwanziger Jahren, er lässt den guten alten Commedia-Slapstik für die Umbaupausen zu, die korpulente Wirtin (wundervoll: Brigitte Janner), den windigen Journalisten mit Hut und Stock, die altmodische Tischdecke mit den Troddeln, das Regal mit den angestaubten Folianten und Büsten und Madonnenfiguren.

Kurz: Er lässt die Poesie des Stücks leben und blühen, statt sie mit einer eindeutigen Interpretation totzuklatschen. Und er hat recht. Denn natürlich geht es in dem Stück auch um Kunst, um Liebe, um Tod. Zadek überlässt es den Zuschauern mit ihren je unterschiedlichen Biografien, ihr eigenes Stück zu erleben.

Er lässt überhaupt sehr viel Freiheit, auch seinen Schauspielern. Was sie da tun, sieht nie einstudiert aus. Manchmal ratlos, vielleicht. Riskanter geht es nicht.

Die Modernität dieses Stücks liegt in den Darstellern und in der Sprache: Elisabeth Plessen hat die angestaubte, durch Lizenzen lange Zeit festgeschriebene Übersetzung entrümpelt und einen hellen, melodiösen, ganz einfachen Ton gefunden, der durchaus Wörter wie "intuitiv" oder "Drecksack" erträgt, sehr von heute. Und mit nichts als dieser Sprache haben sich die Schauspieler zu behaupten. Zadek setzt ohne alle ablenkenden Mätzchen nur auf sie. Er verachtet den Chargenton genauso wie die Provokationsschanzen, hinter denen sich unsichere Akteure gern verstecken.

Diese Kritik muss sich auf eine der letzten Proben stützen. Aus gegebenem Anlass daher eine Durchsage an den Betrieb: Einigt euch doch endlich auf einen SPIEGEL-freundlichen Premierentermin, Intendanten, also donnerstags, freitags ist einfach zu spät für uns!

In der besichtigten Probe war die Zadek-Spannung, die sich nur durch allergrößte Natürlichkeit und Beiläufigkeit auf der Bühne entfalten kann, nicht immer gehalten. Doch die geglückten Momente hatten eine Magie, die heute selten ist.

Zadek war todkrank vor einem knappen Jahr und von einer Reihe hochdotierter Shakespeare-Schauspielerinnen im Moment der Schwäche sitzengelassen worden. Doch nun ist er wieder zurück, mit der ganzen Meisterschaft, die sich nur in sechs Jahrzehnten Bühnenerfahrung ausbilden kann.

Er lässt zu. Und dann entstehen so große Momente wie der, als der alte Konsul, der beeindruckende Friedhelm Ptok, aus seiner Statuarik fällt und vor Ersilia auf die Knie geht, ihr auf allen vieren hinterherkriecht - nicht aus Liebe, sondern um in seiner "Verzweiflung nicht allein zu bleiben". Voilà, in zehn Sekunden: die Tragödie eines lächerlichen Mannes.

Ersilia wird in den Tod gehen und in ihrem Schlussmonolog die ganze Bande und uns alle zurücklassen mit den Worten: "Und jetzt geht, geht, geht, lasst mich in Stille sterben. Nackt ... Geht, geht, du sagst es deiner Frau, du deiner Braut, diese Tote hier - hat sich nicht kleiden können." Ins Heute übersetzt: nicht kleiden können mit einer Geschichte, mit einer Rolle, an die sich die Umwelt gnädig erinnert.

Den optischen Skandal hebt sich Zadek für den Schluss auf. Pirandello schreibt vor, dass Ersilia völlig entblättert und nackt in den Bühnentod geht. Und hier riskiert Zadek einen rüden Einspruch gegen den Autor: Er lässt ihr das Kleid.

Ein zarter Einspruch gegen die Reeperbahn, in der das Hamburger St. Pauli Theater liegt, und gegen die Regietheater, in denen Nacktheit zur Verkehrsform geworden ist, und überhaupt gegen den Mainstream mit seinem pornografischen Alltag.

Ein poetischer Einspruch, verdammt, das ist kühn. Der alte Magier ist den Crashtest-Dummys des heutigen Regietheaters so weit voraus, dass er sie von hinten beißt.

Und, o Wunder, es funktioniert!

Annett Renneberg trägt ein weißes Mädchenkleid, Brautkleid, Sterbekleid.

Sie ist so schön in ihrer Reinheit. Ihre Nacktheit ist die ihrer Seele.

Was für eine Provokation!

* Mit Nikolai Kinski, Annett Renneberg am St. Pauli Theater in Hamburg.

DER SPIEGEL 15/2008
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