28.04.2008

CHRISTEN

Aufschwung Jesu

Von Wensierski, Peter

Ihre Anhänger wettern gegen Homosexuelle und predigen ein ekstatisches Glaubensverständnis: Evangelikale Gruppen, organisiert nach amerikanischem Vorbild, haben sich auch in Deutschland ausgebreitet. Nun suchen sie Einfluss auf die Politik.

Ein Hauch von Kulturkampf liegt über der Hansestadt Bremen. Zehntausende Christen haben sich angesagt, sie wollen ein Fest feiern, sie wollen beten und singen; Morgenandachten stehen auf dem Programm, Gottesdienste, Live-Konzerte. "Christival" nennt sich das Event. Am kommenden Mittwoch soll es beginnen, Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) ist Schirmherrin, ihr Haus gab einen Zuschuss von 250 000 Euro.

Doch so kirchentagsharmlos wie sie selbst finden nicht alle den geplanten Jugendkongress. Christival, das sei "finsteres Mittelalter", warnt der Bremer Grünen-Fraktionsvize Klaus Möhle. Sogar Pfarrer wie Bernd Klingbeil-Jahr von der Bremer Friedensgemeinde machen mobil gegen die Organisatoren. "Fundamentalistische Missionsarbeit" wirft der Pastor ihnen vor, eine "schwarzweiße, allzu schlichte Geisteshaltung".

Gewerkschafter, Sozialdemokraten und Grüne haben das Bündnis "Freiheit für Vielfalt" gegründet, das auf die Gefahr einer religiösen Rechten in Deutschland aufmerksam machen will. Die Kritiker stoßen sich vor allem an einigen Seminaren im Christival-Programm, etwa über "Wege heraus aus homosexuellen Empfindungen" oder zum Thema Schwangerschaftsabbruch: "Sex ist Gottes Idee - Abtreibung auch?"

Wenngleich die Christival-Macher dem Druck ihrer Kritiker nachgaben und das Seminar zur Homosexualität absagten, so rücken die Bremer Ereignisse ein Phänomen in den Blickpunkt: den Aufschwung der "Evangelikalen", jener konservativen Protestanten, die in den USA so gut vernetzt sind, dass der mächtigste Mann der Welt, der mit ihnen sympathisierende amerikanische Präsident, sie sehr ernst nimmt. Sie nehmen die Bibel wortwörtlich, machen mobil gegen Homosexualität, gegen Sex vor der Ehe, gegen das Recht auf Abtreibung und die Darwinsche Evolutionstheorie. Sie wollen weltweit das Christentum voranbringen - Ungläubige und Muslime missionieren.

Das Christival ist ein Beleg dafür, dass die konservative Welle längst Deutschland erreicht hat. Der Christival-Vorsitzende Roland Werner predigt nicht nur hierzulande, er war Gastdozent an einer evangelikalen Theologen-Ausbildungsstätte bei Boston in den USA. Schwulsein, findet er, sei "nicht dem Willen Gottes gemäß". Ein anderer Christival-Mitveranstalter, der Suchthilfe-Verein Blaues Kreuz, schreibt in seiner Handreichung "Fragen nach Sexualität und Ehe": Homosexualität "kann geheilt werden".

Noch haben die Evangelikalen hier in Deutschland nicht den gleichen Einfluss wie in den USA, aber einen Plan dafür gibt es schon. Verfasst hat ihn Hartmut Steeb, der Generalsekretär des hiesigen evangelikalen Dachverbandes "Evangelische Allianz" - auch sie trägt das Christival mit. Der Vater von zehn Kindern fungiert als Netzwerk-Chef von 1,4 Millionen Evangelikalen. Schon im Jahr 2005 rief er zum langen Marsch in die Politik auf. Steebs Appell "Wir mischen mit", veröffentlicht im Evangelikalen-Blatt "Eins", klingt wenig nach Gott, aber sehr nach Macht.

Die Anhänger sollten:

* "in Parteien mitarbeiten und dort biblisch-ethische Wertmaßstäbe bewusst einbringen";

* bereit sein "zur Übernahme öffentlicher Verantwortung in Haus, Schule, Betrieb, Bezirksbeirat, Stadtrat, als Schöffe ...";

* "den Mund auftun im persönlichen Umkreis, im Unterricht, im Betrieb, bei Veranstaltungen, im Gespräch mit politisch Verantwortlichen";

* "Leserbriefe an Zeitungen und Zeitschriften, Rundfunkanstalten und Fernsehsender schreiben".

Es gehe darum, meint Steeb, "dass sich unsere Gesellschaft zur ,christlichen Leitkultur' stellt". Ein weltanschaulich neutraler Staat hätte keine gute Zukunft. "Werteungebundene Toleranz macht Deutschland zum gefundenen Fressen einer auf Expansion und Aufrichtung einer islamischen ,Gottes-Staat-Ideologie' ausgerichteten islamischen Weltsicht."

Wie aus einer anderen Welt wirkt dieser Appell, wie der Weckruf eines verspäteten Apostels, der die Geschichte der Säkularisierung einfach wettmachen möchte. Solch missionarischer Eifer passt wenig zu einem Land, das im Selbstbild eher nicht religiös ist. Deutschland gilt als säkular, Religion war im Land der Reformation kontinuierlich auf dem Rückzug. Jahr für Jahr lieferten die Kirchen neue Belege für die fortschreitende Säkularisierung - sechsstellige Austrittszahlen erwecken den Eindruck, als sei das Aussterben der Kirchen nur noch eine Frage der Zeit.

Doch zwischen diesem Bild und der Wirklichkeit klafft eine erhebliche Lücke. Offensichtlich, so analysieren es Meinungsforscher aus Allensbach, haben der Hype um den Papst und das weltweite Erstarken des Islamismus auch in Deutschland Religion wieder zum Thema gemacht. Die jüngste Umfrage über Glaube und Religiosität der Bertelsmann Stiftung kam zu der überraschenden Erkenntnis, dass auch hierzulande Religiosität trotz der Kirchenaustritte bedeutsam geblieben ist. Fast jeder fünfte Deutsche sei "hoch religiös", selbst Nicht-Kirchenmitglieder seien zu 31 Prozent "religiös".

Vom neuen Interesse an Glaube und Seelenheil jedoch profitieren die beiden großen Amtskirchen kaum. Ihr aufgeblähter Apparat mit Konsistorien und Landeskirchenämtern, mit Oberkirchenräten und Generalsuperintendenten ist zu schwerfällig, um auf die neue religiöse Welle reagieren zu können.

Es ist jenes unübersichtliche Spektrum evangelikaler Gruppierungen, die in der Evangelischen Allianz vereint sind und von der neuen Sehnsucht nach Sinn profitieren - christliche Freikirchen, religiöse Vereine, freie Gemeinden, charismatische Gruppen, missionarische Zentren. Sie erleben einen Aufschwung Jesu. Ihr Kirchenverständnis ist leger in der Form - ihre Gottesdienste sind unkonventioneller gestaltet als die der etablierten Kirche. Inhaltlich aber sind sie konservativ und streng bibeltreu, pietistisch. Viele dieser Gruppen sind aus frommen Erweckungsbewegungen hervorgegangen, manche haben ihre Zentren in den USA, werden von dort aus unterstützt oder sogar gesteuert. Sie haben Deutschland zum Missionsland erklärt.

Der Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin, Reinhard Hempelmann, bestätigt das "Wachstumsphänomen" evangelikaler Kräfte. Es sei "offensichtlich größer, als die Statistiken nahelegen", und nicht nur "ein Protestphänomen gegen die fehlende Flexibilität" der Amtskirchen. "Es fordert die Kirchen heraus."

Vor allem bei den Zahlen der Gottesdienstbesucher stehlen die Evangelikalen den Amtskirchen oft die Show - bundesweit gibt es dafür Beispiele: In Stuttgart kommen bei der "BGG", der "Biblischen Glaubensgemeinde", an vielen Sonntagen rund 4000 junge Menschen zusammen. In Bremen strömen zu den fünf Freikirchen mehr Gottesdienstbesucher als in alle traditionellen Kirchengemeinden der Stadt zusammen. In Hamburg wurde in Erwartung weiterer Wachstumsschübe von der freien christlichen Missionsgemeinde "Arche" eine Halle für 2000 Gottesdienstteilnehmer gebaut.

Besonders rasant wachsen die oft erst in den vergangenen Jahren gegründeten neuen freikirchlichen Gemeinden. Zwischen 500 und 600 sollen es schon sein. In vielen Orten bilden christliche Eiferer Treffpunkte, bei denen Bibel und Gebet wieder im Mittelpunkt stehen. In den USA ausgebildete Missionare laden in den Zentren gottloser Großstädte zu "Sofagruppen". In Berlins Szene-Bezirk Mitte etwa treffen sich seit kurzem, nahe der Volksbühne im Kino Babylon, regelmäßig bis zu 200 Singles, Alleinerziehende und Eheleute mit Kindern zum Gottesdienst eines freikirchlichen "Berlinprojekts". Die Organisatoren haben Verbindung zur "Presbyterian Church in America", jener Bekenntniskirche, von der US-Außenministerin Condoleezza Rice sagt, ihre wichtigsten Ansichten seien dort geprägt worden. Als "wichtiger Partner und Förderer" wirkt - so ein Sprecher des "Berlinprojekts" - die New Yorker "Redeemer Presbyterian Church" im Hintergrund.

Bei diesem religiösen Rollback wird wenig dem Zufall überlassen, es ist beinahe generalstabsmäßig geplant: Anleitungen zur Missionsarbeit kursieren im Internet, etwa die "Toolbox Gemeindebau" der "Konferenz für Gemeindegründung e. V.". Stolz präsentiert sie im Internet, wie ganz Deutschland mit neuen Gemeinden überzogen wird. Auch die evangelikale "Deutsche Inlandmission" befeuert den Eroberungskurs: "Ziel muss es sein, in Deutschland die freimachende Botschaft Christi neu zu etablieren. Unsere Strategie sieht damit so aus: Wir möchten dies mit Teams dauerhaft, flächendeckend, generations- und kulturübergreifend neu etablieren."

Der traditionellen evangelischen Kirche bereitet die Entwicklung Sorgen. Sie befürchtet eine Abwanderung ihrer eigenen Mitglieder in die importierten Erweckungsgemeinden - oder eine schleichende Machtübernahme durch die Evangelikalen in ihren eigenen Reihen, die in immer mehr Gremien der EKD zu finden sind. Besonders provokant für die Amtsprotestanten sind die freikirchlichen Gemeindeneugründungen an Orten mit historischer Bedeutung. Der Kampf, wer in Zukunft die religiöse Landschaft in Deutschland bestimmen wird, hat begonnen.

Wittenberg ist dabei von besonderer strategischer Bedeutung, denn hier soll das 500-jährige Reformationsjubiläum 2017 gefeiert werden, das seine Schatten weit vorauswirft. In der Nähe der Stadt haben sich amerikanische Baptisten niedergelassen, in der Innenstadt ist eine Christusbruderschaft eingezogen, und gleich neben der Stadtkirche, in der Luther predigte, haben eine "Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche" und deren amerikanische Schwesterkirche "Missouri-Synode" das einst altehrwürdige Knabengymnasium Wittenbergense gekauft.

Es ist eine offene Attacke auf die Amtskirche, der die Neuen religiöse Schlaffheit bescheinigen. Denn mit ihrer Präsenz will die SELK dafür sorgen, dass "das Luthertum in Wittenberg endlich ein Gesicht bekommt". Die Missouri-Synode lobt "Interesting Developments in Wittenberg", das neue Zentrum werde "the Gospel to Luther's city" bringen. Aber die EKD-Spitze will die Luther-Stadt nicht einfach der Konkurrenz kampflos überlassen. Kurz vor Weihnachten schlugen die verärgerten Protestanten um EKD-Ratschef Bischof Wolfgang Huber zurück, setzten einen Prälaten in Wittenberg ein, der die EKD-Interessen vor Ort stärken soll.

Das Bündnis von Glaube und Vernunft, auf das Protestanten wie Huber großen Wert legen, kündigen die Rechtgläubigen einfach auf. Im christlichen Verein "Das Leben" etwa tragen hessische Frauen auf den Versammlungen ihrer Freikirche aus Glaubensgründen Kopftücher. Nahe dem sächsischen Bautzen unterrichteten evangelikale Christen bereits in einer eigenen kleinen Privatschule Kinder, um ihnen die rechten Werte zu vermitteln. Sexualkunde steht nicht auf ihrer Agenda, statt Darwin gilt die biblische Schöpfungsgeschichte wortwörtlich. Manche evangelikale Eltern unterrichten ihre Kinder zu Hause oder in Sonntagsschulen - oft unterstützt mit frommen Materialien aus den USA. 500 Familien sollen sich hierzulande inzwischen dafür entschieden haben.

In Deutschland werde nun ein Trend erkennbar, meint Weltanschauungsexperte Hempelmann, der in anderen Regionen die Glaubenslandschaft bereits drastisch verändert hat. In Afrika, Lateinamerika und Asien sind die Evangelikalen längst eine ernste Konkurrenz zu den etablierten Kirchen, niemand verzeichnet höhere Wachstumsraten. Nun zeigt ihre Missionsarbeit auch in den als säkularisiert geltenden Staaten des alten Kontinents Erfolge. Das reiche Deutschland steht bei Amerikas Evangelikalen als Bekehrungs- wie Rekrutierungsziel hoch im Kurs.

Christopher Elmerick und seine Frau Stephanie, beide Endzwanziger, sind eines von vielen Missionspaaren. 2003 kamen sie für ihre Heimatkirche "Northwest Presbyterian" von Ohio aus zum ersten Mal für "Mission to the World" nach Berlin. Damals, sagen sie, hätten sie gespürt, dass "eine unsichtbare Mauer in der Stadt noch immer existiert", die wie "eine Barriere gegen die Botschaft und Liebe Gottes wirkt". Ihr missionarisches Herz hätten sie deswegen insbesondere im Ostteil der Stadt verloren, wo sie "auf 85 Prozent Atheisten ohne jede Bibelkenntnis" gestoßen seien. "Von Gott gerufen" - als Missionarsgruppe "Team Berlin" -, kamen sie ein Jahr später wieder in die gottlose Stadt. Ihr "Church planting team" besteht inzwischen aus 20 Missionaren von "World Witness ARP" und "World Outreach EPC". Finanziert wird ihre Mission über ein Konto von "Mission to the World" in Atlanta.

Besonders gut läuft gegenwärtig ihr "Brunch mit Gott"-Angebot im christlichen "Familienzentrum" in der Berliner Bötzowstraße. Die Treffen wirken auf den ersten Blick offen, freundlich und locker. Die Glaubensgrundsätze der freikirchlichen Missionare sind dagegen streng und dogmatisch. Die Presbyterian Church zählt zwar zu den gemäßigteren amerikanischen Freikirchen, doch die Bibel gilt Elmerick und seinem Team als "unfehlbar". Einfacher Glauben mache einfach Spaß, sagt ein Teilnehmer des Frühstücks mit Gott. "Mit komplizierter Theologie kann ich nichts anfangen."

Rund um Dresden stößt der Weltanschauungsbeauftragte der Sächsischen Landeskirche, Harald Lamprecht, regelmäßig auf schwer einzuordnende neue Missionszentren. Da wirbt plötzlich eine "Freie Baptistengemeinde" im Stadtteil Zschachwitz, eine "Bibel Baptisten Gemeinde" in der Südvorstadt West, und in Niedersedlitz hat sich eine missionierende "Familie Weimer" unter dem Namen "Bethesda Baptisten Kapelle" niedergelassen. Die Anhänger stehen regelmäßig in der Dresdner Fußgängerzone, mit Schildern, die vor der Hölle warnen. Sie lernen in der "Sonntagsschule" Bibelverse auswendig, die Frauen tragen gern Kopfbedeckungen.

"Unsere Gottesdienste verzichten bewusst auf traditionelle Riten", erklärt der Stuttgarter BGG-Pastor Peter Wenz das Erfolgsrezept seiner Freikirche. "Musik und Versammlungsgebäude sind modern. Meine Predigt spricht die Besucher in ihrer Lebenswirklichkeit an. Uns sind die Bedürfnisse der Menschen wichtiger als jahrtausendealte Traditionen."

In den Versammlungshallen der Freikirchler sieht es aus wie bei amerikanischen Fernsehgottesdiensten: Die Prediger tragen Straßenkleidung, es gibt keinen Altar, keine Orgel, keine Kerzen und meist nicht einmal ein Kreuz. Dafür gibt es Schlagzeug und Elektrogitarre für flotte Lieder zum Mitswingen, mitunter auch Powerpoint-Präsentationen vom Notebook.

In Karlsruhe lässt der Prediger Siegfried Müller einen Wasserkocher, einen Springbrunnen sowie einen Kühlschrank auf die Bühne schaffen. Aus dem Gefrierfach nimmt er dann Eisstücke, die er in der Hand schmelzen lässt. Dabei redet er vom "vielfach erkalteten Glauben". Anschließend greift er zu einem mit heißem Wasser gefüllten Becher und spricht über das "Brennen für die Liebe Gottes". Im Saal löst das frenetischen Beifall aus. Die Leute kommen wegen "Action, Ekstase und Emotion", bringt es die 20-jährige Gottesdienstbesucherin Clara in Karlsruhe auf den Punkt. Ein 23-jähriger Kfz-Mechaniker meint: "Man hat das Gefühl, Gott näher zu sein."

Auch der starke Glaube an Wunder und Heilung gehört zum evangelikalen Repertoire. Gern werden Personen, die vom heilsamen Wirken Gottes berichten können, nach vorn auf die Bühne gebeten. Abwechselnd wird dann Jesus, der Bibel oder dem intensiven Gebet gedankt, dass man nicht mehr raucht, wieder besser sehen kann, den Krebs besiegt hat oder keine Drogen mehr nimmt. Manchmal kommen junge Leute auch nach vorn und erzählen, dass sie durch ihr frommes Engagement "wiedergeboren" seien - eine Metapher, die US-Präsident George W. Bush gern zur Beschreibung seiner Religiosität benutzt. So richtig fromm war er erst nach einem kräftigen Besäufnis geworden.

"Der Erfolg der Evangelikalen ist erklärbar", meint Lamprecht. "Diese schlichte Form von Religiosität ermöglicht den Leuten in einer komplizierter gewordenen Welt einfaches Denken und Handeln." Besorgt ist er vor allem über die Vorgänge im sächsischen Ort Herrnhut. In einem Wasserschloss hat sich eine "Jüngerschaftsschule" etabliert, die Teil eines aus Colorado Springs weltweit gesteuerten Netzwerks von 25 000 Missionaren der "Jugend mit einer Mission" ("Youth with a mission") ist. In dem Trainingszentrum richtet sich der Tagesablauf ganz nach der Heiligen Schrift, keusch und abstinent gegen Laster aller Art. Am ersten Kurs der "Discipleship Training School" nahmen 42 Studenten teil - jung, tatkräftig, keineswegs eine Gruppe Verhärmter. "Mein Traum ist es", sagt die 23-jährige Jüngerin Ingrid W., "zu sehen, dass in den nächsten zehn Jahren 10 000 Missionare aus Deutschland ausgesandt werden."

Die Missionsarbeit wird hier wie ein Feldzug geplant. Der Kopf seiner Jüngerarmee "Strategic Frontiers", sagt Missionar Jan Schlegel, 42, werde "nicht nur mit Fakten gefüllt, sondern deren Herz mit einem Glauben, den sie sehr praktisch anwenden können". Trainiert wird für den "Einsatz im Missionsgebiet in den 10/40-Ländern" - gemeint sind die vorwiegend muslimischen Länder zwischen dem 10. und 40. nördlichen Breitengrad. Viele junge Leute lockt das Abenteuer in der Ferne; sie überschauen nicht, dass sie ein Teil in einem strategisch ausgeklügelten Glaubenskrieg sind.

Auch in Siegen, bei der "Calvary Chapel", ist die direkte Linie zu Amerikas politisch rechtem Flügel nicht sofort im ganzen Ausmaß erkennbar. Die tausend Besucher haben während der Predigt von Nick Long die Bibel auf den Knien liegen und schlagen ständig Stellen nach, auf die er hinweist. Lautstark warnt er vor Sex vor der Ehe und fordert ständig dazu auf, seine Sünden zu bekennen. Seine Heimatgemeinde in Seattle hat Long nach Deutschland geschickt - und mit einem großzügigen Budget ausgestattet. Der Pastor und seine zwei Dutzend hauptamtlichen Mitarbeiter haben für knapp zwei Millionen Euro ein neues Gemeindezentrum in schickem Holzdesign errichtet. In kürzester Zeit gründeten sich deutschlandweit 13 weitere Gemeinden, von Leipzig über Herborn bis nach München. Regelmäßig werden "Prophetiekonferenzen" organisiert.

Vom Calvary-Gründer Chuck Smith finden sich aktuelle Statements, die die zentralen Denk- und Sichtweisen seiner bibeltreuen Gruppe ungeschminkt bloßlegen. Beim Thema "Christliche Familienbeziehungen" plädiert Smith für eine eher überkommene Rollenverteilung zwischen Frau und Mann. In der Bibel gebe es ja schließlich eine Stelle, so Smith, wo die Frau einmal den Mann geleitet habe: "Das war damals im Garten Eden, und seitdem haben wir Probleme." Smith scherzt nicht, er meint es ernst: "Gottes Rollenverteilung ist, dass der Mann das Haupt des Hauses ist und dass sich die Frau dem Mann unterordnet." So sei die "göttliche Ordnung".

Für Prediger Smith ist der Ungehorsam der Kinder den Eltern gegenüber "ein Zeichen moralischen Verfalls". So steht es in der Bibel, und das gilt - wie alles - eins zu eins. Smith schwört auf das Erziehungsmittel Züchtigung: "Ein Kind, das seinen natürlichen Neigungen überlassen wird, ist nicht von Grund auf gut, sondern von Grund auf böse und sündhaft." Gefordert sei deswegen die "Zucht mit Bestrafung". Da in der Bibel stehe: "Wen der Herr liebt, den züchtigt er", wäre es doch falsch zu unterlassen, "unsere Kinder zu bestrafen oder sie zu züchtigen". Denn die gerechte Strafe, so Prediger Smith, "ist einer der besten Wege, von Schuldgefühlen befreit zu werden", wenn man etwas falsch gemacht habe. Strafe sei doch "eine herrliche Erleichterung". In den USA unterstützen Calvary-Anhänger George W. Bush, sie befürworten die Todesstrafe.

Drastische Empfehlungen wie die von Prediger Smith sorgen inzwischen für Empörung - in den Kirchen selbst, aber auch im Umfeld. Jürgen Heumann, Prodekan und Religionspädagoge an der Universität Oldenburg, etwa hat seine Kollegen vor Gruppen mit dem scheinbar harmlosen Label "christliche Gruppe" gewarnt: Sie sollten genau prüfen, ob deren Ansichten dem Grundgesetz widersprächen und Veranstaltungsräume deshalb zu verweigern seien.

Derlei Bedenken kann Wolfgang Baake, 57, nicht verstehen. In Berlin ist er als hauptamtlicher "Beauftragter am Sitz der Bundesregierung" für die Evangelische Allianz unterwegs. Er ist auch Geschäftsführer des "Christlichen Medienverbundes", der "Konferenz Evangelikaler Publizisten". "Als Lobbyist spreche ich", erklärt er seinen Job, "mit den Abgeordneten und Mitgliedern der Bundesregierung über die für uns wichtigen Themen: den Schutz von Ehe und Familie, den Kampf gegen Sterbehilfe und Abtreibung, Einschränkung der künstlichen Befruchtung und Stammzellenforschung."

Seine Lobbyarbeit liegt auf der Linie der von der Evangelischen Allianz verbreiteten "Leitfäden" zu Themen wie "falsch verstandene Liberalisierung beim Lebensrecht" oder "wertorientierte Erziehung am biblischen Wort". Christen sollten demnach nur solche Politiker wählen, die bereit sind, "Gesetzesvorlagen danach zu beurteilen, ob sie mit den biblischen Grundlagen übereinstimmen".

Denn längst reicht es den konservativ-evangelikalen Kreisen nicht mehr, ihre Gebetshäuser zu füllen. Nach amerikanischem Vorbild suchen sie Andockstellen im politischen Berlin, wollen Debatten um Themen wie Abtreibung und Familie mitbestimmen. Inzwischen gibt es konservative Gebetskreise auch mit Bundestagsabgeordneten.

Baake sieht Gottes Plan auf einem guten Weg und sich selbst eingebunden in eine weltweite evangelikale Bewegung. Christival ist unstrittig Teil dieses religiösen Feldzugs. Die Bilder aus Bremen, von Tausenden betenden Christen, das weiß Baake, werden wie von selbst ihre Wirkung entfalten. "Und wenn die Gottesdienst-Besucherzahlen dann nicht mehr vier-, sondern fünfstellig sind", fügt der Lobbyist lächelnd hinzu, "spätestens dann wird sich nicht nur die religiöse, sondern auch die politische Landschaft in Deutschland verändert haben." PETER WENSIERSKI


DER SPIEGEL 18/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 18/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

CHRISTEN:
Aufschwung Jesu