07.04.2008

LITERATURUnser Mann in Lugano

Der Schriftsteller Thomas Pletzinger mischt in seinem rasanten Debütroman „Bestattung eines Hundes“ gewitzte Anspielungen mit viel Action.
Kulturjournalisten sind schon ein merkwürdiges Pack, zumindest in der neueren deutschen Literatur. Ob sie sich für Kunst interessieren wie in Daniel Kehlmanns "Ich und Kaminski", für Bücher wie in Martin Walsers "Tod eines Kritikers" oder für Musik wie in Benjamin von Stuckrad-Barres "Soloalbum" - stets begegnet man ruchlosen Egomanen und aufgeblasenen Kindsköpfen, die sich selbst und ihre Mitmenschen schlimm nerven.
Der Kulturreporter Mandelkern, der als Ich-Erzähler im Debütroman des 32-jährigen Thomas Pletzinger auftritt, erscheint da erst mal wie eine nette Ausnahme. Statt aus zusammengeklaubtem Halbwissen besteht sein Bildungsfundament aus einem abgeschlossenen Studium der Ethnologie, statt mit nassforschen Fragen begegnet er seinen Gesprächspartnern mit ausgesucht höflicher Neugier, und auch über die Leser seiner Texte macht sich der Kerl feine Gedanken. Die nämlich "wollen hinter der Fassade der Seltsamkeit sich selbst erkennen", wird hier behauptet.
Verhält es sich mit Romanlesern nicht ähnlich? Fest steht: An Seltsamkeiten ist kein Mangel in dem höchst turbulenten Buch "Bestattung eines Hundes"*.
Es beginnt mit einer Reise Mandelkerns von Hamburg an den Luganer See, wo er einem Erfolgsautor und dessen dreibeinigem Hund nachstellt. Die Story kommt auf Touren mit einem blutigen Basketballspiel in Manhattan, dem Auftritt des scharfen Mädchens Grace ("I just wanna fuck you right here") und dem Paniktrubel im terrorerschütterten New York des 11. September 2001.
Wenn es richtig zur Sache geht, besorgen es sich die Helden orgasmusgierig neben dem Wolfgang-Borchert-Denkmal an der Hamburger Außenalster oder sehen im heißen Brasilien einem Hahnenkampf zu, bei dem ein Tier mit dem schönen Dichternamen William Wordsworth zu Tode zerrupft wird.
Tja, der Schriftsteller Pletzinger, in Münster geboren, in Hagen aufgewachsen, dann viel in der Welt herumgekommen und in den vergangenen vier Jahren am Leipziger Literaturinstitut ausgebildet, liefert einen echten Debütroman-Knaller ab. So mit edlen Dichterwassern gewaschen und auf die Spannungspauke dreschend, so breitbeinig und gerissen hat sich lange kein junger deutscher Schriftsteller ins Getümmel der Welt und der Literaturgeschichte gestürzt.
Der Name des Autors dröhnt ein paar wichtigeren deutschen Verlegern schon seit einiger Zeit in den Ohren. Erstens weil Pletzinger mit seinen Texten ein paar kleinere Preise gewonnen hat, zweitens weil er für sich und sein Romanmanuskript emsig warb - und monatelang um den besten Preis pokerte, bis er Kiepenheuer & Witsch den Zuschlag gab.
"Bestattung eines Hundes" ist ein vertrackt komponiertes Buch, eine Reise durchs Wunderland literarischer Kreuz- und Querverweise, zum Beispiel auf Max Frisch, Bret Easton Ellis und den US-Klassiker Theodore Dreiser. Zugleich ist es ein unterhaltsamer Krimi. Der Journalist Mandelkern nämlich berichtet nicht nur vom Zank mit seiner Ehefrau Elisabeth, die in der Zeitschriftenredaktion seine Chefin ist, sondern er verstrickt sich am Luganer See fix in ein zunächst rätselhaftes Liebesmelodram.
Mandelkern trifft am See außer auf den Bestsellerautor Svensson auch auf dessen Gefährtin, eine kurzgewachsene schöne Finnin namens Tuuli, samt kleinem Sohn. Die Frau scheint den Reportergast aus Hamburg zu umgarnen, der Schriftsteller dagegen erweist sich als schroffer Geselle.
Dank eines Svenssonschen Romanmanuskripts, das Mandelkern zu lesen bekommt, beginnt bald ein Szenenreigen aus Sex und Blut und Raserei. Es kommt heraus, dass der Schriftsteller sich einst mit seinem besten Freund einen erbitterten Kampf um Tuuli geliefert hat - erst in Brasilien, wo die drei als Entwicklungshelfer gearbeitet haben, dann in New York. Und man erfährt, dass der Rivale nun tot ist. Droht dem wackeren Mandelkern Ähnliches?
So elegant, wie er sein Personal im Motorboot über den Luganer See kurven lässt, montiert Pletzinger auch die Episoden seiner Story. Die Geschichte wird all jene begeistern, die gern herumjammern, dass junge deutsche Dichter nur handlungsarme Selbstbespiegelungsromane zustande brächten. Hier gibt's Action satt.
Auch die Freunde literarischer Pornografie dürfen jubeln, weil nach Charlotte Roche schon wieder eine erfreuliche Begabung auftrumpft. Noch bizarrer und komischer als die meist virtuose Beschreibung der Beischlafaktionen ist jene Szene, in welcher sich Svensson nach einer wilden Nacht im Waschraum eines New Yorker Bibliotheks-WCs große Mengen Desinfektionsmittel aufs geplagte Genital reibt: gegen Aids- und Tripper-Infektionen "sowieso die falsche Methode", wie der Mann erkennt, dafür aber äußerst schmerzhaft.
Ein bisschen überreizt Pletzinger seine Einfälle, wie es sich für einen Debütroman gehört; meist aber folgt man den Helden (und dem Geheimnis des auf drei Beinen gen Jenseits humpelnden Hundes) gebannt und amüsiert. Die einzige wirkliche Schwäche dieses ausgeklügelten Buchs: Die männlichen Hauptfiguren mögen hochinteressant sein, schillernde Typen - richtig ans Herz wachsen sie einem nicht.
Auch Mandelkern erweist sich als windiger, selbstvernarrter, bei allem gefühligen Getue kaltfischiger Charakter. Wie Kulturjournalisten im deutschen Gegenwartsroman nun mal so sind. WOLFGANG HÖBEL
* Thomas Pletzinger: "Bestattung eines Hundes". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 352 Seiten; 19,95 Euro.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 15/2008
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