21.04.2008

ZEITGESCHICHTEDer Tragödie zweiter Teil

In Hollywood entsteht ein Film über Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seinen Anschlag auf Hitler. In Deutschland aber erwacht das Interesse an den Nebenfiguren des Dramas und an dem, was nach dem Attentat geschah. Eine neue Biografie erzählt die Geschichte der Frau des Widerständlers.
Was für eine Szene: Wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Oberst in Hitlers Armee, am 20. Juli 1944 im Führerhauptquartier Wolfschanze, während Hitler und seine Leute ihre Lagebesprechung abhalten, den Zünder eines Sprengsatzes aktiviert, mit großen Mühen, denn er ist verwundet worden und hat nur noch eine Hand - ausgerechnet die Ungeübte, die Linke - und an dieser Hand nur noch drei Finger. Wie er den Besprechungsraum betritt und die Aktentasche mit der Bombe unter den schweren Eichentisch schiebt, möglichst nah an Hitler heran. Wie er die Wolfschanze verlässt und noch sieht, wie die Bombe detoniert. Wie er annimmt, Hitler getötet zu haben, und nach Berlin fliegt, um den NS-Staat auszulöschen. Wie er dort erfährt, dass der Diktator überlebt hat. Wie Hitlers Häscher ihn packen und erschießen. Wie er, bevor das geschieht, noch etwas ausruft wie: "Es lebe das heilige Deutschland."
Was für ein Alptraum. Nicht auszudenken, wie viele Menschen hätten gerettet werden können, wäre das Attentat geglückt. Nicht auszudenken, was es für das Selbstverständnis der Deutschen bedeutet hätte, wenn sie selber, durch die Tat eines Landsmannes, sich von einem der schlimmsten Schlächter ihrer (und der) Geschichte befreit hätten.
Dennoch ist es von größter Bedeutung, dass es diesen Versuch überhaupt gegeben hat, dass etwas stattfand, was Historiker heute die "sichtbare Tat" nennen. Stauffenberg hatte zuletzt wenig Hoffnung gehabt, dass sein Attentat gelingen könnte. Aber er wollte es versuchen.
Er handelte gegen den Eid, den er als Soldat geleistet hatte. Er handelte gegen seinen christlichen Glauben. Er handelte in dem Wissen, als Verräter dazustehen, in dem Wissen, dass es sein Leben kosten könnte und auch das seiner Frau, seiner Kinder. Er gab alles preis, weil er am Ende glaubte, nur so Deutschland retten zu können.
"In dem Opfer gegen das Unrecht und in dem höchsten Opfer für die Gemeinschaft liegt eine existentielle Herausforderung an die Zeitgenossen und Nachlebenden, die sie nie loslässt", schreibt der Historiker und Stauffenberg-Experte Peter Hoffmann.
So weit der Tragödie erster Teil, der bekannt ist; ihr zweiter aber beginnt, wo die herkömmlich erzählte Stauffenberg-Story fast immer endet: mit der Hinrichtung des Helden. Der große ARD-Film, der vor vier Jahren im Fernsehen lief, bricht bald nach den Schüssen ab. Und der Hollywood-Film "Valkyrie", der 2009 in den USA in die Kinos kommen wird, ist ebenfalls vorbei, wenn die Schüsse fallen.
Seltsam, dieses immer gleiche Ende. Denn der Tragödie zweiter Teil ist genauso wie der erste ein Lehrstück darüber, wie brutal Menschen sein können und wie edel. Dieses Stück beginnt mit Hitlers feiger Rache an Stauffenbergs Angehörigen. Und auf einmal treten die Frauen in den Vordergrund.
Diese Woche erscheint ein Buch, das die jüngste Tochter Stauffenbergs geschrieben hat, das fünfte Kind, das drei Monate vor dem Attentat gezeugt worden war. Das Kind ist jetzt 63 Jahre alt, verheiratet und heißt Konstanze von Schulthess. Sie hat die Biografie ihrer Mutter geschrieben, sie selbst spricht bescheidener von einem "Porträt"*.
Ein Porträt also von Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg, der Ehefrau des Helden. Die Tochter rekonstruiert, was nach den Schüssen geschah. Sie versucht, sich in die Mutter hineinzufühlen, herauszufinden, wie die Mutter es ausgehalten hat, als sogenannter Sippenhäftling im KZ gefangen zu sein, schwanger die eigene Hinrichtung zu erwarten, das Ende der Nazi-Zeit dann doch zu erleben, aber den Gedanken ertragen zu müssen, dass dem Mann das Schicksal der Nation wichtiger gewesen war als das der eigenen Familie.
Von Nina Stauffenberg ist bisher fast nur Verschwommenes überliefert. In dem ARD-Film aus dem Jahr 2004 wird sie als eine übelgelaunte Frau dargestellt, die nichts Genaues wissen will und ihrem Mann vorhält, zu wenig an die Familie zu denken.
Nina Stauffenberg hat diesen Film noch gesehen. Sie ist erst 2006 im Alter von fast 93 Jahren gestorben - und sie war entsetzt über ihre Rolle im Film, sie fühlte sich für ein Klischee missbraucht: das Klischee von den tapferen Männern und den schwachen Frauen. Sie beharrte darauf, dass es ganz anders gewesen sei, dass sie besser Bescheid wusste und ihren Mann gestützt habe.
Ohnehin hatte sie sich als Zeitzeugin kaum je ernst genommen gefühlt - und war, so schildert es die Tochter, überzeugt davon, dass es selten etwas nütze, Erlebtes mitzuteilen, weil den meisten Filmemachern und Historikern die eigenen Thesen sowieso wichtiger seien.
Nach wie vor wird der Einfluss der Ehefrauen auf ihre Männer, auf die Protagonisten im NS-Staat, nicht besonders hoch eingeschätzt. So legte der hochmögende Publizist Joachim Fest 1999 eine Studie über Albert Speer vor, Hitlers Architekten und Rüstungsminister, als Täter eine Gegenfigur zu Stauffenberg. Joachim Fest machte sich bis ins Intimste Gedanken darüber, wie Speer werden konnte, was er schließlich wurde, ob es zwischen ihm und Hitler womöglich homoerotische Gefühle gegeben habe, doch er legte sich schon im ersten Teil seines Buches fest, dass die Beziehung zwischen Speer und seiner Ehefrau unterkühlt gewesen sei, und erwähnt die Frau daraufhin kaum noch - als müssten 50 Jahre Ehe, aus der immerhin sechs Kinder stammen, nicht genauer betrachtet werden; als würde die Beziehung zu dieser einen bestimmten Frau so wenig aussagen über den Charakter eines Mannes.
Auch Nina Stauffenberg blieb immer eine Zeugin unter vielen, wurde, außer in einem Interviewband zu den Frauen des 20. Juli, kaum je genauer in den Blick genommen.
Selbst Historiker Hoffmann, ein herausragender Stauffenberg-Experte, interessiert sich in seinem kürzlich neu herausgegebenen Werk über Claus Stauffenberg mehr für die Beziehung des jungen Stauffenberg zum Dichter Stefan George (und wieder spielt die Homoerotik hinein) als für die Beziehung zwischen Mann und Frau.
Natürlich war Stefan George wichtig. Natürlich hebt es einen Stoff ungemein, wenn darin die große Geistesgeschichte vorkommen kann. Aber ist für das Verständnis eines Charakters die Beziehung zu einem alten Dichter wirklich so viel bedeutsamer als jene zur Ehefrau?
Hoffmann allerdings reagierte in einem "FAZ"-Artikel empört auf die Darstellung Nina Stauffenbergs im ARD-Film und wirft dem Film Verfälschung vor: "Stauffenberg hat keineswegs seiner Frau sein Vorhaben verborgen. Nina Gräfin Stauffenberg kannte seit langem die führende Rolle ihres Mannes an der Verschwörung."
Anders als im ARD-Film wird im Drehbuch des US-Films "Valkyrie" Nina Stauffenberg als hochgradig ahnungsvoll und vor allem als loyal porträtiert.
Und die Stauffenberg-Tochter vertritt in ihrem Buch vehement die These, ihre Mutter sei darauf eingestellt gewesen, dass ihr Mann an einer Erhebung gegen Hitler beteiligt war - und habe deswegen ihr Schicksal auch tragen können. Dass er das Attentat allerdings selbst ausführen würde, wusste sie nicht - konnte sie auch kaum wissen, denn sie hatte zuletzt nur noch wenig Gelegenheit, sich mit ihm auszutauschen.
Die Mutter sah sich nicht als aktives Mitglied des Widerstands. Aber es war ihr wichtig, sich als vertrauenswürdige Partnerin empfinden zu können und dargestellt zu wissen. Die Tochter nennt ein frühes Datum, an dem die Mutter etwas von konkreten Umsturzplänen ihres Mannes geahnt haben will, nämlich das Jahr 1939. Historiker wie Hoffmann allerdings betonen, dass Stauffenbergs Entscheidung, wirklich aktiv zu werden, erst im Jahr 1942 gefallen sei. Schulthess und Hoffmann berufen sich beide auf eine Aussage Nina Stauffenbergs, sie habe ihren Mann gefragt: "Spielst du Verschwörerles?" Und ihr Mann habe ihr recht gegeben. Schulthess datiert den Dialog auf 1939, Hoffmann auf 1943.
Konstanze von Schulthess schreibt allerdings nicht als Historikerin. Sie schreibt als Tochter, die das Andenken der Eltern in Ehren halten will. Sie legt auch Wert auf die Mitteilung, dass die El-
tern sich geliebt haben. Sie schreibt als Kind, das rätselt und begreifen will. Anders als etliche hochdekorierte Akademiker ist sie sich nicht zu fein, Alltägliches in ihre Charakterstudie einzubeziehen: Wie führte die Mutter den Haushalt? Welcher Stil gefiel ihr bei Kleidern, bei Möbeln? So gerät das Bild, das sie von ihrer Mutter entwirft, besonders plastisch. Und die lapidare Tonart, die sie anschlägt, ergreift den Leser, gerade weil der Stoff so gewaltig ist.
Im Frühjahr 1930 hatte die 16-jährige - adlige - Nina den 22-jährigen Claus Stauffenberg kennengelernt. Sie war ein burschikoses Mädchen, das am liebsten die Heldengeschichte der "Drei Musketiere" las. Ihr imponierte der junge, hochgewachsene Leutnant, der in ihrer Heimatstadt Bamberg seine militärische Ausbildung fortsetzen wollte. Im September 1933 heirateten sie. Claus Stauffenberg war ständig unterwegs, sie erzog die vier Kinder, die schnell hintereinander kamen, fast allein.
Die Erzählung der Tochter über die Mutter setzt in den entscheidenden Juli-Tagen des Jahres 1944 ein. Nina Stauffenberg sitzt im Schlosspark ihrer Schwiegermutter im schwäbischen Lautlingen und hört von Bediensteten, dass unten im Dorfgasthof ununterbrochen der Volksempfänger laufe - berichtet wird von einem Anschlag auf Hitler. "Vor Schreck wie gelähmt saß meine Mutter da. War ihr Mann beteiligt gewesen? Oder hatten andere seine Pläne ausgeführt?"
Bald erfährt sie, dass ihr Mann als bereits hingerichteter Täter genannt wird, und weiß, dass sie sich nun auf die Rolle einstellen muss, die er ihr zuvor befohlen hat (tatsächlich fällt genau dieser Begriff: "Befehl"): "Sich als dumme kleine Hausfrau mit Kindern und Windeln und schmutziger Wäsche darstellen", so sagt sie später.
Am 23. Juli wird sie verhaftet - was aus ihren Kindern wird, erfährt sie monatelang nicht (sie kommen ins Heim). Im Gefängnis wird sie von der Gestapo stundenlang verhört. Sie raucht viel. Aus den Zigarettenschachteln bastelt sie sich Patiencekarten.
Heinrich Himmler, Reichsführer der SS, verkündet: "Die Familie Graf Stauffenberg wird ausgelöscht bis ins letzte Glied." Himmler behält sich allerdings dann doch vor, bei den sogenannten Sippenhäftlingen von Fall zu Fall zu entscheiden.
Im Berliner Gefängnis am Alexanderplatz liegt Nina Stauffenberg an einem Badetag Wanne an Wanne mit der Ehefrau des Kommunistenführers Ernst Thälmann, die nicht aufhören kann zu weinen, weil sie gerade erfahren hat, dass ihr Mann im KZ Buchenwald erschossen wurde.
Bald kommt Nina Stauffenberg selbst ins KZ, nach Ravensbrück. Dort erfährt sie, dass auch ihre Mutter als Sippenhäftling einsitzt. Die Mutter, eine Adlige aus dem Baltikum, wird bald verlaust an Typhus sterben. Tochter Nina wird nie verwinden, dass die unbeteiligte Mutter so enden musste: urplötzlich aus ihrer Welt gerissen und behandelt wie Dreck.
Um die vielen Stunden der Isolation zu ertragen, stellt Nina Stauffenberg sich vor, in einem Konzert oder bei einer Lesung zu sitzen - ganze Symphonien laufen in ihrem Kopf ab, ganze Gedichte. Einmal verfasst sie ihr Testament, bestimmt, wie "im Falle meines Todes" das ungeborene Kind heißen soll.
Ein anderes Mal schreibt sie ein Gedicht. Der hier erstmals publizierte Text heißt "Unser Papi": "Du bist bei mir, / Wenn auch Dein Leib verging, / Und immer ist's, als ob / Dein Arm mich noch umfing. / Dein Auge strahlt mir zu / Im Wachen und im Traum. / Dein Mund neigt sich zu mir, / Dein Flüstern schwingt im Raum: / ,Geliebtes Kind! Sei stark, / Sei Erbe mir! / Wo du auch immer bist, / Ich bin bei Dir!'"
Das Gedicht, so schlicht und mädchenromantisch es wirkt, ist ein Dokument einer tatsächlich erstaunlichen Loyalität. Nina Stauffenberg verspürt zu keiner Zeit, so jedenfalls sieht es die Tochter, einen Groll gegen ihren Mann. Sie ist überzeugt davon, dass er richtig gehandelt hat - selbst als sie sicher ist, dass sie und ihre Kinder Hitlers Rache nicht entgehen würden.
Wie erklärt sich die Tochter den Stolz und die Duldsamkeit der Mutter? Nina Stauffenberg stammte aus einer ähnlichen Familie wie ihr Mann, sie war zutiefst geprägt von einem über Generationen weitergegebenen Bewusstsein, dass die Angehörigen ihrer Familien Krisen meistens mit Haltung bewältigt hatten.
Grundlage für die These der Tochter sind - hier erstmals zitierte - Aufzeichnungen, die Nina Stauffenberg in den sechziger Jahren, lange nach Kriegsende, für die Kinder notiert hatte. Es ist die Geschichte ihrer eigenen Familie - eine einzige Katastrophenerzählung: der Vater, ein Diplomat in Russland, unschuldig gefangen in der berüchtigten Peter-und-Paul-Festung in St. Petersburg; eine Vorfahrin am Hof Katharinas der Großen, die auf Wunsch der Zarin den abgetrennten Kopf des Thronfolgers wieder annähen muss.
Nina Stauffenberg empfindet sich als Nachfahrin eines Clans, so formuliert es Tochter Konstanze, in dem "Tragödien nicht die Ausnahme, sondern die Regel waren". Mit dem wissenden Selbstbewusstsein, das aus diesem Hintergrund gewachsen war, schafft sie es durchzuhalten. Sogar im KZ.
Dort war Nina Stauffenberg fünf Monate, und dort gibt es eine Frau aus der Familie ihres Mannes, die für sie sehr wichtig wird: ihre Schwägerin Melitta Stauffenberg, Ehefrau von Claus' Bruder Alexander. Sie ist nach dem Attentat zwar auch verhaftet worden, wird aber als Testpilotin für den Krieg benötigt und kommt daher wieder frei. Melitta Stauffenberg, deren Vater ein getaufter Jude war, fliegt von KZ zu KZ, um den Stauffenbergs Nachrichten zu überbringen. Kurz vor Kriegsende wird sie von einem amerikanischen Piloten angeschossen - sie stirbt. Konstanze von Schulthess widmet Melitta Stauffenberg viele Seiten, und auch in einer neuen Biografie über Melittas Mann Alexander spielt sie eine bedeutende Rolle*.
Nina Stauffenberg wird kurz vor dem Entbindungstermin aus dem KZ entlassen und über Umwege in ein Krankenhaus in Frankfurt (Oder) gebracht. Dort kommt
Konstanze zur Welt. Doch es dauert nicht
lange, bis beide, Mutter und Kind, schwerkrank werden.
Dennoch werden sie in einen Zug nach Berlin verfrachtet, die Mutter rechnet damit, wieder ins Gefängnis zu kommen. Doch der Zug schafft es nicht ins belagerte Berlin, weiter geht es in ein Potsdamer Krankenhaus und von dort über viele Stationen - Mutter und Kind ständig bewacht -, bis sie im Mai 1945 endlich frei sind.
Nun, am Ende der Schreckenszeit, merkt Nina Stauffenberg erst richtig, wie sehr sie ihren Mann vermisst. Sie wird nicht wieder heiraten. Sie fühlt sich offenbar gebunden.
Alle ihre Kinder haben die NS-Zeit überlebt. Nina Stauffenberg bemüht sich jahrelang, ihr Haus in Bamberg wieder so herzustellen, wie es zu Zeiten ihrer Ehe
ausgesehen hat. Dann zieht sie mit ihren Kindern ein.
Sie bleibt oft in ihrem Zimmer für sich, die Kinder sind viel allein. Die Mutter wird zur Einzelgängerin. Fieberhaft forscht sie nach Möbeln und Sachen, die im Laufe des Kriegs verlorengegangen waren - es geht ihr dabei nicht so sehr um die Gegenstände, sondern darum, sich etwas von ihrem alten Leben zurückzuholen.
Dass die Familie von Claus Stauffenberg in der Nachkriegszeit als Familie eines Verräters diffamiert wurde, davon ist im Buch nicht die Rede. In der unmittelbaren Nachkriegszeit lebten die Stauffenberg-Witwe und ihre Kinder aber auch auf dem Schloss der Familie in Lautlingen bei der Mutter Claus Stauffenbergs, die im Dorf von jeher den besten Ruf hatte. Daher war die Familie hier vor Anfeindungen geschützt. Ohnehin heißt es in dem Buch, die Mutter habe betont, dass sehr viele Leute den übriggebliebenen Stauffenbergs geholfen hätten. Es wirkt, als habe Nina Stauffenberg auf keinen Fall ein Opfer sein wollen.
Als die Mutter 2006 im Sterben liegt, tritt die Tochter ans Bett und sagt: "Mami, gell, vergiss nicht, dem Papi viele Grüße zu sagen." Es ist die Tochter, die den Vater nie kennengelernt hat, die Tochter, zu der die Mutter eine enge Bindung hatte, weil sie gemeinsam finstere Zeiten durchlebt haben. Ob die Mutter nur deswegen nicht hingerichtet wurde, weil sie schwanger war, bleibt ungewiss.
Die Tochter, Konstanze von Schulthess, lebt in Zürich, schon seit sie Anfang 20 war. Sie hat dorthin geheiratet, einen Rechtsanwalt, adlig. Sie - hochgewachsen, würdevoll, mit aufrechter Haltung - ist entschlossen, das Erbe ihrer Familie fortzusetzen. Sie trennt sich von keinem Möbelstück, das der Familie gehört hat.
An einer Wand hängt ein Gemälde, das den Vater als mädchenhaftes Goldlockenkind an der Seite seiner Mutter zeigt, und auf dem Sekretär in einer Ecke türmen sich Familienfotos: der Vater von der Seite, von vorn, ebenso die Mutter aus allen Perspektiven. Auch ein Foto von Ehemann Schulthess steht da: ein großer Mann mit schwarzem Haar und ebenmäßigen Zügen - ein Mann wie der Vater.
Sich zu erinnern, zu zeigen, was noch da ist, sei wichtig, um zu demonstrieren, dass die Nazis trotz Hinrichtungen und Sippenhaft nicht gewonnen haben, sagt Konstanze von Schulthess. Sie erzählt vom 90. Geburtstag der Mutter, auf dem über 40 Nachkommen - Schwiegerkinder eingeschlossen - zusammengekommen seien: "Es war ein wunderbares Ätsch-Gefühl."
Konstanze von Schulthess hat als junge Frau eine Ausbildung als Wochenpflegerin gemacht: ein Beruf, in dem es darum geht, jungen Müttern nach der Entbindung zu Hause zu helfen. Musste es dieser Beruf sein, weil sie selbst einen so fürchterlichen Start ins Leben hatte? Sie wiegelt ab: Nein, sie habe nun einmal als einzige ihrer Geschwister kein Abitur gemacht und habe, nach Jahren im Internat, möglichst schnell einen Beruf erlernen wollen. Trotzdem sei es ein sehr schöner Beruf.
Wie blickt sie heute auf ihr Leben zurück, von den Dramen der ersten Jahre bis zum Alltag der Gegenwart? "Mein Leben?", fragt Konstanze von Schulthess, offensichtlich überrascht, dass es um sie geht: "Mein Leben ist phänomenal. Mir geht es fabelhaft. Ich habe einen wahnsinnig netten Mann, ich habe vier tolle Kinder, fünf tolle Enkel. Ich bin vom Schicksal absolut verwöhnt."
Ein wunderbares Ätsch-Gefühl.
SUSANNE BEYER
* Konstanze von Schulthess: "Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg". Pendo Verlag, München; 240 Seiten; 19,90 Euro.
* Im Führerhauptquartier Wolfschanze am 15. Juli 1944.
* Karl Christ: "Der andere Stauffenberg. Der Historiker und Dichter Alexander von Stauffenberg". Verlag C. H. Beck, München; 208 Seiten, 22,90 Euro.
Von Susanne Beyer

DER SPIEGEL 17/2008
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Der Tragödie zweiter Teil

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